Diskret in den Farben, ernst in der Sache

Am Wochenende fand in Berlin der Fankongress 2012 statt. Organisiert von Fans für Fans, Verbände, Vereine, Medien und die Polizei, auch wenn die nicht mitmachen wollte. Diskutiert wurde über Stadionverbote, Pyrotechnik und die Frage, wem der Fußball nicht nur in Deutschland – eigentlich gehört.

Von Nicole Selmer*

In diskretem dunklen Look und ohne auffällige Bekenntnisse zu Verein oder Gruppierung sind die meisten Besucher des Fankongresses erschienen. Gemeinsames Merkmal der Organisatoren ist das Logomotiv „Zum Erhalt der Fankultur“ und die T-Shirts von ProFans, dem bundesweiten Zusammenschluss von Ultra- bzw. Fangruppen. ProFans hat die Veranstaltung auf die Beine gestellt und war bereits maßgeblich an der Organisation der Fandemo in Berlin im Oktober 2010 beteiligt. Aus dieser entstand die Idee zum Kongress als weiterer, vereinsübergreifender Aktion.

Foto: www.fankongress-2012.de

Start ist am Samstagmorgen, Tagungsdisziplin und Pünktlichkeit sind ebenso bemerkenswert wie die praktisch perfekte Organisation. Die gesamte Veranstaltung ist von Fans ehrenamtlich organisiert und getragen von einer großen Ernsthaftigkeit in der Sache und respektvollem Umgang miteinander. Auf den Podien, in den Workshops und in den Essenspausen (inklusive vegetarischer Menüwahl) diskutieren und organisieren Unioner mit Herthanern und Dresdnern, Münchener mit Nürnbergern und Fürthern. Insgesamt sind es über 550 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von über 60 Vereinen. Der zweite Kongresstag am Sonntag ist dem Blick über die Landesgrenzen gewidmet mit Referentinnen und Referenten aus Italien, England, der Türkei, Frankreich, Spanien oder Norwegen. Organisationen und Initaitiven wie die Fananwälte oder die Fußballfans gegen Homophobie präsentieren zudem ihre Arbeit auf dem „Markt der Möglichkeiten“.

Die Polizei hat nichts zu sagen – rückt aber an
Die Palette der Themen ist breit: Stadionverbote, Anstoßzeiten, 50+1-Regel, Pyrotechnik, Fanutensilien oder Aktivitäten von Ultras neben dem Fußball. Konkrete Resultate, wie Dinge verbessert werden können, stehen allerdings am Ende der zwei Tage nicht zu Buche, dafür fehlen auf Seiten der Kommunikationspartner wohl auch die tatsächlichen Entscheidungsträger; vorerst bleibt es beim Versprechen, den Dialog nicht abreißen zu lassen. Das wichtigste Ergebnis ist daher die Tatsache, dass der Kongress stattfindet und dass gesprochen wird – miteinander, mit den (wenigen) Vertretern von Verbänden und Vereinen und mit der Presse. Dem Dialog entzogen hat sich dagegen die Polizei : In letzter Minute hatte der eingeladene Vertreter der ZIS, der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, die die Datei Gewalttäter Sport führt und Jahresberichte zum Stand der Dinge in Sachen Fußballgewalt veröffentlicht, abgesagt. Sein Vorgesetzter, so ließ er ausrichten, habe ihm die Teilnahme „aus dienstlichen Gründen“ untersagt. Ein peinlicher Nicht-Auftritt, der auch durch den spontanen Kontrollbesuch des Tagungsortes durch vier Mannschaftswagen und Zivilbeamte am Samstagabend nicht unbedingt verbessert wurde.

Die Polizei, die nicht reden will, ist jedoch einer der Hauptakteure in den Konflikten. Gegen die teilweise massiv geschürte mediale Hysterie der letzten Monate um die Gefährlichkeit der deutschen Stadien setzen die Fans eine andere Sicht der Dinge, etwa den Hinweis auf willkürliche Polizeiaktionen mit Pfeffersprayeinsätzen. Gefahr im Stadion? Ja, aber anders als gedacht – „Ich habe Angst, von Polizisten verletzt zu werden“, so die Zusammenfassung eines langjährigen Union-Fans.

Foto: www.fankongress-2012.de

Unausgetragene Widersprüche
Die Berichte von Fans aus anderen Ländern am Sonntag sind für die deutschen Fans ermunternd und desillusionierend zugleich. Es gibt viel Lob für die hiesigen vereinsübergreifenden Bemühungen um den Erhalt der Fankultur. Ein Kongress wie dieser scheint derzeit nirgends sonst in Europa möglich, die italienische und englische Fankultur sind schon zu Grabe getragen, andere Referenten berichten von Fanausweisen als wirtschaftlicher Abzocke, Auswärtsfahrtverboten, Auflösungen von Fangruppen und Gesetzgebungen, die für die bloße Mitnahme von pyrotechnischen Artikeln Gefängnisstrafen vorsehen.

