Die Wutbürger von Jena

In Jena herrscht die Wut. Nicht über die rassistische Mordserie, die von Terroristen aus der Stadt verübt wurde, nicht über die skandalösen Vorgänge beim Verfassungsschutz – sondern darüber, dass die Stadt angeblich in eine braune Ecke gestellt wurde. Eine Petition – die vom ZDF eine Entschuldigung für einen Beitrag bei „allen Bürgern“ der Stadt, also auch bei den örtlichen Neonazis – fordert, wurde tausendfach unterzeichnet. Wir meinen: Dieses „wir“, das hier konstruiert wird, ist unerträglich.

Von Publikative.org

Mehr als 4500 empörte Jenaer haben eine Petition unterzeichnet, der sich gegen folgenden Beitrag des ZDF stellt. Die taz sekundierte dazu: „Eine Stadt fühlt sich denunziert“.

Ein bemerkenswerter Vorgang: In einer Sendung, die öffentlich sonst nur wenig Beachtung findet, setzt sich ein Schriftsteller mit Migrationshintergrund mit seiner Einstellung zu Jena und dem Osten auseinander, stellt fest, dass er hier nicht leben möchte. Er trifft sich mit einem Ex-Neonazi, und erfährt, dass dieser sich des Öfteren mal umdreht oder aus dem Fenster schaut, um sicher zu sein, dass ihm keine Gefahr drohe – und der lokalen Sektion der Wutbürger fällt nichts anderes ein, als einen Sturm der Entrüstung zu entfachen – über diesen ZDF-Beitrag.

Blogs, die sich sonst mit Kinderbasteleien oder Sternegucken beschäftigen, mutieren zur letzten Verteidigungslinie Jenas. Über die rassistische Mordserie ist dort nichts zu lesen, erst als „ihre“ Stadt vermeintlich in die rechte Ecke gestellt wird, schalten sich die Bürger ein. Sie fühlen sich persönlich angegriffen – und in einer Petition wird eine Entschuldigung vom ZDF gefordert – und zwar bei „ALLEN“ (!) Bürger Jenas – und „nicht nur“ bei denen mit Migrationshintergrund. Also auch bei den Kameraden der Rechtsterroristen, die aus der Stadt stammen – aber die sind hier nicht (mehr) das Thema.

Dieses „wir“ ist unerträglich. Dieses „wir“ entwickelt aber so großen Druck, dass das ZDF nach Jena fährt und mehr oder weniger zu Kreuze kriecht – was derselbe Sender beispielsweise beim tausendfachen Protest gegen seine Art der Fußballgewalt-„Berichterstattung“ im Übrigen in keiner Weise für nötig befindet. Beim Jenaer Public-Viewing kommt dann richtig Volksfest-Stimmung auf – und der ZDF-Vertreter wird ordentlich ausgebuht, als er fragt, warum jetzt die kollektive Empörung herrscht – und nicht bereits nach der rechtsextremen Terrorserie. Gute Frage übrigens.

Jena, so suggerieren die Empörten, ist längst zum Hort des kollektiven antifaschistischen Widerstands geworden. Schade nur, dass die Akteure, die vor Ort mutig und engagiert die Neonazi-Umtriebe bekämpfen, da nicht mitspielen: Katharina König von der Linkspartei kritisierte, Tausende unterzeichneten die Petition gegen den ZDF-Beitrag, aber bei Trauerveranstaltungen für die Opfer verloren sich 300 Menschen. Ihr Vater, der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, kämpft tatsächlich seit Jahren gegen Nazis, wofür er allerdings auch genauso lange angefeindet und kriminalisiert wird. Auf dem Lindenberg’schen Rock-Event gegen Rechts konnte er nicht einmal seine Rede beenden, weil er ausgebuht wurde. Auf Twitter wurde anschließend gegen den „spastischen Kommunistenpfarrer“ gehetzt: „Das einzige Buhhhhh des Nachmittags„, so die Meinung „ganz normaler“ Konzertbesucher, die natürlich keine Nazis sind. Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung merkte treffend an: „Die Leute fürchten sich mehr vor dem Imageschaden, der durch die Aufklärung entsteht, als vor dem verbrecherischen Potenzial, das sich jahrelang in ihrer Mitte entfaltete.“

Mit Eurem „Wir“ wollen wir nichts zu tun haben!

Geht es um das Image der Stadt, beteiligen sich Tausende Bürger an einer Petition.
Geht es um das Image der Stadt, beteiligen sich Tausende Bürger an einer Petition.

