Ein Hetero räumt auf

Rassistische Witze sind in Deutschland an der Tagesordnung. Erst gestern hatte Publikative.org über eine Büttenrede der Karnevals-Sitzung “Frankfurt: Helau” berichtet, in der sämtliche gängige Vorurteile gegen Türken in Witze auf Latrinenniveau verpackt wurden. Nun legte ein Hetero namens Oliver Pocher nach.

Von Patrick Gensing

Was die sexuelle Ausrichtung Pochers mit diesem Artikel zu tun hat? Eigentlich nichts. Aber offenkundig spielte es für Pocher eine immense Rolle, mit wem seine Kollegen, die ebenfalls bei der Gala zum 20. Geburtstag des Quatsch Comedy Clubs in Berlin auftraten, vorzugsweise in die Kiste hüpfen. Denn zunächst betonte der Hannoveraner, bislang seien wohl nur Schwule aufgetreten. Homos auf der Bühne? Köstlich!

Viele Schwule, kaum Türken

Anschließend stellte Pocher fest, es seien wenig Türken im Publikum. „Was wäre Berlin ohne seine Türken?“, fragte Pocher. Nachdem einige Zuschauer vorsichtig applaudierten, offenbar weil sie diese Frage als eine Würdigung der Migranten in der Stadt missverstanden hatten, antwortete Pocher sich selbst: „Sicher, sauber, aufgeräumt.“ Türken sind demnach kriminell oder gefährlich, schmutzig und  unordentlich.  Wieder ein echter Brüller.

""Ich glaube, ich habe nur gesagt, was jeder im Publikum gedacht hat." Oliver Pocher. (Quelle: promiflash.de)
""Ich glaube, ich habe nur gesagt, was jeder im Publikum gedacht hat." Oliver Pocher. (Quelle: promiflash.de)

Pfiffe waren zu hören – und so schob der Comedian nach: „Hallo, ein Klischee“ – womit er offenkundig noch einmal betonen wollte, wie mutig sein rassistischer Witz sei, weil er solche heißen Eisen anpacke – gleichzeitig wohlwissend, dass es sich um ein Klischee handele, also gar nicht so gemeint sei. Damit war der inhaltliche Teil des Pocher-Auftritts auch schon beendet, im Folgenden hampelte er noch einige Minuten auf der Bühne – ein wahrhaft unwürdiger Geburtstagsgruß für den Quatsch-Comedy-Club.

Pocher spielt gerne den Bad Boy des deutschen Mehrheitshumors. So musste er laut Wikipedia bereits einer Frau Schmerzensgeld zahlen, weil er ihr in einer Wetten-Dass-Sendung eine Schönheitsoperation empfohlen hatte. Er setzte die öffentliche Beleidigung im Januar 2008 in der Fernsehsendung Johannes B. Kerner fort, indem er abermals über das Aussehen der Frau lästerte und sich über das Urteil lustig machte. Dafür musste Pocher noch einmal Schmerzensgeld zahlen.

Pocher beherrscht auch das Genre der Holocaust-Witze. In Schmidt & Pocher wurde im Oktober 2007 ein Sketch aufgeführt über ein Gerät namens „Nazometer“, das bei problematischen Wörtern bezüglich der deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 Alarm schlagen sollte. Schmidt wie Pocher machten sich dann einen Spaß daraus zu sagen, dass man zu Hause einen Gasherd habe und morgens dusche.

Clemens Heni kommentierte, „solche Spaßvögel [finden] es lustig, mit der Vergasung der europäischen Juden insofern ein Spielchen zu treiben, als die Harmlosigkeit der Wörter »Gas« und »duschen« herausgestellt werden – warum leuchtet da der »Nazometer«? Für Holocaustüberlebende oder deren Nachkommen ist es nicht witzig, Späße darüber zu machen, dass es die Ermordung durch Duschen mit Gas in Auschwitz gab.

