Gericht will zweites Gutachten über Breivik

Gute Nachrichten für die Überlebenden und Angehörigen der Opfer von Utöya: Anders Breivik wird erneut untersucht. Der bislang als unzurechnungsfähig eingestufte Attentäter muss sich einer weiteren psychiatrischen Begutachtung unterziehen. Das zuständige Gericht in Oslo beauftragte zwei Psychiater mit einer neuen Untersuchung. Das Gericht betonte, wie das norwegischen Fernsehen berichtete, es habe sich auch wegen der großen öffentlichen Debatte für diesen Schritt entschieden.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?
Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?

Eine erste Untersuchung war höchst umstritten. Es hatte eine vermeintliche Unzurechnungsfähigkeit des Rechtsextremisten festgestellt. Die Expertise stuft Breivik als „psychotisch“ und „paranoid schizophren“ ein. Der Attentäter hatte in Gesprächen mit zwei Psychologen im Zusammenhang mit den Anschlägen in Oslo und auf Utöya von „Wir“ sowie einer Organisation gesprochen – ein militärischer Orden, der die Operation finanziert und ausgeführt habe. Zudem sollen in Norwegen noch zwei weitere Zellen des Netzwerks existieren, behauptete Breivik, und weitere im Ausland. Die Polizei fand aber auch nach fünf Monaten keine Hinweise auf eine solche Organisation.

Die Beurteilung war ein harter Schlag für die Angehörigen der Opfer sowie die Überlebenden von Utöya. Denn wäre das Gericht der Auffassung gefolgt, wäre Breivik für den Mord an 77 Menschen nicht verurteilt worden, sondern wohl in eine geschlossene Klinik gekommen. Anwälte von Überlebenden und Opferfamilien hatten sich daher für ein weiteres Gutachten ausgesprochen. Sie beriefen sich auf widersprüchliche Beurteilungen: Ein Psychologenteam, das Breivik im Gefängnis beobachtet hatte, urteilte, er leide nicht an Schizophrenie. „Dieses Team hat ihn lange beobachtet, länger als die vom Gericht beauftragten Experten“, sagte die Opferanwältin Mette Yvonne Larsen der Zeitung „Verdens Gang“.
Die Staatsanwaltschaft hatte ein neues Gutachten als nicht notwendig abgelehnt. Breivik ist nach Angaben seiner Anwälte ebenfalls gegen eine nochmalige Untersuchung. Der Protess gegen Breivik soll im April beginnen.

Über Jahre hatte der Rechtsextremist seine Anschläge bis ins kleinste Detail geplant und vorbereitet, die Polizei durch die Bombenexplosionen in Oslo noch in die Irre geführt, damit er auf Utöya ungehindert sozialdemokratische Jugendliche ermorden kann.

Die neuen Experten sollen laut Medien klären, ob der 32-Jährige Attentäter an anderen psychischen Erkrankungen leide und ob es einen Zusammenhang zwischen seinen Handlungen und seinem rechtsextremen Manifest gibt. Die Bekenntnisse hatte Breivik kurz vor seinen Anschlägen im Internet veröffentlicht.

Siehe auch: Zwischen Ideologie, Todesstrafe und Wahnsinn, Vernichtung als politisches Programm