Alltagsrassismus: Alles nur Theater?

In Deutschland wird Rassismus im Allgemeinen verurteilt. Wie hohl diese Rhetorik ist, zeigt sich insbesondere dann, wenn es um Alltagsrassismus geht: Das Ansprechen von „weichen“ Formen der Diskriminierung stößt hierzulande noch immer auf massive Abwehrreflexe, wie die Auseinandersetzung um den Blackface-Einsatz am Berliner Schlosspark-Theater zeigt.

Von Andreas Strippel

Dieter Hallervorden fühlt sich missverstanden. Ausgerechnet er, der sich so oft über Rechte und Rechtsradikale und ihre Ansichten lustig gemacht hat, soll eine rassistische Inszenierung an seinem Theater haben. In dem Stück „Ich bin nicht Rappaport“ wird mit Blackface gearbeitet, also ein weißer Schauspieler wird schwarz geschminkt. Dass an deutschen Theatern die rassistische Tradition des Blackface ignoriert wird, ist ein Musterbeispiel für die Ignoranz der Wohlmeinenden gegenüber dem Alltagsrassismus.

Der Vorwurf wird zurückgewiesen und dabei offenbart man ein tiefes Unverständnis gegenüber dem, was Rassismus ist und wie er funktioniert. Gerade für Menschen, die selbst anti-rassistisch engagiert sind, ist die Vorstellung, sich selbst rassistisch zu verhalten oder zu äußern, oftmals abwegig. Weil man etwas nicht rassistisch gemeint habe, könne es auch nicht rassistisch sein. Damit wird Rassismus jedoch auf ein individuelles Problem reduziert, das die Diskriminierten selbst mit  ein bisschen gutem Willen aus der Welt schaffen könnten, wenn sie sich nur nicht so anstellen würden.

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Rassismus ist jedoch ein gesellschaftliches Verhältnis und beruht auf abstrakten Mechanismen, die sich sehr unterschiedlich konkretisieren. Daher ist es sehr schwierig, die Grenzen dessen, was Rassismus ist, genau zu definieren. Allen Formen von Rassismus ist  gemein, das der andere als essentiell anders wahrgenommen und daher von der vermeintlich eigenen Gruppe ausgeschlossen wird. Dabei gibt es sehr viele Formen der Diskriminierung. Der Ausschluss aus der Mehrheitsgruppe kann beispielsweise über Hautfarbe aber auch über soziale Stellung oder kulturelle Praktiken erfolgen. Die Konstruktion von Rasse ist nicht an Biologie gebunden, obwohl dies eine sehr verbreitete Form ist. Weil Rassismus ein gesellschaftliches Verhältnis ist, entsteht der Widerspruch, dass Rassismus zwar durch eine Summe von individuellen Äußerungen entsteht, aber einmal in Gang gesetzt, in der Praxis nicht mehr vom Einzelnen aufgehalten werden kann.

Diskriminierung im Alltag wegen der Hautfarbe ist jedoch ohne Zweifel eine rassistische Praxis. Es ist eine anmaßende Bevormundung, den Betroffenen zu sagen, sie sollen sich mal nicht so anstellen. Die weiße Mehrheitsgesellschaft muss lernen, dass Rassismus eben auch über subtilere Formen verfügt als Gewalt und Krawall. Wie wenig die Macher des Schlosspark-Theaters und ihrer Unterstützer das verstanden haben, zeigt ein Blick auf die Abwehrstrategien.

Alles nicht so schlimm?

