„Gewaltmusik“: Verlautbarungen aus einer anderen Welt

Der promovierte Musikwissenschaftler Klaus Miehling hat sich im Lauf der Jahre bei Populärmusikfans einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet. Denn tatsächlich führt Miehling die Missstände der westlichen Gesellschaften in erheblichem Umfang auf das Hören von Popmusik zurück. Diese Musik bezeichnet er aufgrund ihrer vermeintlich klanglichen Aggressivität als “Gewaltmusik“. Neulich schreckte der Wissenschaftler auch nicht davor zurück, sich zum Thema Rechtsextremismus provozierend zu äußern.   

Von Stefan Kubon

Miehling ist ein diskursfreudiger Zeitgenosse. In der Gästebuchrubrik seiner Homepage diskutiert er seit vielen Jahren mit seinen zahlreichen Kritikern. Dabei wird dem Musikwissenschaftler immer wieder vorgehalten, dass seine Thesen hinsichtlich einer negativen Wirkung der Popmusik falsch seien. Allerdings hat Miehling kaum Mühen gescheut, die angebliche Richtigkeit seiner Thesen zu beweisen. Im Jahr 2006 veröffentlichte er das Buch “Gewaltmusik – Musikgewalt: Populäre Musik und die Folgen“, das immerhin einen Umfang von 686 Seiten aufweist.

Wie für die "Gewaltmusik" gemalt: die norwegische Band Immortal
Wie für die "Gewaltmusik" gemalt: die norwegische Band Immortal

Außerdem stehen auf Miehlings Webseite viele Aufsätze zur Einsicht bereit, in denen er ebenfalls seine Kritik an der Popmusik darlegt. Ferner verkündet der umtriebige Wissenschaftler seine Thesen durch den sogenannten “Gewaltmusik-Nachrichtenbrief“ (GMNB). Den GMNB gibt es bereits seit einigen Jahren, er erscheint wöchentlich. Eine ausgewählte Gruppe an Personen erhält ihn automatisch zugesandt. Doch er steht auch auf Miehlings Homepage zum Gratis-Download bereit. Beim Lesen der vielfältigen Veröffentlichungen wird schnell klar, dass man es hier mit einem konservativen bis reaktionären Menschen zu tun hat.

Reaktionäres Weltbild

Miehling geht davon aus, dass die bundesdeutsche Gesellschaft seit den 1950er Jahren von einem kulturellen Zerfallsprozess geprägt ist. Dafür soll angeblich in einem beachtlichen Ausmaß die Popmusik verantwortlich sein. Erwartungsgemäß beurteilt Miehling die Studentenrevolte von 1968 als ein äußerst dekadentes historisches Ereignis. Auch dieser vermeintliche Höhepunkt kultureller Dekadenz sei nicht zuletzt durch den Siegeszug der “Gewaltmusik“ erklärbar. Zumindest basieren die reaktionären Sichtweisen des Musikwissenschaftlers in einem Punkt auf einem wahren Sachverhalt: Die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte der Popmusik begann in der Tat in den 1950er Jahren.

Bislang ist Miehling eigentlich nur bei kulturellen Fragen als besonders verwegener Diskursteilnehmer aufgefallen. Inzwischen führt sein Kampf gegen die “Gewaltmusik“ aber dazu, dass er sich auch bei poltischen Themen überaus provozierend zu Wort meldet. So hat er neuerdings sehr kühne Thesen zum Thema Rechtsextremismus im Angebot.    

Am 2. Januar dieses Jahres sah sich Miehling in seinem Gästebuch mit der Kritik eines besonders aufgebrachten Besuchers konfrontiert. Der Kritiker monierte, dass Miehling bei seinem publizistischen Kampf gegen die “Gewaltmusik“ auf ein Videoangebot der rechtspopulistischen Partei “Bürgerbewegung pro Deutschland“ (PRO D) hingewiesen hatte. Als diskursfreudiger Zeitgenosse war Miehling freilich nicht um eine Antwort verlegen. Eine mitunter sehr verblüffende Diskussion zum Thema Rechtsextremismus nahm ihren Lauf.

Verharmlosung des Rechtsextremismus

Erwartungsgemäß sorgte Miehling für den tragisch-komischen Höhepunkt des Gesprächs. Denn nachdem sein Gesprächspartner ihm mitgeteilt hatte, schon mehrfach von Rechtsextremisten bedroht worden zu sein, gab der “Gewaltmusik“-Kritiker Miehling am 4. Januar unter anderem Folgendes zum Besten: “Was ich bisher von Pro Deutschland gelesen und gesehen habe, hat nichts mit Extremismus zu tun. Ich bin aber nicht Mitglied dieser Partei und muss mich daher nicht für ihre Inhalte und Mitglieder rechtfertigen. Ich wüsste keine Partei oder Gruppierung im konservativen Bereich, die nicht schon von politisch Andersdenkenden des Extremismus bezichtigt worden wäre. Welche würden Sie denn empfehlen? Ich kann extremistische Ansätze allenfalls bei der NPD erkennen, und wenn diese so deutlich wären, wäre die Partei bereits verboten. Vielleicht wissen Sie mehr als ich, aber Sie können mir nicht vorwerfen, dass ich mir aufgrund der mir vorliegenden Informationen eine eigene Meinung bilde.“

