„Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!“

Am Holocaust-Gedenktag 2012 erinnert Publiktive.org an den jüdischen Widerstand in Auschwitz. „Habt keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!“ – dieser Appell stammt von Mala Zimetbaum, die nach einem zunächst erfolgreichen Fluchtversuch in dem Vernichtungslager ermordet wurde.

Von Marco Kühnert*

So spricht kein „Opfer“.

So sprach vielmehr eine mutige junge Frau am Ende ihres viel zu kurzen Lebens. Mala Zimetbaum rief diese Worte ihren zum Appell angetretenen Kameradinnen im Frauenlager des KZ Auschwitz zu, als sie nach einem zunächst erfolgreichen Fluchtversuch, an der slowakischen Grenze gefasst und zurück ins Lager verbracht, verhört, bis zur Unkenntlichkeit misshandelt und zum Tode am Galgen verurteilt, eben diesem zugeführt wurde. Die SS hatte den Appell befohlen, um ein Exempel zu statuieren, um die anderen Gefangenen abzuschrecken – denn Mala Zimetbaum war die erste Frau, welche die Flucht aus Auschwitz unternommen hatte; dies hinterließ großen Eindruck bei ihren Mitgefangenen.

So stirbt kein „Opfer“.

Diese Präventionsstrategie der SS wurde von ihr durchkreuzt. Auf dem Weg zum Galgen gelang es Mala Zimetbaum, sich mit einer in ihren Haaren versteckten Rasierklinge die Pulsadern aufzuschneiden. Als ihr daraufhin ein SS-Mann den Arm brach, schaffte sie es dennoch, diesem ins Gesicht zu schlagen und den versammelten Frauen zuzurufen: „Habt keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe. Ich weiß es, denn ich war in der Freiheit!“[1] Konfrontiert mit einem solchen Akt des selbstbestimmten Handelns und der Auflehnung, schlugen und traten SS-Aufseher voller Wut auf sie ein. Gleichzeitig wurde ihre Verbrennung bei lebendigem Leibe im Krematorium angekündigt – wozu es letztlich nicht kam; Mala Zimetbaum wurde im Krematorium erschossen.

So handelt kein „Opfer“.

Mala Zimetbaum, die am Tag der Entstehung dieses Artikels, am 26. Januar 2012, ihren 90. oder 94. Geburtstag begangen hätte,[2] war nicht einfach „Opfer“. Dies ist schon am rasenden Zorn der SS-Männer zu erkennen, als sie sich diesem zugedachten Status final entzog. Mala Zimetbaum war und blieb – entgegen dem ausdrücklichen Willen und Handeln der SS – stets Person und Persönlichkeit, Frau und Mensch. Sie war eine jüdische Widerstandskämpferin, über deren zweijährige Haftzeit in Auschwitz (von September 1942 bis September 1944) zahlreiche Zeugnisse abgelegt wurden von ehemaligen Häftlingen, die ihr das Überleben verdankten.

Da sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse (Polnisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Flämisch) als Dolmetscherin und „Läuferin“ eingesetzt wurde, gewann sie schnell das Vertrauen der SS-Frauen und erhielt die typischen mit einer derartigen Stellung verbundenen Privilegien. Aus dieser Funktion heraus „tat Mala Zimetbaum alles, um den anderen Häftlingen zu helfen; unter den mit Lagerämtern betrauten Häftlingen war sie eine der wenigen, die die Sympathie der Lagerinsassen genossen“ (Israel Gutman).

Denkmal für die Helden des Ghettos in Warschau zur Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto ( Bildhauer: Natan Rappaport, Architekt: Leon Marek Suzin).
Denkmal für die Helden des Ghettos in Warschau zur Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto ( Bildhauer: Natan Rappaport, Architekt: Leon Marek Suzin).

Was heißt das konkret? Sie organisierte Nahrungsmittel für schwer hungernde Mithäftlinge: „Manchmal brachte sie mir etwas Brot, ein wenig Honig, eine Karotte. Ohne dies wäre ich gestorben.“ (Anna Palarczyk). Sie schmuggelte in ihrer Funktion als Läuferin Medizin für schwerkranke Gefangene nach Birkenau: „’News for you from Birkenau,‘ one of my comrades told me. I hurried to the lavatory, the usual place for secret meetings. Mala was waiting there. ‚Greetings from your friend,‘ she said. ‚She is ill; she needs medicine, Digitalis or Cardiazol.‘ – ‚I don’t have any,‘ I said desperately; ‚I shall try and get some but no one dares to smuggle anything into Birkenau…‘ – ‚I will,‘ Mala interrupted me with a handwave, and she did.“ (Raya Kagan). In ihrer Zuständigkeit für den Arbeitseinsatz der aus dem Krankenrevier entlassenen Frauen achtete sie darauf, dass die Schwächeren in die etwas erträglicheren Kommandos kamen, um für diese jedenfalls eine kleine Überlebenschance zu erhalten.

