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Alles Döner oder was?

14. November 2011 17:39 8.379 mal gelesen 22 Kommentare

Nach dem totalen polizeilichen Versagen im Hinblick auf die Mord-, Anschlags- und Banküberfallserie der rechtsradikalen Terroristen ist als erstes eines nötig: Dass endlich Schluss ist mit dem Gerede von “Dönermorden” und Sonderkommissionen mit Namen wie “Bosporus” oder “Aladin”. Der diesen Begriffen zugrunde liegende gesellschaftliche Rassismus ist nämlich mit verantwortlich dafür, dass die Angehörigen der Opfer gedemütigt wurden und die Taten der Nazi-Mörder so lange unaufgeklärt blieben.

Von Ramona Ambs

Kartoffeln
Taugen offenbar nicht als Mordserien-Namensgeber: Kartoffeln (Foto: JaBB, CC BY-NC-ND 2.0)

Kartoffelmorde passieren dauernd in Deutschland. Also Verbrechen mit Todesfolge an deutschen Staatsbürgern von deutschen Staatsbürgern. Sogar in Serie. Die Täter nennt man dann Serienmörder. Und die Getöteten nennt man Opfer oder Ermordete. Zumindest wenn es sich um deutschdeutscheste Deutsche handelt. Beiderseitig. Das sind dann ganz gewöhnliche Kartoffelmorde. Nennt aber keiner so. Sind ja die eigenene Leute, nicht wahr?

Wenn die Morde aber aus rassistischen Beweggründen geschehen und die Opfer teilweise türkischstämmig sind, dann spricht man hierzulande von “DÖNERMORDEN”. Das bietet sich an, weil Türke und Döner ja quasi Synonyme sind. Zumindest für deutsche Journalisten. Dass die Opfer Kioskbesitzer, Schneider, Blumenhändler, Schlüsseldienstinhaber, Internetcafebetreiber oder gar Griechen waren, dass sie Namen hatten und Gesichter, spielt dabei keine Rolle. Alles Döner. Ist doch klar.

Deshalb heißen die Mörder auch nicht Mörder, sondern Döner-Killer. Das klingt so schön niedlich – und lässt ja auch noch ausreichend viel Spielraum für die eigene Phantasie. Zumindest ließ es das, solange noch nicht klar war, wer die “Döner-Mörder” waren. Da konnte man dann ja auch eine rassistische Motivation noch gut ausblenden. Zumindest wenn man dämlich, naiv oder verschlagen genug war. Die Bild-Zeitung sprach seinerzeit ja noch von der „Halbmond-Mafia“ und entblödete sich nicht, den Ermordeten noch allerlei potentielle Delikte unterzuschieben.

In einem Artikel von 2006 hatte BILD vier Theorien parat, weshalb die Opfer sterben mussten. Dafür hatte man willkürlich Aussagen von Ermittlern und Kriminologen zusammen gebastelt. In der ersten Theorie (Drogenmafia) konnte BILD sogar den Leiter der Soko Bosporus Wofgang Geier zitieren: „Mehrere Opfer hatten zu denselben Menschen Kontakt. Nicht ausgeschlossen, daß sie in der Drogenszene aktiv waren. Die Opfer sind kleine Lichter am Ende einer Kette. Wo sie Fehler gemacht haben, wissen wir noch nicht.“

Aha. Einige hatten Kontakt und man kann so manches nicht ausschließen und irgendeinen Fehler werden sie ja gemacht haben… spannend! Und für den Fall, dass doch nicht alle „Döner“ kleine verkappte Drogendealer waren, hatte BILD noch Theorie zwei (Organisierte Kriminalität), Theorie drei (Schutzgeld) oder aber Theorie vier (Geldwäsche) parat… irgendwas mussten die Döners doch angestellt haben! Auch der allseits geschätzte und immer breit zitierte Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer war sich seiner Sache laut BILD sicher: „Schutzgeld als Motiv liegt auf der Hand. Es kann sein, daß die Getöteten gar nicht zu den Erpreßten gehörten. Die Organisation hat sie vielleicht zur Abschreckung benutzt. Ihre Opfer wählt sie völlig willkürlich aus. Deshalb kann die Polizei auch keine Verbindung finden – es gibt keine.“

