„Breivik ist kein einsamer Verrückter“

Die E-Mail war anonym und sehr deutlich: „Willst Du Prügel?“ fragte der offenbar aus Schweden stammende Absender, bevor er ankündigte, dass er „einige Muslime/Nazis engagieren“ wolle, „die Dich vergewaltigen, wenn Du weiterhin daran zweifelst, dass der Islam und Muslime hinter den Vergewaltigungen stecken. Also hör auf, Dreck über Breivik zu erzählen, denn sonst bekommst Du Besuch.“ Gewaltforscher Peter Gill scheint also Recht zu haben, wenn er sagt, Breivik sei nicht nur ein einsamer Verrückter gewesen.

Von Elke Wittich, zuerst erschienen in der Jungle World

Die wüsten Drohungen bezogen sich auf ein Interview, dass der schwedische Gewaltforscher Professor Peter Gill der norwegischen Tageszeitung Vårt Land gegeben hatte. Gill, der unter anderem in einer Kommission zur Prävention von Amokläufen in Schulen sitzt, hatte die Taten von Anders Behring Breivik in Zusammenhang mit gestiegenen Vergewaltigungszahlen in Oslo gebracht. Dort hatten sich die Zahlen der gemeldeten “overfallsvoldtekter”, also der Vergewaltigungen, bei denen die Opfer von Unbekannten überfallen wurden, bis November 2011 gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Sieben Täter wurden bislang verhaftet, rund 50 konnten nicht gefasst werden, wobei die Kripo davon ausgeht, dass es sich in einigen Fällen um Serientäter handelt.

Anders Behring Breivik (32) auf Facebook.
Anders Behring Breivik (32) auf Facebook.

“Es ist falsch, Breivik nur als einen einsamen Verrückten zu sehen”, hatte Gill im Interview gewarnt und erklärt, dass dessen Taten Nachahmer auch auf anderen Gebieten finden könnten. Er gehe davon aus, dass die gestiegenen Vergewaltigungszahlen mit den Morden auf Utøya zusammenhingen: “In jedem von uns befinden sich Teile von Breivik – er hat diese Teile jedoch für sich alle zusammengesetzt und darauf hingearbeitet, seine Phantasien zu verwirklichen. Es wird norwegische Männer geben, denen Breivik imponiert – seine Taten können ein Trigger für andere sein, ebenfalls Grenzen zu übertreten.”

Gill wiedersprach damit auch dem in Norwegen vorherrschenden Eindruck, dass die Vergewaltiger fast ausschließlich Migranten seien – derzeit wird zwar ein mittlerweile nach Pakistan geflohener Mann verdächtigt, für einige der Taten verantwortlich zu sein, aber die Mehrzahl der Täter dürften trotzdem gebürtige Norweger sein.

Hass mit erfundenen Geschichten über sexuelle Übergriffe zu schüren gehört dabei schon lange zum Repertoire der von Anders Behring Breivik präferierten Blogs und Webseiten. Im Januar machte beispielsweise eine Story die Runde, wonach ein elfjähriges Mädchen von mindestens 20 Asylbewerbern in einer Stockholmer Schwimmhalle vergewaltigt worden sei. Die Naziorganisation Nordisk ungdom griff daraufhin ein in der Nähe gelegenes Flüchtlingsheim an, obwohl die zuständige Polizeibehörde mehrmals klarstellte, dass die Geschichte eine pure Erfindung war. In den folgenden Monaten wurde die mit blutrünstigen Einzelheiten ausgeschmückte Horrorstory immer wieder von rechtsextremen Blogschreibern wie dem norwegischen Fjordmannen aufgegriffen und schließlich zu einem englisch untertitelten Youtube-Video aufgeblasen. In seinem so genannten Manifest hatte Breivik auf Seite 485 solche in Rassitenkreisen kursierende Falschmeldungen explizit aufgegriffen und behauptet, dass in Oslo pro Einwohner fünf Mal so viele Vergwaltigungen geschähen wie in New York, und dass 2/3 der Taten von Migranten begangen würden. (bezogen auf die Fallzahlen vom vergangenen Jahr geschah in New York City statistisch eine Vergewaltigung pro 6.230 Einwohner, während es 2011 in Oslo eine pro 12.291 Bewohner ist). Von Fakten lassen sich Rassisten jedoch Theorien nicht kaputtmachen, vor allem dann nicht, wenn die Falschrechnung mittlerweile selbst in norwegischen Massenmedien – natürlich ohne Bezug auf Breivik – als Fakt verbeitet wird: Auf document.no, einer der Plattformen, auf denen der Mörder besonders aktiv war, listet man noch heute jede mutmaßlich von einem Migranten begangene Vergewaltigung genüßlich auf, während Taten, die Norweger begingen, nicht erwähnt werden.