Die taz haut indes weiter auf die Tonne vom diskriminierten Ossi: „Eine ganze Stadt“ fühle „sich denunziert“, heißt es empathisch. Dabei sei Jena „erzstudentisch, erzakademisch, wohlerzogen und lieb, so lieb, dass man nicht einmal den Punks in der Innenstadt ihre Subversion abkauft.“ Es sei daher viel zu einfach, von einem ostdeutschen Problem zu sprechen. Darf man fragen, warum eigentlich? Dieser Hinweis war nach Mölln und Solingen vollkommen angebracht, aber jetzt? Was spricht denn dagegen, sich – angesichts einer bislang rein ostdeutschen Terrorbande und ihrem Gewaltexport in den Westen – jetzt intensiv und ausführlich damit zu beschäftigen, was da bei „Euch“ so los ist – ohne im gleichen Atemzug sofort irgendwas zum Westen sagen zu müssen? Bei aller Liebe: Das Thema ist in der Tat eine Mörderbande, die in Thüringen ausgebrütet wurde – und nicht in Dortmund, Mesopotamien oder Spitzbergen!

Aber bitte, sagen wir was zum Westen: Dortmund-Dorstfeld hat ein Nazi-Problem, aber es ist trotzdem keine No Go Area: Jeden Tag sind dort mehr nicht-weiße Deutsche auf der Straße unterwegs als in den meisten Orten des Ostens in einem ganzen Jahr. Und das hat seine Gründe, viele Gründe sicherlich. Einer aber ist die schlichte Ignoranz gegenüber dem Nazi-Problem. Statt das Unwohlsein eines Deutschen mit nicht ganz so heller Hautfarbe zumindest einmal zu überdenken, wird ein empörtes „wir“ entgegengesetzt, mit dem wir wiederum nichts zu tun haben wollen.

Hauptsache integrieren?

Das Faktum, das Ostdeutschland ein spezifisches Nazi-Problem hat, zu leugnen, heißt, die Suche nach den Ursachen  zu torpedieren. Die taz mischt derzeit hier in der ersten Reihe mit, was besonders bitter ist, da sie über Jahre eine kontinuierliche, fundierte Berichterstattung über die rechtsextreme Bewegung geliefert hat. Möglicherweise handelt sie aus einem falschen, linken Moment der Inklusion, nach dem Motto, wir dürften keinen ausgrenzen, schon gar nicht die armen Ossis, die seit 1990 ausgegrenzt würden.

Solidemo für Lothar König am 10.8.2011 in Jena (Linke-Thüringen)
Solidemo für Lothar König am 10.8.2011 in Jena (Linke-Thüringen)

Dieser Glaube an eine bessere Gesellschaft, der zum Beispiel in Gorleben geboren wurde und sich auf den Weg gemacht hat, auch noch den dümmsten Bauern von der Größe ökologisch angebauter Kartoffeln zu überzeugen – kippt angesichts des Rassismus‘ der  real existierenden Gesellschaft in die totale Regression. Warum? Weil er sich schlechterdings zum Werkzeug des Appeasements gegenüber den Nazis macht. Es gibt kein „wir“ mit Rassisten, es gibt kein „wir“ mit Nazi-Mördern, es gibt kein „wir“ mit evangelikalen Christen, es gibt kein „wir“ mit Homophobie, es gibt kein „wir“ mit militanten Abtreibungsgegnern und es gibt kein „wir“ mit ostdeutscher Identitätsbefindlichkeit, die genau all diese anderen Ausgrenzungen ignoriert und gedeihen lässt, weil man selbst das Opfer der bösen Wessis sei. Dieses „wir“ ist nicht unser „wir“.

„Wer zwingt Dich dazu, Dir Deine Haare bunt zu färben?“

In einem dieser Jenaer Blogs, die derzeit um das Image „ihrer“ Stadt kämpfen und es dabei erst kaputt machen, schrieb ein „Bunthaariger“, er habe sich schon oft unwohl im Osten gefühlt. Ein anderer fragte: „Und wer zwingt Dich dazu, Dir Deine Haare bunt zu färben?“ Das ist die Message: Du wirst von Nazis angemacht? Selbst Schuld! Wenn alle gleich aussehen, gibt es auch keine Probleme…

Wenn „Ihr“ „Euch“ solche Sorgen um „Euer“ Image macht, dann möchten wir „Euch“ mal etwas mitteilen: Viele von „uns“ fahren nicht in den Osten zum Zelten oder in den Urlaub, weil sie Angst haben, dass sie selbst oder ihre nicht bio-deutsch aussehenden Kinder rassistisch angefeindet werden. „Unser“ Problem? Nein, „Euer“!

