Heiopei der Woche: Philipp Selldorf und die „Brandstifter“


Vergangene Woche war Derbyzeit im Fußball. Zum Beispiel in der ersten Bundesliga beim Spiel Dortmund gegen Schalke. Da zündeten Schalker Fans Pyrotechnik. Oder in Liga fünf beim FSV Zwickau gegen Erzgebirge Aue. Da feierten Zwickauer Fans die Nazimorde. Im Grunde ein bisschen dasselbe, findet Philipp Selldorf in der Süddeutschen.

Von Nicole Selmer

Haifisch-Absturz
Heiopei – der publizistische Wochenabsturz

„Terrorzelle Zwickau – olé, olé, olé“ und andere rechtsextreme Gesänge gab es von den Zwickauer Fans zu hören. Ein Spieler habe zudem in der Kabine die Sieg-Rufe durch ein „Heil“ ergänzt. Der Verein hat die Vorfälle bestätigt und hofft für die Zukunft auf ein Publikum, „das nach wie vor sensibel und konsequent auf jedwede Form radikaler Entgleisungen reagiert.“  Proteste anderer Fans gegen die Gesänge hat es nämlich gegeben, wie berichtet wird. Diese Episode nimmt Philipp Selldorf, Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung, in einem Kommentar zum Anlass, um weiter auszuholen. Deutlich zu weit. Es brauche Mut für einen solchen Akt der Zivilcourage, meint er, aber vielleicht reiche bloßes Widersprechen auch nicht. Vielleicht nämlich muss man noch mutiger sein und die „Brandstifter“ auch überführen. Und hey, „Brandstifter“ – das ist doch das eigentliche Stichwort. Nazimorde verherrlichen oder Pyrotechnik abbrennen, das sind zwei Themen, die Selldorf durch ein nonchalantes „wenn auch mit anderem Hintergrund“ miteinander verknüpft. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist ein dummer Gedanke.

So kommt Selldorf von der Zwickauer Terrorzelle zur Schalker Pyro und dem wirklich mutigen Akt der Zivilcourage, den der Schalker Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies am Wochenende verübte. In einer waghalsigen PR-Aktion zum Derby hatte er sich in den Schalker Gästeblock begeben, um dort, nur geschützt durch die Aufmerksamkeit zahlreicher Fernsehkameras und der Stadionvideoüberwachung, die Niederlage seiner Mannschaft zu verfolgen. Mit seinem Handy fotografierte er dann Schalker Fans, die Pyro abbrannten, und übergab die Fotos der BILD dem Sicherheitsdienst. Es gehe darum, „kriminelle Handlungen“ zu bekämpfen, sagte Tönnies und wird von Selldorf durch das mutige Einstehen für seine Überzeugungen zum leuchtenden Vorbild für Zivilcourage.

Von Pyrotechnik und Clemens Tönnies mag man halten, was man will, aber wie hier – und nicht zum ersten Mal – in journalistischem Kurzschluss Dinge vermischt werden, die nichts miteinander zu tun haben, ist nur noch schwer erträglich.

4 thoughts on “Heiopei der Woche: Philipp Selldorf und die „Brandstifter“

  1. Ein oder zwei kritische Worte zur durchaus existierenden Korrelation zwischen sogenannter „Fussballfankultur“ und Rechtradikalismus waren wohl auch hier mal wieder zuviel verlangt.

    Wie kann sich als eine kritische Instanz verstehen, und dann so einen armseligen Subjektivismus verscherbeln?

  2. Spiegel online berichtet aktuell:

    „Dresdner und Dortmunder Rechtsextreme arbeiteten zusammen

    Die Ausschreitungen beim Pokalspiel zwischen Dortmund und Dresden waren heftig. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE planten Rechtsextreme aus beiden Städten die Randale teilweise gemeinsam – sie hatten sich sogar zuvor zur Auslosung gratuliert.“

    Wahrscheinlich ist auch das – der in jüngerer Zeit sich abzeichnenden „Publikative“-Publizistik in puncto Fußballrandale folgend – eine üble Konstruktion seitens der Medien, des DFB und des Staatsapparates, um unpolitische, ausschließlich fußballkulturell Interessierte als Gewalttäter zu verleumden. Ich finde es traurig, was aus dem früheren NPD-Blog geworden ist. Vielleicht könnte man ja auch die NSU-Berichterstattung entsprechend umstellen und sich ein paar Passagen aus der BILD („Nazibraut“ oder ähnliches dummes Geschwafel) herauspicken, um den tatsächlichen Sachverhalt zu marginalisieren.

  3. Die Bilder sind bisher beim PP Dortmund, welches das Ermittlungsverfahren federführend leitet, nicht eingetroffen 😉

  4. Lieber Herr Kolthoff,

    Pyros und Neonazi-Gesänge – das sind recht unterschiedliche Dinge. Wer diese zusammenschmeißt, relativiert die Bedrohung durch Nazis – und nicht andersherum. In Schwerin fand vor wenigen Tagen eine Diskussion zum Thema Hansa Rostock statt. Der Titel: „Terror statt Tore?“ Nun frage ich Sie: Wer relativiert den rechten Terror?

    Dass Sie dem gesamten Projekt Publikative attestieren, dessen Entwicklung sei traurig, weil wir beim Thema Pyros, Fußballgewalt und der medialen Aufbereitung nicht zusammenkommen, hier jetzt wieder mit Dortmund gegen Dresden anfangen, obwohl es um Schalke und Zwickau geht – und intendieren, wir würden wohl auch bald Nazi-Terrorismus verharmlosen, finde ich wiederum nicht nur wenig erfreulich, sondern ziemlich dreist.

    Gruß
    Patrick Gensing

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