Nunja. Mittlerweile dürfte sich das ja geklärt haben. Die „Döner“ wurden also nicht umgebracht, weil sie vielleicht und unter Umständen mal Haschisch geraucht haben, sondern weil sie eben „Döner“ waren. Ist ja auch irgendwie ein Grund, oder? Sonst würde man doch nicht von Döner-Morden sprechen. Man würde doch Menschen als Menschen bezeichnen und Mörder als Mörder. Man könnte sogar ganz einfach von einer rassistischen Mordserie sprechen. Oder von rechtsextremen Terroristen. Zumindest wenn die Opfer Menschen wären und nicht Döner…oder?

Parallel erschienen bei Hagalil.com, dem größten jüdischen Internet-Portal in deutscher Sprache.

22 Kommentare »

  • sabine said:

    Ja das stimmt auch wieder,durch den Blödsinn hatte ich es auch immer “Döner-Mord” genannt,weil das auch in den Nachrichten und der Presse so genannt wurde,bei mir ist jetzt Schluss mit “Döner-Mord” Dann Mord-Serie an Kleinunternehmern es war natürlich von mir nicht die Absicht die Opfer der Nazi-Bande herabzuwürdigen.Diese Bezeichnung kam ständig durch die Nachrichten immer so rüber auch die Presse müsste das Missverständnis revidieren.
    Das ist natürlich voll daneben.

  • Publikative.org » Blog Archive » Rechter Terror: Das Gegenteil von wahllos said:

    [...] auch: Alles Döner oder was?, Und hier terrorisiert der “Nationale Widerstand”, Bologna, München, Utöya: Die blutige Spur [...]

  • Publikative.org » Blog Archive » Dokumentation: Das Bekenner-Video des NSU said:

    [...] auch: Der Paul Panther von Zwickau, Alles Döner oder was?, Und hier terrorisiert der “Nationale Widerstand”, Bologna, München, Utöya: Die blutige Spur [...]

  • Anonymous said:

    Die Mordkommssion im Nachhinein umzunennen ist nicht zulässig. Verstößt es doch gegen das rechtstaatliche Gebot der Aktenklarheit und Aktenwahrheit. Ermittlungsakten dürfen im Nachhinein niemals ge- oder verändert werden. Auch wenn die Betitelung einer Kommission nicht dem Sachverhalt gerecht wird.

  • Publikative.org said:

    @Anonymous: Es geht ja auch nicht darum, sie im Nachhinein umzubenennen. Es geht darum, dass aus solchen Namensgebungen leider häufig schon deutlich wird, in welche Richtung die Ermittlungen laufen und in welche nicht. Stattdessen sollte man in Zukunft vielleicht gerade bei scheinbar unerklärlichen Morden an Migranten als erstes auch an einen rechtsradikalen bzw. rassistischen Hintergrund denken. Und nicht die eigenen Vorurteile (“das wird wohl irgend so ein Türkending sein”) zum Ausgangspunkt seiner Ermittlungen machen. Siehe auch:
    Rechter Terror in Deutschland Nehmt die braune Gefahr endlich ernst!

  • Captain_Cackwurst said:

    Wunderbar, vorallem die Bildunterschrift.

  • „Alles Döner oder was?“ « RASH Leipzig said:

    [...] ganz gewöhnliche Kartoffelmorde. Nennt aber keiner so. Sind ja die eigenene Leute, nicht wahr? Weiterlesen [...]

  • Karl Hungus said:

    Irgendwann wird eh der Döner den Menschen ersetzen.