Linktipp: Petition „Aspekte sollte sich NICHT entschuldigen!“

Siehe auch: Angst vor “Überfremdung” – ohne “Fremde”,   Wenn der VS Thüringen über Nazis aufklärt…, Im Osten nichts Neues …?,  “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl, Im Osten nichts Neues …?, Demokratie von oben: Bürgerpreis ohne Bürger, Ein Hoch auf die Nestbeschmutzer!

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22 thoughts on “Die Wutbürger von Jena

  1. Schon mal was über das Prinzip von Phobien gehört? Es lautet: Vermeidung. Solange der Sozialphobiker Gelegenheiten der Begegnung mit anderen meidet, kann er sich weiterhin einreden, der Kontakt mit anderen wäre etwas, wovor er sich fürchten MÜSSE.

    Solange man sich damit herausreden kann, keine mehrmaligen bzw. längeren konkreten Erfahrung im Realleben der sog. „ostdeutschen Angstzone“ zu besitzen, und sich stattdessen an abstraktem Zahlenmaterial aus fragwürdigen „Studien“ eindeutig interessegeleiteter „Wissenschafter“ festklammert, kann man natürlich so fast alles über „Ossis“ behaupten.

    Den Jenaern (als Bespiel für DIE „Osssi“) wird unterstellt, sie wären gleichgültig bezüglich rechtsextremer resp. rechtsterroristischer Taten. Vom Niveau der „Sachlichkeit“ also ungefähr gleichlautend mit den Anwürfen Läpples bzw. dem von ihm verlesenen Briefe von Akteuren, die von „typisch ostdeutschen Reflexen“ fabulierten und auch in der Vergangenheit bereits durch plumpe, pauschale Ressentiments gegenüber „Ossis“ in Erscheinung traten.

    Wie bereits in der Podiumsdiskussion im Jenaer Theaterhaus vom Soziologen Prof. Dörred richtig erwähnt wurde, ist es notwendig, Behauptungen zu begründen, was bei den pauschalen Anwürfen gegenüber den Bewohnern Jenas nicht erfolg(t). Wenn ich in das Impressums dieser Seite sehe, fällt mir noch eine andere ein, die in diversen Zeitungsbeiträgen ihre Ansichten über das „böse Wesen“ der Deutschen mit Thesen unterfüttert, die allenfalls das Niveau psychoanalytischer Theorien bzw. fundamentalistischer Glaubengrundsätze aufweisen – also einfach behaupten und es als Bestandteil des „Credos“ zu betrachten, diese Behauptungen nicht begründen zu müssen.

    Den Jenaern in ihrer – Zitat einer Tageszeitung – „Heimat des Hasses“ bzw. den Thüringern in ihrem – Zitat einer anderen Tageszeitung – „Hort des Terros“ würde angeblich die Sensiblität über Gefahren des Rechtsextremismus fehlen. Das sei einmal dahingestellt. Wenn ich dabei an die V.i.S.d.P.-Angaben denke, frage ich mich, wie sachlich dieser Vorwurf ist, wenn ich gleichzeitig daran denke, wer daran mitgewirkt haben soll, die Verwendung eines Aufklärungsfilms „ugendlicher Extremismus mitten in Deutschland – Szenen aus Thüringen“ zu verindern. Ich will da niemandem etwas unterstellen und lasse daher lieber jemanden zu Wort kommen, dem dieser Film nicht behagt zu haben scheint:

    (Quelle: )

    Ich weiß ja nicht, ob ich so falsch liege, aber ich denke, dass jenseits purer Agitation die Anschauung das geeignete Mittel der Information ist, d.h. die Präsentation dessen, worüber aufgeklärt werden soll, eingebettet in ergänzende, orientierende Informationen durch Sachkundige. Und genau das war bzw. ist bei diesem Film der Fall: Man kann sehen und erfahren, wie sich besagte Gruppierungen in der Öffentlichkeit bewegen, was sie von sich geben, und erfährt u.a. durch Erläuterungen von Polizisten, wie sich diese Gruppierungen organisieren und was ihre vermutliche „Strategie“ ist; ergänzt wird das Ganze durch Interviews mit Sachkundigen verschiedener Bereiche, wie etwa dem Leiter des Fanprojekt Jena e.V. oder Professoren aus den Fachrichtungen Psychologie, Pädaogik und Politikwissenschaft. Für jemanden, der keine der dargelegten extremen Orientierungen angehört, erscheint das plausibel. Wer sich dennoch an dem Film reibt, könnte sich evtl. fragen (lassen), ob die vorgebrachten Gründe der Ablehnung die einzigen oder eigentlichen sind.

