Das unpolitische Wir der Fanszene


Am 11. Dezember kam es während des Heimspiels von Alemannia Aachen gegen Erzgebirge Aue zu einem offenbar politisch motivierten Angriff auf die Aachen Ultras durch andere Alemannia-Fans. Die folgenden Diskussionen und verschiedenen Statements werfen viele Schlaglichter auf den Umgang von Fußballvereinen und -fans mit rechtsextremen Orientierungen in der Fanszene.

Von Nicole Selmer

Zwei Tage nach dem Spiel erschien eine Stellungnahme der Gruppe, die den Angriff als politisch motivierte Aktion schildern, Rufe wie „Verpisst euch, ihr Juden“ als Beleg dafür anführen und zudem generell ein rechtsextremes Problem in der Aachener Fanszene ausmachen, um das sich Verein, Fans, Fanbeauftragte und Fanprojekt kümmern müssten. Die Angreifer stammen nach Aussage der Aachen Ultras vor allem aus der Gruppe der Alemannia Supporters, aber auch der Ultras Karlsbande.

Angriff im Fanblock

Aachen gegen Aue (http://www.derfriedri.ch/)
Aachen gegen Aue (http://www.derfriedri.ch/)

Dass Aachens Fußballfans und die rechtsextreme Szene der Region einander nicht gänzlich fremd gegenüberstehen, ist nichts Neues. Rechte Präsenz am Aachener Tivoli war auch einer der Beweggründe für die Einrichtung eines sozialpädagogisch arbeitenden Fanprojekts. (Zur Erläuterung: Fanprojekte werden, anders als Fanbeauftragte, nicht vom Verein, sondern zu gleichen Teilen aus Mitteln des Landes, der Kommune und des je nach Ligazugehörigkeit zuständigen Fußballverbandes, also DFL oder DFB, gefördert.)

Die Bewertung der Auseinandersetzungen beim letzten Heimspiel als politisch motiviert, ist keine exklusive Sicht der Aachen Ultras. Neben länger schwelenden Konflikten wird zudem eine Veranstaltung der Aachen Ultras gemeinsam mit dem Fanprojekt als aktueller Hintergrund ausgemacht: eine Lesung des Autors und Journalisten Ronny Blaschke aus seinem Buch „Angriff von Rechtsaußen. Wie Neonazis den Fußball missbrauchen“. Mitglieder der Ultras Karlsbande wurden dabei von der Leiterin des Fanprojekts von der Veranstaltung ausgeschlossen,  da ihr Auftreten von anderen Besuchern nicht als Interesse am Thema, sondern als Provokation und Bedrohung aufgefasst wurde.

Stellung nehmen, aber wie?
Ein szeneinterner Angriff im Fanblock, bei dem es also nicht um (körperliche) Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans, der Polizei oder Ordnern geht, wird von vielen Fans als eine besondere Grenzüberschreitung wahrgenommen. Umso wichtiger ist in solchen Fällen, welche Position der Verein selbst bezieht. Im Fall von Alemannia Aachen berichtete bereits wenige Stunden nach dem Spiel ein Presseartikel und zitierte den Geschäftsführer Frithjof Kraemer: „Das kann und darf es nicht geben, dass wir Alemannia-Fans vor Alemannia-Fans schützen müssen.“ Der Verein veröffentlichte am selben Tag eine Stellungnahme auf seiner Website, in der die Opfer des Angriffs klar definiert wurden: „Aachen Ultras werden in ihrem Fanblock Opfer einer feigen Attacke“ Der Fokus der Stellungnahme liegt jedoch auf der Sicherheit der Zuschauer („unser höchstes Gut“); eine politische Motivation, wie im Artikel der Aachener Nachrichten geschildert, wird nicht erwähnt. An die Fanszene wird appelliert, sich auf das eigene höchste Gut zu konzentrieren, nämlich die Unterstützung der Mannschaft. Identifizierten Tätern drohe ein Stadionverbot, eine Konfliktlösung sei jedoch nur gemeinsam mit allen Beteiligten möglich.

