Rassistische Hetze auf Kosten der Opfer

Wann immer bestimmte Onlineportale Geschichten über “in Deutschland verschwiegene” Straftaten veröffentlichen, kann man sicher sein, dass genüßliche Verbrechensschilderungen folgen – und die Tat(en) von einem Migranten begangen wurden. Oder zumindestens einem Migranten zugeschrieben werden, denn oft genug entpuppen sich die reißerischen Stories über vergewaltigte Kinder oder bestialisch ermordete Frauen als pure Fiktion, deren erklärtes Ziel es ist, als unterdrückte Wahrheit in Blogs und Foren verbreitet zu werden und weltweit Hass gegen Muslime zu schüren.

Von Elke Wittich

Aber auch wenn die Berichte nicht immer frei erfunden sind, lohnt es sich gleichwohl, die zugrundeliegenden Fakten nachzuprüfen. Denn die Geschichten hinter den Geschichten ergeben meist ein ganz anderes Bild. Was an einer schrecklichen Tat, unter der das Opfer vermutlich sein ganzes Leben leiden wird, zwar nichts ändert – aber eben eine andere Realität zeigt, als die, mit der man so gern Politik machen würde.

Als am 1. Dezember bei Kopp Online ein Artikel unter dem Titel “Kriminelle Migranten: Was Sarrazin verschwiegen hat” erschien, war rasch klar, dass dies einer der Texte sein würde, bei dem sich ein Nachprüfen der Fakten lohnen würde. Und das nicht nur, weil das geschickte Namedropping im Titel auf den ersten Blick so gar nichts mit der Unterzeile zu tun hat: KOPP: “In Dänemark hat eine der brutalsten jemals bekannt gewordenen Vergewaltigungen eines Kindes durch einen Somalier zur Lynchstimmung in der Bevölkerung geführt”, heißt es da. Nicht nur, dass dänische Verbrechen nicht zum Themengebiet von Sarrazin gehören, nein, auch von drohenden Lynchmorden war in dänischen Zeitungen während der letzten Tage rein gar nichts zu lesen gewesen.

Was folgt, klingt jedoch bedrohlich nach bevorstehendem Bürgerkrieg und Pogromen: “Orientalische Migranten müssen in Dänemark in der nächsten Zeit gut aufpassen, wann sie wohin gehen. Mit Knüppeln, Baseballschlägern und Messern bewaffnet schützen Dänen jetzt Kinderspielplätze. Grund des in deutschen Medien verschwiegenen ungewöhnlichen Aufgebots ist ein Somalier, der nach der versuchten Vergewaltigung eines neun Jahre alten Kindes nun auch ein zehn Jahre altes dänisches Mädchen bestialisch vergewaltigt hat.”

Und nun die Fakten: Ja, ein Mädchen wurde vergewaltigt. Aber: Während das “nun auch” suggeriert, dass der Täter zweimal an verschiedenen Orten zuschlug, handelt es sich jedoch in Wirklichkeit um ein einziges Ereignis, bei dem das jüngere Mädchen entkommen und Alarm schlagen konnte:

“Der Orientale sprach zwei Kinder auf einem Spielplatz an, drohte, sie mit einem Messer zu ermorden, wenn sie ihm nicht in einen Wald folgten. Ein Mädchen konnte fliehen, das andere wurde anal, oral und vaginal vergewaltigt.”

Der so genannte Orientale ist es ein 16 Jahre alter Junge, der in Somalia geboren wurde. Das Alter des mutmaßlichen Täters wird jedoch im gesamten Text nicht erwähnt – wahrscheinlich weil ein Teenie lange nicht so bedrohlich wirkt wie ein Erwachsener und der eindringlich beschriebenen Lynchstimmung ein wenig von der ihrer Brisanz nimmt.

KOPP: “Ort des Geschehens war Gullestrup – dort herrscht jetzt Lynchstimmung gegen Orientalen.”

