„Wunderbare Jahre“: Nazi sein als Lebensgefühl

Seit der Mordserie des so genannten Nationalsozialistischen Untergrunds geistern sie wieder durch alle Medien, die Klischees von den „dummen Nazis“, den „dumpfen Schlägern“ und den „grölenden Skins“. Doch kaum etwas könnte weiter weg sein von einer adäquaten Beschreibung der Realität als die alte Mär von den verblödeten Verlierern, deren Gewalt vermeintlich nur „ein stummer Schrei nach Liebe“ ist.

Von Andrej Reisin

Seit dem Ärzte-Hit „Schrei nach Liebe“ von 1993 scheinen gewisse kulturelle Vorurteile über Nazis wie in Stein gemeißelt:

„Du bist wirklich saudumm, darum geht’s dir gut, Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut. Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt, höchstwahrscheinlich nicht einmal, was Attitüde heißt. Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit. Du hast nie gelernt dich zu artikulieren und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit.“

So charmant der Song damals als Antwort auf die eskalierende Nazi-Gewalt im wiedervereinigten Deutschland gewesen sein mag, so bequem, unzutreffend und gefährlich sind die bis heute gerne genutzten, aber verharmlosenden Klischees, die hier als Gründe dafür genannt werden, warum Menschen Nazis werden. Denn dafür muss man leider weder dumm, noch aus schlechtem Elternhaus und schon gar nicht sexuell frustriert sein. Ein illustres historisches Beispiel für die Unhaltbarkeit dieser Thesen bietet Dr. Josef Goebbels, dem zweifelsohne weder Bildung, Kinderstube noch Frauen gefehlt hätten – ganz im Gegenteil.

Medialer Spiegel des staatlichen Versagens

Es wäre längst an der Zeit, dass viele der Verfasser selbstgerechter Kommentare in den großen Redaktionen (west-)deutscher Großstädte sich ein wenig näher mit dem Phänomen befassen würden, das sie vermeintlich zu kennen glauben. In Wirklichkeit ist all das Gerede von den „politischen Analphabeten“ nämlich nur der mediale Spiegel des staatlichen Versagens. Auch medial hatte man die Gefahr von rechts außen längst völlig aus dem Fokus verloren. Und nun packen viele Journalisten alte Klischees aus, um sich über das eigene Nichtwissen hinweg zu helfen.

Sich auf die Spur der Nazis begeben

Auf eine ergiebigere Suche nach den Ursachen der rechten Gewalt im Osten hat sich dagegen Jana Hensel im „Freitag“ gemacht. Sie reflektiert ihr eigenes Aufwachsen in der Nachwendezeit und fragt sich, ob die „Lethargie, die Sinnlosigkeit und Scheinheiligkeit der Achtziger in der DDR gemeinsam mit den Enttäuschungen der Nachwendezeit“ nicht einen entscheidenden Teil dazu beigetragen haben, dass „uns diese Kinder verloren gegangen“ seien. „Kinder, von denen wir gern annehmen, dass sie jener Generation angehören, die aus der Einheit als Gewinner hervorgegangen ist“, so Hensel weiter.

Dabei gerät sie, so viel sei gesagt, leider auf einen gefährlichen Pfad, der den Tätern etwas viel Empathie entgegen bringt und diese vor allem in ein schwer erträgliches „wir“ kleidet, dass die Opfer der Nazi-Mörder leider posthum noch einmal aus dem Kollektiv löscht, denn in Wirklichkeit sind vor allem sie es, die „uns“ verloren gegangen sind – weil sie schlichtweg in der Art und Weise abgeknallt wurden wie Nazis ihre Opfer nun einmal einfach abzuknallen pflegen – Vernichtung als Programm.

Die Frage(n), die Hensels Text stellt, sind deswegen aber nicht falsch. Sie verweist auf die emotionalen Verwüstungen des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik und auf einen „schmalen Grat“, der ihren „Lebenslauf von denen der drei gewalttätigen Neonazis trennt“. Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer habe diese Zeit in seinem Roman „Als wir träumten“ „präzise beschrieben“, so Hensel: „Er wurde von der Kritik für seine Darstellung der sogenannten Unterschicht gefeiert. In Wahrheit waren viele von uns so. Mit Unterschicht hatte das wenig zu tun, eher mit einem Verlorensein, das größer war als das Gefühl eines einzelnen.

