Deutscher Djihad: Die Geburt des politischen Islam aus der Mitte Europas

Gesellschaftlichen Ereignissen, Phänomenen und historischen Konstellationen nationale Attribute voranzustellen, vereinfacht oftmals eher den Gegenstand und seine sozialen Entstehungsbedingungen. »Deutscher Djihad« ist eine solche Simplifikation, die die Alliteration und die semantische Paradoxie gewollt ausspielt. Eine Doppelrezension von Ian Johnsons Buch »Die Vierte Moschee« und Stefan Meinings »Eine Moschee in Deutschland«.

Von Hanno Plass, zuerst veröffentlicht bei Beatpunk, mit freundlicher Genehmigung übernommen

Solcherlei Spielerei befriedigt aber nur das präformierte Bewußtsein, an dessen blanker Oberfläche Erfahrungen restlos abperlen, da es von vornherein feststehende Antworten zu geben scheint. Auch die antideutsche Suche nach dem vernichtungsantisemitischen Kern des heutigen politischen Islam führt kaum weiter als zum Jerusalemer Mufti Amin al-Husseini und dessen Kollaboration mit den Nationalsozialisten. Immerhin gibt es mittlerweile einen Berg an Literatur, die genau dieser Verbindung der arabisch-nazideutschen Zusammenarbeit nachgeht (1).

Zu diesen Veröffentlichungen kommen noch zwei lesenswerte Bücher aus diesem Jahr hinzu. Der Pulitzer-Preisträger und Wall-Street-Journal-Korrespondent Ian Johnson hat im Klett-Cotta Verlag eine Arbeit über die »vierte Moschee« in München vorgelegt. Der dort ansässige Journalist Stefan Meining publizierte bei C.H. Beck den Titel »Eine Moschee in Deutschland«.

Es ist selten, dass zwei Arbeiten zeitgleich zum selben Gegenstand veröffentlicht werden, noch dazu von zwei hervorragenden Autoren, die es verstehen, ihre ’Sachbücher’ in einem sehr lesefreundlichen Stil zu verfassen. Es entsteht zu Recht den Eindruck, als hätten Johnson und Meining gemeinsam eng am Thema gearbeitet, ihre Recherchen aber unter verschiedenen Gesichtspunkten aufgehängt, sodass das Gesamtbild differiert. Die zentrale Punkte sind hingegen bei beiden gleich. Ausgangspunkt ist eine andere Form der »Integration«: die Waffenbrüderschaft und Kameradschaft der Nationalsozialisten mit muslimischen (Kampf‑)Einheiten im Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Eine wesentliche Kontinuität fand sich im Kampf gegen die Sowjetunion, deren muslimisch geprägte Bevölkerung im Fokus nationalsozialistischer Islamisierungspolitik stand. Es geht weiter um die Transformation dieses Aspekts des heißen Vernichtungskrieges in den Kalten Krieg der Blockmächte und den Exilort der muslimischen Kämper in Deutschland, das Islamische Zentrum in München, die Tätigkeiten islamistischer Funktionäre unter den Fittichen der westlichen Geheimdienste und ihre eigenständigen operativen Ziele. Beide Autoren sehen in der deutschen Unterstützung der Politisierung des Islam im modernen Sinne, wie sich auch die Muslimbrüderschaft verstand, den Geburtsakt einer selbständigen politischen Bewegung. Die Autoren loten auch aus, welche Rolle die Münchener Moschee bei dem Anschlägen vom 11. September 2001 gespielt hat.

Befriedigend zu klären sind die vermuteten und belegten Verbindungen nicht. Die Bedeutung heimischer Moscheen und islamistischer Organisationen für die Ausbreitung eines »home grown terrorism« hingegen ist unbestritten, wobei die vielen authochton-deutschen Konvertiten eine wesentliche Rolle spielen.

Also liegt hier die Schnittstelle zwischen deutscher Ideologie und politischem Islam? Eine hinreichende Antwort wird kaum möglich sein, da Johnson und Meining die deutsch-muslimische Kooperation als historische Konstellation aufzeigen: eine aus der Situierung in den Weltverhältnissen im Zweiten Weltkrieg resultierende Zusammenarbeit, bei der beide Seiten immer noch eigene Interessen verfolgten, aber die durchaus von gegenseitigem Wohlwollen begleitet war. Diese Kooperation wurde unter neuen Prämissen nach dem Kriegsende fortgeführt. Zugleich fand ein Bevölkerungstransfer osteuropäischer Muslime aus der Sowjetunion nach Westeuropa und ehemaliger Nazis in den arabischen Raum statt. Zumindest von deutscher Seite sind Konversionen zum Islam belegt. Diese personelle und organisatorische Kontinuität sagt aber wenig aus über die Denkform, die sich gesellschaftlich bedingt in der dialektischen Schleife von Fortschritt und Stillstand der warenproduzierenden Gesellschaft bewegt. Während die praktische Zusammenarbeit während des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges ausgeleuchtet wird, bleibt der Blick auf die Gegenwart recht einseitig an den muslimischen Minderheitengruppen in Deutschland haften, deren islamistische Mitglieder und Vereine als primärer Brandherd eines politischen Islam der Gegenwart ausgemacht werden.

Beide Arbeiten verfolgen nicht abstrakt einen Theorievergleich, sondern sind so angelegt, dass sie Akteure, Handlungen, Einflussnahmen benennen können. Aber ihnen fehlt die ideologiekritische Grundierung, da die ideologische Komponente des politischen Islam höchstens am Rande behandelt wird.

Von anderer Seite wird zu klären sein, wie es der politische Islam geschafft hat, als weltweit einzig sichtbares Modell einer alternativen Gesellschaftsform gegen die kapitalistische Moderne aufzutreten – oder nach dem Ende des bolschewistischen Sozialismus übrigzubleiben. (2)

Wohltuend ist bei allen hysterischen Debatten um »den Islam«, die derzeit die Presse und Öffentlichkeit beherrschen, die generelle Unaufgeregtheit und Sachlichkeit, mit der beide Autoren ihre Ergebnisse vorstellen. Mehr noch zeigen die Leerstellen und blinden Flecken sowohl in Johnsons »Die Vierte Moschee« wie auch in Meinings »Eine Moschee in München« die Notwendigkeit auf, die Gegenwart des politischen Islam nicht nur journalistisch-historische sondern ebenso ideologiekritisch zu rekonstruieren. Damit könnte Einsicht in seine Verbindungen, Wirkmacht und hiesige Relevanz gewonnen werden. Ein erster Beitrag sind die Arbeiten Ian Johnsons und Stefan Meinings.

Ian Johnson: Die Vierte Moschee. Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus, Stuttgart 2011, 2. Aufl. 2011, 360 Seiten, Klett-Cotta, 22,95 €.

Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen, München 2011, C.H. Beck, 316 S., 19,95 €.

Anmerkungen

    1. Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß. Über den neuen antisemitischen Krieg, Freiburg 2002; Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. Das »Dritte Reich«, die Araber und Palästina, Darmstadt 2008 (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 8); Klaus Gensicke: Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten. Eine politische Biographie Amin el-Husseinis, Darmstadt 2007 (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 11); Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven CT 2009, um einige Studien zu nennen.()

  1. Vgl. Moishe Postone: Geschichte und Hilflosigkeit, in: ders.: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005, S. 195 ff.()

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