„Fußballchaoten“ setzen Untersuchungskommission ein

Keine Angst vor der Wahrheit: Fans des FC St. Pauli haben beschlossen, eine unabhängige Untersuchungskommission zu initiieren. Diese soll den Ablauf der Ereignisse bei einem Hallenturnier, bei dem es mindestens 90 Verletzte gab, aufarbeiten.  Polizei und viele Medien hatten die Schuld voreilig und einseitig bei „gewaltbereiten Fans“ gesucht.  Der Hamburger Innensenator setzte unterdessen ein Zeichen, um verhärtete Fronten aufzubrechen.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Eigentlich sollte am 14. Januar 2012 ein St. Pauli-Fan-Fußballturnier in der Alsterdorfer Sporthalle steigen, doch nach den Vorkommnissen beim Schweinske-Cup eine Woche zuvor änderten die Fanvertreter die Pläne und luden zu einem offenen Treffen ein, auf dem über die Vorfälle sowie die Konsequenzen daraus diskutiert werden sollte.

Rund 300 Fans und Interessierte folgten dem Aufruf, darunter auch ein Überraschungsgast: Hamburgs Innensenator Michael Neumann erschien bei dem Treffen im „Centro Sociale“ in St. Pauli – und meldete sich ebenfalls zu Wort. Er sei als Privatmann gekommen, so der SPD-Politiker, ohne Personenschützer, weil er ein eigenes Interesse habe, das Geschehen beim Schweinske-Cup aufzuarbeiten. „Das ist nicht alles richtig gelaufen“, kommentierte Neumann im Hinblick auf den Polizeieinsatz, bei dem es Dutzende Verletzte durch Knüppel und Tränengas gegeben hatte. Der Innensenator drückte sein Bedauern aus: „Es tut mir um jeden Verletzten leid“, so Neumann wörtlich.


Untersuchungskommission beschlossen

Wie bereits am Donnerstag bekannt geworden war, wird es in der Hansestadt auf politischer Ebene einen Arbeitskreis unter Beteiligung von Politik, Polizei, Vereinen und Fanvertretern geben, der zukünftige Eskalationen vermeiden helfen soll. Die versammelten Fans gingen am Sonnabend trotz dieser Ankündigung allerdings einen eigenen Schritt: Als Konsequenz aus den sehr widersprüchlichen Angaben von Polizei und großen Medien auf der einen und der Darstellung von Fans und Verein auf der anderen Seite, beschlossen sie, ihre Vertreter und Gremien mit der Bildung einer unabhängigen Untersuchungskommission zu beauftragen, auch „auf die Gefahr hin, dass dann dort am Ende auch Dinge festgestellt werden, die für uns nicht angenehm sein könnten“, wie ein Redner es ausdrückte. Nach Informationen von Publikative.org sollen renommierte Wissenschaftler und Juristen die zahlreichen Augenzeugenberichte und offiziellen Darstellungen  auswerten und so das Geschehen rekonstruieren.

Mit diesem Schritt könnten die St. Pauli-Fans Maßstäbe setzen und Vorbild für andere Fanszenen werden, die entsprechenden öffentlichen Druck auf ihre jeweiligen Vereine, sowie Polizei und Medien aufbauen können. Auch beim bundesweiten Fankongress, der dieses Wochenende in Berlin tagt, dürften ähnliche Probleme und Konzepte diskutiert werden.

Reality Check für Polizei und Medien

Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)
Wollen sich mit unabhängiger Aufklärung der Ereignisse wehren: Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)

Zahlreiche Augenzeugen in der Halle hatten bereits unmittelbar nach den Ereignissen vom Freitag vergangener Woche das Handeln der Polizei und die mediale Darstellung der Ereignisse massiv kritisiert. Dutzende Augenzeugen fertigten mittlerweile Gedächtnisprotokolle an: So schrieb ein Vater von zwei Jugendlichen, die das Turnier besucht hatten, in einem Brief an den Innensenator, der Publikative.org vorliegt, seine Kinder seien von der Polizei „angegriffen und verletzt, und nicht, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre, vor Gewalttätern geschützt“ worden.

Auch andere Augenzeugen erheben schwere Vorwürfe gegen die Einsatzleitung und werfen zahlreiche Fragen auf: So bleibt nach wie vor unklar, warum die Polizei die relativ überschaubare Gruppe von Lübecker Fans, die erkennbar die Auseinandersetzung suchten, zunächst scheinbar relativ freizügig gewähren ließ – und sich dann stattdessen der auch polizeitaktisch deutlich „komplizierteren“ Aufgabe widmete, gegen rund 1.000 St. Pauli Fans vorzugehen, von denen nach Angaben der Polizei 230 gewalttätig waren.