In der Tat hatten, unter Führung eines örtlichen Kaufmannes, nach der Tat einige männliche Einwohner beschlossen, sich zu bewaffnen und die Spielplätze der Umgebung zu sichern. Zu diesem Zeitpunkt ging man in Gullestrup nämlich davon aus, dass es sich um einen Serienvergewaltiger handeln müsse, der jederzeit wieder zuschlagen könne. Gegenüber der Zeitung “Ekstra Bladet” hatten diese anonym bleibenden Männer erklärt, dass sie den Täter – laut Polizeiangaben könnte es sich um einen Somalier handeln – finden und anschließend “nicht totschlagen, sondern bloß kastrieren” wollten, um ein Zeichen zu setzen, dass man Verbrechen nicht zu tolerieren gedenke.

Laut der englischsprachigen Ausgabe der “Copenhagen Post” waren die reißerischen Boulevardberichte über rachsüchtige Bewohner jedoch stark übertrieben. Zu einem von der Polizei initiierten Treffen im Stadthaus von Gullestrup hatten sich schließlich noch vor der Ergreifung des mutmaßlichen Täters mehrere hundert Einwohner versammelt, um ein klares Signal gegen Gewalt und Selbstjustiz zu setzen. Kaj Mortensen, Manager der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft, erklärte später gegenüber der Zeitung, die Berichte über einen lynchwütigen Mob seien extrem übertrieben gewesen, bei dem Treffen sei man sich einig gewesen, dass man die Polizeiermittlungen unterstützen und keinesfalls eigenmächtig aktiv werden wolle. “Grob gesagt, haben wir darüber geredet, dass wir eben mehr miteinander reden müssen, egal, welchen ethnischen Background wir haben.” Auch Angehörige der beiden Mädchen sprachen bei dem Treffen zu den Anwesenden und verlangten, dass man die Polizei in Ruhe arbeiten lasse statt wilde Gerüchte zu streuen.

Hass hatten unterdessen jedoch andere angestachelt: Die Nazivereinigung DDL (Dänische Verteidigungsliga), eine Schwesterorganisation der English Defense League, war bereits Tage vor dem Einwohnertreffen in Gullestrup aktiv geworden. Man hängte Hassposter auf, die den Ort zur “Shariafreien Zone” erklärten, verteilte rassistische Aufrufe zu Gewalt gegen Migranten; und bekannte sich anschließend nicht nur auf der eigenen Facebook-Seite stolz dazu, sondern veröffentlichte auch diese Presseerklärung:
Zitat DDL “Die DDL erklärt hiermit, dass wir, wenn die dänischen Behörden die Situation nicht unter Kontrolle bekommen, überall dort auf die Straße gehen werden, wo die Vergewaltigungszahlen steigen. Wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, nachdem die dänische Polizei wieder einmal gezeigt hat, dass sie die Dänen nicht von den perversen Trieben der muslimischen Immigranten beschützen können oder beschützen wollen.”

Zitat KOPP: “Der somalische Täter hatte zuvor an einer Bildungsreise über somalische Kultur und Gebräuche teilgenommen, finanziert vom dänischen Steuerzahler.”

Diese Darstellung stammt aus dem dänischen Blog “Uriasposten”, einem einwanderungsfeindlichen, christlichen Machwerk, in dem seit 2003 gegen Muslime gehetzt wird. In seriösen dänischen Zeitungen ist jedoch keine Rede von einer steuerfinanzierten Lustreise, vielmehr scheint der damals 15-Jährige gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder von seinen Eltern zwangsweise nach Somalia geschickt worden zu sein. Zu welchem Zweck dies geschah ist unklar, der dänische Fernsehsender TV2 berichtete, dass er nicht der einzige somalische Junge sei, der zeitweise in sein Geburtsland zurückgeschickt wurde: “Die Kommunalbehörden kennen dieses Phänomen, aber nicht dessen konkreten Grund.” Freunde und Bekannte wollten sich dazu nicht vor der Kamera äußern, sprachen aber anonym mit mehreren Zeitungen.