Giza Weisblum, eine Verwandte, fasste all dies in zusammen in den Worten: „Mala was known as a person ready to help. She used to act in the way she regarded as appropriate, and, regardless of nationality or political affiliation, helped everyone as best as she could.“

Wir gedenken der „Opfer“.

Sollte dem deutschen Gedenken gelingen, was der Lager-SS in Auschwitz nicht gelungen ist? – nämlich Mala Zimetbaum posthum in die Passivität drängen, ihre Eigenständigkeit aberkennen, ihren Mut negieren, ihr selbstbestimmtes Handeln bestreiten, ihre Auflehnung angesichts des Todes verleugnen? – indem sie zum „Opfer“ erklärt, nein, reduziert wird?

Seit der entsprechenden Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog im Jahre 1996 wird in der Bundesrepublik Deutschland der 27. Januar als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen. Laut Erläuterung des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages „wird an die Millionen von Menschen erinnert, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt und ermordet wurden.“

Diese Diktion wurde von den Vereinten Nationen kritiklos übernommen: im November 2005 bestimmte die UNO-Vollversammlung den 27. Januar zum „International Day of Commemoration in Memory of the Victims of the Holocaust“. Der Gedenktag sei, so der damalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan, „eine wichtige Mahnung an die universelle Lektion des Holocaust“.

Aber was ist die Substanz dieser Aussage? Was genau beinhaltet denn diese „universelle Lektion“ über Adornos Forderung an jede Erziehung, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“, hinaus? Mit der Entscheidung für den 27. Januar als „Opfer“-Gedenktag wird jedenfalls eine problematische Täter-Opfer-Dichotomie als sehr zentrales Element der Memorialkultur festgeschrieben, die den vielfachen und den vielfältigen Widerstand, auch und gerade getragen von Jüdinnen und Juden, gegen die NS-Besatzung und gegen die Shoa unzulässig marginalisiert oder gar ausblendet.

*Marco Kühnert, Historiker, langjähriger freier Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Stadtführungen Hamburg

 Siehe auch: “Besprechung mit anschließendem Frühstück”, Auschwitz-Komitee appelliert: Handeln Sie endlich!, Die Erinnerung bleibt, Historikerstreit 2.0: Wiederaufführung ohne neue Argumente, Adolf Eichmann und der BND, Adolf Eichmann – der Stratege der Vernichtung


[1] Es finden sich in der Forschungsliteratur zahlreiche unterschiedliche Berichte über Mala Zimetbaums letzte Worte. Die hier wiedergegebene Version scheint jedoch am glaubhaftesten zu sein, denn sie ist von mehreren Auschwitz-Überlebenden bezeugt; u.a. von Giza Weisblum und Louise Alcan.

[2] Mala Zimetbaum wurde am 26. Januar 1918 oder 1922 geboren.

8 thoughts on “„Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!“

  1. Den Juden wäre ein massiver Widerstand viel leichter gefallen, wenn man sie seit 1938 nicht systematisch entwaffnet hätte. Als brave Staatsbürger haben sie ihre Waffen abgegeben und waren fortan wehrlos.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Entwaffnung_der_deutschen_Juden

    Je undemokratischer und repressiver ein Staat wird, desto mehr wird er seinen Bürgern verbieten. Mit Hetze in den Medien fängt es an. Dann kommen die Waffenverbote wegen der „öffentlichen Sicherheit“ und dann wird scheibchenweise weitergemacht.

    Wehret den Anfängen! Seid wachsam!

  2. Mir kommt das so vor, als solle der Ermordung so vieler Menschen im Nachhinein etwas vom Schrecken genommen werden. Mordopfer sein sagt doch absolut nichts über die Person des Opfers. Und wie will man es sonst nennen? Gedenken an die Morde? Dann denkt man wirklich nur noch an den Akt des Umbringens, nicht an den Menschen, der umgebracht wird.
    Wenn es ein Wort für Opfer gibt, das nicht auch religiös konnotiert ist, bitte sagen. Denn für mich ist die eigentliche Schwierigkeit im sprachlichen Umgang, daß bei der Grundbedeutung des Wortes „Opfer“ ein Sinn vorausgesetzt wird. Aber Massenmord hat keinen Sinn! In diesem Zusammenhang freut es mich, daß hier nicht von Holocaust, sondern von Shoa die Rede ist – also nicht von Opfer i.S.v. Versöhnungsritual, sondern von Grauen.

  3. @EsEf

    Jetzt nimm` es mir nicht krumm`, aber bist du so eine Art Waffenlobbyist, der „die Entwaffnung“ der Juden durch die Nazis als Aufhänger dafür benutzt, um anführen zu können, dass wir heute alle Waffen benötigen würden, um uns verteidigen zu müssen..!? – Was soll` dein „Wehret den Anfängen!“..!? – Siehst` du „irgendwelche“ Juden oder andere Verfolgte in der Gegenwart, denen ein undemokratischer und repressiver Staat (nach „Medienhetze“!) Waffen abnehmen könnte, worauf hin wir nun alle bereits im Vorfeld „wachsam“ zu seien hätten? *lol*

  4. Pingback: Magischer FC

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