Wir haben bereits dargelegt, warum es nach unserer Auffassung aufgrund der Turnierhistorie und der übereinstimmenden Augenzeugenberichte keinerlei Zweifel daran geben kann, wer die Auseinandersetzung suchte  – und mit dem Rufen rassistischer Parolen, dem zumindest mutmaßlichen Zeigen des Hitlergrußes und dem Raub von drei Blockfahnen auch entsprechend dokumentierte.  Ultrà Sankt Pauli hat in einer sehr ausführlichen Stellungnahme deutlich gemacht, auf wie vielen Ebenen diejenigen, die jetzt als „Gewalttäter“ denunziert werden sollen, sogar in die Organisation des Turniers einbezogen waren. Die Behauptung der Polizei, beide Seiten hätten sich ausgerechnet dort gezielt zur Gewalt verabredet, wirkt deshalb unglaubhaft.

Es gab am gesamten Abend nur wenige Sekunden Kontakt zwischen den Fans beider Mannschaften – nahezu alle der laut Medienberichten rund 90 Verletzten sind durch die völlig entfesselte Gewalt der Einsatzkräfte zu Schaden gekommen. Die Dunkelziffer der durch Pfefferspray verletzten Fans dürfte deutlich höher liegen„, so Ultrà Sankt Pauli. Damit treffen die Ultras des Pudels Kern, der den meisten Medienvertretern bei nahezu sämtlichen Polizei-Einsätzen gegen Fußballfans permanent entgeht: Es ist für ein demokratisches Gemeinwesen schlechterdings nicht hinnehmbar, dass die Polizei permanent für mehr Gefahr und mehr Verletzte sorgt, als die vermeintlichen oder tatsächlichen Gewalttäter.

Neumann sollte seinen Worten Taten folgen lassen

Innensenator Neumann appellierte trotzdem an die Fans des FC St. Pauli, nicht in Feindbildern zu denken. So wie es in der Fanszene einzelne Problemfälle gebe, sei auch die große Mehrheit der Polizisten anständig und ärgere sich genauso über die Vorfälle. Auch mehrere Fans und deren Vertreter äußerten den Wunsch, mit der Polizei ins Gespräch zu kommen, um Konflikte zu entschärfen. Neumann erwähnte, dass nach Anzeigen auch bereits zwei Ermittlungsverfahren gegen Polizisten liefen. Abzuwarten bleibt indes, ob diese nicht wie zumeist üblich im Sande verlaufen. Amnesty International beklagt seit Jahren, dass Polizeigewalt in Deutschland praktisch nie verfolgt wird – und selbst wenn, kommt es nur äußerst selten zu strafrechtlichen Konsequenzen für die vom Apparat gut geschützten Beamten.

Sollte der Auftritt des Innensenators daher nicht nur zu PR-Zwecken erfolgt sein, könnte er zum Beispiel darüber nachdenken, eine ständige unabhängige Kommission einzuführen, die sich mit Beschwerden und Anzeigen gegen Polizisten beschäftigt und eigenständig ermittelt. Nicht nur, dass eine solche Institution in anderen europäischen Ländern wie Schweden und Großbritannien längst zum demokratischen Standard gehört, auch Hamburg hatte ein solches Organ nach zahlreichen Skandalen bereits einmal. Unter der Regierungskoalition von CDU und den Rechtspopulisten der Schill-Partei wurde sie 2001 abgeschafft – und damit bewusst ein Signal an bestimmte Beamte gegeben, Knüppel und Pfefferspray freien Lauf zu lassen.

Die Polizeiarbeit in Hamburg hat sich unserer Meinung nach in den letzten zehn Jahren  jedenfalls nicht verbessert – ganz im Gegenteil: Wie eigentlich überall, wo demokratische Kontrolle und unabhängige Evaluation fehlen, wird ein schlechter Job gemacht. Eine Binsenweisheit, der sich zwar mittlerweile jeder Grundschullehrer unterwerfen muss, nur auf der Insel der Polizei reicht es offenbar immer  noch, wenn man seinen Job „irgendwie“ macht. Nach der Qualität wird bislang kaum gefragt – leider in aller Regel auch nicht von den Medien. Angesichts dessen, wie wichtig die Institution Polizei für die Legitimation des staatlichen Gewaltmonopols ist, ein mehr als beklagenswerter Zustand: Wer als Jugendlicher nämlich in oben beschriebener Weise unbeteiligt von der Polizei bedroht, verfolgt und verletzt wird, dessen Vertrauen in diese Institution ist für Jahre erschüttert oder für immer verloren – kein Gewinn für Demokratie und Rechtsstaat – auf keiner Seite.

