Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

Das Berliner Schlosspark-Theater hat einen rassistischen Eklat provoziert. Für das Stück „Ich bin nicht Rappaport“ greift man dort auf die tief rassistische Praxis des Blackface zurück. Dieses Stilmittel aus der rassistischen Mottenkiste ist leider immer noch gängige Praxis an deutschen Theatern.

Von Andreas Strippel & Andrej Reisin

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Der Ärger begann, noch bevor der erste Vorhang sich hob: Auslöser war ein Plakat, auf dem zwei alte Männer nebeneinander auf einer Parkbank sitzen. Einer von beiden (Joachim Bliese) ist schwarz angemalt und soll offensichtlich einen Afro-Amerikaner darstellen, der Rest der Szenerie deutet den Central Park in New York an – und weil es gut zum Lokalkolorit passt, oder weil es der Autor, Herb Gardner, halt so wollte, geht es um einen (weißen) Juden (Dieter Hallervorden) und einen Afro-Amerikaner, die sich trotz gegensätzlicher Charaktere gemeinsam dagegen wehren, aufs Altenteil abgeschoben zu werden.

An dem Plakat und der Tatsache, dass man hier einen hellhäutigen Schauspieler „schwarz“ anmalt, damit er die Rolle eines Dunkelhäutigen spielen kann, entzündete sich in Blogs und auf Facebook eine breite Kritik an der Maskerade des Schlosspark-Theaters. Denn den dortigen Verantwortlichen, allen voran Dieter Hallervorden, der das Haus leitet, scheint in keiner Weise bewusst zu sein, dass Blackface, also das Schwarzanmalen von weißen Schauspielern, eine zutiefst rassistische Theatertradition ist.

Blackface ist Rassismus

Blackface entstand Ende des 19 Jahrhunderts in den ‚Minstrel Shows‘ und in Vaudeville-Theaterstücken in den Vereinigten Staaten. Dieses Unterhaltungsformat präsentierte seinem weißen Publikum das Klischee des tumben, dem Alkohol zusprechenden, geistig limitierten und ungebildeten, jedoch gutgelaunten „Negers“. Auch wenn im 19. Jahrhundert in diesem Format durchaus auch Kritik an der Behandlung von Afro-Amerikanern geäußert wurde, so war in der Konsequenz ein zentrales Vehikel zur Verfestigung, Verbreitung und Konstruktion von rassistischen Stereotypen.

Von dort aus verbreite sich diese Form der Darstellung von People of Color und trug sowohl über die Bühne als auch über den Film dazu bei, die rassistische Diskriminierung fortzuschreiben. Die Exotisierung und Bloßstellung des Nicht-Weißen ging dabei Hand in Hand. Dies war nicht nur auf die kapitalistische Kulturindustrie beschränkt, sondern fand auch, wie Peggy Piesche in ihrer Studie über Blackface in Defa-Filmen zeigt, systemübergreifend statt.

Ignoranz auf deutschen Bühnen

Die Kritik an Blackface scheint jedoch noch nicht im Land der Dichter und Denker angekommen zu sein. Relativ unbehelligt von Kritik ist dasselbe Stück, ebenfalls mit Blackface, bereits 2005 im Berliner Renaissance Theater gelaufen, 2001 in Krefeld. Aber auch in der Deutschen Oper Berlin lief Othello 2010 mit Blackface, genauso wie 2004 im Schauspielhaus Hamburg. Das Schlosspark Theater Berlin meint daher, nichts falsch gemacht zu haben, sondern sieht sich eben in jener „Tradition“. Trotzig antwortet man den Kritiker/Innen auf Facebook: „Mit den Rassismus-Vorwürfen liegt ihr alle total daneben!“

Offensichtlich fällt den Theatermacher/Innen wirklich gar nichts dabei auf, wenn sie als Rechtfertigung für Blackface posten: „Müssen wir künftig Shakespeares „Othello“ in der Bearbeitung von Schlegel/Tieck aus unseren Spielplänen streichen, weil uns ein „schwarzer Schauspieler“ im Ensemble fehlt?“ Dieser „Argumentation“ entgeht leider, dass sie auf einem vollkommen rassistischen Grundgedanken beruht: Nämlich, dass schwarze Schauspieler nur schwarze Rollen spielen könnten – und es deshalb schlicht nicht in Frage komme, dass man People of Color im Ensemble hat. Zu dieser Ignoranz gegenüber einem gesellschaftlich derart relevanten Thema wie Rassismus mag einem 2012 nicht mehr viel einfallen. Das Theater jedoch muss sich fragen lassen, warum man nicht einfach mitgeteilt hat: „Sorry, aber für drei Rollen im Jahr können wir hier nicht lauter Schwarze, Juden und Asiaten mit durchfüttern.“ Eine solche Formulierung wäre ihnen zwar niemals „rausgerutscht“, sie stellt aber die logische Konsequenz der angeführten „Begründungen“ für Blackface dar.

Denn in Deutschland werden afro-deutsche Darsteller, ebenso wie Schauspieler mit türkischen oder arabischen Migrationshintergrund immer noch vor allem auf den Kriminellen, den schmierigen Händler oder den Trottel vom Dienst reduziert. Nur selten werden sie fest in ein Theater-Ensemble aufgenommen, weil es eben nicht um ihre Qualifikation geht, sondern darum, dass angeblich „zu wenig Rollen für Nicht-Weiße“ vorhanden seien. Die Schauspielerin Nisma Cherrat urteilte in ihren Erfahrungsbericht „Mätresse – Wahnsinnige – Hure: Schwarze SchauspielerInnen am deutschsprachigen Theater“, dass meist nur die üblichen Klischee-Rollen zu haben sind, und der Theaterbetrieb darüber hinaus nur Rollen zulasse, die „politische oder soziale Missstände“ aufzeigen sollen.

