Georg Elser und das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler

Am 9. November 1939 notierte Joseph Goebbels: „Wäre die Kundgebung wie alle Jahre vorher programmgemäß durchgeführt worden, dann lebten wir alle nicht mehr.“ Am Vortag hatte es um 21.20 Uhr im Münchner Bürgerbräukeller eine schwere Explosion gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war Adolf Hitler mit seiner Entourage bereits auf dem Weg zum Bahnhof. Dass er mit heiler Haut davon gekommen war, bestärkte ihn in der Überzeugung, dass das deutsche Volk unter seiner Führung einer glorreichen Zukunft entgegengehe: „Dass ich den Bürgerbräukeller früher als sonst verlassen habe, ist mir eine Bestätigung, dass die Vorsehung mich mein Ziel erreichen lassen will.“ Der Völkische Beobachter meldete in riesigen Lettern: „Die wundersame Errettung des Führers“.

Von Ernst Piper*

Georg Elser hatte das Attentat lange geplant. Im Jahr zuvor war er am 8. November erstmals nach München gefahren, um dabei zu sein, wenn Adolf Hitler mit 2.000 bierseligen „alten Kämpfern“ der NSDAP die Erinnerung an den Marsch auf die Feldherrnhalle im Jahre 1923 zelebrierte. Elser mischte sich unter die Besucher und beobachtete das Schauspiel genau. Dabei gewann er die Überzeugung, dass der Bürgerbräukeller ein geeigneter Ort für ein Attentat auf Hitler sein würde.

Johann Georg Elser, wie er mit vollem Namen hieß, kam am 4. Januar 1903 im württembergischen Hermatingen zur Welt. Er wuchs in der schwäbischen Alb auf. Als Kind war er ein strebsamer und unauffälliger Junge gewesen. Mit 16 Jahren begann er eine Tischlerlehre. Als Geselle arbeitete er in verschiedenen Betrieben in der Umgebung. Durch Fleiß und Kunstfertigkeit erwarb er sich bald Ansehen als Möbeltischler. Elser schloss sich der Holzarbeitergewerkschaft an, „weil man Mitglied dieses Verbandes sein sollte.“ Solange es noch möglich war, wählte er die KPD und er gehörte auch dem Rotfrontkämpferbund an. Elser war nicht im engeren Sinne politisch engagiert. Seine einzige Lektüre war die Bau- und Möbelschreinerzeitung. Elser war kein Ideologe und auch kein Agitator. Er war musisch begabt, spielte gerne Zither und hatte bei aller Zurückhaltung ein gewinnendes Wesen, sodass es ihm auch nicht an Frauenbekanntschaften mangelte.

Wacher Verstand

Georg Elser ist nicht sehr gebildet, aber er hat einen wachen Verstand und macht sich über den Unrechtscharakter des NS-Regimes keine Illusionen. Wenn im Radio eine Rede des „Führers“ übertragen wird, verlässt er das Haus. Den Hitlergruß verweigert er. Im Herbst 1938 fasst er den Entschluss zum Attentat. Die Sudetenkrise hatte Europa hart an den Rand eines Krieges geführt, aber die Westmächte hatten einmal mehr vor Hitlers Entschlossenheit kapituliert und ihm auf Kosten der Tschechoslowakei einen weiteren Landgewinn zugestanden. Hitler setzte zur Verwirklichung seiner imperialen Ziele ganz bewusst auf die militärische Option, während seine Generale einen Krieg vermeiden wollten, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. In deutschen Militärkreisen war sogar über Putschpläne diskutiert worden, doch die Appeasementpolitik der Westmächte erlaubte es ihnen, sich abwartend zu verhalten, was ihrer Unentschlossenheit sehr entgegenkam.

 

Adolf Hitler bei einer Rede am 1. Mai 1936 in Berlin.
Adolf Hitler bei einer Rede am 1. Mai 1936 in Berlin.

 

Einer aber sah klar, was kommen würde, und hatte auch den Mut zum Handeln. Das war der Handwerker und Pazifist Georg Elser: „Ich stellte allein Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden könnte.“ So formulierte er es später, als die Gestapo ihn verhörte. Elser wusste, dass er durch sein Attentat den NS-Staat nicht würde aus den Angeln heben können. Gleichwohl setzte er sein Leben dafür ein, Hitler, Göring und Goebbels zu beseitigen: „Ich war davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus die Macht in seinen Händen hatte und dass er diese nicht wieder hergeben werde. Ich war lediglich der Meinung, dass durch die Beseitigung der genannten drei Männer eine Mäßigung in der politischen Zielsetzung eintreten wird.“ Elser sah, was notwendig, was möglich war. Und er tat alles dafür, dieses Ziel zu erreichen.

