Das ausgebrannte Volk

Des Deutschen neueste Lieblingskrankheit ist der „Burn-Out“. Kaum hat man vier Wochen ohne Pause geackert, beantwortet fast rund um die Uhr Email-Anfragen und muss drei Telefone und zwei Chefs gleichzeitig bedienen, fühlt man sich mental und körperlich irgendwie erschöpft, sieht konkret abgewrackt aus und kommt nicht zur Ruhe. Gerne ist dann  von einem „Burn-Out“ die Rede. Mittlerweile wird von einer „Volkskrankheit“ geschrieben – und die Regierung plant einen „Burn-Out“-Gipfel.

Von Patrick Gensing

Der Begriff „Burn-Out“ tauchte zunächst in den 1970er Jahren in den USA auf. Allerdings nicht wie heute in Deutschland im Zusammenhang mit Managern, Hochleistungssportlern und Politikern, sondern in Pflegeberufen.

Der „Burn-Out“ umfasst nach gängigen Konzepten drei Dimensionen: eine überwältigende Erschöpfung (overwhelming exhaustion) durch fehlende emotionale und physische Ressourcen (Energien) als persönlicher Aspekt, Gefühle des Zynismus und der Distanziertheit (detachment) von der beruflichen Aufgabe (job) als zwischenmenschlicher Aspekt und ein Gefühl der Wirkungslosigkeit (inefficacy – wegen mangelnder Ressourcen) und verminderter Leistungsfähigkeit als Aspekt der Selbstbewertung (Selbstbild).

Wissenschaftler streiten über den Begriff, da er höchst unpräzise ist und sehr unterschiedliche Symptome oder Krankheiten zusammenfasst – vom einem temporären Erschöpfungszustand bis hin zu einer ausgewachsenen Depression. Der „Burn-Out“ hat es – obwohl medial bereits als „Volkskrankheit“ diagnostiziert – offiziell bislang „nur“ zu einem Symptom gebracht. In der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems wird der „Burn-Out in dem Kapitel über „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ geführt – zwischen „Sonstige Probleme mit Bezug auf die Lebensführung“, „Glücksspiel“ und „Akzentuierung von Persönlichkeitszügen“.

Fast jeder Vierte ausgebrannt?

All diese Unklarheiten hindern Arbeitsministerin Ursula von der Leyen nicht daran, zum Jahresende „alarmierende Zahlen“ vorzulegen: Die Ministerin wolle, so berichten es unter anderem die „Hamburger Morgenpost“ und der „Berliner Kurier“, mit Arbeitgebern und Gewerkschaften Gegenmaßnahmen entwickeln – denn betroffen seien „rund neun Millionen Deutsche“. Und weiter heißt es: „Tatsächlich ziehen „Burn-Out“-Fälle im Schnitt 30,4 Krankheitstage nach sich. Längst geht jeder dritte Arbeitnehmer in Frührente, weil er sich den Anforderungen seines Jobs nicht mehr gewachsen sieht.“

Sind die Deutschen ausgebrannt? (Foto: http://www.flickr.com/photos/photocapy/)
Sind die Deutschen ausgebrannt? (Foto: http://www.flickr.com/photos/photocapy/)

Neun Millionen Bundesbürger seien also vom „Burn-Out“ betroffen? Eine beeindruckende Zahl bei etwa 40 Millionen Erwerbstätigen. Sind das alles Leute wie Ex-Schalke-Coach Rangnick oder Starkoch Tim Mälzer? Gibt es in Deutschland neun Millionen Führungskräfte? Oder betrifft es eher Leute in prekären Arbeitsverhältnissen? Während in den Leyen-Artikeln einerseits auf die Belastung von Spitzenkräften durch Dauerstress hingewiesen wird, betonten Gewerkschaftsstimmen, welche Nachteile der Niedriglohnsektor produziert hat. Sehr unterschiedliche Phänomene, beide fraglos existent, die einfach zusammengefasst werden unter dem Begriff „Burn-Out“.

