Neujahrstreffen der Geschichtsrevisionisten

Auf dem ersten großen Neonaziaufmarsch nach der Enttarnung des NSU geben sich die Kameradschaften in Magdeburg selbstbewusst. Bei ihrem geschichtsrevisionistischen „Trauermarsch“ zur Bombardierung der Stadt im Januar 1945 gelang es den Organisatoren, die Teilnehmerzahl im Vergleich zu den Vorjahren noch einmal zu steigern. Doch auch der Protest wächst.

Von Kai Budler

Während am blauen Winterhimmel über Magdeburg die Sonne lacht, sind die meist menschenleeren Hauptstraßen im Stadtteil Neustadt weitestgehend abgesperrt. Für den Einsatz am 14. Januar wurden gleich aus sieben Bundesländern Polizisten zusammengezogen, im Einsatz sind ungefähr 2000 Beamte.

Derweil sammeln sich auf dem Platz vor der Nicolaikirche die Teilnehmer des rechtsextremen „Trauermarschs“: 1200 Neonazis aus ganz Deutschland zählt die Polizei. Der Aufmarsch ist eine Aktion der „Initiative gegen das Vergessen“ im „Braunen Haus“ in Jena“, dem Sitz des vor kurzem wegen Unterstützung des NSU verdächtigten und verhafteten Neonazi-Kaders Ralf Wohlleben.

Nicht nur seitens der Behörden hagelte es im Vorfeld Auflagen, auch die Organisatoren haben ein eigenes Regelwerk erlassen. Ordner sorgen unter anderem dafür, dass nicht geraucht wird. Der Tonfall wird schärfer: „Ist es denn so schwer sich in Sechserreihen aufzustellen?“ schallt es vom Lautsprecherwagen. Dann setzt wieder Richard Wagners Götterdämmerung ein, teilweise übertönt von Kirchengeläut und in den Bäumen versteckten Sirenen. Der Marsch ist straff organisiert: flankiert von Neonazis mit schwarzen Fahnen fordern andere auf dem Kopftransparent „Ehrenhaftes Gedenken statt Anpassung an den Zeitgeist“. Nach den jeweiligen Städten in Blöcken geordnet und von Ordnern begleitet marschieren die Neonazis durch Magdeburg Neustadt.

Doch nicht nur Teilnehmerzahl des „Trauermarschs“ ist gestiegen, auch der Protest regt sich in der sächsisch-anhaltinischen Hauptstadt. Schon am Samstagvormittag nahmen 350 Personen an einer Mahnwache vor der jüdischen Synagogengemeinde am Neustädter Bahnhof teil, hier wurde der Großteil der anreisenden Neonazis erwartet. Zur mittlerweile vierten „Meile der Demokratie“ hatten rund 180 Einrichtungen aufgerufen, darunter Parteien, Vereine und Gewerkschaften. Ca. 10.000 Besucher registrieren die Organisatoren bei Menschenkette, Mahnwachen, Informationsständen und dem Kulturprogramm. Unterstützung erhalten sie unter anderem von Bundespolitikern verschiedener Parteien, SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte in Magedeburg erneut ein NPD-Verbot.

Den Neonazis auf dem Aufmarsch könnte das egal sein, denn sie stammen zum Großteil aus dem Spektrum der militanten Kameradschaftsszene, prominente NPD-Vertreter lassen sich in Magdeburg nicht sehen. Auch von der „Meile der Demokratie“ ist auf dem Aufmarsch nichts zu spüren, dafür aber verzögern drei kleinere Blockaden wiederholt den Zug der Neonazis. Schon nach etwa 500 Metern müssen die Rechtsextremen stoppen, weil ihnen auf der Route etwa 30 Personen entgegen kommen, ein Teil hat sich als KZ-Häftlinge verkleidet, andere tragen ein Transparent mit der Aufschrift „Für das Erinnern. Wir trauern um jeden Menschen, den wir an den Faschismus verlieren“. Nachdem sie von der Polizei gestoppt werden, setzen sie sich auf die Fahrbahn, kurz darauf tragen die Beamten sie von der Straße. Unter lautstarkem Protest werden die Neonazis später am Universitätsgelände vorbei geführt, kurzzeitig fliegen Flaschen, Böller und Pyrotechnik, die den Zug in einen rosafarbenen Nebel taucht.

Ersatz für Aufmarsch in Dresden?

Der rechtsextreme „Trauermarsch“ in diesem Jahr war mit 1200 Neonazis der bislang größte in Magdeburg seit der ersten Anmeldung im Jahr 1999. Nach der erfolgreichen Blockadepolitik im sächsischen Dresden hat die Neonazi-Szene offenbar die Vorzüge eines weitgehend ungestörten Aufmarschs erkannt, zumal anreisende Teilnehmer aus anderen Bundesländern Magdeburg leichter erreichen. Ein Blick auf die Teilnehmer zeigt, dass der Aufmarsch auch zur Mobilisierung für andere geschichtsrevisionistische Aktionen dient. Ob Chemnitz, Lübeck, oder Bad Nenndorf – die mitgeführten Transparente zeugen vom nach wie vor hohen Stellenwert des Geschichtsrevisionismus in der Szene, um die deutsche Geschichte zu schönen, relativieren oder Verbrechen schlicht zu leugnen.