Nach der Verurteilung des Geschehens und seiner gleichzeitigen Entpolitisierung veröffentlichte der Verein am folgenden Tag eine Stellungnahme der Alemannia Supporters auf seiner Website, „um dem Fanclub die Möglichkeit einer Erklärung einzuräumen und um andere Fanclubs, deren Namen fälschlicherweise mit dem Angriff in Verbindung gebracht wurden, zu entlasten“. Die Alemannia Supporters entschuldigen sich für „die unentschuldbare Reaktion“ einiger Mitglieder, wünschen einem verletzten Ordner gute Besserung, betonen, dass es keinen politischen Hintergrund des Vorfalls gebe, und distanzieren sich von Gewalt, „Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus“. Es folgten die bereits erwähnte Stellungnahme der Aachen Ultras (auf die auf der Vereinswebsite nicht verwiesen wird) sowie ein weiteres Statement des Vereins, in dem die Erklärung der Alemannia Supporters als „nicht ausreichend“ gewertet wird (allerdings ohne dies genauer zu erklären) und erneut Stadionverbote angekündigt werden. Das Thema Politik bleibt mit Bezug auf den Angriff weiter ausgespart. Allerdings heißt es: „Mit ihrer Stellungnahme sind die Alemannia Supporters eine Verpflichtung eingegangen, sich gegen Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus zu positionieren. An dieser Verpflichtung wird der Fanclub ab dem heutigen Tage gemessen.“

Dass auch der Verein von einer politischen Motivation ausgeht, wird in einem weiteren Artikel der Aachener Nachrichten deutlich, in dem Fritjof Kraemer von einem „Gesinnungshintergrund“ spricht. Zentral bleibt jedoch die Forderung nach einer gemeinsamen Lösung von Angreifern und Angegriffenen: „Alle Gruppen müssten an der Lösung ihrer Konflikte aktiv mitarbeiten und so zur Überwindung des tiefen Risses beitragen, der die Aachener Fanszene durchzieht.“ Die Moderation dieser Gespräche solle das Fanprojekt übernehmen. Es ist vor allem diese Idee eines Runden Tisches, den die Bremer Ultragruppe Racaille Verte aus ihrer eigenen Erfahrung mit Angriffen von rechts in einem offenen Brief kritisiert (Publikative berichtete): „Wenn es zu einem solchen Riss in einer Fanszene kommt, ist die Zeit gekommen, klar Stellung zu beziehen und nicht die Illusion einer Einheit zu wahren.“

Die Politik des Unpolitischen

Transparent der Kölner Ultras Coloniacs.
Klare Worte der Kölner Ultras Coloniacs an Aachen (www.coloniacs.com)

Am Aachener Fall lässt sich illustrieren, wie die Diskussion um Politik und Fußball, um Rechtsextremismus im Stadion und den Umgang von Fans und Vereinen mit diesen Themen strukturell geführt wird: So greift auch Alemannia-Geschäftsführer Kraemer zu einem alten fußballrhetorischen Mittel, nämlich der Trennung zwischen echten und falschen Fans, wenn er mit Bezug auf die Angreifer feststellt, dass „sich das Wort Fan in diesem Fall eigentlich verbietet, denn hier wurden elementare Regeln des Fantums verletzt“. Selbstverständlich jedoch können auch Neonazis, Rechtsextreme und Gewalttäter Fußballfans sein, der springende Punkt ist ja eben genau dieser, dass nämlich in der Fanszene Menschen mit rechtsextremen Überzeugungen anzutreffen sind – genauso wie in Kegelklubs, Betriebsräten oder Gemeindeversammlungen. Die Regeln, die bei einem gewalttätigen Angriff inklusive antisemitischer Beschimpfungen verletzt werden, sind keineswegs nur solche „des Fantums“.

Rechtsextreme beim Fußball schlicht mit dem „Das sind aber keine Fans“-Stempel zu versehen, ist in mehrfacher Hinsicht gefährlich: Es verstellt den Blick auf die möglichen Andockpunkte von rechtsextremer Ideologie und Fankuktur (Ehrbegriff, Kultur der Männlichkeit, Rivalitätsfixierung usw.) und es fördert zudem die Solidarität anderer Fans mit den als Nicht-Fans Stigmatisierten, gerade wenn, wie beim Beispiel der Alemannia, ein möglicher politischer Hintergrund ignoriert wird. Die Statements der Alemannia-Geschäftsführung berufen sich auf die Idee eines verbindenden Fangedankens, die Unterstützung der Mannschaft und den Zusammenhalt der Fanszene als oberstem Leitmotiv. Auf Gewalt wird mit Ausschluss, das heißt mit Stadionverboten reagiert; die „Risse“ in der Fanszene, deren politischer Hintergrund öffentlich ausgespart bleibt, sollen jedoch in gleichberechtigten Gesprächen aller geklärt werden. Aus dieser Differenz spricht der (nicht unverständliche, aber dennoch falsche und kurzsichtige) Wunsch des Vereins, die Politik aus dem Fußball fernzuhalten und über die Berufung auf die Gemeinsamkeit „Alemannia Aachen“ eine Befriedung zu erreichen.
Und warum nicht? Schließlich funktioniert genau so auch die Politik des Unpolitischen, die viele Fangruppen pflegen. Etwa auch die Karlsbande Ultras, die ihr Selbstverständnis so erläutern:

