Keine EM in der Ukraine!

Im kommenden Jahr findet in Polen und der Ukraine die EURO 2012 statt. Bevor sich vom 8. Juni bis zum 1. Juli Europas beste Fußballnationen zwischen Breslau und Donezk zum Kräftemessen treffen, gilt es noch Einiges zu erledigen. Für einmal soll hier nicht von Bauverzögerungen in Polen oder Korruption und maroder Infrastruktur in der Ukraine die Rede sein. Denn es geht um den Geist, der in den Stadien Polens und der Ukraine herrscht. Um Nazi-Sprechchöre, Rassismus und Antisemitismus. Und um die Frage, ob man in einem Land wie der Ukraine eine EM abhalten sollte.

Von Daniel Killy

Es war eine hochkarätige Runde, die sich am 14. Oktober in Warschaus Agrykola-Stadion traf: die polnische Gleichstellungsbeauftragte Elzbieta Radziszewska, Polens stellvertretender Außenminister Jerzy Pomianowski, Südafrikas Botschafter Pekane und weitere. Sie alle folgten der Einladung der Aktion „NEVER AGAIN“, ein Teil der Aktionswoche „Fußball gegen Rassismus. Bei jedem Spiel der polnischen Topliga „Extraklasa“ wurden antirassistische Slogans über die Stadionlautsprecher verkündet. So war zumindest für eine kurze Zeit gewährleistet, dass andere Töne in den polnischen Arenen überlagert wurden. Denn gemeinhin sind Wochenende für Wochenende Schlachtrufe wie „Juden ins Gas“ oder „Juden – Euer Zuhause ist Auschwitz“ Usus bei unseren Nachbarn.

Als Ende August Slask Wroclaw (Breslau) gegen Widzew Lodz antrat, berichtet die taz, skandierten die Fans des Breslauer Klubs: „Judenklub, Judenklub, ich hasse diese Hure!“ Die anderen Zuschauer reagierten nicht, man ist derlei gewohnt in Polen. Und auch die Politik reagierte, wenn überhaupt, zu spät – und anders, als erwartet: Krzysztof Kobielski vom Unterstützungskomitee der rechtsnationalen Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) um den Krawall-Pygmäen Lech Kaczynski stellte lakonisch fest: „Das Wort ,Jude‘ ist in Wirklichkeit eine Form der Beleidigung, die man … [dem Gegner] im Stadion an den Kopf wirft.“ Derlei Gelassenheit im Umgang mit Antisemitismus kann nur Ausdruck jahrhundertelanger Tradition und Übung sein.

Auch in der Ukraine, deren Demokratieverständnis sich ja erst jüngst im Prozess gegen Julia Timoschenko gezeigt hat, sind Fußball und Rassismus/Antisemitismus untrennbar miteinander verwoben. Im September 2010, also weniger als zwei Jahre vor Beginn der EURO 2012, protestierten in der Hauptstadt Kiew 5000 „Fußballfans“ gegen ausländische Spieler in den Profiteams. Zu der Demonstration aufgerufen hatte die rechte Partei „Swoboda“.

Nach einem Überfall von Neonazis auf antifaschistische Fußballfans in Kiew
Nach einem Überfall von Neonazis auf antifaschistische Fußballfans in Kiew

Adam Olkowicz, verantwortlicher Turnierdirektor Polens, versprach zu Beginn dieses Jahres im Spiegel, dass die EM ein Fest frei von „Intoleranz und rassistischen Symbolen“ werde. Ist dieses Versprechen überhaupt einzuhalten? Faktum ist: Der Antisemitismus in Polen ist beinahe so alt wie dessen jüdische Besiedelung. Schon 20 Jahre vor Hitlers Verheerungen kam es 1918/1919 im Zuge einer nationalen „Erweckung“ zu zahlreichen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. Immerhin waren damals rund 10 Prozent der Gesamtbevölkerung jüdischen Glaubens. Der Antisemitismus des frühen 20. Jahrhunderts speiste sich vor allem aus den rechten Christdemokraten, deren Klerikal-Doktrin der Gottesmörder-, Ritualmord- und Wuchervorwürfe sich mit aktuellem nationalistischen Antisemitismus paarte. Auch die Kirche schüttete ordentlich Öl ins Feuer: Ihre These der untrennbaren Verbindung von Religion und Nation, von Polentum und Katholizismus hat bis heute viele und glühende Anhänger in Polen.

