Dahin, wo es weh tut!

Es gibt ein erstaunliches Missverhältnis bei der Berichterstattung über Fußballfans: Bei nahezu keinem anderen Thema unterscheiden sich das Erleben der vielen Beteiligten und die mediale Repräsentation der Ereignisse derart eklatant. Schafft die Zunft der Sportjournalisten sich selbst ab?

Von Redaktion Publikative.org

Was haben die Ereignisse in der Alsterdorfer Sporthalle vom vergangenen Freitag und die Ausschreitungen vor der Partie Borussia Dortmund gegen Dynamo Dresden gemeinsam? Ganz einfach: Beide sind einzelne Perlen in einer langen Kette medialen Versagens bei einer der ureigensten Aufgaben und Existenzberechtigungen von Journalismus überhaupt: Nämlich dem Versuch, das, was man gängigerweise Realität nennt, halbwegs adäquat abzubilden.

Fußballfans waren in der landläufigen Wahrnehmung in den 1980er Jahren ungefähr das, was von Aufklärung und Fortschritt ungefähr soweit entfernt schien, wie die Wehrsportgruppe Hoffmann: Saufender, rechtsradikaler Pöbel, der sich Wochenende für Wochenende prügelte, ohne Sinn und Verstand, lost boys, in jeder Hinsicht. Die Linke rümpfte die Nase, die Rechte sah wahlweise ein Sicherheits-Problem oder einen instrumentalisierbaren Gegenpol gegen den vermeintlich oder tatsächlich grassierenden Linksradikalismus.

„Sogenannte Fans – der Sport spielt für uns keine Rolle. Gewalt und Randale ist das was zählt. Wir schlagen alles kaputt – alles kaputt.“
(Ostmaul – „Sogenannte Fans“)

Ungefähr aus dieser Zeit muss die Herangehensweise vieler Sportjournalisten stammen, dass man über diese Gruppe in etwa in der gleichen Weise schreiben und berichten kann wie über Primaten kurz vor der Menschwerdung. Selbst wenn die Protagonisten heute zum Teil deutlich jünger sind, scheinen kulturelle Codes aus jener Zeit weiterhin äußerst mächtig zu wirken: Fußballfans haben keine Lobby, weil sie der organisierten politischen Linken verdächtig erscheinen und für die Rechte mittlerweile nur noch Störfaktor im Spaßbetrieb einer längst millionschweren Unterhaltungsindustrie sind.

Die potentielle Gewalttätigkeit von Fußballfans ist daher mindestens im gleichen Maße geächtet wie öffentliches Rauchen, Alkohol trinken im ÖPNV und fettes, ungesundes Essen: Von der grünen Öko-Erziehungsdiktatur bis zur konservativen Repression abweichenden Verhaltens trifft das ungehörige Gebaren dieser zumeist jungen Männer auf eine Phalanx bürgerlichen Unverständnisses, auf Abscheu und den Willen zur Repression. Weil der innere Schweinehund auf den Redaktionsfluren und in den Amtsstuben längst erfolgreich domestiziert wurde, sollen nun gefälligst auch alle andern die Schnauze halten – und zwar endgültig. Ansonsten setzt es spaßige Stahlgewitter bürgerlichen Spießertums – von Stromberg bis Pfefferspray. Vernichtung von Familie, Beruf und Existenz wegen eines geworfenen Bierbechers? Kein Problem, „selber Schuld“ ruft der Lynchmob der selbstgerechten Pseudo-Weltverbesserer. Die Frage nach der Relation stellt sich nicht mehr.

„Und sie sind so gebildet und natürlich furchtbar schlau – sie sind niemals mit dabei, wissen alles genau!“
(Muff Potter – „Der Hundescheißetrick“)

Doch schreibt und filmt die Zunft der Berichterstatter oft weitgehend am Publikum vorbei: „Ich Kriegsgewinnler“, schrieb Norbert Harz von St. Pauli-Fanblog Magischer FC vor wenigen Tagen angesichts der Klickzahlen seines vom Medien-Mainstream massiv abweichenden Blog-Posts. Und wir können uns anschließen: Ganze sieben Absätze über ein Ereignis, das ganz offensichtlich keinen erfolgreichen Polizeieinsatz konstituieren kann, reichten für mehr als 25.000 Abrufe in drei Tagen und zahlreiche Zitate – teilweise mit, teilweise ohne Quellenangabe. Vom betroffenen St. Pauli Fan, der jedem Klischee entspricht, bis zum Mitfünfziger Marketingleiter und Eintracht-Frankfurt-Dauerkartenbesitzer reichen die Zuschriften derjenigen, die – aus völlig unterschiedlichen Gründen – die polizeiliche und mediale Beschreibung der Ereignisse für einen einzigen Witz halten, weil ihnen ihre jahrelange Erfahrung eben eine völlig andere Interpretation nahe legt.