Bei allem verdienten Eigen- und Fremdlob für die Veranstalter und den Kongress als Ganzes sollten die kritischen Punkte nicht unter den Tisch fallen: Neben der Polizei ergriff auch kaum ein Vereinsvertreter die Gelegenheit, sich näher mit den Themen der eigenen Fans vertraut zu machen und sich Gesprächen zu stellen. Zudem waren in Berlin viele, aber längst nicht alle Fangruppen vertreten. Manche, so lässt sich vermuten, fehlten, weil sie kein Interesse am Dialog haben und sich in ihrer Randalerolle bestens eingerichtet haben, andere weil sie einen Dialog führen wollen, aber nicht mit allen Gruppen und nicht, solange das Verhältnis zur Gewalt so ist, wie es ist, nämlich unerklärt.

Gewalt, das bleibt das schwarze Loch der Fankultur, das mit einem Schlag alle Energie für das gemeinsame Engagement verschlucken kann. Auf dem Kongress wird das Thema in einer nicht-öffentlichen Runde verhandelt, das abschließend präsentierte Ergebnis ist die Tatsache, dass es diese Diskussion zwischen Vertretern von stark rivalisierenden Gruppen überhaupt gibt und dass sie fortgeführt werden soll. Hochgehalten wurden beim Fankongress die Solidarität, das Miteinander und das soziale Engagement der Ultraszene. Daneben stehen jedoch Gewalt als Teil des Fußballs, als Teil der Ultrakultur, die Verteidigung von Ehre, Kurve und Stadt als Leitmotiv dieser Kultur und Angriffe auf andere Fans, die die „falschen“ Farben tragen, auch wenn man vielleicht vor zwei Wochen noch gemeinsam in Berlin Erbsensuppe gelöffelt hat. Das sind die unausgetragenen Widersprüche, an denen der Erhalt der Fankultur ebenso scheitern kann wie an der Repressionsspirale.

Foto: www.fankongress-2012.de

Es wird wieder brennen
Auch wenn „die Medien“ während des Wochenendes so manches Mal pauschal als Sündenbock für die allzu populistische Debatte um die Themen der Fankultur herhalten müssen, über die flankierende TV-Berichterstattung im ZDF darf sich bei diesem Anlass niemand beschweren. In einem einstündigen sportstudio-Special wird die Pyrodebatte und das Scheitern des Dialogs mit den Verbänden noch einmal aufgedröselt: In einer von Moderator Steinbrecher gut geleiteten Diskussionsrunde haben Vertreter von Fans und Fanprojekten ein deutliches Übergewicht, der anwesende Vertreter der Gewerkschaft der Polizei entlarvt sich selbst als rhetorisches Leichtgewicht. Während der aktuelle DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert etwas blass bleibt, greift sein Vorgänger Helmut Spahn zu einer klassischen Fanargumentation: dem Vergleich zwischen Oktoberfest und Stadion, bei dem letzteres in Sachen Prügeleien und Verletzte als der statistisch weitaus ungefährlichere Ort dasteht.

In Sachen Pyrotechnik, dem Dauerthema der vergangenen Monate, bleiben DFB und DFL bei allen Lobesworten für den Fankongress und dem Bekenntnis zu mehr Kommunikation jedoch hart: „Dialog ja, aber nicht zu Pyrotechnik.“ Bei der Abschlussdiskussion lässt sich jedoch bereits erahnen, dass dieses Feuer so einfach nicht zu löschen ist. „Machen wir uns nichts vor. Am ersten Spieltag werden wir wieder Kurven haben, in denen es brennt“, so der letzte Wortbeitrag aus Reihen der Fans. „Unsere Geduld ist am Ende, wir wollen jetzt Taten sehen.“

* Disclosure: Ich war beim Fankongress als Referentin bzw. Moderatorin für zwei Veranstaltungen anwesend.

Siehe auch: Fankongress Berlin 2012, Fankongress 2012: Funktionäre auf Auswärtsfahrt„, “Fußballchaoten” setzen Untersuchungskommission ein, Dahin, wo es weh tut!, Das unpolitische Wir der Fanszene,

5 thoughts on “Diskret in den Farben, ernst in der Sache

  1. Gibt es eigentlich STatements der Gruppen, die sich bewusst dort ferngehalten haben? Ich meine in einem eurer Berichte wurden die Gruppen ja aufgezählt, leider ohne nähere Begründung. Im Netz habe ich dazu auch nichts gefunden.
    Bei der Fan-Demo haben sich ja u.a. die Gladbacher enthalten, mit dem Statement, dass man nicht mit Leuten zusammen auf die Straße gehen will, die einen letzte Woche noch körperlich attackiert haben.

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