„Besprechung mit anschließendem Frühstück“

Vor 70 Jahren fand in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin eine „Besprechung über die Endlösung der Judenfrage“ statt. Die Konferenz diente der Koordination der bereits begonnenen Ermordung der Juden Europas.

Von Andreas Strippel

Ungefähr 900.000 Juden waren bereits tot, als der Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), Reinhard Heydrich, Staatssekretäre und hohe Polizei- und SS-Offiziere in das Gästehaus der SS lud. Die Teilnehmer der Konferenz kamen aus den beteiligten Reichsministerien sowie der Polizei und der Zivilverwaltung der besetzten Gebiete. In der noblen Villengegend am Großen Wannsee am Rande Berlins trafen sich die Herren, um den Mord an den europäischen Juden abzustimmen – zur „Besprechung mit anschließendem Frühstück“, wie es in der Einladung Heydrichs hieß.

Die Wannseevilla oder Villa Marlier in Berlin, hier tagte die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 (Foto: Clemesfranz)
Die Wannseevilla oder Villa Marlier in Berlin, hier tagte die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 (Foto: Clemesfranz)

Die Bedeutung dieser „Staatssekretärs-Konferenz“ zeigt sich an dem Umstand, dass es seit 1938 praktisch keine Kabinettssitzungen mehr gegeben hatte. Auch Konferenzen der zweiten Reihe waren ausgesprochen selten. Dass „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler nicht teilnahm, gebot das Protokoll. Seine Anwesenheit hätte auch die Teilnahme von Ministern und anderen NS-Granden erfordert. Stattdessen war mit Rudolf Lange auch ein SS-Sturmbannführer anwesend, der als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Lettland höchstpersönlich und unmittelbar für den Tod von mehreren zehntausend Menschen verantwortlich war.

Adolf Eichmann, der als Judenreferent des RSHA teilnahm, protokollierte die Konferenz. Das Protokoll gibt den tatsächlichen Verlauf der Zusammenkunft nicht wieder. Der Historiker Michael Wildt charakterisiert es als Konsenspapier. Seine Kürze zeigt jedoch, dass es keinen grundlegenden Dissens gab. Heydrich hatte das Notwendige mitgeteilt, die Anregungen der Teilnehmer finden sich im Protokoll. Eichmann ergänzte 1961 während seines Prozesses vor dem Bezirksgericht Jerusalem mit seinen Angaben zur Konferenz das Bild. Seinen Angaben zufolge sprach man während des Treffens Klartext; das Protokoll habe er glätten und „gewisse Auswüchse abmildern“, einen „gewissen Jargon in dienstliche Worte fassen“ müssen.

Konkurrierende NS-Cliquen in einem Ziel vereint

Heydrichs Einladung zur Wannsee-Konferenz
Heydrichs Einladung zur Wannsee-Konferenz

Die Konferenz begann mit der Klarstellung Heydrichs, dass er die Fäden in der Hand halte: die Kompetenz zur „Endlösung der europäischen Judenfrage“ läge ausschließlich, zentral und ohne geographische Begrenzung bei der SS. Um dies zu unterstreichen, berief er sich auf das Schreiben Görings vom Juli 1941, das ihn mit der Endlösung der Judenfrage beauftragt hatte. Dieses lag in Kopie der Einladung bei – niemand zweifelte die Kompetenz der SS mehr an.

Zu Beginn des Krieges war dies noch anders gewesen. Die neue Situation hatte Begehrlichkeiten geweckt. Insbesondere der Generalgouverneur Hans Frank, Herrscher über das nicht annektierte Zentralpolen, wollte die Zuständigkeit in der Judenpolitik nicht abgeben. Erst massiver Druck und Palastintrigen, wie Gerüchte um Korruption im direkten Umfeld Franks und Berichte über allzu aufwendigen Lebensstil, brachten ihn schließlich auf Linie. Auch andere Größen des NS-Regimes wollten sich durch eigene Ideen profilieren. Aber bis zum Ende des Jahres 1941 hatten Himmler und Heydrich ihren Anspruch durchgesetzt. Die konkurrierenden Machtzentren des Regimes hatten sich auf ein Ziel verständigt: Die Ermordung der Juden in Europa. Und die SS war mit der Durchführung beauftragt.

