Blitz-Marathon: Wichtigtuer Reloaded

Weil alles immer sicherer wird, braucht man immer mehr Kontrollen. Das erscheint Ihnen nicht logisch? Dann haben Sie offenbar keine Ahnung von polizeilichem „Flächendruck“ – dem wir die Segnungen des sicheren Lebens im Wesentlichen verdanken. Das findet wohl auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD), der voll auf „Flächendruck“ setzt – mit beeindruckenden Ergebnissen.

Von Publikative.org in Kooperation mit Ruhrbarone

Oft unterschätzt: Gefahr durch Äste. Lösung: Helmpflicht mit Flächendruck. (Foto: Elias Schwerdtfeger/CC BY-NC-SA 2.0)
Oft unterschätzt: Gefahr durch Äste. Lösung: Helmpflicht mit Flächendruck. (Foto: Elias Schwerdtfeger/CC BY-NC-SA 2.0)

Wir hatten ja kürzlich schon darüber berichtet, dass einfach alles immer gefährlicher wird – und Staat und Gesellschaft deshalb nicht umhin kommen, immer mehr zu kontrollieren und zu verbieten – auch, wenn sehr viele Gefahren (Verkehrstote, Körperverletzungen, tödliche Infektionen) statistisch immer weiter abnehmen. Denn wie ein Kommentator sehr zu Recht anmerkte: Das eine bedingt schließlich das andere, denn nur ein engmaschiges Präventions-, Aufklärungs- und Verfolgungsnetz sorgt ja erst für die genannten Rückgänge. Dies nennt man im Polizeijargon „Flächendruck“. Wer dem entgegnen wollte, dass eventuell auch Airbags, Bildungsgrad und Chinolone – sprich so etwas wie allgemeiner Fortschritt – als Ursachen für die genannten Rückgänge in Frage kämen, ist einfach kein Fachmann für Kenner.

NRW Innenminister Ralf Jäger schickte am vergangenen Freitag seine Truppen in eine Materialschlacht um die Verkehrssicherheit. Tausende Beamte hatten bei eisiger Kälte nach Angabe der Welt 456.000 Autofahrer überprüft. Jäger wichtigtuerisch: „Auf unseren Straßen sterben viel zu viele Menschen. Zu hohe Geschwindigkeit ist Killer Nummer 1.“ Mag ja alles sein, aber die Ergebnisse des Blitzmarathons rechtfertigen den teuren und personalintensiven Großeinsatz nicht:

Bei dem 24-stündigen “Blitz-Marathon” hatte die Polizei bis Samstagmorgen landesweit 456.000 Verkehrsteilnehmer überprüft. Obwohl die Kontrollen angekündigt waren, fuhren fast 17.200 Autofahrer zu schnell, teilte das Innenministerium mit. 250 Fahrer waren so schnell, dass ihnen ein Fahrverbot droht. Acht von ihnen mussten den Führerschein an Ort und Stelle abgeben. 31 Autofahrer waren alkoholisiert oder standen unter Drogeneinfluss. 307 hatten sich nicht angegurtet.

So Welt-Online. Klingt ganz doll schlimm. Aber wenn man mal nachrechnet, merkt man wie albern das alles ist, wenn man zum Zaubermittel der Prozentrechnung greift:

  • 3,77% waren zu schnell.
  • 0,0673% ohne Gurt
  • 0,0548% droht ein Fahrverbot
  • 0,0068% waren berauscht und
  • 0,00175% mussten den Lappen abgeben

Ehrlich gesagt sind das keine beeindruckenden Zahlen. Es sei denn, man will wie Jäger unbedingt als harter Kerl in den Medien. Dann sind die Zahlen egal.

Siehe auch: Die Erziehungsdiktatur

8 thoughts on “Blitz-Marathon: Wichtigtuer Reloaded

  1. Sie meinen also, dass trotz angemeldeter Kontrollen 3,77% zu schnell fahren, sei das nicht schlimm?

    Vielleicht möchte der Autor bei der nächsten Übermittlung der todesnachricht einfach einmal mitkommen, um zu erleben, was für Folgen für 4000 Familien jedes Jahr aus solchem Fehlverhalten entspringen.