Auch wenn viele Leser langsam daran zweifeln werden: Den Musikwissenschaftler Klaus Miehling gibt es wirklich (zumindest nach den mir vorliegenden Informationen). Machen wir uns also das schier Unglaubliche nachhaltig bewusst und fassen zusammen: Miehling äußert sich seit Jahren regelmäßig zum kulturellen Zustand der bundesdeutschen Gesellschaft. Und zweifellos lebt er nicht im Ausland, sondern in Deutschland. Trotzdem scheint es so, als ob Miehling nicht in der Lage ist, relativ schlichte Sachverhalte zu rezipieren. Um das krasseste Beispiel zu nennen: Seit Jahren ist es ein weitverbreiteter Konsens, dass es sich bei der NPD um eine rechtsextreme Partei handelt. Selbst rechte Politiker, Parteien und Zeitungen sind sich dessen sicher. Doch Miehling behauptet allen Ernstes, dass “extremistische Ansätze allenfalls bei der NPD“ zu erkennen sind. Obwohl Miehling auf dem Planeten Erde beheimatet ist, muss man daran zweifeln, ob seine “vorliegenden Informationen“ tatsächlich von dieser Welt sein können.

Ein Hauch von Selbstzweifel 

Fairerweise sei aber auch daran erinnert, dass er es immerhin für möglich hält, in Sachen Rechtsextremismus nicht ausreichend informiert zu sein (“Vielleicht wissen Sie mehr als ich“). Aber selbst bei diesem durchaus ehrlich wirkenden Aufflackern eines Selbstzweifels vollbringt Miehling ein besonderes Kunststück: Er vermittelt den Eindruck, jeder halbwegs informierte Zeitgenosse sei im Besitz eines ganz exklusiven Geheimwissens. 

In dem besagten Text vom 4. Januar berichtet Miehling noch davon, dass ihm der Parteivorsitzende von PRO D, Manfred Rouhs, in Aussicht gestellt habe, er könne in dessen Zeitschrift “nation24.de“ einen Artikel zum Thema “Gewaltmusik“ veröffentlichen. Anschließend beendet Miehling seinen Text, indem er erklärt, er würde auch mit linken politischen Kräften zusammenarbeiten, wenn er dort seine Ansichten zur “Gewaltmusik“ verbreiten könnte: “Und, ja, wenn die linke TAZ mir dieses Angebot machen würde, würde ich es ebenfalls annehmen. Ich bin nämlich bereit, mit jeder politischen Richtung, die in unserem Land nicht als verfassungsfeindlich verboten ist, in den Dialog zu treten.“

Eine fast grenzenlose Diskursbereitschaft

Selbstzweifel sind bei Miehling eher die Ausnahme als die Regel. Wenn es um sein eigentliches Steckenpferd “Gewaltmusik“ geht, gewinnt man fast immer den Eindruck, dass er von seiner Sache vollständig überzeugt ist. Diese Leidenschaft für ein Thema, das man bestenfalls als merkwürdig bezeichnen kann, wirkt auf viele Menschen äußerst irritierend. Tatsächlich geben fast alle seine Gesprächspartner irgendwann völlig entnervt auf, wenn sie mit Miehlings Selbstsicherheit und seinen absurden Ansichten konfrontiert werden. Die Menge an Diskutanten, die Miehling im Lauf der Jahre verschlissen hat, ist beträchtlich.

Viele Besucher seines Gästebuchs versuchen aber erst gar nicht, eine ernsthafte Diskussion zu führen. Manche machen sich über ihn lustig, andere beschimpfen ihn sogar aufs Übelste. Oftmals lässt Miehling solche Kommentare in seinem Gästebuch stehen, weil er glaubt, damit beweisen zu können, wie verkommen die Welt der Populärmusik ist. Mittlerweile haben die Diskussionen auf Miehlings Webseite eine neue Größenordnung erreicht. So sah sich der Wissenschaftler am 24. Januar dieses Jahres dazu veranlasst, seine Homepage mit einer neuen Rubrik auszustatten. Bezeichnenderweise trägt sie den Namen “Korrespondenz (Beiträge, die zu lang für das Gästebuch sind)“.

