„Steinbach spielt in Polen keine Rolle mehr!“

Am 11. November, dem polnischen Nationalfeiertag, wollen in Warschau Hunderte Rechtsextreme marschieren. Es werden schwere Ausschreitungen befürchtet, da die Nationalisten aus anderen Ländern unterstützt werden sollen. Anlass für die Publikative, mit Bartosz Wielinski von der „Gazeta Wyborcza“ zu sprechen – über den 11. November, Revisionisten in Polen und Deutschland, den Einfluss der Vertriebenen  sowie über angebliche Gefahren bei der EM 2012. Die linksliberale „Gazeta Wyborcza“ ist die größte überregionale Tageszeitung Polens. Wielinski arbeitet als Auslandsredakteur für das Blatt und berichtete für die Gazeta aus Deutschland.

Die Publikative: Welche Bedeutung hat der 11. November für Polen – und insbesondere für die Rechtsextremen in dem Land?

Wielinski: Der 11. November hat für Polen die gleiche Bedeutung wie der 3. Oktober für die Bundesrepublik. Polen ist 1918 neu entstanden. Dieser Feiertag war unter den Kommunisten abgeschafft worden. Seit 1990 steht er wieder im polnischen Kalender – und seit einigen Jahren versuchen verschiedene extreme Gruppierungen, diesen Tag zu missbrauchen. Die Nationalisten versuchen, sich als die einzigen und wahren Patrioten darzustellen – gegen Linke, Vaterlandsverräter und gegen Europa – speziell gegen Deutschland und Russland, die uns angeblich ständig bedrohen. Aber am 11. November wird es nicht nur die eine Demonstration von Nationalisten in Warschau geben, sondern auch sehr viele andere Feierlichkeiten.

Antifa-Mobilisierungsplakat aus dem Jahr 2010
Antifa-Mobilisierungsplakat aus dem Jahr 2010

Die Publikative: Im vergangenen Jahr sorgte eine Demonstration von Rechtsextremen für Aufsehen, was war da passiert?

Wielinski: Antifaschistische Gruppen hatten eine Demonstration von Nationalisten blockiert, die Polizei griff die Linken an, da gab es schwere Zwischenfälle.  Beispielsweise gegen einen bekannten Schwulen-Aktivisten, der von Polizisten beleidigt und geschlagen wurde, was bis heute nicht aufgeklärt wurde. In diesem Jahr werden die Nationalisten angeblich aus Serbien und Ungarn unterstützt – und die Linken sollen von der Antifa aus Berlin verstärkt werden. Das sorgt in rechtsorientierten Medien für Aufsehen, weil man darauf hinweist, wie es aussieht, wenn der Schwarze Block in Kreuzberg die Polizei attackiert. Man kann nur hoffen, dass es vernünftig verlaufen wird.

Die Publikative:  Wie sieht die polnische rechtsextreme Bewegung aus?

Wielinski: Eine typische Parolen ist etwa „Polen für die Polen!“. Sie Schimpfen gegen die schwarze Menschen, beispielsweise Abgeordneten, der aus Nigeria stammt. Dieser wurde von „RedWatch“ als „Rassenfeind“ beschimpft. Es gibt aber sehr unterschiedliche Strömungen, die meisten, auch schon vor dem 2. Weltkrieg, orientierten sich aber eher am italienischen Faschismus als an der NS-Ideologie. Am wichtigsten sind heute der Nationalismus und der Revisionismus. Die Rechtsextremen stellen die Polen ausschließlich als Opfer im 2. Weltkrieg dar.

Die Publikative: Polen war Opfer des deutschen Überfalls, Warschau wurde komplett zerstört, später wurde das Land von Hitler und Stalin aufgeteilt. Da erscheint es leicht, die polnische Geschichte zu idealisieren.

Wielinski: Polen war natürlich Opfer, das steht auch nicht zur Debatte. Polen wurde von Deutschland überfallen, aufgeteilt – und nach dem Krieg von den Alliierten verraten und verkauft. Es folgte eine 40-jährige blutige kommunistische Herrschaft. Aber es gab eben auch polnische Täter während der NS-Zeit. Die Aufarbeitung davon wollen die Nationalisten verhindern.

Deutscher Flammenwerfertrupp in Warschau
Deutscher Flammenwerfertrupp in Warschau

Die Publikative: Konkret geht es um den Holocaust?

Wielinski: Ja, den heftigsten Streit gibt es um Hilfe für Juden. Krieg ist ein bestialisches Ereignis – es gab Kollaborateure, die Juden an die deutsche Polizei verkauft hatten. Nicht alle haben die Prüfung der Menschlichkeit bestanden. Das muss auch benannt werden. Doch nach Einschätzung der Rechten, also beispielsweise Radio Maryja, waren alle Polen bereit, den Juden zu helfen – was definitiv nicht stimmt. Dass Polen auch Täter waren, dies ist für die Rechten unannehmbar. Dabei gab es auch nach dem Krieg furchtbare Ereignisse. So hatten polnische Bauern in der Nähe des KZ Treblinka den Boden, in dem getötete Juden vergraben wurden, durchsucht: nach Goldzähnen beispielsweise. Historiker, die solche Ereignisse thematisieren, werden zu den Hauptfeinden der Rechten.

Radio Maryja (Foto: Sebastian Maćkiewicz, nach CC-Lizenz)
Radio Maryja (Foto: Sebastian Maćkiewicz, nach CC-Lizenz)

Die Publikative: Welche Rolle spielt der Antisemitismus heute, beispielsweise bei Radio Maryja?