Daran ist wiederum nur die Hälfte richtig, denn Clemens Meyer hat sich stets dagegen verwahrt, sein wunderbarer Roman sei nur ein „Ossi“-Buch. Und Jana Hensel sei gesagt, dass sich eine Jugend in Berlin-Neukölln zur selben Zeit ähnlich verloren, gewalttätig und sinnlos anfühlen konnte wie diejenige von Meyers Protagonisten in Leipzig-Reudnitz. Darin liegt leider der blinde Fleck in Hensels an sich richtigem Plädoyer für „Biographien statt Ideologien“. Wenn sie das, was sie bezogen auf die Ost-West-Debatte „Herkunftsrassismus“ nennt, hinter sich lassen will, dann kann sie eben nicht länger die Ost-Nazis für die „verlorenen Kinder“ halten, während die toten „Ausländer“ im Westen nach wir vor keinen Platz in ihrem (und unserem) sprachlichen „wir“ finden. Mit anderen Worten: Bevor man den natürlich implizit an die „Wessis“ gerichteten Vorwurf des „Herkunftsrassismus“ erhebt, sollte man vielleicht erst einmal über den ganz realen, ganz normalen Rassismus reden, der weiß Gott nicht nur im Osten existiertaber dort eben besonders schlimm wütet – und die Gründe dafür aufarbeiten und benennen.

Faszination Nazi-Szene: Jung, rebellisch, deutsch

Dann wäre man auch einen Schritt weiter bei der Analyse der tatsächlichen Ursachen, bei der nur scheinbar fehlenden Verbindung zwischen Nazis und Mehrheitsgesellschaft, zwischen den Ressentiments und Einstellungen der „normalen“, weißen Deutschen ohne „Migrationshintergrund“ in Ost und West. Man würde zu der Erkenntnis kommen, dass manche Menschen (vor allem Männer) sich in manchen Gegenden (vor allem im Osten) überproportional häufig dafür entscheiden, Nazis zu werden und zu sein. Diese Entscheidung basiert nicht auf Dummheit oder sexueller Frustration, sondern sie ist eine politische. Und sie ist verbunden mit einer Faszination dieser Szene. Wer davon auch nur einen Funken verstehen will, sehe sich folgendes Video an:

„Die ersten Biere in jungen Jahren, ich denke gern an die alte Zeit. Unsere Eltern waren immer am Meckern, denn wir waren meistens breit. Die ersten Schnäpse am Tresen, die ersten Frauen und Hauereien. Die ersten Narben und gebrochenen Nasen, in dieser Zeit will ich wieder sein. Das erste Bild auf dem Oberarm, den ersten Stress mit der Bullerei. Mit „Doc Martens“ stolz durch die Straßen gegangen, wir waren jung, wir waren frei. Kennst du noch die alte Kneipe, in der wir immer waren? Kennst du noch die alten Lieder die wir gesungen haben? Wunderbare Jahre! Ich denke gern an diese Zeit. Wunderbare Jahre! Wir waren Jung wir waren frei, wunderbare Jahre! Wunderbare Jahre!“

Nichts deutet sofort darauf hin, dass es sich bei Sleipnir um eine Nazi-Kultband handelt, die allerdings auch weit über die engere Szene hinaus etliche Fans hat. Ähnliche Zeilen, die männliches Rebellentum ansprechen, finden sich von den Onkelz bis zu Motörhead. Und dennoch sind Marco „Sleipnir“ Laszcz aus Gütersloh und seine Mitstreiter Urgesteine der Szene und bereits seit 1988 dabei. In ihren Texten machen sie sich dabei auch gern über die gängigen Nazi-Klischees lustig:

„Das wir die bösen Nazis sind, das war schon immer so. Kein Gehirn in unseren Köpfen, schlechte Eltern sowieso. Wir können uns nicht artikulieren, denn wir sind schon dumm geboren. Wir sind der Abschaum dieser Gesellschaft und wir haben hier nichts verloren. Doch es ist uns scheißegal, was ihr denkt und wie ihr redet. Doch geht uns aus dem Weg, wenn ihr uns begegnet. Erzählt doch eure Lügen, hetzt doch alle gegen uns auf. Schreibt euch eins hinter eure Ohren: Wir geben niemals auf.“
(Sleipnir – Wir geben niemals auf)

