Über Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigen

Immer, wenn man denkt, noch dümmer, sachfremder und unzweckmäßiger könnte die aktuelle Debatte um Fußballgewalt nicht mehr geführt werden, kommt jemand und findet eine Falltür im Niveaukeller. Diesmal ist es der „Focus“, der die Dortmunder Ultras per Überschrift und Dachzeile als „Zeichen gegen Gewalt“ „nach Auschwitz schickt“.

Von Andrej Reisin

Bengalos beim Spiel Dortmund - Dresden (Foto: Ultras Dynamo)
Bengalos beim Spiel Dortmund - Dresden (Foto: Ultras Dynamo)

Ja, Sie haben richtig gelesen: Auschwitz, das neue Ultra-Umerziehungsprogramm. Denn, so Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke laut Focus in einem „Sport Bild“-Interview: „Einige unserer Ultras, die oft kritischer gesehen werden, als sie sind, waren zuletzt auf Einladung des Vereins in Auschwitz. Dort haben alle vor Augen geführt bekommen, wo Gewaltexzesse hinführen.“

Sollte Watzke diese Unsinn tatsächlich gesagt haben, so sei ihm Folgendes mit auf den Weg gegeben: Auschwitz war kein „Gewaltexzess“, der mit Schlägereien und Pyrotechnik anfing und mit Massenmord endete. Sondern es war der Endpunkt einer planmäßigen Deklassierung, Dehumanisierung, Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden durch den deutschen Staat und seine Organe! Wer die in Wirklichkeit namenlose, weil unaussprechliche „Gewalt“ an diesem Ort mit der Gewalt einiger Fußball-Hools vergleicht, hat mit Verlaub nicht alle historischen Tassen im Schrank. Sollte dieses Zitat stimmen, sei Herrn Watzke dringend angeraten, es seinen Ultras gleichzutun und an den Ort des Schreckens zu fahren. Und anschließend möge er bitte im Zusammenhang mit Fußballgewalt für immer von Auschwitz schweigen.

Und zur ganzen Widerwärtigkeit des Focus-Gekritzels Folgendes: Wer Menschen per Überschrift „nach Auschwitz schickt“, hat nichts, aber auch gar nichts verstanden. Und Borussia Dortmund hat natürlich auch nicht seine „Ultras nach Auschwitz geschickt“, sondern Fanbetreuung und Fanprojekt organisieren seit vielen Jahren gemeinsam mit den Fans Bildungsreisen nach Auschwitz. Jede/r, der oder die daran teilgenommen hat, hat hoffentlich mehr Wissen und Empathie von diesem Ort mitgenommen als in den Redaktionsstuben des Focus vorhanden zu sein scheint. Was es dort zu „lernen“ gibt und warum man von Dingen, über die man nicht reden kann, lieber schweigen sollte, können selbst ein Focus-Redakteur und Joachim Watzke bei Primo Levi nachlesen:

EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945
EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945 (Foto: Stanislaw Mucha, Deutsches Bundesarchiv, Commons:Bundesarchiv).

„Wir sagen „Hunger“, wir sagen „Erschöpfung“, „Angst“, „Schmerz“, wir sagen „Winter“, und all das ist etwas ganz anderes. Es sind freie Begriffe, erfunden und angewandt von freien Menschen, die Annehmlichkeiten oder auch Leid in ihren eigenen vier Wänden erfahren. Wenn es die Lager noch länger gegeben hätte, wäre eine neue, harte Sprache entstanden. Und allein diese Sprache wäre in der Lage gewesen, auszudrücken, was es bedeutet, den ganzen Tag dem Wind ausgeliefert zu sein: bei eisigen Temperaturen, mit nichts am Leib als einem Hemd, Unterzeug, einer Hose und einer dünnen Stoffjacke; der ganze Körper erfüllt von Schwäche, Hunger und der Gewißheit, daß das Ende kurz bevorsteht. […] Mensch ist, wer tötet, Mensch ist, wer Unrecht zufügt oder erleidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt. Und wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als der roheste Pygmäe und der grausamste Sadist.“
(Primo Levi: Ist das ein Mensch?)

Wer versucht hat, diese Worte auch nur halbwegs zu begreifen, der oder die ahnt vielleicht wenigstens: Egal, wie lange und wie oft wir noch über Fangewalt beim Fußball reden werden müssen: Auschwitz taugt weder in diesem noch in anderem Zusammenhang als moralische Besserungsanstalt. Wer es dennoch dafür benutzen will, der verharmlost das Menschheitsverbrechen, für das Auschwitz steht – nicht mehr und nicht weniger. Es reicht, liebe Leute, es reicht wirklich.  Es reicht schon lange und es reicht endgültig.

Siehe auch: Distanzlos gegen Fangewalt, Etwas Besseres als diesen Journalismus, Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?, 62 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz: Das präzedenzlose Verbrechen

Und: Leben birgt Lebensgefahr (bei altravita.com)

16 thoughts on “Über Fußballgewalt reden heißt von Auschwitz schweigen

  1. Die Nazis waren zu Beginn eine fackelschwingende Prügeltruppe. Ganz so falsch liegt der Watzke demnach gar nicht.

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