Noch mehr „Schweinejournalismus!“

Mit Schaum vor dem Mund geifern die Gauck-Fans aus allen fünf Nominierungsparteien derzeit gegen kritische Stimmen: Gegen die vermeintlichen Online-Dilettanten, die nicht richtig zitieren können und alles aus dem Kontext reißen, weil ihr Gehirn nur noch in Twitter-Textlängen denke. Zeit, klar und deutlich zu sagen: Mitnichten, liebe Leute, mitnichten! Denn warum um alles in der Welt sollten linke, linksliberale, sozialdemokratische Wählerinnen und Wähler diesen Kandidaten mittragen?

Von Andrej Reisin

"Wir sind Präsident!" - Ausschnitt aus dem Titelbild der jungen Freiheit (Foto: Screenshot / Junge Freiheit)
„Wir sind Präsident!“ – bei der „Jungen Freiheit“ weiß man, was man an Gauck hat. (Foto: Screenshot / Junge Freiheit)

„Wir sind Präsident!“ titelte die „Junge Freiheit“ (JF) – Deutschlands wichtigstes Sprachroher derjenigen, die sich mehr oder weniger rechts von der Union als die wahre, die eigentliche Nation sehen – angesichts der Nominierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten-Kandidaten. Gauck werde, jubilierte die national-konservative Wochenzeitung, ein „Präsident des Volkes, der mit geistiger Führung überzeugen wird“ – „die Krise“ mache es möglich. In mehreren Kommentaren ergänzte JF-Gründer und Chefredakteur Dieter Stein, warum er und seine Zeitung sich so über die Nominierung Gaucks freuen:

„Die Nominierung Joachim Gaucks ist ein Glücksgriff. Auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Deutschen ein verunsichertes Volk. Wir stehen im Lebensabend unserer Geschichte. Thilo Sarrazin – dem Gauck im Gegensatz zur Kanzlerin Mut für seine Thesen attestierte – hat vor zwei Jahren das drohende Szenario unserer Selbstabschaffung realistisch umrissen. Joachim Gauck – trotz konservativer Färbung keinem politischen Lager eindeutig zugehörig – ist es zuzutrauen, die Aussöhnung der Deutschen mit sich und ihrer Geschichte zu forcieren. Sein Plädoyer für Vaterlandsliebe und Freiheitswillen, sein beispielgebender Patriotismus könnten die Normalisierung unserer Nation befördern. Von ihm sind intellektuelle Impulse, geschichtspolitische Akzente zu erwarten, kurz: eine geistig-moralische Führung, zu der das versammelte Bundeskabinett nicht mehr in der Lage ist.“

Soweit die Junge Freiheit, brav im Kontext zitiert, wie es dieser Tage ja von den selbsternannten Gralshütern des deutschen Qualitätsjournalismus eingefordert wird, die ansonsten nicht das geringste Problem damit haben, Fetzen aus privaten Mailbox-Nachrichten zu zitieren, die noch nicht mal veröffentlicht und damit überprüfbar sind. Die Frage, die man vor allem SPD und Grünen stellen muss, lautet schlicht und ergreifend: Irrt sich die „Junge Freiheit“? Ist Dieter Stein auch nur nicht in der Lage, Gauck im Kontext zu lesen oder hat er stattdessen ziemlich genau studiert und verstanden, was für ein Kandidat Gauck ist – und warum in seiner Person die zitierte Riesenchance für die „Neue Rechte“ in Deutschland liegt?

Die Kritik an Gauck ist weder neu noch falsch

Die Kritik an Gauck ist weder neu, noch kommt sie einzig aus dem scheinbar ominösen Internet – wie linksliberale Politiker von Rot bis Grün und gönnerhafte Zeitungskommentare von „Frankfurter Rundschau“ bis „Süddeutscher Zeitung“ derzeit gerne glauben machen wollen. Die Wahrheit ist: Die Kollegen und ihr politisches Spektrum sind verärgert, weil sie in ihrer Begeisterung für den Kandidaten Gauck dessen für ihre eigene Klientel teilweise hochgradig problematischen Positionierungen schlichtweg übersehen, verdrängt, vergessen haben.

Mit Schaum vor dem Mund wird daher nun zurückgebellt gegen die vermeintlichen Online-Dilettanten, die nicht richtig zitieren können und alles aus dem Kontext reißen, weil ihr Gehirn nur noch in Twitter-Textlängen denke. Und Jürgen Trittin ereifert sich bei Maybritt Illner über die Kommentare von Deniz Yücel in der TAZ: Chefredakteurin Ines Pohl müsse sich bei Gauck „für ihre Zeitung entschuldigen“ – so der Grünen-Fraktionschef. Inhaltlich geht Trittin mit keinem Wort auf den von Yücel ausführlich dokumentierten Vorwurf ein, Gauck wolle die Singularität der Shoah aufheben, in dem er bewusst den Tabubruch begehe, von deren „Überhöhung“ zu sprechen.

