Lengsfeld und die demagogischen Versatzstücke

Sachliche, streng journalistische und der Freiheit verpflichtete Einschätzungen auf der einen Seite, Hetze und Desinformationskampagnen auf der anderen. So verlaufen die Frontlinien in dem heiligen Krieg zwischen Gauck- und Netzgemeinde um den Geist von 89 – glaubt man Vera Lengsfeld, die für  ihre unaufgeregte Analyse über die „künstliche Empörung“ mit dem Titel Heiopeiin der Woche ausgezeichnet wird.

Von Robert von Seeve

Haifisch-Absturz
Heiopei - der publizistische Wochenabsturz

In der Gauck-Gemeinde scheinen alle Alarmglocken zu läuten. Eine merkwürdige Allianz aus evangelischer Kirche, Achse des Guten, Grünen und Junge Freiheit unter der Führung von Vera Lengsfeld und Jürgen Trittin, attackierte Kritiker mit entschlossener Demagogie (1). Kritik an dem ostdeutschen Ex-Pfarrer wird – vollkommen ohne ideologische Scheuklappen – als fast Stasi-ähnliche Machenschaft enttarnt: Gauck habe in seinem Leben schon etliche Desinformationskampagnen überstehen müssen (2). Erst die Stasi, jetzt also die Netzgemeinde, die in ihren XY-Plags umfangreiche Dossiers über missliebige Personen anlegt, eine von Linken gesteuerte Datenkrake, die nichts anderes im Sinne hat, als die Freiheit zu zerstören; durch die Kampagnen gegen ACTA und Vorratsdatenspeicherung soll nur die totalitäre Herrschaft von Lord Chaos zementiert werden.

In der Tat eine fast aussichtslose Lage, in der sich die Gauck-Anhänger befinden, aus Verzweiflung werden aus dem Zusammenhang gerissene Sätze und Fehlinterpretationen durch die Zeitungspressen gejagt (3). Die letzten Haudegen, die die Fahne der Freiheit hochhalten (lediglich von fünf der sechs Parteien im Bundestag, sämtlichen großen Medien und der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt) rufen zum Durchhalten auf: Die mündigen Bürger, die sich des eigenen Verstandes bedienen, statt demagogische Versatzstücke aus dem Netz zu apportieren, werden sich nicht beirren lassen (4). Die Hoffnung stirbt zuletzt – und der Letzte macht das Internet aus.

Doch die Messe ist erst gelesen, der Gottesdienst erst zu Ende, wenn der ältere Herr nicht mehr singt. Aber die Predigt blieb zunächst aus. Gauck schwieg. Wahrscheinlich, denkt man sich in die Berater des designierten Präsidenten hinein, das Beste, was er tun konnte, denn dass Gauck als erstes eine Art Rechtfertigungsrede hielte, erscheint wirklich undenkbar. Und was dem demokratischen System für ein nachhaltiger Schaden entstünde, wenn man über Inhalte spräche! Wir stellen also beruhigt fest: Das Schweigen des Kandidaten und das Abtun von Kritik als Desinformationskampagnen wird unserem Land und auch seiner brach liegenden Debattenkultur gut tun. (5)

60 Seiten Freiheit für 10 Euro

Da wir aus Rücksicht auf die demokratische Kultur lieber nicht diskutieren wollten und Gauck schwieg, konzentrierte sich seine Gemeinde auf Gaucks neues Buch mit dem überraschenden Titel „Freiheit“. Noch überraschter stellen Rezensenten nun aber fest, dass es sich im eigentlichen Sinne um gar kein Buch handelt. Er wird vor allem der Präsident der Menschen sein, die mit ihrer Produktivität und ihrem Engagement dieses Land am Leben erhalten (6) – und die 10 Euro für 60 Seiten übrig haben, für ein Büchlein, ein schmales Bändchen (7), sicherlich kein Evangelium. Und auch inhaltlich lässt sich nur bedingt Honig daraus saugen.

Der Toleranz sei nicht gedient, wenn man das eigenes Profil verwässere, sondern indem man sich der eigenen Werte vergewissere. Dann könne man die Tür öffnen, ohne den Fremden vorzuschreiben, zu werden wie man selbst. Solche Botschaften bekommt der Leser für sein Geld geboten. Sicherlich aus dem Zusammenhang gerissen, klar, wie immer – und gelesen hat der das Buch bestimmt auch nicht – dennoch hier eine freie Interpretation der Freiheitsgedanken: Die Deutschen sollen noch weitere Jahre etwas, was irgendwann einmal sein wird und von Wullf vorgezogen wurde (8), erst einmal auf sich beruhen lassen, zu sich selbst finden, die gesellschaftliche Realität ignorieren und das tun, was sie am liebsten tun, nämlich über sich selbst und ihre Identität sinnieren. Und irgendwann, vielleicht an einem verregneten Novembertag, wenn sich die Deutschen zwischen Tabubruch, Dresdner Gedenken und Peter Sloterdijk selbst gefunden haben, dann könnte man auch der Fremdheit selbstbewusst entgegentreten und Migranten als Teil Deutschlands akzeptieren, es sei denn, sie hätten nicht wegen der anhaltenden selbstverliebten und von Minderwertigkeitskomplexen beladenen Selbstgespräche der Bio-Deutschen längst das Weite gesucht.

