Anerkennung aller Todesopfer rechtsextremer Gewalt!

 Mit der Anerkennung der zehn Opfer des NSU hat die Bundesregierung ihre Statistik der Todesopfer rechtsextremer Gewalt auf 58 erhöht. Erneut wurde jedoch die Chance verpasst, die offizielle Zahl der von Neonazis Ermordeten zu überprüfen. Mit diesem Thema beschäftigt sich heute Abend auch das ARD-Politmagazin „Panorama“ – um 21.45 Uhr im Ersten (Video ab morgen früh online verfügbar).

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, forderte deswegen: „Die Bundesländer müssen ihre Statistiken überprüfen und jeden Einzelfall neu aufrollen.“

Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)
Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)

Zeitgleich mit der Gedenkfeier in Berlin, biete sich, so Kahane weiter der brandenburgischen Stadt Eberswalde die Chance, ein solches Zeichen zu setzen. Über die Umbenennung in „Amadeu-Antonio-Straße“ stimmt die Stadtverordnetenversammlung an diesem Donnerstag ab. Der angolanische Vertragsarbeiter Amadeu Antonio war eines der ersten Todesopfer rechtsextremer Gewalt im wiedervereinten Deutschland. „Eine Straße nach einem von Neonazis ermordeten Bürger zu benennen, zeugt von bewusstem Umgang mit der eigenen Stadtgeschichte. Eberswalde könnte Vorbildliches schaffen, auf dem Weg zu einem aufrichtigen  Opfergedenken“, erklärt Anetta Kahane. Vom Ausschuss für Kultur, Soziales und Integration Eberswaldes wurde die Umbenennung bereits vergangene Woche abgelehnt. Das lässt leider nichts Gutes für die Entscheidung erwarten.

Derweil korrigierte das sächsische Innenministerium die Zahlen der Opfer, die seit 1990
in Sachsen durch rechts motivierte Gewalt zu Tode gekommen sind. Demnach werden nun auch Patrick Thürmer (getötet 1999 während einer Schlägerei zwischen Neonazis und Punks in Hohenstein-Ernstthal, Tatmotiv: Hass auf politische Gegner) und Achmeld Bachir (erstochen 1996 im Zuge eines Übergriffes auf den Gemüseladen in Leipzig, in dem er arbeitete, Tatmotiv: Rassismus), als Opfer von Neonazis anerkannt.

Dazu erklärt Juliane Nagel, Stadträtin in Leipzig und engagiert im Initiativkreis Antirassismus, der sich in Sachen des rassistischen Mordes an Kamal Kilade engagierte: „Die Überprüfung der Zahlen der Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen war mehr als überfällig. Ich begrüße den Schritt des Innenministeriums und die Anerkennung von zwei weiteren Opfern. Damit wird die Lücke zwischen
den Zahlen, die durch engagierte Journalisten erfasst werden und den staatlichen Zahlen zumindest kleiner. Während erstere für Sachsen 13 rechts motivierte Morde seit 1990 erfassen, erkennt die sächsische Landesregierung bis dato nur 7 – jetzt 9 – an. Ungeklärt ist bisher außerdem der letzte mutmaßlich rechts motivierte Mord an dem wohnungslosen Andre K. im Mai 2011 in Oschatz.“

Allein in Leipzig sind seit 1990 nach den Recherchen der benannten Journalisten von ZEIT und Tagesspiegel sechs Menschen ermordet wurden, weil sie nicht ins Weltbild von Neonazis passten. Zuletzt wurde der 19-jährigen Kamal Kilade am 24.10.2009 von zwei Neonazis in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofes erstochen. Das Landgericht erkannte in seinem Urteil den rassistischen Tathintergrund an. Im Fall von Nuno Lourenco, der 1998 in Gaschwitz bei Leipzig von Neonazis so schwer geschlagen wurde, dass er wenige Monate später an den Folgen verstarb, kam es 11 Jahre danach aufgrund öffentlichen Druckes zur nachträglichen Anerkennung des rassistischen Tatmotives. Mit der Anerkennung von Achmed Bachir verbleiben noch verbleiben weitere drei Morde, die von den Behörden nicht anerkannt werden, obwohl ein rechts motivierter Tathintergrund erwiesen ist. Dies betrifft Klaus R. (erschlagen 1994, Tatmotiv: Sozialdarwinismus), Bernd Grigol (erstochen 1996, Tatmotiv: Homophobie) und Karl-Heinz Teichmann (erschlagen 2008, Tatmotiv: Sozialdarwinismus).

Siehe auch: Die Tat ist die Botschaft, Rechte Gewalt: Regierung hält an Zahl von 46 Toten fest

One thought on “Anerkennung aller Todesopfer rechtsextremer Gewalt!

  1. Die Liste der Morde, die der Berliner Senat nicht als rechte Morde anerkennt:

    1) Der 24-jährige Klaus-Dieter R., der in der Nacht zum 11. Dezember 1990 in einer Wohnung in Berlin-Lichtenberg von drei Neonazis brutal zusammengeschlagen wurde und sich in Panik aus einem Zimmerfenster zehn Stockwerke tief in den Tod stürzte.
    2) Der 58-jährige Obdachlose Günter S., der am 29. August 1992 nachts auf einer Parkbank in Berlin-Charlottenburg von einem Ku-Klux-Klan-Anhänger totgeschlagen wurde.
    3) Die 32-jährige Prostituierte Beate F., die am 23. Juli 1994 von drei Neonazis in Berlin erwürgt und an eine Mülltonne gelegt wurde.
    4) Der 45-jährige polnische Bauarbeiter Jan W. in Berlin, der in der Nacht zum 26. Juli 1994 nach einem Streit mit einer Gruppe junger Deutscher zusammen mit einem 36-jährigen Landsmann ins Wasser getrieben und gewaltsam daran gehindert wurde, ans Ufer zurückzuschwimmen.
    5) Der 31-jährige Chris D. und der 26-jährige Olaf S., die in der Nacht zum 17. April 1997 in Berlin-Treptow durch einen Neonazi erstochen wurden.
    6) Der 38-jährige Sozialhilfeempfänger Kurt S., der in der Nacht zum 6. Oktober 1999 von vier Neonazis in Berlin-Lichtenberg zu Tode gequält wurde.
    7) Der 60-jährige Sozialhilfeempfänger Dieter E., der in der Nacht zum 25. Mai 2000 in seiner Wohnung in Berlin-Pankow von vierNeonazis überfallen und getötet wurde.
    8) Der 36-jährige Ingo B. getötet durch drei Rechtsextreme am 5. November 2001.

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