Zahlen, die „aufrütteln“

Überhaupt: In welchem Zeitraum waren diese Millionen von Menschen betroffen?  Denn neun Millionen Menschen mal 30 Krankheitstage ergibt beachtliche 270 Millionen Fehltage durch „Burn-Out“. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr war jede/r Beschäftigte in Deutschland statistisch gesehen 12,3 Tage krankgeschrieben.

Von der Leyen spricht auf jeden Fall von Zahlen, die aufrütteln – aber offenbar nicht die Journalisten, die diese Angaben so weiterverbreiten. Die Ministerin beklagt derweil, für die Unternehmen und die Gesellschaft entstünden Riesenverluste.  Daher solle es einen „Burn-Out“-Gipfel geben, kündigte von der Leyen an.

Nun soll hier gar nicht der Stress der arbeitenden Menschen kleingeredet werden, die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben existiert praktisch nicht mehr in vielen Berufen – und die digitale Boheme feiert dies noch als Errungenschaft. Die soziale Inkompetenz von Piratenpartei und anderen digitalen Vorkämpfern, die die Welt durch direkte Demokratie retten wollen und dabei ignorieren, dass viele Leute andere Probleme beschäftigen als Wiki-Lösch-Diskussionen, sind Ausdruck dieser eingeschränkten Weltsicht.

Neues Arbeitskonzept?

Kaum eine Partei hat bislang die Frage nach einem neuen Arbeitskonzept angefasst, welches neue Freiheiten bringen kann, ohne eine 24/7-Selbstausbeutung zu propagieren. Auch die Generation der Blogger und Facebook-Hardcoreuser, zu denen sich der Autor ebenfalls zählt, muss wohl einräumen, an der Erosion des Privatlebens maßgeblich mitgewirkt zu haben. Im Prinzip basiert dieses Blog, genau wie viele andere auch, auf dem Konzept der Selbstausbeutung.

Das sind alles Phänomene, die sich konkret benennen und diskutieren ließen: prekäre Arbeitsverhältnisse, Scheinselbsständigkeit und unterbezahlte Arbeit im Niedriglohnsektor. Fehlende Perspektiven, Frustration durch Wirkungslosigkeit, drangsalierende Abhängigkeitsverhältnisse. Existenzangst, Zukunftssorgen, befristete Anstellungen.

Verantwortung outsourcen

Statt aber über konkrete Verbesserungen in der Arbeitswelt zu debattieren, wird die Verantwortung outgesourct, an den Arbeitnehmer weitergereicht, der sein Zeitmanagement verbessern und seine Stressbewältigungsstrategien optimieren müsse, damit „Unternehmen und Gesellschaft“ keine Verluste erleiden. Dass dieses Denken der totalen Ökonomisierung des Lebens genau die Ursache für viele der Probleme sein dürfte, geht im Aktionismus des „Burn-Out“-Gipfels unter. Wer an einem solchen Zirkus teilnehmen soll, ist derweil noch vollkommen unklar.

Nichts ist so kalt wie Asche

Das deutsche Volk brennt also durch die Volkskrankheit aus. Und nichts ist, wie aus gescheiterten Beziehungen bekannt, so kalt wie Asche. Aus, vorbei, fast ein Viertel der Erwerbstätigen in Deutschland sind demnach nur noch Wracks, leblose Hüllen, die aber in durchschnittlich 30,4 Tagen wieder repariert werden müssen, um weiter zu funktionieren. Bis zum nächsten „Burn-Out“, der zumeist eine Erschöpfung sein dürfte. Im vergangenen Jahr ließ übrigens jeder  Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich sechs Urlaubstage ungenutzt.

Die kleinbürgerliche Idee des Reparierens von Schäden fördert weder Fortschritt noch Emanzipation, sondern soll den Status Quo erhalten. Wer Lösungen und Fortschritte will, benötigt eine präzise Analyse – und kein schwammiges Gerede von der  „Volkskrankheit Burn-Out“.