    In dem Film sind auch Interview-Segmente eines bärtigen Mannes enthalten, die mich fragen lassen, was denn nun die damit ausgedrückte Einstellung zum Thema Gewalt sein soll:

    In o.a. „Kritik“ zu dem Film heißt es, er würde „gewaltbereite linke Jugendliche herbeizuhalluzinieren“. Sind die wirklich nur „herbeihalluziniert“? Unterstellt diese Behauptung etwa, der anhand der Daten der polizeilichen Kriminalitätssatistik für den Bereich „politisch motivierte Kriminalität“ ersichtliche Trend würde auf falschen Daten beruhen oder gar auf vorsätzlich gefälschten Daten? Wie sah und sieht das in Thüringen nur konkret wirklich aus? Fragen wir doch Leute, die beruflich mit der Erfassung und Auswertung von Daten zur Kriminalität zu tun haben:

    (Quelle: 9. Symposium des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz, Seite 42f. der gedruckten Fassung)

    Bezogen auf die Einwohnerzahl (also Anzahl der Delikte pro Hundertausend Einwohner) folgt der Flächenstaat Thüringen bzgl. der Anzahl linksextremer Gewalttaten übrigens gleich nach den „Stadtstaaten“ Hamburg und Berlin.

    Im Lichte solcher Realdaten erscheint es evtl. verständlich, warum bestimmte „Kreise“ versuchen, politisch motivierte Kriminalität als pures „Konstrukt“ abzutun die Aufgabe geseztlicher Pflichten der Strafverfolgungsbehörden (wie Polizei und Justiz) in Abrede stellen zu wollen.

    Und ich frage mich auch, ob es angemessen sein kann, dass bei bestimmten Zeitungen bzw. den Blogs von Initiativen und Stiftungen immer wieder den gleichen ein Podium geschaffen wird, um als „Zeugen“ resp. „Gutachter“ das vermeintlich wahre Urteil über Jena bzw. die „Rechten“ in Jena zu fällen, wenn diese „Zeugen“ bzw. „Aktivisten“ durch eigene Statemens über ihre Einstellung zu Gewalt und der Billigung von Handlungen des „Schwarzen Blocks“ von sich reden machen. Aber vermutlich zählt man schon als „Rechtsextremer“, wenn man zu sachlich ist bzw. sich von Extremismus jeglicher Art distanziert, denn für manche Leute gibt es nur die Diochotomie von „links“ und „rechts“ – und wer nicht zu der Devise „Antifaschismus ist kein Verbrechen und rechtfertigt daher alle Mittel“ klatschen will, der kann dann in der Rechtfertigungslogik gewisser Aktivsten eben auch nur ein „Nazi“ sein.

    Um es abzuschließen: Für den Totalfehltritt des apsekte-Beitrages bin ich übrigens sehr dankbar, weil er im Nachgang nicht zuletzt durch den Distanzierungsartikel des Schriftstellers Steven Uhly einmal einen Einblick gewährte, wie für (einige) Redaktionen im Hintergrund eine Fassade konstruiert wird für die „Message“ einer Gesamtaussage, die als Meinung von vornherein feststand, also unabhängig von jeglicher Recherche. Lassen wir abschließend den Schriftsteller selbst zu Wort kommen:

    Oder auch:

    Besagte Redakteurin ist übrigens türkisch-kurdischer Herkunft; obwohl sie amüsiert darüber war, dass während ihrer Dreharbeiten niemand Angst hatte, verantwortet sie dennoch einen Beitrag, der gleich mit der unbegründeten Behauptung beginnt, Jena wäre „kein Paradies für Migranten“ – so wird „Realität“ produziert. Apropos Krawall-Marketing bzw. aspekte: Wer war eigentlich für die Idee bzw. den Beitrag im Sommer verantwortlich, in welchem Thilo Sarrazin nach Kreuzberg geschickt und mit der Kamera begleitet wurde? Stimmt die Angabe der ZDF-Mediathek, dass es sich dabei um dieselbe Autorin/Redakteurin handelt wie bei dem Jena-Beitrag?

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