Die Erziehungsdiktatur

Anm.d.Red.: 
Der unten stehende Text ist aus dem Spätwinter 2012. Anlässlich der „Spiegel“-Ausgabe 10/2013, die allen Ernstes die humoristisch kaum noch zu toppende Warnung: „Essen kann tödlich sein“ auf dem Titel trägt, holen wir  diesen noch einmal aus dem Archiv. Essen kann tödlich sein?  Wer hätte das gedacht? Leben etwa auch?

In Hamburg findet am kommenden Wochenende das erste Alstervergnügen seit vielen Jahren statt – dem strengen Frost sei Dank. Doch die Buden mit Getränken und Essen stehen nicht auf dem Eis, so wie es bei früheren Gelegenheiten der Fall war, sondern am Ufer des Binnengewässers. Buden auf dem Eis? So etwas ist heutzutage angeblich viel zu gefährlich. Aus Sorge vor vermeintlichen oder möglichen Gefahren wird präventiv verboten, was gerade geht – von Eisbuden bis zu Saufgelagen in der Öffentlichkeit.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Wieviel Sinn ergibt ein Alstervergnügen, bei dem die Buden am Ufer stehen? Eigentlich gar keinen, ist es doch gerade der Witz an dieser Veranstaltung, dass man auf dem Eis steht und an den Ständen mit anderen Menschen Glühwein, Würstchen oder Kakao konsumiert, klönt, sich die Zeit vertreibt – und nicht erst zum Ufer laufen muss, an dem es auch den Rest der Dekade Essen und Trinken gibt. Der Logik der Behörde folgend könnten im Prinzip gleich das ganze Jahr über ein paar zusätzliche Buden neben den zahlreichen Ufer-Bars und Cafés stehen – und hätte dann immer “Alstervergnügen”.

Zugefrorene Alster (Foto: stinker/CC BY-NC-SA 2.0)
Warum hier keine Buden stehen? Weil es dann im Frühjahr vor lauter Müll gar keine Alster mehr gäbe. (Foto: stinker/CC BY-NC-SA 2.0)

Und warum müssen die Buden ans Ufer? Weil, so die zuständige Umweltbehörde der Hansestadt, wenn das Eis später schmilzt, könnte Müll in die Alster gelangen. Nun gäbe es die Möglichkeit, den Müll vor dem Schmelzen zu entfernen, aber das ist wahrscheinlich auch zu gefährlich. Mit solch bizarren Argumenten ließen sich künftig jede andere Festivität in Wassernähe unterbinden, immerhin könnte der Müll auch ins Wasser wehen, wenn jemand am Ufer grillt oder picknickt. Nicht auszudenken, was da alles passieren kann!

Alkohol? In Bus und Bahn? Viel zu gefährlich!

Spaß haben wird in Hamburg und anderen Großstädten ohnehin schwieriger: In den öffentlichen Verkehrsmitteln der Hansestadt darf kein Alkohol mehr getrunken werden, einen konkreten Anlass für das Verbot gab es nicht. Es sei den Fahrgästen einfach nicht mehr zuzumuten, hieß es. Die als Legitimation angeführte Umfrage, wonach dieses Verbot bei den meisten Kunden auf Zustimmung gestoßen sei, warf zwar einige methodische Fragen auf, aber die stellte vorsichtshalber kein Journalist. Wer will sich schon mit der Mehrheit anlegen? Vor allem, wo doch jeder weiß, dass alles immer schlimmer wird. Wie die Abermillionen Fahrgäste des HVV in den vielen Jahrzehnten zuvor die Feierabend-Biertrinker und Feier-Jugendlichen aushalten konnten, bleibt ein Rätsel. Auch dass die Fahrgastzahlen immer weiter wuchsen, trotz des Alkohols, ficht die Verbots-Befürworter nicht an.