Wer bestimmt eigentlich, was die „Volksmeinung“ ist?

Letztlich zählt ja auch nur eine Sache, die Volksmeinung. Und die Volksmeinung, wie in manchen Überschriften nahegelegt wird, drücken diese Netzaktivisten nicht aus. (9) Unverantwortlich, dass dieser Netzsturm im Wasserglas nicht ignoriert, sondern von manchen Qualitätsmedien ausdrücklich gewürdigt werde (10). Was soll das denn? Abweichende Stimmen aus nicht zertifizierten Medien können wir bei so einem wichtigen Thema wie Freiheit wirklich nicht brauchen, ein Kandidat und eine Meinung reichen, denn: Mit Gauck zieht der Geist der Revolution von 1989, der schon ausgelöscht schien, ins Schloß Bellevue ein. (11) Und daraus folgt: Zeitgeistphrasen , wie sie der zurückgetretene Bundespräsident von sich gab, wird man vom neuen Staatsoberhaupt nicht hören.  (12) Stattdessen vernehmen wir nun höchst unbequeme Wahrheiten für Kulturpessimisten, wonach die Jugend Geschichtsvergessen sei, da sie, man ahnt es, zu wenig über die Stasi wüsste.

Um es deutlich zu betonen: Gegen den Geist von 89 im Körper eines Ex-Pfarrers hat wohl kaum einer etwas auszusetzen, wenn ein paar Sachen berücksichtigt werden. So sollte der heilige Geist bitte auch zur Kenntnis nehmen, dass es nicht nur ein „wir“ gibt, sondern Hunderttausende – und dass dieser Geist überhaupt nicht zu bestimmen hat, wie „wir“ den „anderen“ entgegentreten sollten, denn „wir“ leben mit „denen“ schon seit Jahrzehnten zusammen und „wir“ haben überhaupt kein Interesse daran, unsere Zeit mit deutscher Selbstfindung zu vergeuden. Die Geisterbeschwörer nehmen sich derweil unter dem Motto Freiheit und Fairness statt Gleichheit und Gerechtigkeit“ die Freiheit, alle die, die bei zu viel nationaler Harmonie und Konsens lieber in Deckung gehen und inhaltlich kritisieren, als Denunzianten zu denunzieren, das ist ihr gutes Recht, aber soll ausgerechnet das der Geist von  89 sein?

Für Gauck ist die Welt nicht schwarz oder weiß, sondern ein komplexes Gebilde mit vielen Schattierungen. (12) Das ist sicherlich richtig und sehr erfreulich, schade, dass man dies über viele seiner Anhänger nicht sagen kann. Gleiches gilt für die Debatten um den Bundespräsidenten und dessen Nachfolger: An Wulff war am Ende angeblich alles schlecht, an Gauck soll nun alles gut sein. Beides ist natürlich Unsinn. Beide haben ihre Stärken und Schwächen – die man öffentlich diskutieren können sollte, sogar im Internet.

  1. Im Original: Eine merkwürdige Allianz aus Linke, NPD, Piraten und linken Grünen unter der Führung von Christian Ströbele, attackierte Joachim Gauck mit entschlossener Demagogie. Quelle: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_kuenstliche_empoerung_gauck_gegner_im_netz
  2. Ebd.
  3. Ebd. Im Original: Aus dem Zusammenhang gerissene Sätze und Fehlinterpretationen wurden durch den Cyberspace gejagt.
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Ebd.
  7. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/joachim-gauck-liebhaber-der-freiheit-11656449.html
  8. Gauck im Oktober  2010 gegenüber der NZZ http://www.publikative.org/2012/02/21/voll-im-kontext-gauck-und-die-uberfremdung/
  9. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_kuenstliche_empoerung_gauck_gegner_im_netz
  10. Im Original: Man könnte diesen Netzsturm im Wasserglas ignorieren, wenn sich manche Qualitätsmedien nicht befleißigt hätten, ihn auf ihren Seiten ausdrücklich zu würdigen. Ebd.
  11. Ebd.
  12. Ebd.
  13. Ebd.

4 thoughts on “Lengsfeld und die demagogischen Versatzstücke

  1. Michael Sprengs sonst oft empfehlenswerter Blog bläst übrigens gerade in die selbe schrille Trompete. Vielleicht auch ein Generationenproblem? Ich finde mich jedenfalls eher hier mit meinen Gedanken wieder.

  2. Vera Lengsfeld hat sie nicht mehr alle. Ich dachte ich falle um bei dem was sie a) bei Anne Will am Mittwoch gesagt hat und b) wie daneben sie sich in den Diskussionen benommen hat. Lohnt sich das mal anzuschauen, weil die da echt ganz schöne Kracher gebracht hat wie ich finde….

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