Eine vor allen in den Kommentaren im Internet (auch auf dieser Seite) geäußerte Kritik ist, dass hier „eine Mücke zu einem Elefanten“ gemacht werde. Es gebe doch nun wirklich schlimmere Probleme als diese Angelegenheit. Das Leben produziert nun mal gewissen Formen von Ungerechtigkeit, da soll man sich doch nicht mit so etwas aufhalten. Und ja, in gewisser Hinsicht gibt es schlimmere Probleme, allerdings handelt es sich bei dieser Form der Abwehr um einen bereits klassisch zu nennenden Versuch, berechtigte Kritik als irrelevant abzutun (ein englisches Kompendium dieser und ähnlicher Abwehrstrategien gegen Kritik findet sich bei „Derailing for Dummies„). So gesehen gibt es unterhalb der Schwelle von Mord und Totschlag überhaupt keine nennenswerten Probleme – man fragt sich, wozu es Verkehrsampeln  gibt?


So oder so ähnlich lässt sich der Tenor zusammenfassen. Gewalt und offene Diskriminierung seien das Problem, aber doch nicht so eine Theatergeschichte. Genau diese vermeintliche Harmlosigkeit ist es, die Alltagsrassismus so stark macht. Für die Betroffenen ist diese Diskriminierung eine spürbare Schranke. Und gerade diese Akzeptanz der „weichen“ Diskriminierung ist immer wieder eine Legitimation für den rassistischen Schläger, der sich gern auf die schweigende Mehrheit beruft.

Verfremdung oder Authentizität?

Warum Blackface nicht rassistisch sei und nicht in der Tradition der rassistische Minstrel Show stehe, wird vom Schlosspark-Theater und seinen Verteidigern nicht erklärt. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass es doch möglich sein muss, dass ein Schauspieler nicht identisch mit seiner Rolle ist, wie die FAZ gegen die Kritiker ins Feld führt. Dies ist grundsätzlich richtig und Hallervorden hat Recht, wenn er sagt, es sollte doch möglich sein, das er die Rolle eines Juden spielen kann ohne selbst Jude zu sein. Das macht jedoch aus Blackface kein neutrales Instrument.

Verfremdung ist Bestandteil des Theaters, die Forderung nach einer grundsätzlich authentischen Besetzung von Rollen, wie sie von einigen Kritikern des Schlosspark-Theaters gefordert wird, löst keine Probleme und reproduziert selbst eine rassistische Vorstellung vom Anderssein, das nicht überwunden werden kann. Absurd ist es jedoch, diese Kritik als den eigentlichen Rassismus zu bezeichnen, wie dies die FAZ tut.

Andere Zeiten andere Sitten?

Differenzierung und Sachlichkeit helfen in jeder Debatte. Auch historische Veränderungen sollte man sich anschauen. Deshalb ist es notwendig, sich die Verschiebung rassistischer Diskurse genau  zu betrachten: In der Süddeutschen wird aus diesem Impuls allerdings eine wirre Verteidigung des Blackface. Es wird zwar zugestanden, dass es da eine rassistische Tradition gebe, aber heute sei das alles doch nicht mehr so: „Ist, was in den US-Südstaaten um 1900 rassistisch codiert war, das auch 2012 in Berlin?“

Interessant. Mit ähnlicher Dreistigkeit ließe sich sagen: „1960 war echt eine verdammt sexistische Zeit, Männer haben beispielsweise Frauen einfach so in der Öffentlichkeit auf den Hintern gehauen – echt widerliches Dominanzverhalten. Aber heute ist das Geschlechterverhältnis ja so viel entspannter, da hat es überhaupt keine sexistische Codierung mehr, wenn man Frauen wieder ungefragt auf den Hintern schlägt.“ Eine solche Logik zur Schuldabwehr ist wahrlich kein Ruhmesblatt für die Süddeutsche.

Ignoranz gegenüber Diskriminierung

Solange schwarze Schauspieler an deutschen Bühnen wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden, ist das Argument von Hallervorden und seinen Unterstützern im Feuilleton leider nur Heuchelei. Özgür Uludag fragte auf nachtkritik.de nach, wann es denn eine „schwarze Maria Stuart oder einen türkischen Faust“ auf einer deutschen Bühne gegeben habe? Es ist bizarr, Blackface als Kunstfreiheit zu verhökern, wenn es gleichzeitig gängige Praxis ist, nicht-weißen Schauspielern Engagements mit Hinweis auf ihre Hautfarbe zu verweigern.

