Ideale in der radikalisierten Leistungsgesellschaft?

Vor knapp vier Jahren erschien Julia Friedrichs‘ Buch “Gestatten: Elite“. Damals kritisierte die Journalistin die Auswahlkriterien, die bei der Rekrutierung der bundesdeutschen Herrschaftselite gemeinhin üblich sind. Friedrichs‘ neues Buch heißt “Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt“. Bei ihrer Suche nach dem Idealismus sprach die Autorin mit einigen Prominenten, wobei Günter Grass und Gerhard Schröder die bekanntesten sein dürften. Doch auch nichtprominente Zeitgenossen hat Friedrichs ausgiebig zu ihrer Meinung befragt. Und nicht zuletzt sich selbst konfrontierte die Journalistin immer wieder sehr variantenreich mit der grundsätzlichen Frage: Wie viel Idealismus möchte ich mir selbst zumuten?

Von Stefan Kubon

Seit Jahren weisen Sozialforscher darauf hin, dass in Deutschland vor allem eine Jugend heranwächst, die den Traum von einer besseren Welt weitgehend begraben hat. Dieser “pragmatischen“ Generation gehe es fast nur darum, in egoistischer Manier das eigene Leben zu optimieren. Dieses Verhalten sei aber nicht sonderlich überraschend, denn der zunehmend härter werdende Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt biete immer weniger Freiräume für altruistische Lebensentwürfe. Julia Friedrichs, Jahrgang 1979, ordnet sich selbst dieser Generation zu. Allerdings will sie sich nicht länger damit zufrieden geben, ständig nur die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Auch weil sie unlängst Mutter geworden ist, sieht sie sich dazu veranlasst, dem Idealismus in ihrem Leben mehr Platz einzuräumen. Schließlich soll ihr Sohn keine Zukunft vor sich haben, in der die Umwelt zerstört ist und die Menschen allesamt zu Egomanen geworden sind.

Buchcover "Ideale"
Buchcover "Ideale"

Friedrichs schreibt eine Liste mit guten Vorsätzen. Darauf stehen beispielsweise folgende Dinge: “Ich werde versuchen, bei Unternehmen einzukaufen, die nach Tarif zahlen“, “Ich will Kindern in unserem Viertel, denen es nicht so gut geht, in der Schule helfen“, “Und ich will endlich mal wieder demonstrieren“.

Ihren Weltverbesserungsplan im Kopf begibt sich Friedrichs auf die Suche nach Menschen, von denen sie sich erkenntnisfördernde Auskünfte in Sachen Idealismus erhofft. Friedrichs bemüht sich unter anderem um Interviewtermine mit Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Alice Schwarzer. Warum diese Personen? Als ganz junge Frau glaubte die Autorin, dass diese Menschen Idealisten seien und ihr als Vorbild dienen könnten. Mittlerweile bescheinigt sie ihren ehemaligen Vorbildern, dass diese ihre Ideale verraten hätten. Während sich Fischer und Schwarzer einem Gespräch verschließen, erklärt sich Schröder zu einem Interview bereit.

Der kabarettistische Auftritt Schröders

Bei der Unterredung wird schnell klar, dass Schröders Antworten teilweise auch realsatirische Qualitäten besitzen. Allen Ernstes moniert er zum Beispiel Folgendes: Die berufliche Zukunft der Menschen werde immer unsicherer, wodurch insbesondere die heutige Jugend einem immer stärkeren Anpassungsdruck ausgesetzt sei. Zur Erinnerung: Diese gesteigerte Unsicherheit menschlicher Lebensverhältnisse ist doch nicht zuletzt das Ergebnis von Schröders Agenda 2010. Und zum Anpassungsdruck: Insbesondere sozial schwache Menschen werden ein Lied davon singen können, wie stark ihr Recht auf Selbstbestimmung durch die Hartz-Gesetze beschnitten wurde.

