Deutscher Herbst: Hauptsache Hooligans und RAF!

Erneut ist in Berlin ein Brandanschlag auf ein Jugendzentrum verübt worden. In Neuss hat ein Neonazi offenbar einen Vietnamesen zu Tode geprügelt. Und ein rechtsextremes Trio erschoss mutmaßlich eine Polizistin. Nach den hysterischen Debatten über einen neuen Linksterrorismus sucht man aktuell aber vergeblich nach den innenpolitischen Hardlinern, die vor einer Braunen Armee Fraktion warnen. Neonazi-Gewalt ist einfach nicht sexy für den politischen und medialen Diskurs.

Von Patrick Gensing

Ein weiterer Brandanschlag auf ein Jugendzentrum in Berlin. Ein Nazi-Leak, das zeigt, wie militante Neonazis in Sachsen im Windschatten der NPD ihre Aktionen ungestört planen, während die Sächsischen Behörden bei Pfarrern, die gegen Nazis demonstrieren, Razzien durchführen. Ein mutmaßlicher Skandal um Polizistenmörder, die offenbar bereits zehn Jahre zuvor als Neonazis mit Sprengstoff aufgefallen waren – aber nie dingfest gemacht wurden, obwohl sie über Jahre in Zwickau lebten. Dazu regelmäßig Meldungen über Razzien bei Neonazis, bei denen Waffen ausgehoben werden. Rechtsextreme Hetze, Drohungen und offene Gewaltaufrufe im Netz. Ein Attentäter in Norwegen, der ein Massaker an Jugendlichen plant und eiskalt durchführt, weil diese jungen Menschen Sozialdemokraten waren. Und worüber diskutiert die Politik und Journaille im deutschen Herbst 2011? Über angeblich ausufernde Fußballrandale – und die Gefahr eines neuen Linksterrorismus.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?
Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?

Stattliche 302.000 Ergebnisse bei der Google-Web-Suche und 57 bei Google News erzielt der Linksterrorismus. Trotz des Mordfalls an einer Polizistin in Heilbronn bringt es der Rechtsterrorismus hingegen auf ganze 17 Ergebnisse bei Google-News – und 44.300 bei der Web-Suche. Der islamistische Terrorismus schlägt aber alles: 1,8 Mio. Treffer im Web – und nicht weniger als 622 Ergebnisse bei Google News. Immerhin: Der islamistische Terror ist ein internationales Phänomen, rechtsextreme Gewalt allerdings auch.

Panzerwagen vor dem Reichstag

Wäre der jüngste Brandanschlag in Berlin von Islamisten auf eine christliche Kita verübt worden, die Panzerwagen würden bereits vor dem Reichstag patrouillieren, neue Sicherheitsgesetzte wären „alternativlos“. Doch es waren wohl einmal mehr Neonazis, die ein Jugendzentrum der Falken in Brand setzten. Es war auch ein Neonazi, der in Neuss, offenbar aus rassistischen Motiven, einen Vietnamesen zu Tode prügelte. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, dies ist bereits oft aufgeschrieben und beklagt worden – interessieren tut es aber kaum jemanden. Alles bedauerliche Einzelfälle.

Nochmal Berlin: Kurz vor dem Papstbesuch Anfang September vermeldet die bundesdeutsche Presse, zumeist als Aufmacher, die Polizei habe einen Terroranschlag vereitelt. Später stellte sich heraus: Die zwei Verdächtigen, die nach sieben Wochen in Untersuchungshaft mangels dringenden Tatverdacht wieder freigelassen wurden, hatten angeblich (!) versucht, sich größere Menge Kühlpads und Chemikalien zu besorgen. Diese Meldung taugte nur zur Randnotiz.

Bald wieder an allen Postämtern zu sehen? RAF-Fahndungsplakat
Bald wieder an allen Postämtern zu sehen? RAF-Fahndungsplakat

Die Brandanschläge auf Bahnanlagen in Berlin und Brandenburg sorgten derweil bundesweit für Debatten über eine neue RAF. Der Verfassungsschutz betonte, ein neuer Linksterrorismus sei nicht zu erkennen, die Bahn betonte, es habe keine Gefahr für Passagiere bestanden. Anschläge auf die Infrastruktur sind definitiv eher terroristisch als abgefackelte Autos (diese wurden ebenfalls bereits zur Vorstufe des Terrors hochgejazzt). Eine neue RAF ist eine unbekannte und komplett isolierte Gruppe von Wirrköpfen trotzdem nicht.

Blutige Spur der Waffennarren

Auch eine Braune-Armee-Fraktion gibt es nicht. Es sind Ansätze zu erkennen, Neonazis versorgen sich mit Waffen, Neonazis diskutieren in Foren über Anschläge und den Endkampf, um ein völkisches Reich zu erschaffen. Neonazis haben in den vergangenen Jahrzehnten bereits Dutzende tödliche Anschläge verübt. Inwieweit heute klandestine Strukturen bestehen, die größere Anschläge organisieren und durchführen können, darüber kann nur spekuliert werden, das Nazi-Leak aus Sachsen gibt aber eine Idee davon, was möglich ist. Und Breivik war ein Einzeltäter.

Aber warum sorgen Brandflaschen von linksradikalen Spinnern oder mutmaßliche Islamisten-Bomber für bundesweites Aufsehen – und Neonazi-Brandanschläge nicht? Die Antwort ist alt und einfach: Die Neonazi-Gewalt richtet sich fast immer gegen die Schwachen der Gesellschaft, die keine Lobby haben: Obdachlose, Punks, Flüchtlinge, Linksradikale. Was hat der geneigte Redakteur und Leser schon mit solchen Leuten am Hut? Bei Polizistenmorden sieht das schon anders aus – und bei Verspätungen auf Bahnstrecken nach Berlin hört der Spaß endgültig auf.

Lesetipp: Kalter Krieg und Extremis-Mus in Deutschland

Einen kleinen Breivik hatte Deutschland übrigens schon, einen Russlanddeutschen, der auch bei NPD-Demos mitmarschierte. Ende 2008 beleidigte Alex W. auf einem Spielplatz in Dresden zunächst die 31-jährige Marwa E. als „Terroristin“, „Schlampe“ und „Islamistin“. Marwa E. zeigte ihn an, der Russlanddeutsche wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Bei der Berufungsverhandlung erstach der Rechtsextremist die schwangere Frau im Gerichtssaal, der Ehemann wollte Marwa noch helfen, doch ein Polizist hielt den Ägypter für den Täter – und schoss ihm ins Bein. Eine tragische Geschichte, die viel erzählt über die Wahrnehmung von Bedrohung in Deutschland.

Siehe auch: BKA-Beamte logierten in bekanntem Neonazi-TreffLimbach-Oberfrohna: Keine Kritik an Nazis, Etwas Besseres als diesen Journalismus, Angst vor “Überfremdung” – ohne “Fremde”, 20 Jahre nach Hoyerswerda: “Das Denken ist noch da!”, NPD-Kader droht im Netz mit Attentat auf 09/11-Mahnmal, Berlin: Neonazis attackieren Bildungszentrum, Vereint gegen Israel? Die DDR und der Linksterrorismus

 

11 thoughts on “Deutscher Herbst: Hauptsache Hooligans und RAF!

Comments are closed.