Der Alltags- und Gelegenheitsrassismus ist nach wie vor stark verbreitet. Sowohl das gedankenlose Schwadronieren von Döner-Morden als auch eine vermeintlich „sanfte“ Diskriminierung von Nicht-Weißen, wird von der Mehrheitsgesellschaft als vernachlässigungswürdig betrachtet. So lange es kein Problembewusstsein für Alltagsrassismus gibt, insbesondere beim sich selbst als liberal verstehenden Teil der Gesellschaft, so lange wird Rassismus unterhalb der Mord- oder Gewaltschwelle in diesem Land auch weiterhin mit der schweigenden Mehrheit rechnen können.

Siehe auch: Der “Affenzirkus” von Dessau, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht, “Ein angemalter Weißer ist kein Schwarzer”, Buchtipp: “Deutschland Schwarz Weiß – Der alltägliche Rassismus”, `Brauner Mob` startet `schwarzen Blog`

10 thoughts on “Alltagsrassismus: Alles nur Theater?

  1. „Warum Blackface nicht rassistisch sei, warum es etwas anderes sei und nicht in der Tradition der rassistische Minstrel Show steht, wird vom Schlosspark-Theater und seinen Verteidigern nicht geklärt.“

    Naja, weißte. Die Frage wird ja durchaus aufgeworfen, hier z.B.: http://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=353737634653044&id=332467151990

    Eher ist es im Gegenteil so, dass die Begründungen der Schlosspark-Kritiker in diesem Punkt sehr dünn sind. Im obig verlinkten Thread macht sich dann mal jemand die Mühe, es tatsächlich argumentativ anzureißen, mit alten DEFA-Filmen und Bezugnahme auf Wochenschauen. Aber derjenige steht damit fast allein auf weiter Flur und so eindeutig überzeugend ist es nun auch nicht.

  2. Sorry aber dies ist kein sehr guter Artikel (will hier keinem auf den Fuß treten!).

    Es wird leider nicht sehr deutlich was genau rassistisch an der Praxis des Blackfacings ist und wie genau die Abwehrreaktionen aussehen bzw. wie sie begründet werden.

    So wie ich das gerade verstehe, ist das Blackfacing zu verurteilen, da es für Personen die nicht mitteleuropäisch Aussehen sehr schwierig ist in Theater oder Film eine Rolle zu erhalten die nicht eng an ihr aussehen gebunden ist.
    Es wird also sehr richtig gefordert Rollen zu vergeben ohne dabei auf Äußerlichkeiten zu achten.
    Also ein Faust auch gerne mal von einer Person gespielt werden darf, die eben nicht aus Europa stammt.

    mfg Muhmann

  3. Blackface hat eine traurige Tradition insbesondere in den USA. Dabei geht es stets darum, eine unvorteilhafte Karikatur von Afro-Amerikanern zu zeigen. Die Konsequenz aus dieser besonderen Affäre wäre allerdings dass nur noch ein Jude den Shilok spielen dürfte, ein Mann sich auch nicht als Frau verkleiden dürfte um vor Publikum zu erscheinen. Eine weitere Konsequenz ist, dass ein Stück wie das solche nur noch aufgeführt werden dürfte, wenn ein dunkelhäutiger Schauspieler die Rolle verkörpert. Das bricht mit jeder Tradition des Theaters, wo Personen bzw. Figuren nun mal verkörpert werden. Die Verkörperung eines dunkelhäutigen Menschen gleich mit Blackface zu betiteln unterstreicht nur die Diskriminierung indem letztendlich erstere als anstößiger erklärt wird, als andere Theaterfiguren. Zu allem Überfluss wird die Ernsthaftigkeit des tatsächlichen Problems der traurigen Blackface-Tradition auch abgeschwächt.

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