Angesichts der mitunter skurril anmutenden Aussagen des ehemaligen Bundeskanzlers ist es nicht überraschend, dass bei Friedrichs nach dem Interview ein schales Gefühl zurückbleibt. Doch Hoffnung naht in Gestalt anderer, nichtprominenter Gesprächspartner. Sehr positiv beeindruckt zeigt sich Friedrichs von einer Kindergärtnerin und einer Ärztin. Beide sind unverkennbar Idealistinnen, denn bei ihrer sinnvollen Arbeit beweisen sie eine überdurchschnittliche Einsatzfreude. Die Ärztin arbeitet in einer berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik, obwohl sie deutlich mehr Geld verdienen könnte, wenn sie sich als Schönheitschirurgin selbstständig machen würde. Da Friedrichs nicht nur der Kindergärtnerin, sondern auch der Ärztin bei der Arbeit über die Schulter geschaut hat, kann man im Detail nachlesen, was bei der Wundversorgung eines hochgradig verbrannten Unfallopfers geschieht. Sagen wir es mal so: Auch ohne diese schaurige Textpassage hätte ich an den Idealismus der Ärztin geglaubt.

Idealismus zwischen Müllcontainern und Eisenbahngleisen

Die nächste Station führt Friedrichs zu der “Vollzeitaktivistin“ Hanna Poddig. Sie ist Veganerin und ernährt sich vor allem von Lebensmitteln, die im Müll landen. Alles andere wäre in ihren Augen unverantwortliche Verschwendung. Friedrichs beobachtet Poddig auch bei einer ihrer Protestaktionen. Dabei kettet sich die 25-jährige Frau an ein Eisenbahngleis, um einen Transport der Bundeswehr zu verhindern. Das hat für Poddig juristische Folgen, es kommt zu mehreren Gerichtsverhandlungen. Bei einer ist Friedrichs vor Ort. Auch hier reflektiert die Journalistin auf selbstkritische Weise darüber, ob sie selbst bereit dazu wäre, Ideale so konsequent wie Poddig zu vertreten. Friedrichs räumt ein, dass ihr das letztlich zu strapaziös wäre. Zudem kann ihr die Aktivistin nicht als Vorbild dienen, weil sie in deren Geisteshaltung Spuren von Fanatismus und Selbstgerechtigkeit feststellt.

Einen Tiefpunkt in Sachen Idealismus erlebt Friedrichs bei ihrem Besuch einer berühmt-berüchtigten Steueroase, den Cayman-Inseln. Hier spricht sie mit Leuten, die ihren großen materiellen Reichtum in hohem Maß der steuerrechtlichen Sonderrolle dieser Inselgruppe zu verdanken haben. Immer wieder konfrontiert Friedrichs ihre Gesprächspartner mit der Frage, ob sie es denn gerechtfertigt finden würden, dass hier riesige Summen angehäuft werden, während mit diesem Geld an anderen Orten der Welt viel menschliches Leid gelindert werden könnte. Friedrichs bekommt dazu viele Statements zu hören, aber mit Unrechtsbewusstsein haben sie alle nichts zu tun.

Die Tragik des sozialdarwinistischen Leistungsbegriffs

Ein Hedgefonds-Manager gibt beispielsweise zum Besten, dass er sich als “Leistungsträger“ sehe und dass man sich als Mensch eben am “Verdrängungswettbewerb“ der Natur zu orientieren habe. Bei den Gesprächen wird aber auch deutlich, dass viele dieser Vollzeitmaterialisten mit ihrem Leben letztlich nicht wirklich zufrieden sind. Die Tragik, die hier offenbar wird, dürfte allerdings den Hungerleidern dieser Welt auch nicht weiterhelfen. Aus nachvollziehbaren Gründen kommt Friedrichs auf den Cayman-Inseln zu dem Schluss, dass Leistung kein Selbstzweck sein darf. Vielmehr müsse Leistung einem idealistischen Zweck dienen.