Große Rechtsrock-Events: Neonazis beim NPD-Festival in Gera am 11. Juli 2009 Bildrechte: argumentationshilfe(at)gmx.de
Große Rechtsrock-Events: Neonazis beim NPD-Festival in Gera am 11. Juli 2009 Bildrechte: argumentationshilfe(at)gmx.de

Diese Verbindung von Ironie, Distinktionsgewinn durch Rebellentum, Durchhalteparolen und der unverhohlenen Drohung mit Gewalt könnte man in etwa als die Quintessenz des Lebensgefühls Nazi beschreiben. Ab der Zeile „Wir sind der Abschaum …“ könnte der restliche Text allerdings auch von jeder x-beliebigen Punkband stammen. Und an dieser Stelle taucht er dann auch wieder auf, der „schmale Grat“, von dem auch Jana Hensel völlig zu Recht spricht. Der Unterschied besteht darin, dass man nach Punk-Konzerten nicht loszieht, um alles „Undeutsche umzuklatschen“, aber das Gefühl, sich mit einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit von den „Normalos“ zu unterscheiden und dadurch cooler, unverletzlicher und mächtiger zu sein – das teilen die Nazis mit zahlreichen anderen Subkulturen – von Ultra bis Punk.

Eine Rebellion, die „über Gräber vorwärts“ will 

Allerdings tritt bei ihnen eben ein spezifisches Moment der Selbstermächtigung hinzu, das auf ein größeres Ganzes verweist und den einzelnen aus einer möglicherweise tatsächlich problematischen Lebenssituation empor hebt in einen historischen Kontext, aus dem sich neue Kraft schöpfen lässt. Die Verbindung zwischen jugendlicher Rebellion und nationalistischer Ideologie stellen Sleipnir ebenso subtil wie gekonnt her:

„Sie tragen keine Bomberjacken, sind trotz allem national, gehen zum Fußball und auf Partys, ihre Köpfe sind nicht kahl. Man kann nur schwer erkennen, wer sie sind und was sie wollen, doch wenn es um Deutschland geht, dann hört man sie von weitem grollen. Das System bescheißt uns alle und jeder ist gefragt, ob du Glatze hast oder nicht, ist völlig scheißegal. Wir haben nichts zu verlieren, zu gewinnen gibt’s genug, brecht die Mauern in euren Köpfen und hört uns richtig zu. Eine Jugend rebelliert! Auf den Straßen, in den Gassen – von überall kommen sie her. Eine Jugend rebelliert! In den Städten, auf den Dörfern – wir werden immer mehr …“ (Sleipnir – Rebellion)

Und der zuletzt wegen seines Songs „Döner-Killer“ in die Schlagzeilen geratene Gigi singt in „Über Gräber vorwärts“:

„Von den blauen Bergen der Vogesen schallt ein Ruf, der bis zur Mühle von Tauroggen widerhallt. Von Nordschleswigs Königsau auf deutschem Grund bis Salurn in Südtirol ist diese Kraft mit uns im Bund. Über uns die Schwarze Sonne in einer weißen Welt – über Gräber vorwärts, auch wenn alles hier zerfällt. Uns scheint eine Sonne, sie führt uns voran. Ihre Strahlen brechen sich durchs tiefste Dunkel Bahn. Denn das wahre Deutschland lebt noch unter all den Verboten verborgen. Wir sind nicht die Letzten von gestern, nein, wir sind schon die Ersten von morgen.“

Das ist ein großes Angebot und ein großes Versprechen an eine verlorene Generation zwischen Görlitz und Anklam – hunderte Kilometer Landstriche, die so weiß und urdeutsch sind, wie die alte Bundesrepublik seit den späten 1950er Jahren nicht mehr. Man wird nicht umhin kommen, alternative Jugendkulturen zu unterstützen – auch, wenn das bedeutet, dass man ein paar wilde Punker mehr im Straßenbild hat. Man wird diejenigen, die vor Ort Alternativen zu den Nazis bieten, stärker unterstützen müssen. Man muss aber auch die berechtigten Sorgen, Ängste und Nöte derjenigen wahrnehmen, die Gefahr laufen, Nazis zu werden – und ihnen plausibel machen, warum Führer, Volk und Vaterland eben doch die letzten Antworten von gestern und nicht die ersten von morgen sind.