7 thoughts on “Das ausgebrannte Volk

  1. Ich wollte beide Daumen für den Artikel nach oben strecken. – Hat` aber nur für Einen gereicht, da mir durch die Ausbrennung einfach die Kraft fehlt… ich geh` erst mal aus Frust nen` Pico trinken und meine Perspektivlosigkeit mit dem Kauf von Böllern betäuben, sorry. :(

    p.s.: 😉

  2. Ob „Burn-out“ eine Volkskrankheit ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Aber es wird kurz oder lang zu einem Problem, was irgendwann auch Kosten verursachen wird.

    Vorallem ist es ein vielschichtiges Problem mit vielen Dingen, die dann in einem Burn-out münden.

    Einerseits der immer größere Streß auf Arbeit. In immer kürzerer Zeit soll immer mehr, immer besser, immer billiger, immer schneller produziert werden und das immer perfekter. Das geht auf Dauer nicht gut. Dazu passt sehr oft die Bezahlung nicht zur geleisteten Arbeit. Durch den erhöhten Druck auf Erfolg, der dann von oben nach unten eins zu eins weitergereicht wird, ist sehr oft die Stimmung in der Belegschaft mies. Da ist dann jeder sich selbst der nächste und sehr oft kommt es dann zu Mobbing. Ach ja, dass heisst ja verniedlichend „Durchsetzungsvermögen“. Dazu kommt dann noch der Statusdruck. Man „muss“ ja was darstellen. Schwächen und Makel sind in dieser Gesellschaft ein Unding, fast schon entartet. Wenn Klamotten, müssen diese Markenware sein. Das Telefon muss irgendwie was obstiges ansich haben, der Wagen sichtbar teuer, die Urlaubsreise muss irgendwo dahin gehen, wo es teuer und selten ist, damit man damit angeben kann. Man könnte es Konsum- oder Statusmobbing nennen. Wer da nicht mithalten kann, ist aussen vor, wird nicht ernstgenommen, kann wegbleiben, ist ein Idiot. Entschieden wird ja unterm Baum…

    Im Endeffekt isses so: Ein Motor kann nur eine bestimmte Leistung erbringen in einem bestimmten Umfeld einen bestimmten Zeitraum lang. Höchstleistungstriebwerke funktionieren nur für kurze Zeit aber selten im Dauerzustand und dann am wenigsten in Dauerhöstleistung, vorallem unter schlechten oder wechselnden Umständen. Kein Formel Eins Rennwagen kann einen Monat lang Höchstpower gehen hintereinanderweg. Und auch dieses Triebwerk funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen und muss sorgfältig gewartet und bedient werden.
    Oder: Wenn ein Körper optimal geformt ist, geht da nicht mehr. Das lässt die Physik nicht zu.
    Die Arbeitswelt sieht das aber anders…

    Der Mensch wird ja ebenfalls in dieses „Form follows Function“ Prinzip reingesteckt. Entweder er muss funktionieren im Sinne der Gesellschaft/des Unternehmens (zu den jeweiligen diktierten Konditionen) oder er ist ein Untermensch, der keine Daseinsberechtigung hat. Man merkt ja recht schnell, wie sehr HartzIV Bezieher angesehen werden. Das aber jeder Mensch anders ist, anders tickt, anders arbeitet, anders Leistung erbringen kann (wenn er will – wichtig, vorallem mental), einen anderen Rythmus hat das hat man in dieser „Leistungsgesellschaft“ vergessen. Höchstleistung, koste es was es wolle, kann nicht lange erbracht werden. Man kann nur dauerhaft Leistung erbringen, wenn man in sich ruht und vorallem einen Sinn in dessen sieht, was man leisten möchte. Auch muss die Leistung, um dauerhaft erbracht zu werden, ausgewogen sein. Ansonsten brennt der Körper aus. Da brauch man einfach mal Sportler zu fragen. Die müssen auch nach erbrachten Leistungen regenerieren. Mental ist das nicht anders.
    Das aber viele, laut einer neueren Studie, mental ihren Job gekündigt haben, da die Verhältnisse auf Arbeit fürn Arsch sind, sollte einige mal zu denken geben, wie sie ihre Unternehmen führen sollten oder wie die Stimmung im Betrieb ist. Ebenfalls, dass wenige sich nicht trauen, sich einzubringen oder sich mit ihren Job identifizieren. Die arbeiten nur noch weil sie es müssen und weil sie den Job nicht verlieren wollen. Wenn das die Hauptmentalität ist, in der man hierzulande arbeitet, dann gute Nacht.