Politik in Bierkellern

In München spielte sich die Politik vor allem in Bierkellern ab. Sie waren der traditionelle Ort für öffentliche Versammlungen. Der Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße war einer der größten. Man konnte dort kommen und gehen, ohne kontrolliert zu werden. Manche benutzten den Weg durch das Gebäude sogar als Abkürzung, um schneller zu der dahinter liegenden Straße zu gelangen. Elser sah, dass er hier ein- und ausgehen konnte, ohne aufzufallen. Er beschloss, die hinter dem Rednerpult stehende Säule zu sprengen, die dann explodieren sollte, wenn Hitler sprach. Die durch die Explosion zusammenbrechende Säule, so seine Kalkulation, würde dann einen Teil der Decke und der Galerie auf das Pult stürzen lassen und den Redner mit großer Sicherheit töten. In den Monaten nach seinem ersten Besuch im November 1938 verdingte Elser sich bei verschiedenen Firmen, um an Material zu kommen, und stahl systematisch Explosivstoffe, Zündschnüre und andere Dinge, die er für die Sprengladung brauchte. Er machte Sprengversuche, vor allem aber entwickelte er eine Methode, mit Hilfe eines Uhrwerks statt einer Zündschnur Sprengstoff zur Explosion zu brin-gen. Es gelang ihm außerdem, den Zeitpunkt der Explosion auf mehrere Tage im Voraus exakt zu terminieren.

 

Im August 1939 kündigte Georg Elser seine letzte Arbeitsstelle und übersiedelte nach München. Er setzte all seine Ersparnisse ein und lebte nur noch für seine Idee. Abend für Abend ging er in den Bürgerbräukeller, insgesamt mehr als 30 Mal. Er nahm dort eine einfache Mahlzeit ein, versteckte sich später auf der Galerie und wartete, bis der letzte Gast gegangen war und der Saal abgeschlossen wurde. Zuerst sägte Elser ein Stück der Vertäfelung an der Säule heraus und fertigte daraus eine rasch herausnehmbare Tür. Danach begann er, den Raum hinter dieser Türklappe auszuhöhlen. Das herausgekratzte Mauerwerk ließ er in einen an die Öffnung in der Vertäfelung gehängten Sack fallen, den er von Zeit und Zeit in einen Pappkarton leerte. Schließlich kam der Schutt in ein Köfferchen, das Elser am fol-genden Tag, meistens gegen Mittag, wenn viel Betrieb war, unauffällig forttrug. Als nach vielen Nächten mühevoller Arbeit die Höhlung schließlich fertig war, wurde sie mit Stahlblech und einer Korkschicht ausgeschlagen. Das Stahlblech sollte die Höhle vor Nägeln schützen, mit denen Lampions und Dekorationen bei Tanzfesten befestigt wurden. Der Kork sollte das Ticken des Uhrwerks dämpfen, damit von außen nichts zu hören war.

Zündmechanismus eine Meisterleistung

Die Konstruktion des Zündmechanismus war eine Meisterleistung, wie auch die ermittelnden Kriminalbeamten später einräumen mussten. Georg Elser wollte nichts dem Zufall überlassen. Deshalb baute er nicht nur eines, sondern sogar zwei Uhrwerke in die von ihm konstruierte Maschine ein. Sie würde zu einem festgesetzten Zeitpunkt über zwei unabhängige Übertragungsmechanismen drei Schlagbolzen auslösen, die über drei Zündhütchen drei Sprengkapseln detonieren ließen, die ihrerseits die Masse des Sprengstoffs zur Explosion brachten.

In der Nacht vom 1. zum 2. November 1939 baute Georg Elser die Höllenmaschine in den Pfeiler ein. Zwei Tage später wollte er die Uhrwerke einfügen. Aber die Tür, durch die er so oft in den Saal gekommen war, war plötzlich verschlossen. Am Tag darauf versuchte er es erneut. Er gelangte zu seiner Baustelle, musste jedoch feststellen, dass die Aushöhlung, die er in langer Arbeit geschaffen hatte, zu klein war. Daraufhin nahm er die Uhren wieder mit und baute die Gehäuse um. Am 5. November war er wiederum im Bürgerbräukeller. An diesem Abend gab es eine Tanzveranstaltung. Elser kaufte eine Eintrittskarte, setzte sich auf die Galerie und wartete, bis die letzten Gäste gegangen waren. In dieser Nacht gelang ihm der Einbau der Uhrwerke. Nach getaner Arbeit fuhr Elser zufrieden nach Stuttgart. Zwei Tage später kam er zurück. Er wollte ganz sicher gehen. In der Nacht vom 7. auf den 8. November ließ er sich ein letztes mal im Bürgerbräukeller einschließen, um die Einstellung der Uhren zu überprüfen. Alles war in bester Ordnung. Hitler konnte kommen.

Teil 2 des Textes zum Elser-Attentat.

*Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien unter anderem eine “Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute” sowie Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe.

Siehe auch: Vor 75 Jahren: Der “Röhm Putsch” (Teil I), Vor 75 Jahren: Der “Röhm-Putsch” (Teil II), Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern, Vor 85 Jahren: Adolf Hitler vor Gericht

3 thoughts on “Georg Elser und das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler

  1. gestern stand hier noch, dass der zweite teil am 7. november veröffentlicht wird. wird man jetzt so täglich auf den nächsten tag verwiesen?

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