Zwischen Ideologie, Todesstrafe und Wahnsinn

Anders Breivik will die Anschläge mit 77 Toten mit Hilfe einer Organisation ausgeführt haben. Doch die Polizei hat keine Hinweise auf ein entsprechendes Netzwerk. Derweil fordern die Anwälte der Opfer ein neues psychologisches Gutachten – und Breivik will die Todesstrafe.

Von Patrick Gensing, in kürzerer Version bei tagesschau.de veröffentlicht

Die norwegische Polizei hat auch nach monatelangen Ermittlungen keine Hinweise auf ein Netzwerk, das den Rechtsextremisten Anders Behring Breivik bei seinen Anschlägen unterstützt haben soll. Die Polizei sei mit jedem Tag überzeugter, dass das Netzwerk gar nicht existiere, sagte der Staatsanwalt Christian Hatlo gegenüber der Zeitung „Aftenposten“.  Die Ermittler untersuchten seit fünf Monaten Hinweise in verschiedenen Staaten, in Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen – ohne Ergebnis.

Der Attentäter hatte in Gesprächen mit zwei Psychologen im Zusammenhang mit den Anschlägen in Oslo und auf Utöya von „Wir“ sowie einer Organisation gesprochen – ein militärischer Orden, der die Operation finanziert und ausgeführt habe. Zudem sollen in Norwegen noch zwei weitere Zellen des Netzwerks existieren, behauptete Breivik, und weitere im Ausland.

Jahrelange Planung – nicht schuldfähig

Insgesamt gab es 13 Treffen zwischen Breivik und den Sachverständigen – bei fast allen soll er von der Organisation geredet haben. Breivik habe bei den Gesprächen einen aufgeräumten Eindruck gemacht und gelächelt, berichten norwegische Zeitungen. Die Psychologen werteten seine Angaben über das angebliche Netzwerk als Wahnvorstellungen und erklärten ihn für schuldunfähig. Ein harter Schlag für die Angehörigen der Opfer sowie die Überlebenden von Utöya. Denn sollte das Gericht der Auffassung folgen, wird Breivik für den Mord an 77 Menschen nicht verurteilt, sondern kommt wohl in eine geschlossene Klinik.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?
Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?

Die Anwälte der Opfer fordern daher ein neues Gutachten über den geistigen Zustand des Attentäters. Sie beriefen sich auf widersprüchliche Beurteilungen: Ein Psychologenteam, das Breivik im Gefängnis beobachtet hatte, urteilte, er leide nicht an Schizophrenie. „Dieses Team hat ihn lange beobachtet, länger als die vom Gericht beauftragten Experten“, sagte die Opferanwältin Mette Yvonne Larsen der Zeitung „VG“.

Über Jahre hatte Breivik seine Anschläge bis ins kleinste Detail geplant und vorbereitet, die Polizei durch die Bombenexplosionen in Oslo noch in die Irre geführt, damit er auf Utöya ungestört sozialdemokratische Jugendliche ermorden kann. Glaubt Breivik tatsächlich, er gehöre zu einer geheimnisvollen, zellenartigen Organisation?

Breivik fordert die Todesstrafe

Offenkundig ist sein mörderischer Plan mit dem Massenmord am 22. Juli noch nicht beendet gewesen. Breivik  wollte mehr: Norwegen und Europa in seinem Sinne verändern. Dazu passt seine Forderung, in dem skandinavischen Land solle die Todesstrafe eingeführt, bei Verhören Foltermethoden erlaubt werden. Der Rechtsextremist hatte dies bereits direkt nach seiner Festnahme gegenüber Polizisten geäußert und später wiederholt.

Er würde nur über die angebliche Organisation sprechen, wenn seine Forderungen erfüllt würden. Denkbar, dass Breivik das Drohpotenzial einer angeblichen Organisation, die weitere Anschläge ausführen könnte, aufbauen wollte, um seiner Forderung nach der Todesstrafe Nachdruck zu verleihen – und er als Märtyrer das erste Opfer dieser Strafe werden wollte.

Eine Bürde für die Bewegung

Auch Breiviks Manifest sollte die öffentliche Meinung in dem skandinavischen Land und Europa nachhaltig beeinflussen. Doch dies gelang bislang nicht in seinem Sinne. Das Werk wurde bislang nicht in andere Sprachen übersetzt und Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg machte in beeindruckenden Reden deutlich, das Land werde sich nicht erpressen lassen und auf die Anschläge mit mehr Offenheit und Toleranz und nicht mehr Repression reagieren.

Breiviks Rechnung scheint also nicht aufgegangen zu sein. Auch als Held der islamkritischen Internationalen in Europa taugt er  bislang kaum. Gemäßigte Islamkritiker distanzierten sich ohnehin klar von der Tat, aber auch die Mehrheit der Rechtsextremen wollen nichts von Breivik wissen, sie sieht die Tat als nachteilig für die Wirkungsmacht ihrer rassistischen Propaganda an, die sich bislang oft aufklärerisch tarnen konnte.

Twitter-Meldung von Breivik vom 17. Juli 2011
Twitter-Meldung von Breivik vom 17. Juli 2011

Die Islamkritik hatte sich so in den vergangenen Jahren als effektivstes Instrument der extremen Rechten in Europa bewährt – Breiviks Tat wird in den einschlägigen Blogs dementsprechend als Bürde für die Bewegung bewertet.

Zwischen Ideologie und Wahnsinn

Für Aufatmen sorgte da die Einschätzung der gerichtlichen Gutachter, Breivik sei unzurechnungsfähig. Diese wurde umgehend genutzt, um die These vom verrückten Einzeltäter zu wiederholen. Doch Rechtsextremismus, Größenwahn und vollkommen übertriebene Wahrnehmungen von Bedrohungen gehören in vielen Fällen zusammen, immerhin ist der Hass auf ganze Menschengruppen das Gegenteil jeder Vernunft. Ein Psychopath muss noch lange nicht unpolitisch sein.

Der norwegische Journalist Öyvind Strömmen kommentierte, man müsse die Psyche von Attentätern wie Breivik oder Mohamed Atta selbstverständlich untersuchen. Dennoch sei es leicht zu erkennen, in welchen ideologischen Zusammenhang Breivik gehört. Das 20. Jahrhundert sollte gelehrt haben, so Strömmen, dass sich Ideologie und Wahnsinn nicht ausschließen.

Siehe auch: Gianluca Casseri – der “italienische Breivik”, “Breivik ist kein einsamer Verrückter”, Vernichtung als politisches Programm, Norweger trauern, Rechtspopulisten hetzen

6 thoughts on “Zwischen Ideologie, Todesstrafe und Wahnsinn

  1. warum schreiben sie im artikel „islamkritik“, wenn sie sich offensichtlich auf etwas ganz anderes beziehen?

    .~.

  2. Pingback: Vom NSU lernen

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