    Oder der Autor kommt einmal mit zu einem schweren Verkehrsunfall P1 (mit Todesfolge) und hilft die Leichenteile einzusammeln.

    Vielleicht möchte der Autor auch die volkswirtschaftlichen Kosten von Leicht-, Schwer- und Schwerstverletzten gegenrechen, die jedes Jahr durch unachtsame Verkehrsteilnehmer entstehen. Immerhin scheint das für ihn ja ein Argument zu sein.

    In der Diskussion um die Überarbeitung der Punktekartei in Flensburg zeigten sich wieder viele Verkehrsteilnehmer erzürnt. Sie würden ihr Fahrzeug schließlich in jeder Situation beherrschen, ohne jemals in einer Extremsituation gewesen zu sein.

    Die meisten Unfallopfer äußern sich an der Unfallstelle wie folgt: „Es ging alles so schnell!“ Genau so ist es. Es geht immer schnell. Und genau deshalb sollen die Verkehrsregeln eingehalten werden…

    1. @fx & Demokrat:

      Mal ganz im Ernst: Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden vor die Presse treten und auf gewichtige Probleme aufmerksam machen, die dadurch entstehen, dass bestimmte Regeln von 3,77% oder gar 0,0068%(!) einer bestimmten Gruppe nicht eingehalten würden. Und weil dem so sei, müsse man dringend mehrere landesweite Polizeiaktionen mit tausenden Beamten durchführen, die normalerweise laut Polizeigewerkschaft doch permanent am absoluten Überstundenlimit kratzen. Wenn Sie dies täten und nicht der Innenminister von NRW wären, würden Sie sich komplett lächerlich machen – und zwar völlig zu Recht, weil das nun einmal das Rest-Risiko einer freien und offenen Gesellschaft ist.

      Selbst wenn ich unterstelle, dass bei unangekündigten Kontrollen die entsprechenden Zahlen etwas höher wären (können Sie das eigentlich belegen? Meinen Sie nicht, dass solche Ankündigungen auch an vielen Menschen vorbeigehen? Wie hoch sind denn die Gesamtzahlen Ihrer Meinung nach?), halte ich die genannten Zahlen zu Gurtpflicht, Fahrverbot, Drogen und Sofortabgabe für statistisch komplett irrelevant. Wenn man diese Quoten noch weiter drücken will, dann ist man schlechterdings nicht mehr an einer freien Gesellschaft interessiert, die nun einmal mit einem gewissen Risiko einhergeht, dass sich nicht alle Mitglieder permanent regelkonform verhalten. Sondern, dann will man ganz einfach eine totalitäre Gesellschaft mit einem lückenlosen Überwachungsstaat und totaler Kontrolle. Und genau deswegen passt dieses Thema in dieses Blog wie die Faust aufs Auge.

      Sehen Sie, wir reden hier teilweise von 0,001x Prozent! Das bedeutet ein Delikt pro 100.000 Autofahrer, was bei ca 54 Millionen Führerschein-Inhabern (von denen bei Weitem nicht alle auch tatsächlich fahren, aber das nur nebenbei) 540 Alkohol- und Drogensündern in ganz Deutschland pro Tag gleichkommt – und wundersamerweise ziemlich exakt der Zahl derjenigen entspricht, die 2009 unter Alkoholeinfluss am Steuer erwischt wurden: 191.000 (eine aktuellere Zahl habe ich auf die Schnelle nicht, aber diese ist in jedem Fall weiter gesunken).

      Diese Zahl mag auf den ersten Blick erschreckend hoch sein – und ich will beim besten Willen nicht Alkohol am Steuer schön reden. Aber Ihre moralisierenden Appelle und zweifelsohne tragischen Einzelschicksale können nun auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir in 70er und 80er Jahren im Vergleich dazu hier ja offenbar wahre Killing Fields auf unseren Straßen hatten – allerdings ohne, dass diese Jahrzehnte kollektiv so erlebt worden wären. Und da wird man fragen dürfen und müssen, warum bzw. was sich an unserer Wahrnehmung (und der der Medien) offenbar verändert hat.