Berichterstattung über den Fall auf TV2.dk
Berichterstattung über den Fall auf TV2.dk

Nach seiner Rückkehr vor einigen Monaten – die anscheinend mit Hilfe eines dänischen Lehrers ohne Wissen der Eltern möglich wurde – habe der Junge, der den im Lande herrschenden Bürgerkrieg „aus nächster Nähe mitbekommen hatte“, vollkommen verändert gewirkt, berichteten sie beispielsweise der Boulevardzeitung Ekstra Bladet. Hart habe er gewirkt und sehr laut gesprochen, eine Veränderung, die auch der lokale Ladeninhaber Neil Washington mitbekam, der den Jugendlichen von früher noch als „Fußballverrückten“ in Erinnerung hatte. Nachdem er in Somalia war, sei er jedoch ganz anders gewesen, „irgendwie militant und gleichzeitig sehr ruhig und nachdenklich, als ob er gehirngewaschen wurde.“

Soweit die Fakten. Die änder leider nichts daran, dass einem kleinen Mädchen Furchtbares geschehen ist – dem es allerdings auch nicht dadurch besser gehen wird, dass es für eine reißerische Story benutzt wird.

Siehe auch: Ein unpolitischer Terrorismus?

4 thoughts on “Rassistische Hetze auf Kosten der Opfer

  1. Gut beobachtet. Derlei „Geschichten“ funktionieren immer gleich und die Publizisten, die das verbreiten, sind ebenfalls leicht durchschaubar. Sprachlich ist es hierbei nicht weit – vom „Orientalen“ zum „Untermenschen“ im Sinne von: „Da seht Ihr es, Volksgenossen.“ Erstaunlich – zumindest auf den ersten Blick – ist die Art der Sprache, die hier bemüht wird, die stets nah an der Volksverhetzung entlang schrammt.

    Und ja – natürlich ist dem Mädchen Schreckliches geschehen. Dennoch muss man bei diesen Artikeln und ihren Machern immer bedenken, dass es ihnen im Grunde nicht um das Mädchen geht – sie missbrauchen es eben nur für ihren Zweck. Der einzige Sinn dieser Artikel und vieler weiterer ist es, Begriffe wie „Kriminell“ an Menschen mit Migrationshintergrund zu koppeln, sodass sich diese Kombination verselbständigt.

  2. Tja:
    Wo sie recht haben, da haben sie leider (meistens) recht mit der Koppelung. Alle andere ist staatlich verordnete Augenwischerei und Zensur.

  3. Wo haben sie denn mit welcher Koppelung recht ? Und komm jetzt bitte nicht mit irgendwelchen (Nazi)Verschwörungstheorien von Staatlich auferlegter Zensur. Tja: ich glaube bei dir ist etwas falsch gelaufen. Mein persönlicher Eindruck ist da etwas anders, denn ich kenne einen ganzen Haufen Menschen mit Wurzeln von anderen Teilen der Welt. Diese sind zuallererst mal Menschen wie du und ich und nebenbei gesagt sehr anständig und fleißig. Also hör auf so einen Schwachsinn zu verbreiten. Das Kind mit dem Bade ausschütten das ist das was du damit tust und das funktioniert nicht. Weil es einfach nicht so ist…

  4. @Bert. Um was geht es jetzt? Habe ich mich missverständlich ausgedrückt? Wenn ich von Koppelung schreibe, meine ich das, was z.B. „Autoren“ vom Kopp-Verlag und andere Spezialisten in Sachen Agitation betreiben, nämlich eben negative Eigenschaften so an ihre Opfer zu ketten, dass diese unheilige Verbindung in den allgemeinen Gebrauch übergeht. Was bei „Bauer sucht Frau“ der „Knorrige Weinbauer Hubert“ ist, wird bei diesen Hetzern „der „Kriminelle Ausländer“. Hier wird immer und immer wieder versucht, ein negatives Klischee aufzubauen, indem man es pseudoreriös bedient und das halte zumindest ich für höchst verwerflich.

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