„Wir, die Karlsbande Ultras, möchten uns hiermit deutlich von jeglichen politischen und extremistischen Strömungen distanzieren. Innerhalb der Gruppe gibt es ein breites Spektrum diverser Ansichten und Meinungen, der Gruppenkonsens lautet aber, dass jegliche Parteipolitik beim Fußball außen vor bleiben muss. Es wird bei uns nicht geduldet, dass einzelne Mitglieder ihre Weltanschauung durch politische Kleidung, Parolen, oder ähnlichem propagieren.“

Um die unpolitisch-politischen Konflikte in Fanszenen besser zu verstehen, ist es wichtig, ein solches Statement nicht einfach nur als Vorwand abzutun, unangenehmen Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Das mag es sein, aber tatsächlich hat ein Postulat wie dieses für viele Fans auch und vor allem eine subjektive Realität. Die überwältigende Bindungskraft, die den Fußball auszeichnet und ihn so attraktiv macht, erlaubt es, auch über größte politische Differenzen für die zeitliche Dauer eines Spieltags und im örtlichen Rahmen der Kurve hinwegzusehen und sich unter dem „Wir“ einer Fanszene miteinander zu arrangieren. Das ist eine der größten Stärken der Fankultur – und zugleich eine ihrer größten Schwächen. „Ihr habt doch keine Ahnung, was bei uns wirklich passiert“, lässt sich so kritischen Stimmen schnell und mit authentisch gefühlter Überzeugung entgegnen, ebenso wie „Das sind vielleicht Rechte, aber auch Alemannen/Herthaner/Dortmunder/Dresdner usw.“

Der „unpolitische“ NPD-Funktionär

Screenshot des "Offenen Briefes" von Sascha Wagner an die Geschäftstelle von Alemannia Aachen.
Screenshot des "Offenen Briefes" von Sascha Wagner an die Geschäftstelle von Alemannia Aachen.

Auch wenn es dem Verein vielleicht fernliegt, aber es ist genau diese Solidarität, die die Stellungnahmen von Alemannia Aachen mit ihren Forderungen nach gemeinsamen Lösungen bedienen. Und es ist diese Solidarität, auf die auch Sascha Wagner baut, Funktionär der NPD und der Jungen Nationaldemokraten. Auf seinem Facebook-Profil und per Mail verbreitete er einen Brief an die Geschäftsführung von Alemannia Aachen. Der kurze Text enthält alle Bestandteile der Argumentation des Unpolitischen: keine Parteipolitik im Stadion; die einzige Ideologie, die zählt, ist der Verein; politisiert wird von den Linken und schließlich das Zitat „Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik!“.

Dass Fußball und Politik zwei Welten ohne Schnittmenge sein mögen, ist ein unerfüllbarer Wunsch, und zwar nicht nur in Aachen und nicht erst seit dem vergangenen Spieltag. Es ist bestenfalls naive Augenwischerei zu glauben, dass jemand sechs Tage in der Woche der bekannte NPD-Funktionär Wagner, am siebten jedoch nur Sportskamerad Sascha sein kann, dessen Anwesenheit im Stadion keinerlei politisches Signal darstellt. Genau darauf hat die Leiterin des Fanprojekts hingewiesen. Wegen ihrer klaren Aufforderung, gegen Rechtsextremismus und Rassismus Stellung zu beziehen, wird ihr nun linksextreme Agitation unterstellt.

Der Brief, den Sascha Wagner verbreitet, lässt sich durchaus ambivalent deuten: Einerseits scheint es fast ein wenig bemitleidenswert, auf diesem Weg (und mit einer seltsam matthäusartigen Art und Weise, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen) Beachtung einzufordern. Gleichzeitig spricht es Bände, dass Wagner offenbar zu der Einschätzung kommt, mit diesem Brief das Blatt in seinem Sinne wenden zu können. Er stellt – ebenso wie die Angreifer im Fanblock – eine Machtfrage. Die Verantwortlichen der Alemannia müssen sich daher schon gut überlegen, mit wem sie ihren „Dialog“ führen wollen. Von den Opfern des Angriffs zu verlangen, sie sollten sich mit den teilweise nach wie vor gewaltbereiten Tätern an einen Tisch setzen, ist dabei der falsche Weg, genau wie ein „Dialog“ mit einem ideologisch gefestigten, jahrelangen NPD-Kader. Ihnen muss der Verein viel mehr entschieden entgegen treten, um mit dem Rest der Fanszene darüber zu sprechen, dass Rassismus und Nazi-Klamotten eben nicht ins Stadion gehören – so viel Politik muss sein.