Plädoyer für Farbenblindheit statt Authentizität

Das Gegenmodell dazu kann nicht sein, dass man (wie in einigen Facebook-Kommentaren geschehen) die Forderung erhebt, „schwarze“ Rollen sollten gefälligst mit Schwarzen besetzt werden, „jüdische“ mit Juden und türkische mit Türken. Denn so berechtigt die Forderung nach angemessener Repräsentation ist, so falsch wäre eine Festschreibung auf Ethnizität und Herkunft, um daraus Authentizität abzuleiten. Stattdessen sollte man von deutschen Theatern, Kino- und Fernsehproduktionen „Farbenblindheit“ einfordern – und eine angemessene Abbildung gesellschaftlicher Realität.

An angloamerikanischen Bühnen und in TV-Formaten sind „farbenblinde“ Besetzungen daher viel üblicher: Das vielleicht prominenteste Beispiel dafür ist die Besetzung Denzel Washingtons als Don Pedro von Aragon in Kenneth Branaghs Verfilmung von „Much Ado About Nothing“. Auch in der Fantasy-Serie „Merlin“ der BBC sind sowohl ein Ritter König Arthurs als auch Guinevere mit People of Color besetzt – unkommentiert. Zahlreiche weitere Beispiele ließen sich nur allzu leicht finden. Das bedeutet noch lange nicht, dass es in den USA oder Großbritannien keinen Rassismus mehr gibt, es bedeutet noch nicht einmal, dass dort die Theater- und Kinowelt in Ordnung ist. Es zeigt aber, dass dort die Entwicklung antirassistischen Einstellung sehr viel weiter ist als hierzulande.

Wenn nicht gerade Rassismus thematisiert werden soll, ist es ist nämlich für die Geschichte komplett uninteressant, welche Hautfarbe die Charaktere besitzen. Und wenn man schon gesellschaftliche Missstände thematisieren will – wie offensichtlich das Schlosspark-Theater – und dafür eben doch einen schwarzen Schauspieler zu brauchen meint, ja dann muss man halt eben auch einen finden, und sich nicht derart borniert, rassistisch und geradezu idiotisch darauf versteifen, diese gäbe es  – ausgerechnet in Berlin! – nun einmal nicht.

Rassismus? Aber ich bitte Sie!

Das Abstreiten des Rassismusvorwurfs folgt hingegen einem simplen Muster: Weil es nicht rassistisch gemeint war, kann es auch nicht rassistisch sein. In vollkommener Ignoranz und Verblendung gegenüber dem, was Rassismus im Alltag für die Diskriminierten bedeutet, gibt sich das Schlosspark Theater empört. Man will offensichtlich nicht verstehen, dass ein rassistischer Diskurs nicht nur in der rüden Pöbelei von Hardcore-Rasse-Theoretikern zu finden ist, sondern, dass eben auch Praktiken wie Blackface den Ausschluss aus der Mehrheitsgesellschaft befördern. Aber auch der Reflex, ganz selbstverständlich den Schwarzen im Park als Drogendealer zu betrachten, eine Frau als exotische Schönheit zu bezeichnen oder vermeintlich banale Dinge, wie das berühmt-berüchtigte bessere Rhythmusgefühl oder die vermeintlich genetisch-bedingte Athletik sind weitere Beispiele auf einer langen Liste.

Am Ende wird aus der eigenen Nichtdiskriminierung abgeleitet, dass es kein Rassismus-Problem gibt. Das passt in die deutschen Verhältnisse und den Versuch, Rassismus als exotische Einstellung von Extremisten aus der Mehrheitsgesellschaft auszulagern. Der Alltagsrassismus wird geleugnet, weil man es als Zumutung empfindet, beim Reproduzieren rassistischer Stereotype erwischt zu werden. Denn die wirkungsmächtige Struktur rassistischer Zuschreibung zu bedienen, kann praktisch jeder und jedem passieren. Nun sollte man aber meinen, dass lernfähige Menschen in der Lage wären, entsprechendes Verhalten auch zu korrigieren. Davon ist allerdings nicht nur das Schlosspark-Theater in Berlin offensichtlich noch meilenweit entfernt.

Siehe auch: “Ein angemalter Weißer ist kein Schwarzer”, Buchtipp: “Deutschland Schwarz Weiß – Der alltägliche Rassismus”, `Brauner Mob` startet `schwarzen Blog`

37 thoughts on “Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

  1. Dann ist es ja in ihrem Sinne, wenn demnächst die Autobiographie von „Mohammed Ali“ von Axel Schulz gespielt wird (ohne ihn anzumalen) und in einem Film der zu Zeiten des 2ten Weltkriegs spielt ein People of Color den Adolf Hitler (ohne in anzumalen) mimt. Man soll ja farbenblind sein.

    Und es liest sich hier so als ob es keinen einzigen PoC im Theater, Fernsehen oder sonst kulturell gäbe. Es werden wahrscheinlich die komplett intergierten Schauspieler mit Migrationshintergrund übersehen, da sie halt schon komplett integriert sind.

Comments are closed.