Der „Affenzirkus“ von Dessau

Was passiert, wenn ein Schwarzer in Polizeigewahrsam verbrennt, der Prozess gegen die Beamten zur traurigen Lachnummer wird und daher neu aufgerollt werden muss, wenn Menschen am 7. Jahrestag des grausamen Todes in Dessau öffentlich an das Opfer Oury Jalloh erinnern – und die Polizei einen schwarzen Teilnehmer bewusstlos schlägt?  Von einem „Affenzirkus“ ist die Rede.

Von Patrick Gensing

Alltäglicher Rassismus – viel wurde von Politikern und Experten darüber in den vergangenen Wochen schwadroniert. Ja, darüber müsse man sprechen und diesem unschönen Phänomen dürfe kein Platz eingeräumt werden. Wehret den Anfängen – nach 180 Toten.  Das Problem alltäglicher Rassismus wurde mit Hilfe der Extremismus-Doktrin längst ausgelagert, exotisiert, verdrängt. So geht das auch in Dessau, bzw. in der Mitteldeutschen Zeitung, wo sich der Mob der Kommentarfaschisten austoben darf.

Die Empörung darüber, dass „Neger“ nicht nur Pizza ausfahren oder im Fernsehen als Casting-Jury-Maskottchen auftauchen, sondern nun auch noch frech ihre Bürgerrechte einfordern, wächst hier: „Nun denken inzwischen auch die Afrikaner, dass sie in Deutschland alles dürfen“, schreibt Auditor auf der Webseite der „Mitteldeutschen Zeitung“ – und sieht schon den Weißen Widerstand erwachen: „Wie lange bleibt die Bevölkerung bei diesem Affenzirkus noch ruhig?“

„onkelsteffen“ meint immerhin, dass die Dessauer Polizei für den Tod von Jalloh wohl nicht noch ausgezeichnet werden sollte, sie habe „sich nicht mit Ruhm bekleckert“, schreibt er. Aber, und so argumentiert auch die NPD, „wir [sollten] nicht vergessen wer Jalloh war. Ein abgewiesener Asylant und Drogendealer der in Deutschland geduldet war, hat im Drogen und Alkoholrausch Frauen belästigt“. Mit anderen Worten: selbst Schuld.

„Inszenierte Polizeigewalt“

Demonstrationsaufruf "Das war Mord!" auf dem Jahr 2008
Demonstrationsaufruf „Das war Mord!“ auf dem Jahr 2008

Am Wochenende hatte die Polizei bei der Gedenk-Demonstration zum Todestag Jallohs ein Plakat beschlagnahmt, auf dem der Spruch „Oury Jalloh, das war Mord“ stand. Die Polizei war laut Medienberichten „zunächst“ davon ausgegangen, dass die Straftat der üblen Nachrede vorliege. Schade, dass die Polizei bei revisionistischen oder antisemitischen Transparenten nicht einmal halb so sensibel daherkommt.

Nach der Demo wird nicht nur der tote Jalloh im Forum der MZ mit Dreck beworfen, auch Mouctar Bah von der Initiative „The Voice„. Fotos, die den nach einem Polizeieinsatz verletzten Bah zeigen, darf „RockyWillenlos“ auf den Seiten der „Mitteldeutschen“ mit den Worten kommentieren: „Wie es im Bild ausschaut, wurde der „ehrenwerte“ Herr Bah mittels Pfefferspray in die Schranken gewiesen. Wo liegt hier das Problem?“ Bah musste laut Medienberichten übrigens stationär im Krankenhaus behandelt werden. Problem?

