9. November: Hammer, Sichel und ganz viele Nägel

Pünktlich zum 9. November hat man beim Deutschlandfunk eine prima Idee gehabt: Einfach mal Israel und die DDR vergleichen. Was klingt wie ein Scherz vom Klaus bei Extra3, ist dann aber doch ein 45-minütiges Radio-Feature geworden. Aber wie heißt es so schön? Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich… 

Von Ramona Ambs

Wenn man genau hinschaut, kann man Hammer und Zirkel fast erahnen: Die israelische Flagge.

Ich hab mal wieder eine Idee! So eine ganz brilliante…! Eine Idee für ein spektakuläres Radio-Feature! Ich plane ein radioeskes Vergleichsprojekt! Und zwar will ich Ballett und Militär vergleichen. Das ist super, oder? Und ich hab schon ganz viel Vorarbeit zum Thema Ballett und Militär geleistet: Bei Beiden geht es um körperliche Ertüchtigung und vorgeschriebene Bewegungsabläufe, bei Beiden gibt es ein eigenes Vokabular, das von A wie Arabesque über D wie Drill bis zu Z wie Zündkopf reicht … und (!): Beide werden in der je eigenen Kostümierung präsentiert. Ja, im Grunde unterscheiden sich Ballett und Militär kaum… Ich hab auch ein Vorbild, wie man sowas gut aufbauen kann. Also so einen Vergleich. Gestern gehört im Deutschlandfunk. Dort wurde die DDR und Israel verglichen. In der Sendeankündigung hieß es:

“Beide Länder haben sich vor 60 Jahren gegründet. Beide begannen als antifaschistische, sozialistische Systeme. Und beide sind heute bekannt für ihre Grenzkontrollen, ihre Geheimdienste, den Bau einer Mauer als Schutzwall … Das Feature behandelt biografische, musikalische oder historische Parallelen.”

Also ich finde, das klingt richtig lecker! Und bei dieser Vorgabe … wer weiß, vielleicht ist Israel der DDR ja sogar noch ähnlicher als das Ballett dem Militär…? Zu Beginn des Features hört man ein altes DDR-Lied: „Sag mir, wo Du stehst“. Ein Lied, das in den Jugendorganisationen stets gesungen wurde, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Als Vergleichslied auf israelischer Seite wählt die Autorin Charlotte Misselwitz „Noladeti Lashalom“ von Usi Hitman. Das habe nämlich den gleichen Effekt. Nun könnten zwar schon die Liedtexte kaum unterschiedlicher sein (in „Noladeti Lashalom“ geht es um die Sehnsucht nach Frieden, in „Sag mir wo Du stehst“, darum Position gegen denn Klassenfeind zu beziehen), aber davon sollte man sich nicht irritieren lassen.

Auch dass der Komponist des DDR-Liedes, Hartmut König, ein SED-Funktionär war und Usi Hitman hingegen einfach Sänger und Komponist, muss einen nicht verunsichern. Immerhin wurden beide Lieder, in beiden Ländern vorrangig von Jugendlichen gesungen. Das muss als Bezugspunkt und Vergleichsmoment ausreichen. Aber es kommt noch kurioser. Dass man als ehemalige DDR-Bürgerin, wie Grit Schorch, an Jom HaShoa an die Fahnenappelle denken muss, mag als persönliche Assoziation ja noch durchgehen, aber muss man daraus einen ernsthaften Vergleich konstruieren? Glaubt man wirklich, wenn man erwähnt, dass die achtjährige Rona beim Sirenenton „jedes Jahr minutenlang still stehen muss“ den Gedenktag Jom HaShoa auch nur annähernd einem Fahnenappell in der DDR mit anschließendem Fahnenhissen gleichsetzen zu können?

Israel als „effektiviere“ DDR?

Und was will man dem deutschen Publikum sagen, wenn man darauf hinweist, dass der Schabak im Grunde wie die Stasi sei, nur eben viel effektiver…? Was will man sagen, wenn man betont, dass die israelische Mauer, ebenfalls als Schutzwall deklariert, viel größer ist, als die Berliner Mauer? Wer einen Hammer in der Hand hat, sieht nur noch Nägel, pflegte meine Oma zu sagen. Aber nein, ganz so einäugig ist man beim Deutschlandfunk nicht. Man hat auch Unterschiede gefunden: In Berlin hört man Heizungen und in Tel Aviv die Kimaanlagen rattern… und der Cheder Ochel, der Speisesaal des Kibbutz, ist dann doch irgendwie schnuckeliger als die Aula der Parteizentrale…

Damit hätten wir dann aber auch schon fast sämtliche Unterschiede beisammen. Und während Ofir Ilani noch für jeden nachvollziehbar die Mentalität der Kibbuzniks mit der der Ostdeutschen vergleicht, weil sie, in der Tat, aus einer ähnlichen, sozialistisch orientierten Gemeinschaft stammen, wird gegen Ende der Sendung eine ganz andere Quintessenz deutlich: die Palästinenser sind die eigentlichen Opfer des, der DDR ähnlichen, Überwachungsstaates Israel. So einfach ist die Welt. Drängt sich ja auch alles förmlich auf. Zumindest der Autorin Charlotte Misselwitz.

Und natürlich muss so eine Sendung auch am Vorabend zum 9. November laufen. Da tut es dem deutschen Publikum besonders gut zu hören, dass die Juden so schlimme Finger sind… und dass die DDR, die die Deutschen so erfolgreich hinter sich gelassen haben, in Israel quasi noch existiert. Aber wie heißt es so schön: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich… Immerhin kann man mit dieser Logik die nächste Anti-Kriegs-Demo zur Ballettakademie umleiten. Zumindest nach meinem persönlichen Feature dazu! Ballett und Militär sind sich nämlich fast genauso ähnlich wie Israel und die DDR… Drängt sich doch förmlich auf, der Vergleich!

Parallel erschienen bei Hagalil.com, dem größten jüdischen Internet-Portal in deutscher Sprache.

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