Überbieten und Strafen

In Deutschland fordern Polit-Hooligans immer mehr und immer härtere Sanktionen. Doch Fußball ist kein rechtsfreier Raum. Und das permanente Überbieten keine Lösung.

Von Nicole Selmer

Hooligans
Wenn man sich die deutsche Debatte so anschaut, fühlt man sich zum Teil an diese Hooligan-„Warnung“ aus Liverpool erinnert (Foto: Alastair Thompson, CC BY-NC-ND 2.0)

„Ist ein Stadionbesuch in Deutschland gefährlich?“ – Diese Frage stellt das ZDF in einer Onlineumfrage. Ein Drittel der rund 5.000 User beantwortete sie bisher mit Ja. Noch schlimmer ist jedoch, dass es überhaupt legitim erscheint, so eine Frage zu stellen. In der Diskussion um Gewalt im deutschen Fußball wurde sofort zu den schweren Waffen gegriffen. Die hysterische Berichterstattung unmittelbar nach den Ausschreitungen bei den Pokalspielen in Dortmund und Frankfurt Ende Oktober hat ein Feuer entfacht, das auch die differenzierteren Artikel der folgenden Wochen nicht mehr löschen konnten. In der Folge belegte der DFB Eintracht Frankfurt und Dynamo Dresden mit „Rekordstrafen“, als gelte es, hier einen Wettbewerb zu gewinnen. Dynamo Dresden verkündete in vorauseilendem Gehorsam für das Spiel beim FC St. Pauli ein Auswärtsfahrtverbot für die eigenen Fans und beendete die Unterstützung der Pyrotechnikkampagne, aber auch diese Demutsgeste wird den Ausschluss von künftigen Pokalspielen womöglich nicht verhindern.

Vereine, Verbände, Politik und Polizei wetteifern um die härteste Strafe, die größtmögliche Einschränkung von Rechten. Pyrotechnik, egal ob Böller oder Bengalo, ob in die Luft gehalten oder geworfen, wird als Gewalt gebrandmarkt. Im Raum stehen Forderungen wie lebenslange Stadionverbote, die Abschaffung von Stehplätzen sowie ein generelles Alkoholverbot im Stadion und im öffentlichen Nahverkehr. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen für eine Eindämmung von Gewalt ist höchst fragwürdig. Der Forderung nach Registrierung für „Hooligans“ bei Arbeitgeber oder Schule, wie vom hessischen Innenminister Boris Rhein vorgetragen, muss zudem mit der schlichten Feststellung begegnet werden, dass Fußball kein rechtsfreier Raum ist – auch nicht für Politiker.

Die „Randalemeister“ folgen derselben Logik

Beschlüsse soll ein vom Bundesministerium des Innern einberufener Runder Tisch Mitte November fassen, an diesem sitzen Vertreter aus Politik, Polizei, Fußballverbänden und der Koordinationsstelle Fanprojekte. Dass in Zukunft nicht nur über Fans, sondern weiterhin mit ihnen geredet werden müsse, sagt Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern und sicher kein ausgewiesener Sozialpädagoge auf Kuschelkurs. Im Rückblick auf den Konflikt mit den Ultras der „Schickeria“ um Torwart Manuel Neuer sagt Rummenigge: „Kommunikation ist besser, als drakonische Strafen auszusprechen. Diese Erfahrung haben wir gemacht.“

Ob solche Erwägungen in den nächsten Wochen Gehör finden, ist fraglich. Jene Fangruppen, die sich mit der Aufbietung eines immer schlagkräftigeren Mobs und immer größerer Krawalle in eine zerstörerische Dynamik begeben, haben nämlich begeisterte Nachahmer gefunden. In der Suche nach einer möglichst großen Bühne für populistische Forderungen sind Politiker wie „Krawall-Hesse“ Rhein um keinen Deut besser als die Dresdner Fans, die die Liveübertragung des Pokalspiels als Anlass nahmen, um sich als wild und gefährlich zu inszenieren. Wer auf Erklärungen und Hintergründe verzichtet, wer immer mehr und immer härtere Strafen fordert, verschreibt sich der Logik der permanenten Überbietung, der auch die Randalemeister unter den Ultras gehorchen. Aus dieser Logik müssen sich die Ultras lösen, aber ebenso Verbandsfunktionäre und Politiker, die nun fleißig an der Sanktionsspirale drehen. Ist diese einmal in Gang gesetzt, wird sie sich nur in eine Richtung drehen: abwärts.

Dieser Text erschien bereits im Fußballmagazin ballesterer (www.ballesterer.at), das ab 16. November im österreichischen Zeitschriftenhandel und Bahnhofsbuchhandel in Deutschland und der Schweiz erhältlich ist.

One thought on “Überbieten und Strafen

Comments are closed.