Eines ihrer letzten Gespräche führt Friedrichs mit Günter Grass. Die Unterhaltung verläuft in angenehmer Atmosphäre. Damit hatte die Autorin nicht unbedingt gerechnet, denn sie hatte aufgrund gewisser Medienberichte das Bild eines griesgrämigen Oberlehrers im Kopf, der seine Umgebung mit überzogenen Moralvorstellungen nervt. Grass berichtet von seiner Kindheit bei der Hitlerjugend und davon, dass er als Siebzehnjähriger noch kurz vor Kriegsende bei der Waffen-SS war. Der Literaturnobelpreisträger erzählt freimütig davon, dass er als Jugendlicher tatsächlich an die Nazi-Ideologie geglaubt habe. Aufgrund seiner Lebenserfahrung gibt er der heutigen Jugend Folgendes zu bedenken: “Demokratie ist kein fester Besitz. Demokratie ist etwas, was dauernd bröckelt, was dauernd wiederhergestellt werden muss.“ Doch Grass hat auch Antworten parat, die sich auf die unsichere Lage des Menschen in der radikalisierten Leistungsgesellschaft beziehen: “Wir werden als Gesellschaft nicht überleben können, wenn wir nicht wieder zu einem solidarischen Verhalten zurückfinden. Wenn wir diese Ellbogenmentalität nicht überwinden, ist der Kapitalismus durchaus in der Lage, sich selbst und uns mit zu zerstören.“

Grass und seine Vorstellung einer “pragmatischen Utopie“

Auf Friedrichs‘ Frage, auf welche Weise man seine Ideale denn verfolgen solle, antwortet Grass mit dem Entwurf einer “pragmatischen Utopie“. Diese Form der Utopie will Grass im Detail wie folgt verstanden wissen: “Man braucht Träume, aber wenn Sie sie umsetzen wollen, müssen sie pragmatisch handeln. Sonst sind sie irgendwann der abgewandte Idealist, der nie mit der ekelhaften Wirklichkeit zu tun haben will, oder der enttäuschte, der steil anfängt und der, weil sich seine Erwartungen nicht erfüllen, im Zynismus landet.“ Dank der Kompromissformel “pragmatische Utopie“ fühlt sich Friedrichs mit sich selbst und der Welt einigermaßen versöhnt. Dies mag auch daran liegen, dass es ihr während der Arbeit an ihrem Buch zumindest teilweise gelungen ist, ihren eigenen Weltverbesserungsplan in die Tat umzusetzen. So hat sie mittlerweile Geld an Amnestie International gespendet, an Demonstrationen gegen die Atomenergie teilgenommen und kauft vornehmlich in Geschäften ein, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlen.

Mit “Ideale“ hat Friedrichs ein außerordentlich lesenswertes Buch vorgelegt. Das schwierige Thema wird mit der notwendigen Nachdenklichkeit behandelt. Nicht zuletzt dank ihrer selbstkritischen Art fördert die Journalistin Erkenntnisse zu Tage, die sehr überzeugend wirken. Da Friedrichs über einen sehr lesefreundlichen Schreibstil verfügt, ist die Lektüre zudem ein kurzweiliges Vergnügen. Zum Schluss kann man der Autorin nur wünschen, dass ihr pragmatischer Kampf für eine bessere Welt viele Nachahmer finden wird und dass die nihilistischen Leistungsfetischisten dieser Welt in ihre Schranken gewiesen werden. Und selbst wenn Friedrichs‘ Traum von einer besseren Welt nicht Wirklichkeit werden sollte, Idealismus hätte sie allemal bewiesen.

Julia Friedrichs: Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011, 272 Seiten, 19,99 Euro.

One thought on “Ideale in der radikalisierten Leistungsgesellschaft?

  1. Danke für die tolle Rezension. Hat mir sehr gefallen. Falls jemand sich noch mehr für das Buch interssiert, es gibt ein Video zu einer Diskussion mit Julia Friedrichs über ihr Buch (ca. 5 Min. Länge) und ein TV- Bericht u.a. mit dem Schriftsteller Ingo Schulze über dieses Buch und das Thema drumherum (ca. 6 Min. Länge). Link: http://www.kehraus.blogspot.com
    Viele Grüsse,
    Daniel

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