In Magdeburg hat die Zivilgesellschaft bereits damit begonnen, sich die Geschichte ihrer Stadt nicht von den Neonazis aus der Hand nehmen zu lassen. So betonte Bürgermeister Lutz Trümper, der Jahrestag der Bombardierung sei eine Mahnung, „faschistischen und rassistischen Brandstiftern und ihren populistischen Parolen nie mehr auch nur einen Fußbreit Raum in unserer Gesellschaft zu gewähren“. Doch ein solcher Ausspruch und die „Meile der Demokratie“ sind Neonazis erfahrungsgemäß gleichgültig, wenn es darum geht, weitestgehend ungestört ihre Aufmärsche durchzusetzen. Sollte für sie der Mythos Dresden in diesem Jahr endgültig verblassen, steht zu befürchten, dass Magdeburg zum Ausweichort für einen zentralen Aufmarsch der Geschichtsrevisionisten werden könnte.

Um dem zu begegnen, gibt es viele Beispiele für ein couragiertes Auftreten der Zivilgesellschaft, darunter ein CSU-Bürgermeister, der sich in Wunsiedel vor dem Naziaufmarsch auf die Straße setzt oder die Bürger in Bad Nenndorf, die mit einer Partymeile das falsche Trauern der Neonazis stören.

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12 thoughts on “Neujahrstreffen der Geschichtsrevisionisten

  1. Also ehrlich gesagt sträuben sich mir hier die Nackenhaare, beim Kommentarlesen!
    Da wird gerätselt, philosophiert und alles in „die“ eine bestimmte Ecke gedrängt.

    Wir, die wir die Aktion initiiert und umgesetzt haben, haben so eine Symbolik, die deutschlandweit Wellen geschlagen hat, ja nicht aus der hohlen Hand heraus getan.
    Um uns eben genau von makaberem Instrumentalisieren abzugrenzen, sind wir unter dem Konsens stumm und gewaltfrei mit eben jenem aussagekräftigem Transpi, aufgetreten. Die Nazis in Magdeburg marschieren alljährlich unter dem Motto „Gegen das Vergessen“. Das wir es tatsächlich mit unser Replik „Für das Erinnern“ geschafft haben, ihnen einen Kilometer auf ihrer eigenen Route entgegen gehen zu können – während sie stehen – haben wir so nicht erwartet.
    Unser konkretes Anliegen war es, es auf die Route zu schaffen, um kostümiert und aneinander gekettet ein symbolträchtiges Bild abzugeben, das aussagt, Geschichte kann sich wiederholen und noch immer gibt es Menschen, die revisionistisch und falsch Geschichte darstellen! Und das lautstark und deutschlandweit in zunehmender Zahl.

    Und genau das haben wir im Vorfeld sogar mit Menschen jüdischen Hintergrundes abgestimmt. Abgestimmt mit Nachfolgerinnen von KZ-Überlebenden, die in Gänze hinter unserer Aktion und unserem gelungenem Versuch stehen, in ebenjener Stadt, in der alljährlich hunderte Nazis traurig, gesittet und umrahmt von Wagner-Musik, durchlatschen. Und das sind eben auch Menschen, die sich im Nachgang in der regionalen Presse hinter uns gestellt haben.

    In jeder Medienmeldung im Vorfeld, im Nachgang und auch in jedem Interview haben wir herausgestellt, dass wir keine Opfer-Perspektive einnehmen und nicht nachstellen, was Menschen im KZ damals empfunden haben.

    Die Presse dazu ist bis auf Blogs und die ein oder andere orthodox-israelisch oder amerikanische Zeitung positiv und hebt insbesondere das gewaltfreie, stumme Entgegnen hervor.

    Teilweise leider, werden wir aber auch als Enkel von Tätern bezeichnet, als Menschen, die die Opfer verharmlosen oder auch Geschichte instrumentalisieren. (Wobei mensch sich hier fragen sollte, was instrumentalisieren ist/ nämlich nicht, wenn Themen im richtigen Zusammenhang eingebracht werden).

    Zusammengefasst, stehen wir dazu, eine kreative Aktionsform gewählt zu haben, bei der uns von Beginn an durchaus klar war, was mögliche Meinungen sein können und haben uns daher mit „Betroffenen“ im Vorfeld abgestimmt.

    Insgesamt aber freuen wir uns, dass die Aktion in dem Maße erfolgreich war, dass sie nicht nur am Tag selbst sondern auch bis heute in vieler Munde ist und medial die Bilder selbst nach fünf Tagen noch als Aufhänger dienen.

    Seit Samstag auch werden wir angefragt, wer wir sind. Für die Aktion waren und sind wir BürgerInnen Magdeburgs, also Einzelpersonen. Und diese Gruppenlosigkeit und Kreativität erhalten wir aufrecht. Die Aktion selbst werden wir nicht wiederholen, sondern lassen dieses eindrucksvolle und aussagekräftige Bild für sich stehen. Und lassen es stehen auch als Antwort auf den wiederkehrenden Naziaufmarsch in Magdeburg und natürlich auch, als das was es war: ein symbolträchtiges Bild, mit jüdischen Menschen der Stadt als moralische Stütze.
    Wir waren und sind in diesem Zusammenhang BürgerInnen, die für die Anonymität von tausenden KZ-Häftlingen stehen und die mahnen, dass trotz deutscher Geschichte, noch heute Menschen mit rechtsextremem Gedankengut demokratische Möglichkeiten ausnutzen und zu hunderten durch Städte marschieren und mit Propaganda, die bestimmte Personengruppen abwertet, öffentlich marschieren.

    Wir freuen uns über kritische Reflexionen der Aktion (erinnern@gmx.de), wünschen uns aber, dass insbesondere von Personen der „bürgerlichen Mitte“ ein wenig nachgedacht und reflektiert wird, was genau an Meinungen kundgetan und ohne Hintergründe nachzulesen verbreitet wird.
    Viele Grüße
    d.

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