Das alles ficht die Gilde der hauptberuflichen Sportjournalisten kaum an. Noch kann man sich bisweilen königlich amüsieren und auf den der Klowänden des Sportjournalismus bezahltermaßen „seine Meinung“ kund tun und dazu aufrufen, dass die „St. Pauli-Bosse“, die vermeintlich „zur Gewalt aufrufen“ „gestoppt werden müssen“. Jetzt rächt sich die in Fankreisen bereits oft parodierte und eindimensionale Darstellung des FC St. Pauli als „Kultverein“, wohl die inhaltsleerste Umschreibung, die in den vergangenen 20 Jahren erschaffen worden ist. Von der Realiät, die eigentlich zu beschreiben wäre, ist all das mittlerweile vollkommen entkoppelt: Stattdessen drischt man medial auf Pappkameraden ein, die man selbst erfunden hat. Waren die „Pauli-Piraten“ seit Ende der 1980er Jahre allesamt tanzende, kreative und stets gutgelaunte Alternativ-Freaks, ist nun vom Krawall-Club die Rede, bei dem paramilitärisch gedrillte Ultras die Marschrichtung vorgäben.

„Und für Bärbel Schäfer bin ich von mir aus ein Faschist. Und für den Hool von nebenan bin ich so gern ein Kommunist.“
(But Alive – „Pete“)

Leider wird dabei übersehen, dass die Gewaltdiskussion bei St. Pauli bereits vor 20 Jahren geführt wurde, als einige Haudegen für ihre Gewaltbereitschaft fanintern als linke  Hooligans kritisiert wurden. Der Grat zwischen Selbstverteidigung gegen Neonazis und Bock auf Boxen ist schmal – auf jeden Fall deutlich zu schmal für die Geländewagen der Boulevard-Journalisten, die nun von einem Extrem (Kult) ins andere (Krawall) kippen, weil Differenzierung nicht gefragt ist. Dementsprechend wird auch die politische Auseinandersetzung bewusst klein geredet: Hitler-Grüße sind auf einmal „Provokationen“ – und keine Straftaten mehr. Nazis haben aber die unangenehme Angewohnheit, dass sie von vorneherein gewaltbereit sind, weil dies ihrer politischen Ideologie entspricht. Die Erkenntnis mag einige Medienvertreter hart treffen, aber die gehen nicht weg, wenn man sie lieb drum bittet. Natürlich wäre es Aufgabe der Polizei, derlei Straftaten zu unterbinden. Schade nur, wenn sie es eben nicht tut. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich hat auch der FC St. Pauli gewaltbereite und gewalttätige Fans.  Weder waren diese jemals allesamt friedlich, noch sind sie heute überwiegend gewalttätig.

Spiegelverkehrt kommen diese Zerrbilder auch im Fall Dynamo Dresden zur Anwendung: War der „Kultverein des Ostens“ nach Stadion-Neubau, Aufstieg und Pokalsieg gegen Bayer Leverkusen eben noch „auf einem guten Weg“ und ein „positives Beispiel in der häufig tristen Fußballlandschaft Ostdeutschlands“, wurden nach den Ausschreitungen bei Borussia Dortmund wieder alle Register gezogen: „Unverbesserlich“, „Horden von 100-Kilo-Hühnen“, „Große Teile der Dynamo-Fans nicht zu kontrollieren“  hieß es nun, und die Forderung „Ausschließen! Auf unbestimmte Zeit!“ wurde vom DFB dann mit dem Pokalaus für Dynamo auch prompt umgesetzt – zumindest für eine Saison. Dass die Welt nicht schwarz und weiß wie Zeitungsspalten, sondern bisweilen ganz schön grau ist – ist offenbar zu viel Erkenntnis für die Kollegen, dafür haben sie keine Zeit, die nächste PK wartet schon.