Zweifelhafter Auftritt vor dem Innenausschuss 

Besonders zweifelhaft wirkt der Auftritt des Leiters der Zentraldirektion der Hamburger Polizei, Kuno Lehmann, vor dem Innenausschuss der Hamburger Bürgerschaft: Dieser hatte unter anderem  angegeben, St. Pauli-Fans hätten die Krawalle begonnen und 20 unbeteiligte Jugendliche an einem U-Bahnhof verprügelt. Nach uns vorliegenden, übereinstimmenden Berichten ist diese Darstellung nicht haltbar: Nach Informationen von Publikative.org soll es sich nicht um 20 unbeteiligte Jugendliche, sondern um 6-8 Männer Anfang bis Mitte 20, die am U-Bhf Lattenkamp „Scheiß St. Pauli“ skandierten, wobei sie die Zahlenverhältnisse auf dem Bahnhof massiv falsch einschätzten und schließlich unter den Augen der Polizei in eine Schlägerei gerieten. Die Polizei äußerte sich auf Nachfrage unter Hinweis auf laufende Ermittlungen nicht klar zu dem Vorfall, es habe in diesem Zusammenhang aber eine Festnahme wegen Körperverletzung gegeben. Zur Erläuterung: Hamburgs Hochbahn-Bahnhöfe sind kameraüberwacht – der Unterschied zwischen „20 unbeteiligten Jugendlichen“ und 6-8 erwachsenen Männern, die möglicherweise nicht ganz so „unbeteiligt“ waren, sollte sich problemlos aufklären lassen.

Im Hinblick auf den Abtransport der Lübecker Gruppe aus der Halle widersprach Lehmann sogar der bisherigen polizeilichen Darstellung, als er behauptete, diese hätte sich „aus Angst um ihr Leben“ an die Polizei gewandt. Die Einsatzleitung am betreffenden Abend hatte dagegen noch davon gesprochen, dass man polizeiliche Zwangsmaßnahmen habe anwenden müssen, um die Gruppe aus der Halle und in die Busse zu bringen. Später korrigierte die Polizeipressestelle Lehmann dahingehend, dass die Lübecker zunächst darum gebeten hätten, die Halle zu verlassen, dann aber vor derselben wieder St. Pauli Fans angreifen wollten und deshalb mit Gewalt daran gehindert werden mussten. Da sich dieselbe Gruppierung in der Halle unter Bezgunahme auf  eine der erbeuteten Fahnen noch mit „Ramba Zamba“-Gesängen selbst feierte, ebenfalls eine schwer zu glaubende Version.

Mittlerweile beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft mit zwei weiteren  Anzeigen: Die Linken-Abgeordnete Christiane Schneider zeigte einen unbekannten Lübeck-Fan an, der einen Hitlergruß gezeigt hatte, und der Zentralrat der Sinti und Roma stellte zudem Anzeige wegen der Parolen „Zick zack Zigeunerpack“, welche von Seiten der Lübecker Gruppe skandiert worden sein soll. Die Polizei hat bisher nicht überzeugend darlegen können, warum sie weder gegen Nazi-Parolen noch gegen den „erfolgreich“ begangenen Raub eingeschritten ist, stattdessen aber die halbe Halle in ein Pfefferspray-Kampfgebiet verwandelte. Zu diesem Themenkomplex hat die Fraktion der Linkspartei deshalb eine  Anfrage an den Hamburger Senat gestellt.

Appell an die Verantwortung aller Beteiligten

Auf ihrer Veranstaltung diskutierten die Fans auch über den Umgang mit Gewalttätern in den eigenen Reihen und Konzepte, wie man auf überzogene Polizeieinsätze reagieren sollte. Ein Redner betonte, dass der Verzicht auf Gewalt nicht damit zu verwechseln sei, „die andere Wange hinzuhalten“ – und verwies auf bestehende Deeskalationskonzepte, wie sie zum Beispiel von der Anti-Atomkraft-Bewegung bei Castor-Transporten praktiziert werden, die friedlich, aber dennoch effektiv seien. Ein anderer Vertreter erinnerte daran, dass man mit der sinnlosen und nicht zu gewinnenden Auseinandersetzung mit der Polizei auch immer andere Fans gefährde – und  jeder Einzelne sich so verhalten müsse, dass er dieser Gesamtverantwortung auch gerecht wird – ein Hinweis, der auch in der Debatte um Pyrotechnik immer wieder auftaucht.