    Nee, im Ernst, volle Zustimmung: Solche, letztlich rassistische, Begriffe dienen der Verniedlichung und Verharmlosung und betreffen fast immer die gleichen Bevölkerungsgruppen, vorzugsweise Migranten und sozial Schwache.
    Wenn dann gut situierte Deutsche betroffen sind, etwa wenn Autos in Berlin abgefackelt werden (was ich natürlich nicht gutheiße), dann wird
    direkt mal der Terror-Hammer ausgepackt (“Feuer-Terror”, “Kiezterroristen”).

  • Streiben said:

    Ich sollte mich schämen (und das mach ich auch), da ich anfangs gar nicht so darüber nachdachte. “Dönermord” ist definitiv rassistisch, wenn es so direkt in den Medien gesendet wird. “Sauerkraut-Mord, Spaghetti-Mord” das klingt nicht so harmlos, aber “Dönermord” ist auch nichts anderes. Den Angehörigen jedenfalls mein herzlichstes Beileid. Dieser ganze Nationalsozialismus sollte endlich stärker und konsequenter geahndet werden. Merkel hat alle Mittel und Wege, die Politiker kümmern sich auch einen Dreck darum, scheint mir. Wie soll die Wirtschaftslage sich jemals entspannen wenn Investoren aus anderen Ländern hierzulande keinen Fuß reinsetzen wollen, weil dieser Fremdenhass so stark verbreitet ist? Menschen sind Menschen, egal woher sie kommen.

  • tee said:

    die kritik in allen ehren. allerdings sollte dann nicht unhinterfragt die “terrorismus”-karte der medien mitgespielt werden.

  • grete said:

    @streiben:

    “Dieser ganze Nationalsozialismus sollte endlich stärker und konsequenter geahndet werden. Merkel hat alle Mittel und Wege, die Politiker kümmern sich auch einen Dreck darum, scheint mir. Wie soll die Wirtschaftslage sich jemals entspannen wenn Investoren aus anderen Ländern hierzulande keinen Fuß reinsetzen wollen, weil dieser Fremdenhass so stark verbreitet ist?”

    dein und merkels nationalismus ist doch eine der elememtaren ursachen für fremdenhass. warum sind die menschen wohl “fremd”?! und die politiker machen sich wie du nur sorgen um den ruf ihrer nation. keine nachrichtensendung gerade ohne solch ein politikerstatement. dabei haben sie sich den erfolg dieser nation in der internationalen konkurrenz und den dazugehörenden nationalismus ganz oben auf die fahnen geschrieben. es gibt die klar trennende identifikation WIR – deutsche und DIE – ausländer, so sieht’s doch aus. wollen WIR die wirtschaftslage in UNSEREM land entspannen*, müssen aber DIE (nein, nicht die investoren) draussen bleiben. oder halt sterben, schliesslich ist jeder ausländische gemüseladen mehr ein deutscher bäcker weniger. glaube mir, die politiker kümmern sich schon genug drum, leider. schliesslich sind sie nicht dem wohl der hier lebenden menschen verpflichtet, sondern ihrer nation und (angeblich sogar) dem DEUTSCHEN volke. politiker schaffen eben eine drittstaatenregelung, flüchtlingsrückhalteabkommen wie mit gaddafi und bspw. frontex, so dass es ausländer gar nicht mehr nach deutschland schaffen. wenn doch, schieben sie auch gern mal ab, oft egal was die flüchtlinge in ihrem “heimatland” erwartet. die rechtsextremen mörder haben sich offensichtlich denselben zweck (“arbeit zuerst für deutsche”!) gesetzt, wählten nur weitaus drastischere mittel. (und gehen neben staatsbürgerschaft auch schonmal nur nach abstammung)
    hinzu kommen noch verstrickungen, mitwissen und finanzierungen vom verfassungsschutz. naja, ist ja schließlich auch der deutschen nation verpflichtet. da wird nur mal wieder offensichtlich, daß immer noch nicht auseinandergewachsen war, was zusammengehört.