Auch beim Fußball sitzen die Besucher immer öfter auf dem Trockenen. Grund: Die Einschätzungen der Polizei, nach denen es sich bei vielen Partien um “Sicherheitsspiele” handele. Für Gästefans gibt es ohnehin in den meisten Stadien nur noch Alkoholfreies – schließlich ist man nur während der WM zu Gast bei Freunden. Dass diese Alkoholverbote überflüssig bis kontraproduktiv sein könnten, weil Auswärtsfans meistens auf der Fahrt schon einiges konsumiert haben, und die Heimfans dann vor dem Spiel in bester britischer Pub-Manier ins “Binge drinking” (in manchen Gegenden auch “Sturzkampftrinken” genannt) verfallen, scheint kaum einem Ordnungshüter jemals in den Sinn gekommen zu sein.

Wo man hinschaut: Rauchende Hooligans im Park

Rauchender Mann im Park (Foto: stringberd/CC BY-NC-SA 2.0)
Rauchen im Park? In der Sonne? Verrückt! (Foto: stringberd/CC BY-NC-SA 2.0)

Und auch Raucher haben es nicht nur in den Familienblöcken der Arenen sowie beim Bahnfahren zunehmend schwer. Raucherabteile gibt es nicht mehr, aber auch auf offenen Haltestellen, also an der mehr oder weniger frischen Luft, ist das Rauchen nur noch in “Smoking Areas” erlaubt. Und im Hamburger Bezirk Eimsbüttel wurde das Rauchen auf Spielplätzen verboten, offenkundig ein akutes Problem, das bislang niemanden auffiel. In Nordrhein-Westfalen kämpft eine grüne Umweltministerin derzeit für das totale Rauchverbot in der Gastronomie – zum Schutz der Volksgesundheit versteht sich.

Schlägt man dann bei Bier und Zigarette zu Hause die Zeitung oder den Newsfeed auf, reibt man sich verwundert die Augen: Die Bundesliga boomt seit Jahren, es werden immer neue Besucherrekorde aufgestellt. Dabei unterliegen die geschätzten Angaben der Polizeibehörden über das gewaltbereite Fan-Potential zumindest in den letzten Jahren nur geringfügigen Änderungen. Das teilte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage mit. In den vergangenen zwölf Spielzeiten wurden demnach in der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga insgesamt 1.165 Polizeibeamte durch Fans verletzt. Zugleich wurden 4.044 weitere Menschen – Hooligans und unbeteiligte Personen – verletzt. Das ist nicht schön, aber wenn man sich die Zuschauerzahlen in den obersten beide Ligen anschaut, relativiert sich die Gefahr, vor der öffentlich gerne gewarnt wird. Allein in der Saison 2010/2011 strömten mehr als 17 Millionen (!) Menschen in die Stadien der 36 Bundesligisten. Statistisch dürfte Schlittschuhlaufen also deutlich gefährlicher sein – es sei denn natürlich, es stehen Buden auf dem Eis.

Tödliche Gefahren lauern immer und überall

Fettes Essen, Müßiggang, Kampfhunde, Fußballgewalt, Alkoholexzesse bei Jugendlichen, Rauchen, E-Zigaretten, Fahrradfahren ohne Helm, Autofahren ohne Gurt – und neuerdings auch Aspirin – alles, alles, alles ist gefährlich – und könnte, sollte, müsste – wenn schon nicht verboten, so doch zumindest eingeschränkt, rezeptpflichtig, verordnungsbedürftig, indiziert, verbannt, mit Strafzöllen belegt, mit Fettsteuer gebrandmarkt, von Hartz-IV-Bedarfslisten gestrichen werden. Womit wir beim Punkt wären: Nicht ganz zufällig tobte sich der Ungeist des spießbürgerlichen Kontrollwahns zunächst an den bevorzugten Vergnügungen des männlichen Proleten (Fußballgewalt, Alkohol, Kampfhunde) aus und setzte bei Rockerbanden und Teenagergangs an. Über 8-Zylinder-Motoren, den ÖPNV und “gesundheitsfördernde Maßnahmen” der Krankenkassen (wer sich entzieht, zahlt mehr) hielt er schließlich Einzug ins dunkle Herz des Neo-Biedermeiers und verbreitet nunmehr seinen Erziehungsterror in der so genannten Mitte der Gesellschaft.