„Ich sage nur, was alle gedacht haben“

Pochers Humorkonzept basiert auf dem Spiel mit vermeintlich mutigen Tabubrüchen, die in Wirklichkeit nur vorhandene Ressentiments und Vorurteile reproduzieren, sei es gegen Türken oder Frauen.  So sorgte Pocher  im Juli 2005 für Aufsehen, als er in der ZDF-Show Gottschalk & Friends die Sängerin Mariah Carey beleidigte. In bester Herrenrundenmanier ging es um zu enge Kleider und Cellulite.  „Nie hat sich jemand über mich so lustig gemacht. Ich fand das erbärmlich“, sagte Carey später in der Bunten.

Pocher hingegen dürfte zufrieden gewesen sein, konnte er sich doch als Bad Boy des deutschen Humors profilieren. Dass diese Art von Humor aber nicht mutig ist, sondern Leute wie Pocher die Mehrheit hinter sich wähnen, räumt der Comedian selbst ein. Zu der Beleidigung gegenüber Carey sagte er seinerzeit in der „Bild“: „Ich glaube, ich habe nur gesagt, was jeder im Publikum gedacht hat.“ Jede Dummheit braucht offenkundig einen „Mutigen“, der sie ausspricht.

Siehe auch: Deutscher Humor: ohne Rassismus kein Witz, Die Statistik von den traurigen WitzenRassismus ohne KonsequenzenKeine Angst: wir sprechen Deutsch!Alltagsrassismus: Alles nur Theater?Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

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14 thoughts on “Ein Hetero räumt auf

  1. Was regt ihr euch über Pocher auf, der freut sich doch jeden Artikel.

    Aber diesem Leichtgewicht hier ein Forum zu geben, ich weiß nicht.

    Was meint denn dann der Autor zu Serdar Somuncu?(WIRKLICH!)

    Den ganzen Tag möcht ich auch nicht Political Correct sein, weswegen spielt ja auch Comedy und Kabarett mit den Vorurteilen spielt.

    Aber Pocher oder Kaya Yanar das ist doch nur billiges Witzeaufsagen, deswegen laßt die dort liegen wo ihr sie findet.

    Wer dagegen einen Pispers oder Hagen Rether besprechen möchte, nur zu!
    Das ist unterhaltung und aufklärung!

  2. Rassenhaß ≠ Rassismus ≠ privilegiertes Denken. Man muß nicht bewußt Andersaussehende ausgrenzen (geschweige denn gewaltsam verfolgen) wollen, um rassistischen Vorurteilen nachzuhängen; und man muß auch nicht politisch etwa der NPD nahestehen.

    Der Privilegsbegriff (als Gegenstück zur Diskriminierung) ist leider in deutschsprachigen progressiven Kreisen nicht ganz so verbreitet wie anderswo, ist aber sehr nützlich, um zu verstehen, wo die Probleme mit der oben von Stephan verkörperten Denkweise liegen. Ich würde jedem mal empfehlen, das Essay „Unpacking the Invisible Knapsack“ zu lesen (z.B. hier zu finden) – dieses bezieht sich zwar im Detail stark auf die Situation weißer Nordamerikaner gegenüber ihrer schwarzen Mitbürger, ist aber (obwohl es inzwischen fast 25 Jahre alt ist) sehr verallgemeinerungsfähig.

  3. @Stephan

    Der Pocher muß auf nichts achten, ebenso wenig wie die „Titanic“. – Jeder wird schon seine Rechtsabteilung bzw. seinen Anwalt haben, die/der vorher „ausloten“, wie weit man gehen kann. Bei Pocher bin ich aber der Meinung, dass er zu weit gegangen ist, so, wie es sicher Menschen gibt, die der „Titanic“ vorwerfen, dass sie zu weit ginge. – Und von mir waren auch keine Idioten (durch meine Umschreibung als „Kleingeister“) gemeint, sondern latente/potentielle Mörder a`la „Zwickauer Zelle“. – Sorry, für meine mißverstandene Umschreibung.

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