Die Statistik von den traurigen Witzen

Wenn der nette Nachbar einer Jüdin einen antisemitischen Witz erzählt und sie diesen Nazi-Humor nicht goutiert, sind die Juden überempfindlich. Das meint zumindest der nette Nachbar, der natürlich kein Antisemit sein will – genau wie die meisten anderen Antisemiten, die laut einer Studie immerhin ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen.

Von Ramona Ambs, zuerst veröffentlicht bei Hagalil

20 Prozent der Deutschen sind latent antisemitisch -hat eine Studie kürzlich festgestellt. Das sind, wie Norbert Lammert treffend festgestellt hat, “für Deutschland zwanzig Prozent zuviel”. Da hat er Recht. Aber mit einem gewissen Prozentsatz an Irren muss man ja leben. In jedem Land, in jeder Gesellschaft. Man muss nur aufpassen, dass es nicht zu viele werden. Und man sollte dafür sorgen, dass die Atmosphäre in der Gesellschaft so ist, dass sich die Antisemiten in einer geächteten Minderheit wähnen – und deshalb die Klappe halten. Das ist nämlich angenehmer…

Problematisch bei der ganzen Geschichte sind aber eigentlich nicht die Zahlen, sondern das, was hinter diesen Zahlen steht. Die Leute und ihre Einstellungen. Und nein, ich meine gerade nicht die offensiven Antisemiten, die ganz bewusst Juden hassen und das auch sagen. Und nein, ich rede auch nicht von erzkonservativen Akademikern, die ihren Judenhass in einem religiösen oder historischen Kontext verschleiern, und ich rede auch nicht von einigen hyperlinken Palästinafreunden, die ihren Judenhass in Israelkritik verkleiden. Ich rede von Otto Normalbürger. Von Otto, der gar nicht merkt, dass er sich antisemitisch äußert, weil ihm schlicht die Bildung, und zwar sowohl die intellektuelle wie auch die Herzensbildung, fehlt, um Antisemitismus als solchen zu erkennen. Belege dafür finden sich viele im Alltag. Zum Beispiel beim Humor. Mal was Konkretes gefällig? Bitte…

Es ist so eine Sache mit dem Humor. Jeder hat einen anderen. Allerdings gilt der jüdische Humor vielen als besonders gut. Auch und vor allem unseren nichtjüdischen Mitbürgern. So kam es, dass mir kürzlich ein freundlicher Nachbar, im folgenden „Otto“ genannt, mitten auf der Straße den neusten jüdischen Witz, den er kannte, erzählte. Natürlich war der Witz uralt. Ich kannte ihn schon und hab das auch dummerweise sofort gesagt. Das hätt ich mal besser nicht getan, denn nun war sein Ehrgeiz geweckt. Otto erzählte mir einen anderen und dann noch einen und noch einen- aber ich kannte sie schon alle. Grade als ich mir vorgenommen hatte, beim nächsten Witz überrascht zu tun, zu lachen und zu sagen, dass ich diesen nun wirklich noch nie gehört habe, erzählte er mir einen Witz, den ich so tatsächlich noch nie gehört hatte:

„Was ist der Unterschied zwischen einer Pizza und einem Juden?“ fragte Otto und fuhr sogleich fort: „Die Pizza schreit nicht, wenn sie in den Ofen kommt.“ Otto lachte sich kaputt, so komisch fand er den Witz.

Ich nicht.

Nachdem ich mich von meinem Schock erholt hatte, versuchte ich ihm zu erklären, warum das kein jüdischer, sondern ein antisemitischer Witz sei. Aber Otto reagierte abwehrend. Ich sei halt überempfindlich, erklärte er mir. Wie eigentlich alle Juden dauernd überempfindlich seien. Immer würden wir uns beschweren. Das würde aber zu Antisemitismus führen, man solle sich da nichts vormachen. Seine Stimme ist fürsorglich, er beteuert, er habe mich nicht verletzen wollen. Ich glaube ihm das sogar. Otto ist ja kein böswilliger Judenhasser. Er ist zwar Akademiker, aber er weiß eben einfach nicht, was Antisemitismus ist. Und weil er das nicht weiß, kann er auch nicht den Vorwurf akzeptieren, dass er sich antisemitisch äußert, ja dass er sogar antisemitisch denkt. Er merkt es nicht, er weiss es nicht.

Judenwitze im Netz - garantiert nicht antisemitisch gemeint...
Judenwitze im Netz - garantiert nicht antisemitisch gemeint...

Otto glaubt, er sei ein Freund der Juden, ja, wo er doch sogar jüdische Witze so toll findet und vor zwei Wochen auf einem Klezmerkonzert war… Otto ist wie Otto Normalbürger, er hält sich nicht für antisemitisch – und genau darin liegt das Problem.

Denn virulent und gefährlich ist genau der Antisemitismus, der lieb daherkommt. So einem Otto, dem kann man doch nichts übel nehmen. Der meint es doch gut. Und wenn so einer dann kritisiert wird, dann kann doch was nicht stimmen mit den Juden… Und deshalb sind die zwanzig Prozent auch schlimmer, als sie sich anhören. Denn unter diesen zwanzig Prozent sind viele Leute wie Otto. Leute, die sich für völlig integer halten, Leute, die es gut meinen, mit den Juden und die überhaupt nicht verstehen, was an ihren Gedanken falsch sein könnte. Aber es sind genau diese Ottos, die harmlos schleichend und in bester Absicht dafür sorgen, dass der Antisemitismus fester Bestandteil dieser Gesellschaft bleibt. Deshalb ist diese neue Studie des Expertengremiums im Grunde eine Statistik von traurigen Witzen.

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14 thoughts on “Die Statistik von den traurigen Witzen

  1. @Quarktasche:

    Ich möchte Sie gerne darauf hinweisen, dass sie rassistische Muster und Zuschreibungen verwenden:

    – „erzählen sie das einem Afrikaner“, obwohl Sie dann differenziert von Österreichern und Deutschen sprechen, und nicht von den Europäern, wie sie es ja konsequenterweise tun müssten, oder?
    – „der Afrikaner wird nicht wissen, was ein Ofen ist“ – > also sind alle Afrikaner entweder nicht in der Lage, die deutsche Geschichte zu kennen, oder sie verstehen nicht, was ein Ofen ist? Oder meinen sie die sprachlichen Missverständnisse? Aber was hat das dann mit dem Artikel zu tun?

    War sicher nicht böse gemeint, aber genau darum gehts ja im Artikel, also bitte achten Sie zukünftig darauf, um andere Menschen nicht mit irgendwelchen Zuschreibungen zu konfronieren.

    Danke!

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