Autoritäre Sehnsüchte und eine provinzielle Kreditaffäre

Autoritäre Sehnsüchte, die „BILD“ als Chefanklägerin – und ein geschmackloses Haus in Großburgwedel. Die „Kreditaffäre“ um Bundespräsident Wulff ist an Provinzialität kaum zu überbieten.

Von Patrick Gensing

Bundespräsident Christian Wulff Offizielles Porträt 2010 und 2011 (Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)
Sollte lieber wieder zurück in die niedersächsische Provinz: Bundespräsident Christian Wulff (Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung).

Christian Wulff ist kein guter Bundespräsident. Und auch sein Vorgänger Horst Köhler taugte eher als Zielscheibe für Attacken der Satiriker als für die große Politik. Doch was ist überhaupt ein „guter“ Präsident? Er sei die moralische Instanz im Lande, heißt es, und solle sich aus der schmutzigen Tagespolitik heraushalten – darüber thronen und das gesamte Volk vertreten. Ein guter König – oder auch Papa Schlumpf, wie Kollege Andreas Strippel es formulierte.

Eine zutiefst autoritäre Sehnsucht bricht aus, wenn Bürger ein Staatsoberhaupt herbeisehnen, der „der Politik“ mal sagt, wo es langgeht, weil das den kleinen Mann zu sehr anstrengt. Ein Präsident, der Grundsatzreden hält und somit die Richtung vorgibt, damit man selbst nicht nachdenken muss, und der das Volk zusammenschweißt, um lästige Gegensätze zu vergessen. Ein Präsident, zu dem man hinaufschauen kann…

Klar ist, dass Wulff diese Sehnsüchte enttäuschen muss. Aber wer hatte anderes erwartet? Mit einem Freundeskreis, der offenbar nur aus Unternehmern besteht, fällt es schwer, Arbeitslose zu vertreten. Weitsichtige Grundsatzreden von einem Parteisoldaten, der als Landesvater des erdverbundenen Niedersachsens bestens aufgehoben war, sollte auch niemand erwarten. Banalitäten wie die Aussage, der Islam gehöre mittlerweile auch zu Deutschland, provozierten dann auch nur die Hardcore-Sarrazin-Fraktion. Es isz zwar bisweilen revolutionär, aber nie visionär, den Status Quo zu benennen. 

Und zu Wulff hinaufschauen? Ein Mann, der ein geschmackloses Einfamilienhaus mit möglichst günstigen Krediten finanziert? Nein, das würde zwar jeder gerne so machen, aber der Bundespräsi darf das eben nicht, denn der soll uns doch repräsentieren. Hendryk Broder stellte dazu treffend fest:

Ein Land, in dem die Parole „Geiz ist geil!“ zum beliebtesten Werbespruch werden konnte, wird sehr angemessen von einem Präsidenten vertreten, der seine Connections nutzt, um einen günstigen Kredit für einen Hauskauf zu bekommen. Niemand wäre überrascht, wenn er auch noch quer durch Niedersachsen fahren würde, um einmal günstig vollzutanken.

Nun sitzt Wulff auf der Anklagebank – und die Chefanklägerin heißt „BILD“-Zeitung. „Saubere Arbeit!“ – könnte man das Boulevard-Blatt für die kontinuierliche Recherche loben. Leider wird dieser Eindruck nun  befleckt, da der „BILD“ offenbar die Munition ausgegangen ist und man etwas angestaubte Kamellen auspacken musste. Oder warum tauchen die Anrufe Wulffs erst jetzt auf, nachdem die Sache nach einer Entschuldigung bereits erledigt gewesen sein soll?

Die Frankfurt-Münchner Bande

Die „BILD“ selbst spielte indes offenbar elegant über Bande und ließ die „Frankfurter Allgemeine“ und die „Süddeutsche Zeitung“ enthüllen, dass Wulff bei den BILD- und Springer-Oberen angerufen hatte, um die Veröffentlichung der Berichte über seine Kredite zu verhindern. Das ist sicherlich verwerflich, doch nun die „BILD“ als Gralshüter der Pressefreiheit hochleben zu lassen, fällt angesichts zahlreicher Beispiele aus den vergangenen Jahren schwer. Man denke nur einige Wochen zurück, als die „BILD“ den Schlaganfall von Wolfgang Niedecken schamlos ausnutzte und die Privatsphäre der Familie mit Füßen trat. Zudem hatte das Blatt zuvor keine Gelegenheit ausgelassen, Wulffs Strahlemann-Image erst mit aufzubauen, wie Bildblog hübsch dokumentiert hat.

Provinzialität und Langeweile

Die ganze Affäre ist an Provinzialität und Langeweile kaum zu überbieten: Es geht nicht um Sex-Abenteuer mit einem arabischen Despoten-Sohn, nicht um eine freundschaftliche Verbindung zu einer Revolutionärin aus Venezuela, Wulff hatte auch nicht die Chaos-Tage 1995 in Hannover genutzt, um den benachbarten Penny zu plündern, nein, alles dreht sich um Termine für Kredite, mit denen ein biederes Einfamilienhaus in Großburgwedel finanziert wurde.

Ihre gesamte Fallhöhe gewinnt die Geschichte lediglich durch die vollkommen überzogenen Erwartungen an das Amt des Bundespräsidenten. Und der steht allein da, Wulff wird diese Machtprobe verlieren. Aber vielleicht sollten sich die Kritiker dann auch mal lieber die Kanzlerin vorknöpfen, immerhin hatte sie die Wulffs und Köhlers ins Schloss Bellevue gehievt.  Und der nächste Kandidat kommt bald. Wetten, dass …?

Siehe auch: Wulff: Ist das alles peinlich…, Anzeige gegen Bettina Wulff: Keine Ermittlungen, Hitler-Gruß: Zeigt Rennicke auch Raab an?, Politische Korrektheit”: Rennicke zeigt Bettina Wulf an

 

:

11 thoughts on “Autoritäre Sehnsüchte und eine provinzielle Kreditaffäre

Comments are closed.