Das „Casa Pound“ – Vorbild für deutsche Neonazis

Wieder hat ein Rechtsextremist in Europa getötet. Nach der Neonazi-Terrorserie in Deutschland  und dem Doppelanschlag in Norwegen schlug nun ein Rechtsextremist in Italien zu. In Florenz erschoss er zwei schwarze Männer auf offener Straße. Der Täter ist kein Unbekannter, er ist Buchautor und Anhänger der neofaschistischen Vereinigung „Casa Pound“ – die bei deutschen Neonazis als vorbildlich gefeiert wird – vor allem bei der NPD in Sachsen.

Von Patrick Gensing

Es war die NPD in Nordsachsen, die im Jahr 2010 einen Vortrag über die „Casa Pound“ veranstaltete – in einem neu gegründeten „Schulungszentrum für die nationale Jugend“, gefördert vom NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel, wie die Partei seinerzeit mitteilte. Maßgeblich am Aufbau des Schulungszentrums beteiligt war demnach der NPD-Funktionär Maik S. – der im Zusammenhang mit dem NSU auch ins Visier der Ermittler geraten sein soll, wie Medien übereinstimmend berichteten. S. erklärte anlässlich des Vortrags über die „Casa Pound“ in Delitzsch, Nordsachsen werde mit dem neuen Schulungszentrum „zu einer Muster- und Modellregion, die den politischen Widerstand gegen die Volksverräter von unten nach oben wachsen läßt“.

Auch im NPD-„Bildungswerk für Heimat und nationale Identität“ war die „Casa Pound“ bereits Thema. Dort referierte Thomas S., der als Rädelsführer der verbotenen Kameradschaft „Skinheads Sächsische Schweiz“ ins Gefängnis musste, in diesem Jahr über das Thema „Kulturrevolution von rechts? Das Beispiel ‚Casa Pound’ in Rom“. Militante Neonazis lobten im Internet das Interesse der NPD an dem Konzept aus Italien: Dies sei „der richtige Ansatz, den gerade eine NPD benötigt. Hinsichtlich der Tatsache, dass es vor allem der Jungwähler ist, der der NPD die wenigen Wahlerfolge ermöglicht hat, sollte auch die Arbeit und Struktur der Partei diesen Ansprüchen gerecht werden.“

Gemeinsam gegen das „raffende Kapital“

Casa Pound
Faschismus goes Popkultur: Das Casa Pound in Rom

Das interessante an dem Bildungswerk der NPD ist, dass hier verschiedene Strömungen der extremen Rechten zusammenkommen: von JN bis Blaue Narzisse. Selbsternannte Rechtsintellektuelle und Kader aus Freien Kameradschaften debattieren ihre Konzepte – oft ist von einem „Dritten Weg“ die Rede. Während damit bislang oft Mussolinis Entwurf gemeint war, werden mittlerweile aber auch andere Töne angeschlagen. So referierte beim jüngsten „Bildungsseminar“ der NPD Anfang Dezember unter anderem der Vorsitzende des Bildungswerks, Thorsten Thomsen, über die Vorstellungen von Wirtschaftsmodellen im Lager der politischen Rechten.

Der NPDler mahnte dabei an, man solle sich „zurückbesinnen auf einen „originär deutschen ‚Dritten Weg’“, nämlich „die ordnungspolitische Alternative Walter Euckens, dessen 1939 erschienenes Werk „Grundlagen der Nationalökonomie“ ebenso wie die 1952 posthum veröffentlichten „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ elementar für das spätere Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft waren“. Nicht das Kapital, so Thompson, sei „die Wurzel allen Übels, sondern dessen „Vermachtung“.

Auch der Chef der „Jungen Nationaldemokraten“, Michael Schäfer, sprach sich für eine marktwirtschaftliche Ordnung aus. Er betonte nach Angaben des rechtsextremen Magazins „hier und jetzt“, dass eine Ablehnung des Liberalismus als Ideologie keineswegs automatisch die Ablehnung der Marktwirtschaft bedeute. Diese sei auch aus nationaler Sicht planwirtschaftlichen Modellen vorzuziehen.