Stattdessen wird auf Gaucks Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ verwiesen – der in Wirklichkeit genau dasselbe Spiel betreibt: Man schaue sich die Aufteilung der Homepage des Vereins, den Trittin als Beleg von Gaucks moralischer Unangreifbarkeit aus dem Hut zaubert, genau an: „Nationalsozialismus / DDR / Politischer Extremismus / Demokratieförderung“ heißen dort die vier Hauptnavigationspunkte – gleichberechtigt nebeneinander. Nationalsozialismus und SED-Diktatur stehen auf einer Stufe des „Unrechts“ – ein Weltkrieg mit (50-70 Mio. Tote) und sechs Millionen ermordete Juden sind nur mehr ein Appendix der „Diktaturen“ und des „Extremismus“. Da passt die Warnung vor einer vermeintlichen „Überhöhung“ der Shoah bestens ins Bild – schade nur, dass die dürftige Vorstellung von TAZ-Chefredakteurin Ines Pohl Trittin in keiner Weise in die Bredouille brachte, sein moralinsaures „Schweinejournalismus“-Gegeifer auch inhaltlich belegen zu müssen. *(Anmerkung: siehe unten)

Nicht in unserem Namen

Dies sei hiermit nachgeholt: Gauck ist der mit Abstand wertkonservativste Präsident seit Roman Herzog, ein deutscher Protestant reinsten Wassers, in dessen Weltanschauung neben Jesus nur noch der Antikommunismus einen gleichwertigen Rang einnimmt und der, wenn er von „wir“ („wir haben doch ganz andere Traditionen“) und den „Menschen in Europa“ spricht, explizit „alteingesessene“ „Christen“ meint. Der auf Publikative.org ausführlich dokumentierte und keineswegs „kontextlos“ zitierte Text belegt dies zur Genüge: Da werden hier geborene Menschen in dritter Generation zu Repräsentanten eines vormodernen Etwas namens Islam – anstatt zu ganz normalen Staatsbürgern. Aus dem „wir“ der „ganz anderen Traditionen“ wird ein Kollektiv, aus dem die „anderen“ rhetorisch ausgeschlossen werden – ganz gleich ob sie hier geborene Staatsbürger sind oder nicht. Wer so denkt, ist noch lange kein Rassist, aber seine Vorstellung von „Nation“ bewegt sich in gedanklich recht engen Grenzen. Warum man derlei 2012 als progressiv wahrnehmen sollte, weiß der Geier – oder Jürgen Trittin.

Dass Gauck den rhetorischen Ausschlusses aus dem Kollektiv trotz Staatsbürgerschaft etwas verschwurbelt formuliert, ändert nichts daran, dass die Formulierung eines „tiefen Unbehagens alteingesessener Europäer“, die „allergisch sind“, wenn sie „überfremdet“ werden, eine Sprache spricht, die bei Dieter Stein und der „Jungen Freiheit“ eben nicht „zufällig“ auf Gegenliebe stößt – alles andere als das. Es ist die Adelung eines Ressentiments zu einem berechtigten Gefühl, das ernst genommen werden müsse – anstatt es zu kritisieren. Diese „Salonfähigmachung“ eines Ressentiments hat im deutschen Bürgertum eine lange Tradition, die von Heinrich von Treitschke und Richard Wagner bis zu Roland Koch, Martin Walser und Thilo Sarrazin reicht. Weniger problematisch wird sie dadurch nicht.

Womit wir bei der – angesichts der heiligen Fünfparteienfaltigkeit bislang nahezu ausgeblendeten poltischen Kritik – an Gauck und dessen Nominierung durch SPD und Grüne wären: Warum um alles in der Welt sollten linke, linksliberale, sozialdemokratische Wählerinnen und Wähler diesen Kandidaten mittragen? Rot-Grün hätte jede Chance der Welt gehabt, eine progressive Kandidatin zu finden. Dass sie es nicht getan haben, weil ihnen ihre eigene Anti-Wulff-Taktik auf die Füße gefallen ist – geschenkt! Aber, liebe Leute: IHR wollt MEINE, IHR wollt UNSERE Stimmen haben – nicht umgekehrt! NATÜRLICH erwarte ich, erwarten wir, dass IHR andere Kandidaten für dieses Amt findet als einen rechtskonservativen „Stinkstiefel“ (Yücel), über den sich auch die „Junge Freiheit“ freut. Denn Dieter Stein irrt sich in dieser Frage leider genauso wenig wie Deniz Yücel – und wenn Ihr noch so sehr vor Euch hin schäumt. Mit Gauck wird der politische Diskurs exakt im Sinne der Neuen Rechten verändert – ein fatales Signal für den gesellschaftlichen und politischen Fortschritt in diesem Land. Tut, was Ihr nicht lassen könnt – aber rechnet nicht mit unserer Unterstützung!