Koordinierung der Mordpolitik

Lange hielt sich der Mythos, dass auf der Wannsee-Konferenz der Mord an den europäischen Juden beschlossen worden sei. Das systematische Morden war jedoch bereits in Gang. In Litauen waren bereits alle Juden ermordet worden. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion sollten die Juden in den eroberten Gebieten im Zuge des Krieges getötet werden. Noch in der zweiten Jahreshälfte 1941 gingen die Deutschen und ihre Helfer in den besetzten Gebieten nun daran, die Ermordung aller europäischen Juden voranzutreiben. Wann genau diese Entscheidung gefallen ist, ist schwer zu rekonstruieren. Irgendwann zwischen September 1941 und Anfang Dezember 1941 war diese Radikalisierung vollzogen.

Die Vorstellung eines zentralen Befehls für die systematische Mordpolitik wird in der Holocaust-Forschung schon länger zurückgewiesen. Vielmehr war es eine Kette von Ereignissen und Entscheidungen unterschiedlicher Stellen des NS-Staates, welche diese in Gang setzte. Die Wannsee-Konferenz ist in dieser Ereigniskette ein wichtiges Datum. Sie markiert den Übergang von den Massenerschießungen zu den Todeslagern. Zwar war auf annektiertem, also deutschen, Gebiet bereits im Dezember 1941 in Chełmno (Kulmhof), dem Prototyp der Vernichtungslager, begonnen worden, mittels stationierter Gaswagen Juden zu ermorden. Auch im Generalgouvernement (GG) war das Lager Bełżec bereits im Bau, aber die massenhafte Tötung durch Giftgas begann erst im Februar/März 1942 – als Auftakt zur später so genannten „Aktion Reinhardt“.

Die Interventionen und Vorschläge des Staatssekretärs Bühler aus dem GG waren ein bedeutender Faktor für die Entscheidung zur Errichtung der Todeslager: „Dr. Bühler stellte fest, daß das Generalgouvernement es begrüßen würde, wenn mit der Endlösung dieser Frage im Generalgouvernement begonnen würde […]. Dr. Bühler stellt weiterhin fest, daß die Lösung der Judenfrage im Generalgouvernement federführend beim Chef der Sicherheitspolizei und des SD liegt und seine Arbeiten durch die Behörden des Generalgouvernements unterstützt würden. Er hätte nur eine Bitte, die Judenfrage in diesem Gebiet so schnell wie möglich zu lösen. […]“ Bei den dafür notwendigen Vorbereitungsarbeiten müsse „jedoch eine Beunruhigung der Bevölkerung vermieden werden“. (S.14-15 des Protokolls)

Von Sommer 1942 bis Sommer 1943 ermordeten die Deutschen in den Vernichtungslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka mehr als 1,7 Millionen Juden. Die meisten kamen aus Polen, aber auch aus den Niederlanden und Griechenland. In den Lagern wurden auch ca. 50.000 Sinti und Roma ermordet. Die Ermordung der Juden aus Ländern wie Ungarn, Rumänien, Bulgarien oder Kroatien wäre ohne die Mitarbeit des Auswärtigen Amtes gar nicht möglich gewesen. Daher war die Anwesenheit des Unterstaatssekretärs Luther auch so wichtig. Ohne die Kooperation der zahllos involvierten Stellen hätte die SS ihr Mordwerk nicht vollbringen können.

Insgesamt hatte Heydrich sich in allen wichtigen Punkten durchgesetzt, niemand zweifelte die Autorität der SS in der Judenpolitik mehr an. Er schaffte es nur in einem Punkt nicht, sich durchzusetzen. Nach seinen Vorstellungen sollten auch sämtliche so genannten „Mischlinge“ aus Deutschland deportiert werden, um getötet zu werden. Dies scheiterte jedoch, da nach den Nürnberger Rassegesetzen Mischlinge einen gesonderten Status hatten. Im Protokoll der Wannsee-Konferenz wurde dezidiert die Behandlung der verschiedenen Gruppen von „Mischlingen“ festgehalten – welche „im Hinblick auf die Endlösung der Judenfrage den Juden gleichgestellt“ wurden (Deportation und Ermordung) und welche „von dieser Behandlung ausgenommen“ wurden (Verbleib im Reich und Sterilisation). (S.10-14 des Protokolls). Dies hinderte die SS jedoch nicht daran, generell so genannte „Mischlinge“ aus Ländern Osteuropas zu ermorden.