Inwieweit der Massenmörder daran beteiligt war, aktiv mit ausländerfeindlichen Fakes Hass zu schüren, könnte schon bald geklärt sein. Wie auch die Frage, welche internationalen Verbindungen er hatte. Denn während viele Einzelheiten wie zum Beispiel die Bestandteile seiner angeblichen offiziellen Uniform sich schnell als wahllos und für kleines Geld im Internet zusammengekaufter Trödel entpuppten, steht immer noch nicht ganz fest, zu welchen Gruppen oder Einzelpersonen er Kontakt hatte. Um Breiviks Leben im Internet möglichst gründlich auszuforschen, stellte die Osloer Polizei vor einiger Zeit beispielsweise Rechtshilfeersuchen an mehrere europäische Länder. Herausgefunden soll damit unter anderem werden, ob auffällige Accounts, E-Mailadressen und Foren-Nicks tatsächlich von dem Norweger benutzt wurden und mit wem er sich vernetzt hatte.

Denn während Breivik Kommentare und Statements, die er für legal hielt, unter seinem Klarnamen postete, scheint er für justiziable Hetze falsche Identitäten benutzt zu haben.

Kampf dem Kommentarfaschismus

Norwegen trauert um die Opfer des rechtsextremen Doppelanschlags: Blumenmeer vor der Domkirche in Oslo (Foto: Rotes Kreuz Norwegen)
Norwegen trauert um die Opfer des rechtsextremen Doppelanschlags: Blumenmeer vor der Domkirche in Oslo (Foto: Rotes Kreuz Norwegen)

Nachdem Breivik verhaftet worden war, richtete sich zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit nicht nur auf rassistische Blogs, sondern auch auf die Kommentarspalten der großen Medien, die bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend unmoderiert geblieben waren und in der es vor Hetze und Hass nur so wimmelte. Anders Heger Verlagschef von Cappelen Damm, brachte die Situation kurz nach Breiviks Morden öffentlich auf den Punkt indem er erklärte, in Norwegen habe man den „Kommentarfaschismus“ wohl nicht ernst genommen. Dabei hätte man durchaus gewarnt sein können: Im Mai, also kurz vor den Attentaten, hatte bereits das Wissenschaftsportal forskning.no vor den eigenen Usern kapituliert und erklärt, dass man grundsätzlich unter Artikeln über den Klimawandel keine Kommentare mehr erlauben werde. Redakteurin Nina Kristiansen begründete diesen Schritt damit, dass Diskussion und Meinungsaustausch zwischen den Lesern nicht mehr möglich seien, da einige wenige rechtsradikale Verschwörungstheoretiker die Debatte mit “vielen und langen Beiträgen, die dazu auch noch unter jedem Artikel gepostet werden” bestimmten und Neulinge regelrecht wegmobbten.

In einer gemeinsamen Initative beschlossen im Spätsommer norwegische und schwedische Massenmedien, die Kommentarfunktionen stark einzuschränken. Um 98 Prozent der User müsse man sich gar keine Sorgen machen, zitierten die Zeitungen Erik Martin von Reddit bei einem Panel zum Thema Community-Management, “was man tun muss, ist sich um die Arschlöcher kümmern, damit die die normalen Leute nicht vertreiben.” Warum Kommentare anbieten, “wenn sie das Erlebnis, auf Deiner Webseite zu sein, zerstören? Und warum sich Sorgen darüber machen, wenn man diese Kommentare nicht länger erlaubt, wenn es ohnehin keinen ernsthaften Austausch dort gibt?”

