Protest gegen Blackface an deutschen Theaterbühnen

 Am 12. Februar 2012 hat es in Berlin eine erste Aktion gegen die Praxis von Blackface auf deutschen Bühnen gegeben. Die Initiative „Bühnenwatch“ protestierte anlässlich der Auffährung “Unschuld” am Deutschen Theater Berlin.

Nach Angaben von Bühnenwatch trat um 19:30 Elisio (gespielt von Andreas Döhler) im Gegenlicht auf. Als er die Bühnenkante erreichte, stand er im vollen Licht – ein weisser Schauspieler mit schwarzer Schminke im Gesicht und übertrieben rot gemalten Lippen. Eine deutliche Reproduktion der Blackface-Maskerade in rassistischen, sogenannten ministrel-Shows, wie die Initiative kritisierte. Diesen Anblick wollten 42 Zuschauer an diesem Abend nicht hinnehmen und verließen den Saal des Deutschen Theaters. Die erste öffentliche Intervention gegen die Verwendung des Blackface.

Folgende Flyer wurden nach der Vorstellung von uns dem restlichen Publikum ausgehändigt. Auf der einen Seite war dieser Text zu lesen:

Flyer gegen Backface
Flyer gegen Backface

Die Verantwortlichen des Theaters reagierten auf die Intervention: Sonja Anders, Chefdramaturgin des Deutschen Theaters, kam nach der Vorstellung auf die Aktivisten zu und suchte den Dialog. Sie bot darüber hinaus die Organisation eines ausführlichen Gesprächs mit den Mitgliedern der Produktion “Unschuld” an. „Bühnenwatch“ betonte, man nehme dieses Angebot sehr gerne an, denn es gehe nicht um eine reine Protesthaltung, sondern ausschließlich daran, eine diskriminierende Praxis zu beenden, was nur mit den Verantwortlichen gemeinsam möglich sei.

„Bühnenwatch“ betonte, die Aktion sei nicht als Angriff auf einzelne Personen zu verstehen, sondern als Versuch, auf ein Problem in der deutschen Theaterlandschaft hinzuweisen, für das die Inszenierung am Deutschen Theater nur als ein Beispiel von vielen steht. Anliegen sei es, Diskriminierung und Strukturen, die Diskriminierung befördern, mit den Verantwortlichen zu verändern.

Publikative.org hatte bereits mehrfach über Blackface an deutschen Theatern berichtet, was eine kontroverse Diskussion nach sich zog, da viele Kommentatoren die Kritik als überzogen bewerten. Weil es nicht rassistisch gemeint sei, könne es nicht rassistisch sein, so eine gängige Rechtfertigung.

Andreas Strippel schrieb dazu:

Der Vorwurf wird zurückgewiesen und dabei offenbart man ein tiefes Unverständnis gegenüber dem, was Rassismus ist und wie er funktioniert. Gerade für Menschen, die selbst anti-rassistisch engagiert sind, ist die Vorstellung, sich selbst rassistisch zu verhalten oder zu äußern, oftmals abwegig. Weil man etwas nicht rassistisch gemeint habe, könne es auch nicht rassistisch sein. Damit wird Rassismus jedoch auf ein individuelles Problem reduziert, das die Diskriminierten selbst mit  ein bisschen gutem Willen aus der Welt schaffen könnten, wenn sie sich nur nicht so anstellen würden. […] Genau diese vermeintliche Harmlosigkeit ist es, die Alltagsrassismus so stark macht. Für die Betroffenen ist diese Diskriminierung eine spürbare Schranke. Und gerade diese Akzeptanz der „weichen“ Diskriminierung ist immer wieder eine Legitimation für den rassistischen Schläger, der sich gern auf die schweigende Mehrheit beruft.

Siehe auch: Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Der “Affenzirkus” von Dessau, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht, “Ein angemalter Weißer ist kein Schwarzer”, Buchtipp: “Deutschland Schwarz Weiß – Der alltägliche Rassismus”, `Brauner Mob` startet `schwarzen Blog`

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9 thoughts on “Protest gegen Blackface an deutschen Theaterbühnen

  1. Versteht Herr Strippel eigentlich selbst, was er da erzählt? Ich nämlich nicht und ich habe lange studiert…

    Generell sollte man m.E. die Kirche im Dorf lassen. Für übertriebene Political Coorectness hege ich genauso wenig Sympathien wie für Rassismus.

  2. Das ist ein verdammt guter Flyer!
    Und eine sehr schöne Aktion!
    Ich kann verstehen wenns vielen Leuten erst mal übertrieben vorkommt, ging mir vor nich all zu langer zeit ähnlich… Aber jenen Leuten rate ich sich, immer mal wieder, ernsthaft über sich selbst und Strukturen der Reproduktion von gesellschaftlichen Unterdrückungsmustern, nachzudenken und vor allem ernsthaft das eigene Verhalten zu überdenken und zu reflektieren! …Stichwort „Critical Witness“ (google ist dein freund 😉 )

    lg Muhmann

  3. „Für übertriebene Political Coorectness hege ich genauso wenig Sympathien wie für Rassismus.“ …das ist Geschmackssache. Gute Aktion, gute Grafik. Hoffentlich bewegt sich was…

  4. Wie ich schon gestern re: Pocher erwähnt habe, gibt es (besonders im Englischsprachigen) den sehr nützlichen Begriff des Privilegs: es wäre sehr nützlich, wenn man diesen auch hierzulande stärker etablieren könnte.