Denn alles Verbieten ist – so scheint es – letztlich nur die Verlagerung eines ganz anderen Sicherheitsbedürfnisses: Im gleichen Maße, in dem die Lebensverhältnisse zunehmend “entsichert“ werden – indem Lebensrisiken wie Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit zu individuellem Versagen deklariert werden – statt zu gesellschaftlich zu lösenden Problemen; im gleichen Maße steigt offenbar das Bedürfnis, dann wenigstens auf anderen Feldern für “Sicherheit” zu sorgen. Zeitarbeit, Befristung, “Freie” Tätigkeit? Kein Geld für Miete, Auto, Zahnersatz? Dann aber wenigstens nicht mehr so viel saufen. Weil der gemeine Prolet leider aber zu doof ist, zu erkennen, was gut für ihn ist bzw. die Erfordernisse der Zeit sind, muss man ihn über Preiszuschläge und Verbote eben erziehen. Weniger Bier statt mehr Bildung lautet das populäre Konzept. Und weil sich das arbeitende Kleinbürgerlein derlei Missetaten schon längst selbst verboten hat, dürfen diese ja wohl erst Recht den Prolos in der Bahn oder in der Freiburger Fußgängerzone nicht erlaubt sein.

Von der Wiege bis zur Bahre – nichts als Gefahren

Rauchende Mutter Bad Girl (AnciPerfekt/CC BY-NC-SA 2.0)
Feinbild Nummer eins der reproduktiven Volksgemeinschaft: Das „Bad Girl“ – die rauchende Mutter (AnciPerfekt/CC BY-NC-SA 2.0)

Dass Gewaltkriminalität seit Jahrzehnten abnimmt, wie überhaupt Kriminalität insgesamt rückläufig ist, während die Aufklärungsquoten immer weiter ansteigen, dass es immer weniger Verkehrstote, immer weniger Drogentote, immer weniger missbrauchte Kinder gibt, dass wir alle immer älter werden, immer weniger schwere Krankheiten haben – all das ficht die Kulturpessimisten der parteiübergreifenden Verbotsfraktionen nicht an. Denn für Kinder-, Jugend-, Nichtraucher-, Umwelt- und Klimaschutz ist noch lange nicht genug verboten. Lust auf Law-and-Order sowie ökologisches Bewusstsein haben hier zueinander gefunden.

Immerhin haben wir Mittelalten und Älteren noch Zeiten erlebt, in denen die Reglementierungswut noch nicht so weit fortgeschritten, bzw. gesellschaftlich noch nicht so akzeptiert war. Der heutige Nachwuchs erlebt hingegen schon früh, welche Gefahren überall lauern. Schokolade? Bitte nicht! In Kindergärten führen kleine Naschereien schon mal zu einem Eklat auf dem Elternabend – und für Psychoterror im Vorschulalter. Die Sorge vor vermeintlichen Gefahren für die lieben Kleinen treibt aber auch noch andere seltsame Blüten: Aus Angst vor Nebenwirkungen vermeiden es einige Eltern, ihre Kinder zu impfen und riskieren lieber eine satte Kinderkrankheit. Selbstmord aus Angst vor dem Tod – so lautet offenbar die Devise. Denn auch im Alter, also ab dem Jahr 2075 aufwärts, da dürfen die heutigen Kleinen sowieso nichts mehr erwarten, wegen der „demografischen Katastrophe“ und dem „maroden Rentensystemen“. Möglicherweise züchten die heutigen mittleren Generationen mit ihrem paranoiden und lustfeindlichen Weltbild aber auch gerade einen Nachwuchs heran, der wegen der angeblich mannigfaltigen Gefahren und der vermeintlich düsteren Zukunft ein altes Motto wiederentdeckt: “Jung kaputt spart Altersheime!

Siehe auch: Freiheit oder OrdnungOpposition dringend gesucht!Flaschen weg – oder es knallt (trotzdem)!Leben birgt LebensgefahrFußball, Schwachsinn, DFBBlitz-Marathon: Wichtigtuer ReloadedDas ausgebrannte Volk, “Gewaltmusik”: Verlautbarungen aus einer anderen Welt, Muße ist eine Haltung, Der Preis des deutschen “Jobwunders”, Die permanente Ruhe vor dem Sturm, Früher war alles besser!,

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