    *wobei es der deutschen wirtschaft wahrlich blendend geht. ich frage mich echt, welche ausländischen investoren du meinen könntest. (zumal die nach nationalistischer logik das kapital ja nicht nach deutschland schaffen, sondern der mehrwert (und bspw. steuern) in’s ausland)

  • Publikative.org » Blog Archive » “Denn neun sind nicht genug …” said:

    [...] auch: Dokumentation: Das Bekenner-Video des NSU, Rechter Terror: Das Gegenteil von wahllos, Alles Döner oder was?, Der Paul Panther von Zwickau, V-Männer in der NPD: Die unverbietbare Partei, Und hier [...]

  • Deutsche Abgründe. « Reflexion said:

    [...] sekundierte der Spiegel in einem weiteren Artikel. Auch die Bild-Zeitung machte die Taten zum Thema. Sie präsentierte als Täter die „Drogenmafia“ oder die „organisierte [...]

  • Gedanken zum Begriff “Döner-Mord” | Sonja Fercher said:

    [...] tatsächlich MigrantInnen mit einem Stück Fleisch gleichgesetzt werden. Dazu kommt, wie http://www.publikative.org richtig feststellt, dass damit das Vorurteil Türke = Döner bedient wird. Obendrein werden [...]

  • Karl said:

    Ich frage mich gerade, wer hier von wem abschreibt? Siehe http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=48072

    Geänderter Text, z.T. gleiche Satzteile etc.

    Bitte einmal nachprüfen!

  • Karl said:

    Ich frage mich gerade, wer hier von wem abschreibt? Siehe

    Geänderter Text, z.T. gleiche Satzteile etc.
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,798209,00.html

    Bitte einmal nachprüfen!

  • Deutsche Abgründe « critique aujourd‘hui said:

    [...] sekundierte der Spiegel in einem weiteren Artikel. Auch die Bild-Zeitung machte die Taten zum Thema. Sie präsentierte als Täter die „Drogenmafia“ oder die „organisierte [...]

  • Zehn mehr… « Kombinat Fortschritt said:

    [...] Im übrigen waren nur zwei der neun Opfer in einem Dönergeschäft tätig. GA_googleFillSlot("468x60_default"); Kombinat Fortschritt am 18.11. 2011 | Tags: [...]

  • Verpasst | mensch lebt nur einmal said:

    [...] zu: Dönermorde sind jetzt schon das Unwort des Jahres. Ein lesenswerter Beitrag dazu auch hier: Publikative.org Aber trotz allem geht das reale Leben weiter und ich werd mich jetzt mal ganz banal in die Küche [...]

  • Anonymous said:

    @ tee:
    Die Terrorismus-Geschichte ist problematisch. Von Teilen der politischen Rechten wurde nach den Morden in Utöya und Oslo versucht, der Tat ihren politischen Aspekt zu nehmen, damit die armen “Islamkritiker” nicht mit dem fiesen Mörder in einen Topf geworfen werden. Deswegen wurde in diesem Zusammenhang zu Unrecht das Wort Terrorismus gemieden.

    Die Entdeckung der NSU ist für die politische Rechte ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist der Alltagsrassismus, den man sich angwöhnt hat, nun nicht mehr opportun, was für die bestimmt ärgerlich ist. Andererseits kann man das ganze -durchaus begründbar- als Terrorismus bezeichnen und mal wieder nach Vorratsdatenspeicherung und den ganzen anderen rechtspolitisch unsinnigen Vorschlägen rufen.

  • Rassistische Mordserie, der Verfassungsschutz und der „Imageschaden Deutschlands“ « PLAN-B Antifaschistische Aktion Segeberg said:

    [...] Gesellschaftlicher Rassismus anhand der Morde GA_googleFillSlot("468x60_after_first_blog_entry"); [...]