Wielinski: Offen antisemitisch sind sie nicht, aber wenn sie beispielsweise über Nahost berichten, wird deutlich, dass sie anti-jüdisch bzw. anti-israelisch eingestellt sind. Auch bei Berichten über die polnisch-jüdische Geschichte wird deutlich, es sind keine Freunde des Judentums. Aber keiner würde dort jemals sagen: „Die Juden sind unser Unglück!“ Radio Maria ist kein Stürmer. Aber wenn Zuhörer anrufen können, dann gibt es mal Aussagen wie „es gibt zu viele Juden in den polnischen Medien“ beispielsweise. Da bekommt man oft reinen Antisemitismus.

Bei unserer Zeitung spielt das keine Rolle, ich habe Kollegen, die jüdischer Herkunft sind, das ist alles kein Problem. Aber es gibt etwas latentes in Polen, was Antisemitismus angeht – ähnlich wie in anderen europäischen Ländern.

Die Publikative: Im Hinblick auf die Euro 2012 wird immer wieder die Sorge laut, es werde schwere Ausschreitungen in Polen und insbesondere in der Ukraine geben. Wie schätzen Sie diese Gefahr ein?

Wielinski: Ich habe vor der WM 2006 in Deutschland selbst solche Beiträge aus Berlin geschrieben, über No-Go-Areas und NPD, die angeblich stören wird. Das ist auch ein Medien-Thema. Aber ich denke, alle Gäste werden in Polen sicher sein, da würde ich mir keine großen Sorgen machen. Es gibt polnische Hooligans, die uns Sorgen bereiten, aber die Polizei arbeitet sehr professionell. Zur Ukraine kann ich nichts sagen.

Die Publikative: Noch ein anderes Thema: Erika Steinbach hat in Deutschland massiv an Ansehen und Einfluss verloren. Wie werden Frau Steinbach und die Vertriebenen in Polen gesehen?

Erika Steinbach, Chefin des BdV (Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Dontworry)

Wielinski: Ich habe 2007 einen Beitrag aus Deutschland geschrieben, in dem ich vorhergesagt habe, das Erika Steinbach in der Bedeutungslosigkeit versinke. Und nun sieht man, dass sie keine entscheidende Rolle mehr spielt. Die Vertriebenen-Ausstellung „Angekommen“ in Berlin findet in der polnischen Öffentlichkeit keine Resonanz. Es gab einen Kommentar in einer Zeitung, in dem stand, dass die Ausstellung keine Rolle spielt. Vor fünf Jahren hätte es Hunderte Meldungen gegeben. Das zeigt: Von der Figur Steinbach ist hier nichts mehr übrig. Keiner interessiert sich mehr für sie. Sogar in Wahlkampagnen funktioniert das Thema nicht mehr. Das gilt für die Vertriebenen insgesamt, der „Tag der Heimat“ beispielsweise rutschte in der öffentlichen Aufmerksamkeit von den Titelseiten immer weiter nach unten. Wir haben in der Gazeta immer geschrieben, dass Bundeskanzlerin Merkel sich nicht von Steinbach erpressen lassen wird – und so ist es gekommen. Die Sache hat sich geregelt. Es wird ein Museum in Berlin geben, an dem polnische Historiker mitarbeiten, Polen wird das so annehmen können.

Die Publikative: Haben sich die Nachbarn inzwischen einfach besser kennengelernt?

Wielinski: Die Angst wird kleiner auf polnischer Seite – und Deutschland versteht besser die Anliegen Polens. Auf beiden Seiten eine positive Entwicklung. Die Polen in den ehemaligen deutschen Gebieten hatten Angst, dass die Deutschen zurückkommen, dazu ist es nicht gekommen. Dann hatte man Angst, die Vertriebenen könnten erfolgreich die europäische Integration Polens torpedieren. Das ist auch nicht geschehen, obwohl es von Frau Steinbach versucht wurde. Man hat in Polen erkannt, dass diese Vertriebenen keine Macht mehr haben. Die Vertriebenen-Verbände sind seitdem kein Hindernis mehr in der deutsch-polnischen Beziehung. Die Polen haben auch das Leid der Vertriebenen anerkannt. In vielen ehemaligen Städten empfangen Polen ehemalige Bewohner aus Deutschland. Sie versuchen ein Bewusstsein für Freundschaft und gemeinsame Geschichte zu entwickeln. Und auch die Deutschen haben verstanden, dass es freundschaftliche Beziehungen geben sollte – und das funktioniert eben nicht, wenn eine Abgeordnete gegen den Nachbarn hetzt oder behauptet, Polen sei für den Ausbruch des 2. Weltkriegs schuldig. Es ist ein Bewusstsein dafür gewachsen, wie wichtig die deutsch-polnischen Beziehungen sind.

Das Interview führte Patrick Gensing

Siehe auch: Schlesier bangen um Geld aus Niedersachsen, Landsmannschaft: “Pawelka und seine Unverbesserlichen”, Die NPD, die Polen-Mafia und süße Katzenbabys, Stiftung Auschwitz-Birkenau: INTERVENE NOW!, “Steinbach-Position in rechtsradikalen Kreisen verbreitet”, Bundestag wählt “Irren” in Vertreibungsstiftungsrat, Anti-Polen-Plakate der NPD: Ermittlungen eingestellt, Polen: “Redwatch”-Betreiber vor Gericht

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