      Natürlich ist jeder Verkehrstote einer zu viel, aber ich möchte deswegen trotzdem nicht in einer prohibitiven Gesellschaft leben, in der Prävention, Vorsicht und Angst zu den Maximen allen politischen Handelns werden. Natürlich träumt jeder Kriminalist davon, alle Verbrechen aufklären zu können. Die Gesellschaft aber, in der dieses möglich wäre, wäre keine lebenswerte mehr – selbst wenn es in ihr keinen einzigen Verkehrstoten gäbe.

      Mit herzlichen Grüßen
      Andrej Reisin

  2. Sorry, aber dieser vollkommen überflüssige Artikel ist publikative.org wirklich nicht würdig. Gott/Spaghettimonster sei Dank wird die Berechtigung von Maßnahmen der öffentlichen Hand noch nicht immer am unmittelbaren monetären Gewinn festgemacht. Erklärtes Ziel der Aktion war ja eben grade nicht, möglichst viele Knöllchen auszustellen, sondern das Problem überhöhter Geschwindigkeiten ins Bewußstein zu bringen. Die Anzahl ausgestellter Knöllchen etc. sagt demnach rein gar nichts über den Erfolg der Aktion aus. Und dass das zu schnelle fahren v.a. in den Städten und insbesondere in Wohngebieten ein ganz reales Problem darstellt, wird ja hoffentlich auch der Autor dieses Artikels nicht bestreiten wollen.

  3. Lieber fx,

    ich bin überhaupt kein Freund der Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-BILD-Aufkleber, mir gehen Raser und rücksichtslose Autofahrer unfassbar auf den Sack. Darum geht es hier aber nicht, es geht um einen Innenminister, der sich mit solchen Zahlen schmückt und Medien, die das einfach wiedergeben, ohne einmal nachzudenken.

    Die Anzahl der „berauschten“ Personen ist in Relation zur Gesamtzahl so gering, dass man sie nicht einmal nennen müsste. Mit den absoluten Zahlen wird aber suggeriert, hier bestehe ein großes Problem – und die Polizei habe einen erfolgreichen Großeinsatz bestritten. Das kann man aber hinterfragen – und das wird hier getan.

    Gruß
    Patrick Gensing

  4. Lieber Andrej Reisin,

    der Kriminalist träumt davon, dass keine Verbrechen begangen werden. Der Kriminalist beurteilt Fälle auch nicht nach ihrer Häufigkeit, sondern nach dem bedrohten bzw. geschädigten Rechtsgut. Wir haben bei ca. 80Mio Einwohnern „nur“ ca. 750 Morde in einem Jahr. Damit sind nur 0,00094% der Bevölkerung betroffen. Trotzdem werden umfangreiche und äußerst teure Maßnahmen getroffen, eine hohe Anzahl Beamte eingesetzt und massiv Grundrechte eingeschränkt. Niemand würde diese Vorgehensweise ernsthaft bezweifeln.

    Aber da wir alle Autofahrer sind, niemand vorsätzlich andere Menschen schwer verletzten oder töten will und bisher immer alles gut gegangen ist, haben wir kein Gefühl für die Gefahren, die durch uns entstehen.

    Weiterhin vernachlässigen Sie, dass durch die Kontrollen nicht alle Verstöße geahndet werden. Oft genug werden Kontrollstellen rechtzeitig wahrgenommen, es wird durch lokale Radiosender innerhalb weniger Minuten gewarnt, Fahrzeugschlangen bremsen oder die Kontrollstelle ist bereits mit einem Fahrzeug beschäftigt.

    Bei der Polizei entwickelt man ein Auge für Verkehrsverstöße, die in der Umgebung geschehen. Alleine von der Wache bis zum Bahnhof (900m) kann ich jeden Tag mehrere Verstöße erkennen. Fehlende Gurte, genutzte Handys, Rotlichtverstöße durch Fußgänger und Radfahrer, Fehler beim Abbiegen. Keiner von den Verursachern hat eine Vorsatz andere Menschen zu schaden. Trotzdem werden jedes Jahr ca. 370.000 (2010) Menschen bei Unfällen verletzt.