    Wenn man dann noch sieht, dass manche Leute zehntausend Jobs haben um ihre Familie ernähren zu können, dann darf einen dieses Burnout-Phänomen nicht wundern…

    Längerfristig geht das echt nicht gut.

    Übrigens, Drogenkosnum (Zigaretten, Alkohol, Heroin, Koks usw.), Aggressivität (z.B. Verhalten im Straßenverkehr, Ton untereinander), Gewalt (z.b. Jugendgewalt) sind auch Anzeichen von Depression. Vielleicht ist die Gesellschaft nicht doch ein wenig depressiv oder leidet an Burnout?

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  3. Ich wäre dafür das Herr Gensing extra einen Artikel schreibt, in dem er seiner Kritik an den Piraten freien lauf lässt, und auch mal ordentlich erklärt, was er eigentlich meint.
    Würde mir weit besser gefallen als solche überhaupt nicht reinpassendes Textteile in dem der Autor/Herr Gensing grad mal ordentlich am Thema vorbeischießen kann.

  4. Vielleicht kann das Bilderblättchen – nach VOLKSbibel, VOLKSpizza & Co. – ja mal ein VOLKSpsychopharmakon in Angriff nehmen???

    Folgt man der hier beschriebenen Diagnose, müßte es beruhigend wirken und zugleich – bei bestimmten Gelegenheiten – auch mal aufputschend…

    … stimmt, das gibt´s ja schon – das Blättchen selber …

    Vielleicht steigern die als Therapieversuch in Zukunft einfach mal die Dosis?
    Ich denke, das kommt bestimmt noch auf uns zu.

  5. Lieber Olli,

    danke Ihnen für die interessante und gute Analyse!

    Aber bitte bitte – müssen Sie die un-be-dingt mit NS-Vokabular wie „Untermenschen“ oder „entartet“ garnieren?

    Buärg!

  6. @Der Sizilianer

    Ich verstehe Ihren Einwand oder kann ihn nachvollziehen. Die Begriffe sind schon mit Hintergedanken gewählt worden. Nicht, dass ich damit Naziinhalte transportieren wollte oder gutheisse, sondern eher, das Absurde an der ganzen Sache zu veranschaulichen oder auch zu überzeichnen. In Deutschland ist man gleich auf Zack, wenn man solche Rhetorik als Stilmittel vernimmt (Was auch gut ist). Wenn man das weiß, kann man damit auch mal umgehen. Ist bestimmt nicht jedermanns Sache und sollte auch kein Standard werden…aber wie sangen „Das Ich“ einmal so schön: „Der Schlund der blinden Worte hat mir einmal gutgetan!“ Vorallem als ein Betroffener.
    Normalerweise kann ich auch anders…
    In diesem Sinne 😉

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  7. Hallo Olli,

    danke Ihnen für Ihr Verständnis und Ihre freundliche Antwort.

    „Normalerweise kann ich auch anders…“

    Ich weiß. Ich kenne und schätze viele gute Beiträge von Ihnen beim NgN.

    Sie haben übrigens recht – viel zu viele Lebensverhältnisse sind inzwischen dermaßen zum K…

    Kommen Sie gut ins neue Jahr!!

    Beste Grüße
    Der Sizilianer

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