Das gute Gewissen der Täter

Dem Bezirksgericht Jerusalem gab Eichmann zu Protokoll, er habe am Ende der Konferenz mit Heydrich und Gestapo-Chef Müller zufrieden Cognac getrunken. Unabhängig davon, ob dies tatsächlich so stattgefunden hat, verrät diese Anekdote die Selbstzufriedenheit der Täter. Die Kerntätergruppe hatte keinerlei moralische Bedenken oder irgendwelche Skrupel. Schon eher war das Gegenteil der Fall. Täter in der mittleren Führungsebene der SS fühlten sich moralisch berechtigt, so zu handeln. Die Rassenlogik des Herrenmenschen funktionierte nur über die Konstruktion der „Gegenrasse“, also der Juden. „Der Jude“ wurde für alles verantwortlich, was die Deutschen an der Moderne als beängstigend oder schlecht empfanden. Deshalb war es in dieser paranoiden Logik auch kein Widerspruch, dass Juden gleichzeitig als Träger der kapitalistischen Plutokratie und des Bolschewismus denunziert wurden. Sie zersetzten die nationalsozialistische Volksgemeinschaft sowohl als Angehörige der Intelligenz wie auch als retardierte Untermenschen.

Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Konferenz benutzt wurde.
Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Konferenz benutzt wurde.

Ausgehend von dieser Logik dachten sich die Täter in eine Art Opferposition, aus welcher heraus quasi in Notwehr gehandelt wurde. Des Weiteren gab es die Vorstellung, dass der Rassenantisemitismus ein Art Naturgesetzt sei, und alle antisemitischen Schritte bis hin zum Mord eine sachliche Notwendigkeit seien. Mit diesen Konstruktionen fand eine Selbstermächtigung zum Töten statt, in der ein schlechtes Gewissen gar nicht mehr vorkam. Moralisch gerüstet kommandierte die mittlere Führungsebene der SS die Ermordung der europäischen Juden.

Kein industrielles Töten

Die Wannsee-Konferenz steht auch für einen bürokratischen, mithin anonymen Prozess des Mordens unter industriellen Bedingungen. Zwar waren moderne Verwaltung und Technik wichtige Voraussetzung für die serielle Tötung von Menschen, aber dennoch täuscht dieser Eindruck über die Realität der Mordprozesse weg. Viele der Opfer sind qualvoll durch deutsche Hungerpolitik zu Grunde gerichtet worden, noch mehr wurden erschossen. Auch in den so genannten „Todesfabriken“ spielten sich unfassbar barbarische Szenen ab, die nichts mit dem vermeintlich „sauberen“ Töten zu tun hatten. Vom Einleiten des Gases über das Sortieren der Kleidung, vom Herauszerren der Leichen aus den Gaskammern bis zu ihrer Verbrennung in den Krematorien: immer waren Menschen direkt an der Tötung beteiligt, der ganze Vorgang dauerte Stunden. Die Arbeit wurde von jüdischen Zwangsarbeitern verrichtet, die selbst ständig vom Tode bedroht waren. Das Inferno der Vernichtungslager hat nichts mit dem etwas sterilen Bild der „Todesfabriken“ gemein.

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait.

Die Wannsee-Konferenz steht für den Versuch, 11 Millionen Menschen zu ermorden (S.5 des Protokolls). Ungefähr 6 Millionen Juden fielen dem antisemitischen Rassenwahn der selbsternannten deutschen Herrenmenschen zum Opfer. Das 15-seitige Protokoll spricht für jeden eine klare Sprache. Der Mord an den europäischen Juden verbleibt als „präzedenzloses“ (Yehuda Bauer) Verbrechen gegen die Menschheit. Die Erinnerung daran darf nicht verblassen. Die Wannsee-Konferenz ist somit auch ein wichtiges Symbol für das Erinnern geworden.

Link: Das Protololl der Konferenz

*Andreas Strippel ist Historiker mit den Schwerpunkten Nationalsozialismus, historische Rassismusforschung, deutschen Nachkriegsgeschichte. Im Juni 2011 erschien von ihm im Schöningh-Verlag “NS-Volkstumspolitik und die Neuordnung Europas. Rassenpolitische Selektion der Einwandererzentralstelle des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (1939-1945) 

Siehe auch: Auschwitz-Komitee appelliert: Handeln Sie endlich!, Die Erinnerung bleibt, Historikerstreit 2.0: Wiederaufführung ohne neue Argumente, Adolf Eichmann und der BND, Adolf Eichmann – der Stratege der Vernichtung