„I’ve been laying, waiting for your next mistake – I put in work, and watch my status escalate“
(Gang Starr – „Work“)

Zum Glück allerdings werden wir alle – sofern „wir“ nach 1960 geboren sind – das Ende dieser Art von so genanntem Journalismus noch erleben: Diejenigen, die Fußballstadien immer nur aus der Perspektive der VIP-Tribünen gesehen haben und dennoch der Meinung sind, dass das Abtippen von Polizeiberichten schon Ausweis ihrer beruflichen Daseinsberechtigung ist, werden ihr blaues Wunder in Zeiten des Internets schon noch erleben: Sport-BILD-Kommentator Hesse wird sicherlich viel Zustimmung für seine Abrechnung mit St. Pauli ernten, fraglich nur von wem. Viele Fußballfans, die sich zwar nicht zum Anhang der Braun-Weißen zählen, dafür aber selbiges bis Drei können, ahnen, dass ihr Verein der nächste sein könnte, der als Oberrandale-Sau durchs mediale Dorf getrieben werden könnte, während die Polizei auch den stümperhaftesten Einsatz kritiklos abbuchen kann. Die Unzufriedenheit mit dem etablierten Sportjournalismus hat bereits zu Alternativen wie den „11 Freunden“ und dem „Ballesterer“ geführt – und diesen eine große Leserschaft beschert. Es darf gemutmaßt werden, wer Publikationen wie die „Sport-Bild“ langfristig lesen wird, aber knapp 15 Prozent Auflageverlust allein in den letzten zwei Jahren lassen ahnen, wohin die Reise gehen könnte.

Man mag es kaum glauben, aber wenn man nachts lange genug wach bleibt, kann man der Tagesschau vor 20 oder auch 30 Jahren tatsächlich entnehmen, dass damals selbst Nachrichtenjournalisten es wagten, der Darstellung der Polizei zu widersprechen. Zu sehen sind verschwommene Demo-Bilder von irgendwoher. Menschen rennen hin und her, Blaulicht, Wasserwerfer, Tränengas. Und der Sprecher aus dem Off sagt: „Nach Angaben der Polizei … wir haben allerdings im Gegensatz dazu beobachtet, dass …“.

„A friend of a friend he got beaten. He looked the wrong way at a policeman.“
(Kaiser Chiefs – „I predict a riot“)

Liebe Kollegen, es ist an der Zeit, dass Ihr dahin geht, wo es nach Pfefferspray riecht. Es ist an der Zeit, dass Ihr wieder merkt, aus welchem Material Polizeiknüppel sind. Es ist an der Zeit, dass Ihr Euch nicht mehr wie geladene Gäste, sondern wie von der Öffentlichkeit bezahlte, kritische Beobachter des Zeitgeschehens benehmt. Kurzum: Es ist an der Zeit, dass Ihr wieder Euren Job macht.

Ansonsten werdet Ihr erst etwas merken, wenn Eure Auflage Eurem kaum noch vorhandenen Aufwand entspricht. Dann, wenn selbst der letzte Dorfbewohner im Emsland das Märchen der universellen Bedrohung durch den Ultra von nebenan nicht mehr hören kann, wenn die letzte Pressemitteilung der Polizei beim letzten Stadionbesucher nur noch ungläubiges Achselzucken hervorruft, dann nämlich haben Huffington Post & Co. Euren Job übernommen.

Siehe auch: Gewaltorgie beim Hallenturnier: Des Rätsels Lösung, Überbieten und Strafen, Über Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigen, Distanzlos gegen Fangewalt, Etwas Besseres als diesen Journalismus, Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

25 Kommentare zu „Dahin, wo es weh tut!

  1. Ich finde der Artikel kommt genau auf den Punkt. Nur wer liest ihn? Für die Insider und die Ultraszene ist dieses nichts Neues. Aber für den Leser der Bild, des Hamburger Abendblattes, der Mopp aber auch den Zuschauern der (oft undifferenzierten) Sportschau oder der Sendung Doppelpass würden sich völlig neue Horizonte eröffnen.

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  2. Ich hab jetzt nur den Anfang (erst drei Absätze) gelesen – einfach weil es sich nicht auszahlt. Das Thema ist dadurch definiert, der Rest mag für euch (szeneleute) interssant sein, mir ist er egal.