Siehe auch: Die Gauck-Debatte in den sozialen Netzwerken, Voll im Kontext: Gauck und die Überfremdung, Das rot-grüne Desaster, Wäre Gauck der bessere Schlossherr?

*Nachtrag:

Es wurde von einigen Kommentatoren kritisch angemerkt, dass die Darstellung des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“ hier viel zu oberflächlich sei. Das ist richtig, nur ging es darum auch gar nicht. Uns ist klar, dass es sich dabei um eine breit getragene Organisation handelt, die durchaus gute Arbeit macht. Aber wer sich das Selbstverständnis und die Satzung durchliest, wird darin die Worte Holocaust oder Shoah nicht einmal erwähnt sehen, überhaupt ist von der Ermordung der Juden insgesamt herzlich wenig die Rede. Stattdessen heißt es, man widme sich der:

„Aufarbeitung und Bewahrung des Vermächtnisses des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur, zur Aufklärung über den Ursprung des Nationalsozialismus und des Faschismus und ihrer Strukturen sowie zur Darstellung der Opposition, des Widerstandes, der Verfolgung und des Exils der Gegner des NS-Regimes, zur Darstellung der Opposition, des Widerstandes und der Verfolgung im kommunistischen System durch Aufklärung über die Entwicklung des Kommunismus, zur Auseinandersetzung mit Feindbildern, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und anderer Formen des politischen Extremismus und zur Förderung demokratischer Gesinnung beizutragen.“

Daraus ergeben sich durchaus ehrenwerte Ziele, aber eine besondere Betonung der Vernichtung der europäischen Juden ergibt sich daraus eben gerade nicht. Deswegen ist es schlechterdings unlauter, wie Jürgen Trittin bei Maybritt Illner versucht, allein mit dem Hinweis auf den Namen des Vereins eine bestimmte Kritk an Gauck zu unterbinden. Niemand hat behauptet, Gauck verleugne NS-Verbrechen. Aber er möchte sie eben in einem Kontext anderer politischer Verbrechen des 20. Jahrhunderts verstanden und bewertet wissen. Die Singulärität des Menschheitsverbrechens, für das Auschwitz gemeinhin steht, spielt dabei leider keine allzu große Rolle.

Die „Kontextualisierung“ und „Historisierung“ der Shoah ist aber gleichzeitig ein seit Jahren erklärtes Ziel der Neuen Rechten, die den Holocaust ja auch keinesfalls leugnet – sie möchte ihn eben nur nicht „überhöht“ sehen. Und genau darin trifft sie sich unserer Ansicht nach mit Gaucks Geschichtsverständnis. Mithin ist die von Yücel geäußerte Kritik keinesfalls obsolet, wie Jürgen Trittins moralische Empörung suggerieren will. Ganz abgesehen davon halten wir es für bemerkenswert, dass Trittin öffentlich fordert, die TAZ solle sich für Kommentare entschuldigen, während Christian Wulff durch Nachrichten auf Kai Diekmanns Mailbox bereits die Pressefreiheit gefährdet haben soll.

37 thoughts on “Noch mehr „Schweinejournalismus!“

  1. @Deadpool
    Es ging hier nur nie um Schramm – das ist das Problem. 🙂

    Und zwei Links in ein anonymes und mir unbekanntes Blog lassen mich jetzt nicht an die antisemitische Haltung eines Kabarettisten glauben…

  2. @Samuel

    Mich hat leider auch niemand gefragt, ob ich solche Vollpfosten wie dich in diesem Land haben will. ):

  3. Der Bundespräsident wird nicht vom Volk gewählt: Quatsch wass intressiert mich da ein Herr Gauck oder Herr Wolff.

    Die Frage muss sein: ist deutschland eine Demokratie – nach meiner Meinung natürlich nicht.

    Ein Bundespräsident gehört in einer Demokratie vom Volk gewählt, wir können ja wieder eine Monarchie einführen die werden auch nicht vom Volk gewählt.

  4. Der Titel „Noch mehr “Schweinejournalismus!” stimmt.

    Allerdings ohne Ironie.

    Von Kritik lebt die Demokratie, man kann aber auch einfach nur dummes Zeug reden.

Comments are closed.