Dass Bah überhaupt verletzt worden sei, wird ebenfalls öffentlich in Frage gestellt. „Realist100“ wirft – ohne dabei gewesen zu sein und auch ohne irgendein handfestes Indiz außer seinem Realitätssinn, den andere gesundes Volksempfinden nennen würden – mal die Frage auf, ob „sich schon mal jemand gefragt [hat] ob die angebliche Polizeigewalt nur inszeniert wurde? Und „ob die Verletzungen nicht das Produkt von Schauspielkunst allerhoechster Güte sind?“

Bahs Ziel: „dem Ansehen der Polizei zu schaden!“ Ist „Realist100“ vielleicht gar kein Realist, sondern ein 100%er Rassist? Solche Fragen verbittet er sich: „Bevor jetzt die Frage kommt, ich bin nicht Rechts oder rassistisch veranlagt, nein, aber durchaus realistisch.“

Der Innenminister will derweil deeskalieren: Immerhin müssen die Jalloh-Aktivisten nicht noch mit einer Anzeige rechnen. Inzwischen habe der Polizeipräsident der Direktion nach erneuter Prüfung entschieden, keinen Strafantrag wegen des Plakats „Das war Mord“ zu stellen, erklärte Innenminister Holger Stahlknecht. Er verwahre sich aber dagegen, dass Polizisten des Landes als Mörder dargestellt würden.

Gedenkdemonstration vor der Polizeiwache in Dessau
Gedenkdemonstration vor der Polizeiwache in Dessau

Oury Jalloh war am 7. Januar 2005 von der Polizei festgenommen worden und später an Händen und Beinen gefesselt auf einer Matratze im Dessauer Polizeigewahrsam auf grausame Art verbrannt. Die Initiative The Voice kommentiert den Prozess gegen den Dienstgruppenleiter des Dessauer Polizeireviers: „Auch nach sieben Jahren glauben wir der offiziellen Darstellung, dass Oury Jalloh das Feuer selbst ausgelöst habe, nicht.“

Zwei Polizisten waren bei dem ersten Prozess freigesprochen worden. Nach dem Freispruch warf Pro Asyl den deutschen Ordnungshütern institutionellen Rassismus vor. Polizeizeugen haben demnach in dem Prozess ein Gespinst aus Lügen und Halbwahrheiten gewebt. Zudem müsse die Polizei die so genannte “Cop Culture” aufbrechen, zugunsten einer offenen Organisationsstruktur. Außerdem wäre ein zivilgesellschaftlicher Einblick in Polizeigewahrsame nötig, etwa durch Experten von Nichtregierungsorganisationen.

Der Bundesgerichtshof hob den Freispruch gegen einen Polizisten auf.

 Siehe auch: Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht, BGH kippt Freispruch im Fall Jalloh, “Aktion Wegschauen”: Kriminalisierte Polizei Netzwerk gegen Rechts?, Tod von Jalloh: Pro Asyl spricht von institutionellem Rassismus

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9 thoughts on “Der „Affenzirkus“ von Dessau

  1. Erinnert mich an: „Rudolf Heß – das war Mord.“
    Das durfte alljährlich von Nazis in Wunsiedel herum posaunt werden und auch auf Transparenten und schließlich auf einem LKW quer durch Deutschland. Für Nazis gelten anscheinend andere Gesetze.

  2. Lieber WW,

    „Übele Nachrede“ ist ein Antragsdelikt. D.h. eine Strafverfolgung kommt erst nach einem gestellten Strafantrag des Opfers in frage. Solange das Opfer, also der angebliche Mörder von Rudolf Heß, keinen Strafantrag stellt, werden keinerlei strafprozessualen Maßnahmen ergriffen.

    Für Nazis gelten die selben Gesetze!

  3. aha! nur warum darf die polizei dann ohne einen solchen strafantrag, der müsste ja dann im nachhinein durch ein gericht geprüft werden, so durchgreifen?

  4. Ob es Mord war oder nicht … jedenfalls gibt es ziemlich offensichtlich auf Seiten von Polizei und Justiz in Dessau einiges im Bezug auf den Fall Jalloh zu vertuschen.

    Anders kann zumindest ich mir die ganzen Ungereimtheiten, Widersprüche und Absurditäten, die inzwischen schon an die Öffentlichkeit gelangt sind, nicht erklären.

    Der Hartnäckigkeit von Initiativen wie „The Voice“, der Angehörigen und von kritischen Medien ist es im Endeffekt zu verdanken, dass in diesem Fall bereits einiges ans Licht der Öffentlichkeit gelangt ist, was die meisten Menschen sonst nie erfahren hätten.

    Dafür gebührt ihnen Hochachtung – und nicht neuerliche Polizeigewalt.

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