    Ich nehme die sich selbst reinigende Kurve mit euren „Anwälten und Ingenieuren, die sich auch fürs Boxen interessieren“ wahr. Und ich gebe einen Dreck darauf, was ihr glaubt, was richtig oder falsch ist. Genauso wie ihr auf meine Meinung einen Dreck gebt. Es gibt Leute, die lieben den Sport, und drum haben sie sich für einen beruf in dieser Sparte entscheiden. Und wenn’s zum Spielen nicht reicht, gibt es eben andere Sparten.

    Ihc muss mich nicht von jemandem für etwas, woran ich nicht glaube, verdreschen lassen, mich interssiert euer schiess nicht. Wer ernsthaft glaubt, sich zu prügeln sei was cooles, und das ganze auch noch hinter „Football is for you and me not for fuckiung industry versteckt“ ist nicht mal blöd. Sondern einfach ein Arschloch. Suck on that, bitches.

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  3. Pingback: Anonymous
  4. Donnernder Applaus zu diesem Artikel!!!!

    Ich bin zwar ein Mittvierziger Spiesser mit Reihenhaus, Familie und Bürojob, aber auch ein Fussballfan, der sich das unerhörte Recht rausnimmt, zu Auswärtsspielen seines Vereins fahren zu wollen.

    Und es ist genau so wie geschildert: Die Berichterstattung und das tatsächliche Geschehen hat in den meisten Fällen wenig bis gar nichts miteinander zu tun. Und man ist ständig bedroht von vollkommen willkürlichen und maßlosen Strafen, gegen die es kaum eine Handhabe gibt. Auch unverhältnismässige Gewalt, Schikane und Aggression von Seiten der „Ordnungshüter“ sind an der Tagesordnung.

    Nur gegen die gezielten Versuche von Nazis, die Fankurven zu unterwandern, wird natürlich wenig bis gar nichts unternommen.

    Danke, danke, danke, das ich so etwas mal lesen durfte!!!!

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  5. @Gonzo: wer nur die ersten 3 Absätze eines Artikels liest und dann einen derart unqualifizierten Kommentar abgibt, sollte entweder den ganzen Artikel lesen oder den Kommentar lassen. So ist es leider einfach nur lächerlich. Szeneleute? Welche Szene? Ein Wahnsinn.

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  6. sehr guter kommentar – vollste zustimmung. ähnliche verzerrungen gibt es allerdings nicht nur beim fußball sondern oftmals auch bei demonstrationen. auch da wird lieber schnell eine tendenziöse pm der polizei abgeschrieben, als sich selbst im bisweilen chaotischen und unübersichtlichen geschehen einen eigenen eindruck zu machen. hetzer und lobbyisten von DPOLG und GDP freuts natürlich: ihr durchaus zur gewalt neigendes klientel kommt dann gut weg und keine die eigene verfälschte sicht ausbreiten

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  7. Vielen Dank für die großartigen Artikel die hier in diesem Zusammenhang veröffentlicht wurden -mit der Lektüre anderer habe ich erst begonnen.
    Auch das Engagement und die Qualität der (publikative-) Kommentare gefällt mir außerordentlich gut.
    Chapeau!

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  8. „Nur gegen die gezielten Versuche von Nazis, die Fankurven zu unterwandern, wird natürlich wenig bis gar nichts unternommen.“

    Wäre das nicht die aufgabe der „Kurve“ sich solcher Leute zu entledigen? Genauso wie Kat. B und Kat. C Fans? Solange sich die Fußballfans nicht von den gewaltätigen Personen distanzieren und sich als Schutzschild vor Strafverfolgung mißbrauchen lassen, solange werden unschuldige und friedliche Fußballfans von Maßnahmen der Polizei und Ordner betroffen sein.

    Es wäre ein Schritt nach vorne als Feind nicht die Ordnungshüter zu betrachten, sondern eben jedne gewaltätigen Mitfans, die Fußballspiele in Gewaltorgien verwandeln.

    Bisher habe ich es allerdings erst sehr sehr selten erlebt, dass Fans die Identität von Tätern auch bei schweren Vergehen preisgaben, um eine Strafverfolgung zu ermöglichen. Die falsch verstandene Solidarität mit Personen die dem selben Club anhängen, schädigt die gesamte Fußballszene!

    Die Polizei muss sich an die eigene Nase fassen und an der Einsatzbewältigung arbeiten. Ebenso müssen die Fußballfans ihren Beitrag leisten.

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