    Er ist nämlich ein gutes Mittel, die eigentliche Problematik in Fällen wie diesem besser zu verstehen: der Gedankengang hinter Irrgriffen wie dem des Deutschen Theaters ist ja nicht „so, jetzt grenzen wir mal die Neger aus“, sondern entsteht aus mangelndem Verständnis der Situation. Wir sind weit davon weg, bewußte und aktive rassistische Diskriminierung für tot erklären zu können, aber das bedeutet ja nicht, daß es außerhalb dieser keine Probleme dieser Art gibt.

    Wenn ein großes Theater sich dermaßen vergreift und dann die Beschwerden nicht versteht, wenn dann von durchaus nicht rechts-denkenden Leuten Kommentare wie oben von Sven kommen, dann ist das Ausdruck nicht nur eines tiefen Ungleichgewichts, sondern auch einer Art wohlwollender Blindheit.

    Der Begriff des Privilegs ist das fehlende Puzzleteil. Viele weiße Deutsche sehen nur, daß sie selbst Schwarze (oder andere Herkunftsminderheiten) nicht für minderwertig halten, tragen vielleicht auch selbst zu antirassistischen Initiativen bei, usw. – sind sich aber dabei nicht im Klaren darüber, wie sehr der Aufbau der Gesellschaft sie auch ohne direkte Diskriminierung bevorteilt. (Ähnliches gilt, kontextabhängig und in Stärke und Detail verschieden, auch für Männer im Vergleich mit Frauen, Heterosexuelle im Vergleich mit Homosexuellen, usw.)

    Was man auf jeden Fall mitnehmen sollte: es steckt wirklich mehr hinter diesem Streit als ein paar verschnupfte Weltverbesserer. Es gibt etwas zu lernen – nicht etwa, damit man besser vor irgendeinem imaginären Kult der Political Correctness zu Kreuze kriechen kann, sondern damit man sieht, daß Diskriminierung nicht mit Naziparolen und gesetzlichen Benachteiligungen aufhört. Man wird die schlimmsten Auswüchse nicht los, wenn man nicht in der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft aufräumt.

  5. @Sven: Das scheint Sie ja sehr zu beunruhigen, dass Sie hier trotz Ihres Studiums offenbar auf der Leitung stehen. Versuchen Sie es doch einfach mal mit ganz besonnenem, lauten Sich-Selbst-Vorlesen – dann klappt es vielleicht doch noch mit dem Verständnis. Dafür müssen Sie auch gar keine Universität besuchen. Und das müssen Sie auch nicht, um Alltagsrassismus zu erkennen, wo er Ihnen begegnet. – Überlegen sollten Sie hingegen, warum Ihr Studium Sie nicht davor bewahren konnte, Rassismus und „Political Correctness“ – was immer Sie darunter auch verstehen mögen – als Ihnen „unsympathisch“ in einen Topf zu werfen.

  6. @ Jakob K.

    Das finde ich alles sehr „theoretisch“. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass etwas, das nicht rassistisch gemeint ist, auch nicht rassistisch sein kann. Rassismus sollte die Stirn geboten werden – aber wo keiner ist, sollte man ihn auch nicht erfinden. Ich fürchte sogar, mit deratigen Aktionen verspielt man in der Öffentlichkeit sehr viel Sympathie.

  7. Sven:

    Das ist aber eine viel zu enge Auffassung, um jemals die Gesellschaft vorwärts zu bewegen. Es geht ja absolut nicht darum, Einstellungen wie Ihre, geschweige denn das bloße Weißsein (durch das einem hierzulande bereits enorme Vorteile entstehen), mit einer Blood & Honour – Mitgliedschaft gleichzusetzen. Es ist nur eben so, daß man sich der zunächst unsichtbaren Privilegien bewußt sein sollte, die man genießt. Man merkt das oft gar nicht, wenn man nicht mit Betroffenen ins Gespräch darüber kommt oder selbst aus anderen Gründen betroffen ist.

    Gleichzeitig muß man aber sagen: hier wird keine künstliche Empörung konstruiert. Die Verwendung von Blackface ist ein wirklich schwerer Fehlgriff, mit dem man im 21. Jahrhundert nicht mehr durchkommen sollte. Man muß kein überkandidelter PC-Polizist sein, um das zu sehen. Absicht ist nicht völlig irrelevant, aber „war ja nicht böse gemeint“ ist kein Allheilmittel.

  8. Endlich noch ein Wort aus den USA das hier einfach so übernommen werden soll. Man muss doch nicht alles nach machen nur weil es von denen kommt!

    Ganz ehrlich was soll das, darf ich mich dann nicht schwarz anmalen? Aber schwarze dürfen sich dann trotzdem noch weiss, braun anmalen oder was sie wollen. Das ist doch voll übertrieben.
    Macht euch auch mal bei euch Gedanken was Ihr damit bewirkt wenn Ihr das schon von anderen wollt.

    Ihr meint es ja nur Gut aber der Nationalsoizalismus is schon lange weg ihr seit auch gute Menschen wenn Ihr nicht andauernd jemanden in SChutz nehmt!

    Ein gutes hat ja dann laufen nicht irgendwelche kleinen kinder mehr durch die Gegend als 3 Könige angezogen!

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