Gefährlichkeit und Attraktivität des Themas “Gewaltmusik“

Miehlings Thesen zur “Gewaltmusik“ sind sicherlich reaktionär. Doch als wirklich gefährlich wird man sie kaum bezeichnen können. Selbst in rechten Kreisen dürfte er mit seinen skurrilen Thesen zur Popmusik auf weitgehend taube Ohren stoßen. Wie soll mit dieser Botschaft beispielsweise die popmusikbegeisterte Jugend geködert werden?! Und trotz Miehlings Aussage in Sachen “nation24.de“: Die meisten rechten Narrenblätter werden wahrscheinlich kein sonderlich großes Interesse daran haben, ihrer ohnehin schon lächerlichen Kulturkritik noch mit dem besonders grotesk wirkenden Thema “Gewaltmusik“ die Krone aufzusetzen.

Bislang dürfte Miehling mit seinen grobschlächtigen Ansichten zur Popmusik noch nicht allzu viel Schaden angerichtet haben. Erstaunlich bleibt, dass er als echter Liebhaber klassischer Musik zweifelsfrei auch ein feinsinniger Mensch ist. In diesem Zusammenhang ist er unter anderem als Komponist und Musiker tätig. Leider mangelt es Miehling nicht nur bei seinen Aussagen zur Popmusik an Feingefühl. Seine Kommentare zum Rechtsextremismus könnten Opfer rechter Gewalt durchaus als Verhöhnung empfinden. Zumindest sind sie eine eklatante Verharmlosung dieser menschenverachtenden Ideologie. Man kann Miehling nur wünschen, dass er bei seinem weltfremden Kampf gegen die “Gewaltmusik“ nicht noch weiter auf rechte Abwege gerät.

Klaus Miehlings Buch “Gewaltmusik – Musikgewalt: Populäre Musik und die Folgen“ hat Stefan Kubon für das Online-Musikmagazin “Amboss-Mag.de“ rezensiert: http://www.amboss-mag.de/reviews/Archiv2/09/r04-09/buch-gewaltmusik.html

 

21 thoughts on “„Gewaltmusik“: Verlautbarungen aus einer anderen Welt

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Klaus Miehling,

    meines Wissens gibt es keine “unvoreingenommenen Leser“. Jeder Mensch ist “voreingenommen“ bzw. argumentiert auf der Basis seiner eigenen Weltsicht.

    Auf der Basis dieser kurzen Vorrede möchte ich behaupten, dass unsere Meinungsverschiedenheiten (Beispiel: “eklatante Verharmlosung des Rechtsextremismus“) insbesondere daher rühren, dass wir beide von einem unterschiedlichen Rechtsextremismus-Begriff ausgehen. Und aufgrund Ihrer Einschätzung der NPD wage ich zu behaupten, dass Ihr Rechtsextremismus-Begriff ziemlich eng gefasst ist.

    Doch ganz unabhängig von diesem unterschiedlichen Begriffsverständnis glaube ich Ihnen gerne, wenn Sie sagen, dass Sie rechtsextreme “Gewaltmusik“ ablehnen. Schließlich lehnen Sie ja jede Form der “Gewaltmusik“ ab. Diesen Punkt hat ja auch schon “Chewie“ angesprochen.

    Noch zum Begriff “reaktionär“ (obwohl sich auch hierzu bereits “Chewie“ sehr erkenntnisfördernd geäußert hat):
    Dass Ihnen die Verwendung des Begriffs “reaktionär“ nur aus einem Milieu geläufig ist, das Sie als “linksextrem“ begreifen, glaube ich Ihnen ebenfalls gerne. Ganz unabhängig von Ihrer Wahrnehmung: Nach meinem Verständnis bezeichnet der Begriff “reaktionär“ ein Denken und Handeln, das gegen emanzipatorische bzw. fortschrittliche Bewegungen Position bezieht. Und meines Erachtens beziehen Sie gegen solche Bewegungen Position. Selbstverständlich dürfen Sie das ganz anders sehen. Vermutlich haben wir beide auch schlichtweg verschiedene Auffassungen davon, was die Begriffe “Emanzipation“ und “Fortschritt“ bedeuten.

    Schauen Sie sich doch einfach ein bisschen auf publikative.org um. Dann bekommen Sie meines Erachtens einen guten Eindruck davon, was man unter den Begriffen “Emanzipation“ und “Fortschritt“ verstehen könnte. Nicht zuletzt empfehle ich Ihnen den Artikel “Muße ist eine Haltung“. Schauen Sie sich das dazugehörige Foto an. Vielleicht empfinden Sie ein Gefühl des Friedens dabei. Das würde ich Ihnen zumindest wünschen.

    Ein letzter gutgemeinter Tipp: Halten Sie sich von rechtspopulistischen Gruppierungen fern. Diese politischen Kräfte dürften in der Regel kein Problem damit haben, wenn Asylbewerber und Flüchtlinge brutal abgeschoben werden (auch in Folterstaaten!). Wie können Sie mit diesen Kräften zusammenarbeiten, wenn Sie sich eine Welt wünschen, in der es weniger Gewalt gibt?

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Stefan Kubon

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