Casa Pound in Rom
Casa Pound in Rom

Mit dieser Position liegen die Rechtsextremen nah bei vielen Linken, die glauben, die Finanzökonomie sei das Problem im Kapitalismus – und eine Trennung zwischen „schaffendem“ und „raffendem Kapital“ aufmachen. Auch im politischen Mainstream ist diese Theorie derzeit höchst populär. Gegen das „raffende Kapital“ verschwimmen in Deutschland derzeit die politischen Grenzen.

Vorzeigeprojekt der Neofaschisten

Ortswechsel: In der Via Napoleone III in Rom prangt an der Fassade ein Schriftzug: Casa Pound. Hier, inmitten des Migrantenviertels Esquilino, befindet sich der derzeit wohl symbolträchtigste Ort des italienischen Neofaschismus. Seit der Besetzung des Gebäudes durch italienische Ultrarechte im Dezember 2003 konnte sich die Casa Pound als Zentrum der Bewegung etablieren. Benannt wurde es nach dem Schriftsteller Ezra Pound, der sich nie vom Faschismus distanzierte und während des 2. Weltkriegs von Italien aus antisemitische und antiamerikanische Propaganda verbreitete.

Das Konzept der „Casa Pound“ sei eine Verschmelzung von Politik und Kultur, wie sie bislang meist der Linken zugeschrieben worden sei, schreibt Volker Weiß in einem Beitrag für die FR, der auch auf Publikative.org veröffentlicht wurde. Weiter führt der Hamburger Historiker aus: „Von der Stadtverwaltung geduldet und der römischen Polizei im Zweifelsfall beschützt, hat die Casa Pound in der Nachbarschaft deutliche Spuren hinterlassen: Graffiti und Plakate, auf den ersten Blick von den üblichen Hinterlassenschaften großstädtischer Subkulturen wenig unterschieden, haben in dieser Gegend fast ausschließlich einen rechtsradikalen Hintergrund.“

Neonazis im Stil der "Autonomen Nationalisten" (Foto: J. Wrede)
Neonazis im Stil der „Autonomen Nationalisten“ (Foto: J. Wrede)

Eine interessante Parallele, denn auch deutsche Rechtsextreme klauen hemmungslos bei ihren politischen Feinden, man denke nur an die Autonomen Nationalisten oder das Konzept Rechtsrock. Weiß schränkt jedoch ein, es wirke auf den ersten Blick so, „als wollen die Faschisten die Formen der italienischen Linken einfach kopieren. Doch greift dieses basisnahe Profil auch auf eine Strömung innerhalb des italienischen Faschismus zurück: den Intransigenti, die sich aufgrund ihres nationalrevolutionären Selbstverständnisses besonders kompromisslos gaben.“

Besonders kompromisslos gab sich nun der Rechtsextremist Gianluca Casseri. Er ermordete zwei schwarze Männer in Florenz, erschoss sie auf einem Marktplatz. Casseri ist Co-Autor des Buchs „La chiave del caos“, das er gemeinsam mit Enrico Rulli schrieb – und welches auch in Deutschland über Internet-Versandhändler wie Libri oder Amazon angeboten wird; allerdings nur auf italienisch.

 Vorbild NSU?

Die extreme Rechte in Deutschland blickt sehnsüchtig nach Italien, um von dem Konzept der Verschmelzung von Politik und Kultur zu lernen. Möglicherweise schaute derweil der Attentäter von Florenz nach Norden – um sich von den deutschen Kameraden in Sachen Vernichtung des Feindes „inspirieren“ zu lassen.

Siehe auch: Gianluca Casseri – der “italienische Breivik”,  Neofaschismus in Italien: Popkulturell anschlussfähig, “Nationales Schulungszentrum” in Delitzsch eröffnet

Linktipp: Dradio – Wie der Faschismus im heutigen Italien wieder aufgewertet wird


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