Die Demokratie braucht Demokraten

Wer den Zusammenhang zwischen Sarrazins Gerede von Genen und Gemüsehändlern und der Nazi-Rhetorik vom aussterbenden Volk auch jetzt noch nicht sehen will, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer an die Demokratie glaubt, muss schlechterdings auch das Selbstvertrauen haben, dass sie ein dem Faschismus überlegenes politisches System ist. Das bedeutet auch, klar und deutlich gegen viele heißgeliebte Ressentiments der Mehrheitsgesellschaft Stellung zu beziehen, auf deren Grundlage die Nazis agieren. Ansonsten hätten die Nazis nämlich Recht, denn völkisch-rassistisch argumentieren, können sie nun einmal deutlich besser, weil es ihr Heimspiel ist.

Wer dagegen glaubt, dass das Angebot der Nazis nur auf Dummheit basiert, wer denkt, dass ihre Parolen nicht auch bei Eltern, Freunden und Verwandten auf fruchtbaren Boden fallen und wer sich der Illusion hingibt, die braune Dominanz der Jugendkultur gerade bei männlichen Jugendlichen im Osten würde von allein wieder verschwinden – der begeht gleich mehrere schwere Fehler, die sich bitter rächen und weitere Menschenleben kosten werden. Den Nazis entgegen zu treten heißt, sie ernst zu nehmen: politisch, polizeilich, juristisch. Denn sie meinen es ebenfalls ernst – todernst.

Siehe auch: Im Osten nichts Neues …?, Die Tat ist die Botschaft, “Breivik ist kein einsamer Verrückter”, “Kanaken zerhacken”, Fail. Fail again. Fail better.

9 thoughts on “„Wunderbare Jahre“: Nazi sein als Lebensgefühl

  1. Es ist eine Selbstverständlichkeit, als Demokrat rassistische Tendenzen im Volk zu erkennen, zu kritisieren oder zu verhindern. Denn das essentielle was diese selbsternannten „Nationalen Deutschen“ verbreiten und an die Jugend weitergeben ist ihr verirrtes Weltbild. Leute… hinterm Horizont gehts weiter…

  2. Dummheit ist es nicht immer (obwohl meiner Meinung nach jeder noch so gescheite Nazi geistig hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurückbleibt). Wohl aber – Kitsch.

    Kitsch und Diktatur gehören ganz eng zusammen. Damit meine ich nicht, daß Glanzbildputten böse sind, sondern daß Diktatoren immer tendenziell Kitschköpfe sind. Man sehe sich die regimekonforme Kunst in Diktaturen an und die Wohnzimmer von Diktatoren.

    Die zitierten Texte bestätigen diese These. Die Sleipnir-Texte bedienen durchweg die Klischees vom rauhen Jugendlichen mit dem Herzen am rechten Fleck und von der Gemeinschaft, in der man stark ist. Der Text von Gigi zieht mir fast die Zähne mit seiner klebrigen Süße von blauen Bergen und deutschem Grund; er ist von einer aggressiven Pseudoromantik und so kitschig, daß ich nach Lektüre eine Insulinspritze brauchen könnte.

    Wo mehr als zwei Merkmale des Kitsches zusammenkommen, sollte man unbedingt aufmerken. Dahinter kann sich diktatorisches Gedankengut verbergen.

  3. „Es gibt keine Intelligenten Nazis, weil Intelligente Leute niemals Nazis werden würden“
    hab den spruch mal irgendwo als Kommentar gelesen und ganz gut gefunden, dachte es könnt vielleicht hierherpassen.

    Was Ich übrigens besonders witzig finde bei diesem kitschigen Liedtext: „Denn das wahre Deutschland lebt noch unter all den Verboten verborgen.“
    Das hört sich fast schon so an als wollten sie sich als liberale verkleiden *kotz*

    Und zu „Sleipnir“ kann Ich sagen, das Ich sowas eig. noch viel schlimmer finde wie diese möchtegern-musik von Gigi. Weil sie ne Punkband sind und Ich einfach nur sterben will wenn Ich sehe, wie Rechtsradikale irgendwelche eig. eher linke sachen nachahmen, vor allem weils auch noch so verführerisch auf Junge Leute wirkt. Sie hassen die Dunkelhäutigen, aber Musikstile, die sie uns erst gebracht haben, benutzen sie liebend gerne um ihre Propaganda zu vermitteln.

    Sie sollten bei Volksmusik bleiben und nicht so tun, als wärn sie irgendeine coole moderne gruppe, die einen auf „V wie Vendetta“ macht.

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