Auch der norwegische Autor Eirik Newth hatte eine Zensur gefordert: “Die Netzmedien können den Sumpf, der ihre Kommentarfelder geworden sind, nicht mehr austrocknen”, sagte er in einer Debatte der Zeitung Klassekampen, “in einem Land, in dem die Hälfte der Einwohner bei Facebook aktiv sind und zehn Prozent eigene Blogs betreiben, kann man nicht ernsthaft behaupten, dass die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, wenn einige Kanäle geschlossen werden.”

Warum es als Allheilmittel gegen Rechtsradikale gelten könnte, nur die Symptome, also in diesem Fall die Kommentare von Usern, und nicht die Ursache, nämlich den Rassismus, der ungehindert weiter grassiert, zu bekämpfen, wird wohl auf ewig das Geheimnis der beteiligten Medien bleiben. Zumal sich erkennbar nicht viel geändert hat. Bei der Zeitung VG werden beispielsweise unter Artikeln in einem Extra-Stream nur noch die Statements von Facebook-Usern angezeigt, die die Nachrichten dort verlinkten. Dass dazu auch weiterhin wüste Theorien über von Staat, Industrie und den USA unterdrückten Wahrheiten gehören, kümmert anscheinend niemanden. Zumal die meisten dieser Kommentatoren Namen haben, die ganz dequtlich ausgedacht sind. Fürs VG-Forum muss man sich dagegen unter Angabe einer norwegischen Mobilfunknummer registrieren, an die ein Verifizierungscode zur Freischaltung des Accounts gesendet wird.

Egal, um welches Thema es geht: Es dauert nicht lange, bis diejenigen sich äußern, die man schon beim flüchtigen Lesen als Trolle ausmachen kann. Ob in Threads über den Zustand der norwegischen Straßen oder internationale Politik, spätestens auf Seite 2 findet sich jemand, der “linke Infiltrationssoldaten”, oder “schwarze Propaganda” am Werke sieht, allgemein beklagt, dass “die Berichterstattung über die wahren Ausmaße der Ausländerkriminalität unterdrückt wird” und Muslime dabei seien, gewaltsam das Land an sich zu reißen. Anders Breivik würde in diesem rassistischen Wust nicht weiter auffallen.

Alle Meldungen über Breivik.

6 thoughts on “„Breivik ist kein einsamer Verrückter“

  1. Dass dazu auch weiterhin wüste Theorien über von Staat, Industrie und den USA unterdrückten Wahrheiten gehören, kümmert anscheinend niemanden.

    Es dauert nicht lange, bis diejenigen sich äußern, die man schon beim flüchtigen Lesen als Trolle ausmachen kann.

    Welch eine Ironie. Viele werden dafür bezahlt, um genau solche Kommentare zu schreiben. Woran könnt ihr das erkennen? Deren Vorgehen hat System. Die Kommentare sehen immer gleich aus.

    unter Artikeln über den Klimawandel

    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es gibt noch einige andere Punkte, die immer wiederholt werden. Der Inhalt dieser Punkte lässt ahnen, wer davon profitiert.

  2. Breivik für unzurechnungsfähig erklärt
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,800607,00.html

    „“Er lebt in seinem eigenen wahnhaften Universum und seine Gedanken und Handlungen werden von diesem Universum beherrscht“, sagte Staatsanwalt Svein Holden über Breivik.
    ….
    Torgeir Husby, einer der Psychiater, die Breivik untersuchten, hatte schon vor Bekanntwerden des Ergebnisses gesagt, das Gutachten ziehe einen „eindeutigen Schluss“.

    …aus medinzinischer Sicht sicher „verrückt“, vertritt aber ein gesellschaftlich anerkanntes Weltbild…

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