Viele Wortbeiträge beschäftigten sich zudem mit der medialen Darstellung von Fans. Ein Blogger stellte die These auf, dass viele Medien durch das verzerrte Bild von Fans und insbesondere Ultras das Gewaltproblem verschärfen, da sich ein bestimmtes Klientel dadurch erst ermutigt fühle, sich diesen Gruppen anzuschließen. Das Monster, das man vermeintlich zu bekämpfen suche, werde dadurch größer und größer – ein Hinweis, der im Hinblick auf das ethische Gebot der Presse, möglichen Schaden zu minimieren, von größter Bedeutung ist.

Die differenzierte Diskussion vergrößert die Kluft zwischen medialer Darstellung und der Realität von Fußballfans. Rund zwei Stunden wurde offen diskutiert – und auch der Innensenator wurde kritisch, aber sachlich befragt – ohne befürchten zu müssen, von den „Chaoten“ angegangen zu werden. Selten wurde deutlicher, wie kontraproduktiv und sinnlos populistische Law-and-Order-Politik und wie vielversprechend offene Kommunikation und gegenseitiger Respekt sind, um Konflikte zu lösen.

Siehe auch: Dahin, wo es weh tut!, Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung, Überbieten und Strafen, Über Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigen, Distanzlos gegen Fangewalt, Etwas Besseres als diesen Journalismus, Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

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25 thoughts on “„Fußballchaoten“ setzen Untersuchungskommission ein

  1. Lieber Demokrat,
    ich stelle mir die Frage was sie als Demokrat unter körperlichem Zwang verstehen.

    Wenn dieses Video von dem Sie sprechen unter „Polizeigewalt“ im Internet kursiert, dann frage ich mich wieso. Wenn sie schreiben, dass Umherstehende eingeschritten sind, dann frage ich mich auch hier wieso?
    Wie kann eine Verhaftung als „Gewalt“ tituliert werden?

    Dies hört sich für mich wie die sehr gefährliche und die Gewaltenteilung mißachtende Haltung „der wird schon was getan haben“, weshalb das Verhalten der Polizei schon gerechtfertigt sei. So eine Haltung impliziert, dass die Polizei bei der Verhaftung aufgrund des Verdachts (begründet oder nicht) unterschiedlich „hart“ vorgehen kann/darf. In Deutschland gilt die Unschuldsvermutung, wobei Exekutive und Judikative voneinander getrennt sind!
    Bei allem Respekt, aber die von Ihnen beschriebene Darstellung (aufgrund fehlender Quellenangaben) halte ich deshalb für sehr gefährlich.

    Darüberhinaus halte ich es für äußerst fragwürdig, dass die Berichte der Polizei durch Staatsanwälte, Richter und Verteidiger geprüft werden und die von Demoteilnehmern nicht!
    Die Berichte der Polizei werden m.W. geprüft, wenn es zu einem Prozess kommt. Jedoch werden dann auch die Aussagen von Demoteilnehmern geprüft. Wo ist da also hier ein Mißverhältnis?

    Ihren Nick „Demokrat“ kann ich unter diesen Umständen nur als Realsatire sehen.
    Hochachtungsvoll

  2. Herr D.
    In den beschriebenen Beispielen war ich meistens direkt vor Ort – da wo es denn mal eben zu diesen Szenen kommt.

    Das Problem an allen Monopolen – in diesem Falle eben dem Gewaltmonopol der Staatmacht – ist doch hier exemplarisch immer wieder zu beobachten:

    ES verführt gradewegs dazu, es zu Missbrauchen! Wer kontrolliert denn dieses, wenn nicht Presse und Demoteilnehmern genauso viel Gewicht in ihren Aussagen und Beobachtungen geschenkt wird. Staatsanwälte sind eben auch politisch Verpflichtet.

    Kasernierte Bereitschaftspolizei kam auf den in meinem Beispielen schon mit Schaum vor dem Mund auf die Szene, um sich dann mal hinter der anonymen Uniform so richtig auszutoben. Auch das ist beileibe nicht neu.
    Und so wusste vor Ort und später im Gericht von 5 Beamten auch keiner mehr genau, wer den Schlagstockeinsatz und die Festnahmen befohlen hatte. Knüppel frei auf friedliche Demonstranten.

    Wenn ich ihr Beispiel verdrehe und mit gebrochener Schulter und ausgekugeltem Arm nach Hause humpele, hatte ich dann einfach Pech, weil ich mich getraut habe für eine Sache auf den demokratischsten Ort der Welt die Straße zu gehen?

    Was ist denn die Halbgruppe eigentlich?

    Das finde ich schon recht fragwürdig, wenn bei friedlichen und gerechtfertigten Protesten durch Monpolisten nicht angemessen gehandelt wird.

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