    Sie empfinden die Zahl „0,00175% mussten den Lappen abgeben“ als ziemlich gering? Bei ca. 3,5Mio Führerscheien finde ich es beunruhigend, dass in Deutschland zu jedem Zeitpunkt über 6000 Verkehrsteilnehmer fahren, die den Führerschein sofort abgeben müssten… An einem normalen Samstag- & Sonntagmorgen sind es wahrscheinlich 100mal soviele. Das sind die Zeitpunkte, an denen die meisten Trunnkenheitsfahrten stattfinden.

    1. @Demokrat:

      Schade, dass Sie mit Ihrem Pseudonym noch nicht mal im Ansatz auf die von mir angesprochenen demokratietheoretischen Defizite eingehen. Denn im Grunde bestätigen Sie diese bloß. Ob man nun von:
      a) einer Gesellschaft ohne Verbrechen oder
      b) einer Gesellschaft, in der jedes Verbrechen aufgeklärt wird
      träumt, scheint mit maximal ein gradueller Unterschied zu sein. In jedem Fall ist es der alte totalitäre Traum von der perfekten Welt, ein Traum, für dessen zahlreiche Umsetzungsversuche schon Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten.

      Wenn Sie diese Dimension nicht begreifen wollen, die der einzige Grund ist, derlei Entwicklungen hier aufzugreifen, werden für immer aneinander vorbei reden. Denn ihre zahlreichen Beispiele bestätigen mich ehrlich gesagt nur in meiner Vermutung, dass Sie bereit wären, bspw. auch eine DNA-Probe der gesamten Wohnbevölkerung in Kauf zu nehmen, nur damit man die Aufklärungsqoute bei Mord von über 90% auf 100% pushen kann – und noch jedes achtlos ausgespuckte Kaugummi, das Ihnen auf Ihrer Fahrt zur Wache auffällt, einem Missetäter zugeordnet werden kann. Und weil Strafzettel ja doch nichts bringen, könnte man zur Abhilfe ja auch gleich auf das Modell Singapur zurückgreifen und Stockhiebe als Strafe einführen, oder …?

      Sehen Sie, ich will weder in Singapur leben, noch in einer Welt, wo Sie auf Ihrer Fahrt keinerlei Verstöße mehr entdecken, weil die Menschen leider von Angst und Furcht und Misstrauen zerrüttet sind. Ihr Traum ist aus meiner Sicht leider nicht demokratisch, sondern ein totalitärer Alptraum. Freiheit ist auch die Freiheit, bei Rot über die Ampel zu gehen – und das Risiko für alle möglichen Folgen zu tragen – ohne Erziehungsdiktatur.

      Mit herzlichen Grüßen
      Andrej Reisin

  5. Lieber Andre,

    Sie haben mich absolut missverstanden!

    1. Eine Welt ohne Verbrechen wäre eine Welt ohne staatliche Grundrechtseingriffe. eine Welt in der alle Verbrechen aufgeklärt werden beinhaltet noch immer massive staatliche Grundrechtseingriffe! Ein äußerst gravierender Unterschied.

    2. Weiterhin akzeptierne Sie nicht, dass die Maßnahme an dem bedrohten Rechtsgut aufgehängt werden soll. Warum meinen Sie, ich wolle jedes ausgespuckte Kaugummi einem Täter zuordnen? Ich habe den Eindruck, Sie verstehen unter Verkehrsverstößen ein Kavaliersdelikt, ohne nennenswerte Folgen. Und wie kommen Sie auf die Idee, Strafzettel würden nicht funktionieren und man solle auf Gewalt zurückgreifen? Habe ich irgendwie den Eindruck erweckt, die angedrohten Strafen seien mir zu gering oder in ihrer Art und Weise zu schwach?

    3. Jeder hat das Recht nicht durch andere im Straßenverkehr gefährdet, verletzt oder getötet zu werden. Indem das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit über Rot zu gehen einschränk wird, schützen wir das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Eigentum anderer Menschen.

    Die eigenen Grundrechte hören da auf, wo sie Grundrechte anderer einschränken!

Comments are closed.