In den 30er Jahren wurde die Lage für die polnischen Juden immer aussichtsloser. Wie Lutz Eichler auf hagalil.com schreibt, sollte die „Judenfrage“ durch Assimilation oder Emigration auf legale Weise gelöst werden. Die Regierung erklärte die Beschleunigung der Auswanderung und die Reduzierung des jüdischen Bevölkerungsanteils zu nationalen Zielen. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen kam es im Juni 1940 zur Deportation von praktisch allen polnischen Bürgern – die meisten von ihnen waren Juden –, die aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten geflohen. Dabei kamen etwa 30 000 Juden ums Leben. Dann folgte die Schoah, die auf dem antisemitischen Nährboden Polens ganz besonders gut gedieh. So stellte denn auch Feliks Tych, Direktor des Jüdisch-Historischen Instituts, in einem Vortrag für die Friedrich Ebert Stiftung fest:

„Der Holocaust hat nicht in einem sozialen Vakuum stattgefunden. Es gab in jedem der betroffenen Länder ein ganz konkretes, wirtschaftliches und moralisches Umfeld, das dem Holocaust in jedem einzelnen Land eine andere Gestalt verlieh.“

In diesem Zusammenhang sei es nach Ansicht von Tych wichtig, dass die Jahre 1918/19 und die zweite Hälfte der 30er Jahre die „schlimmste Zeit der polnisch-jüdischen Beziehungen“ waren. Gerade diese Tatsache habe deutlich zur Gleichgültigkeit der Mehrheit der polnischen Bevölkerung gegenüber der Vernichtung der Juden durch die Nazis beigetragen. In Polen sei die Tarnung der Vernichtungsmaschinerie wegen des hohen Prozentsatzes der Juden unter der Bevölkerung so gut wie unmöglich gewesen, weil „sich die Mordaktionen vor den Augen der polnischen Bevölkerung abgespielt haben. Hier, in Sicht-, Hör- und Riechweite der übrigen Bevölkerung, wurden alle Vernichtungslager installiert; jeder Pole wusste genau, wohin und zu welchem Zweck die Juden abtransportiert wurden.

Auch mit der Befreiung Polens war der Antisemitismus nicht besiegt. Was mit einem diabolischen Wechselspiel zu tun hat: Ein Teil des polnischen Antisemitismus liegt und lag in der Annahme begründet, die „Juden“ hätten den Sozialismus – und damit, in einer recht schlichten Kausalkette, auch den Kommunismus und die Knechtung Polens erfunden bzw. zu verantworten. Die Besatzung Ostpolens und das Verhalten der sowjetischen Befreier verstärkte diesen Effekt noch. Auf der anderen Seite wurden die Juden durch Stalins Truppen nur vordergründig befreit, hatte der Diktator doch auch unter der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion gründlich „gesäubert“. So waren auch viele Soldaten Juden gegenüber nicht besonders freundlich eingestellt.

Für die Polen hatten die Juden den Kommunismus verschuldet, für Stalin verraten – dessen Truppen traten allerdings in Polen so auf, dass sie den Kommunistenhass noch verstärkten. Und mittelbar so den Hass auf Juden, die sie doch selbst hassten. Kein Wunder also, dass es auch im sozialistischen Polen mit dem amtlichen und freiwilligen Antisemitismus weiter ging. Eine neue Auswanderungswelle derer, die die Schoah knapp überlebt hatten, prägte die 50er-Jahre. Unter den damaligen Emigranten war übrigens auch Marcel Reich-Ranicki.

Auch die Ukraine blickt auf eine lange Kontinuität in Sachen Antisemitismus zurück. Beginnen wir doch im Jahr 1649 – gut 350 Jahre Tradition müssen reichen. Damals herrschte der polnischen König Jan Kasimir II über die Ukraine. In jenem Jahr schlossen die Kosaken mit dem König Frieden unter der Bedingung, dass sich Juden,weder als Besitzer noch als Pächter noch als Einwohner in den ukrainischen Städten“, also in den von Kosaken-Regimentern verwalteten Wojwodschaften wie etwa im Gouvernement Cernigov, Poltawa, Kiew und einigen Gebieten in Podolien aufhalten durften. Bis ins 18. Jahrhundert kam es immer wieder zu Pogromen. „Besonders grausam“, so Chaim Frank auf Hagalil, „war die Verwüstung von Uman durch die Haidamaken, wo rund 20.000 Juden und Polen umgekommen sein dürften. Im Juli 1721 erließ der Heitmann Skoropadsky den Befehl, dass sämtliche Juden, die nicht bereit seien zu konvertieren, bis zum Oktober auszuweisen seien. Ähnliche Befehle gab es immer wieder im Verlauf der ukrainischen Geschichte.“

1917, nach der Revolution in Russland, regten sich in der Ukraine Bestrebungen nach Selbständigkeit, was zu einer nominell unabhängigen „Volksrepublik“ führte. Das am 9. Januar 1918 erlassene „Statut der personalen Autonomie in der Ukrainischen Volksrepublik“ gewährte den Juden als „nationaler Minderheit“ eine nationale Autonomie: Ein „Ministerium für jüdische Angelegenheiten“ wurde geschaffen. Dieser Zustand war jedoch nur von kurzer Dauer, denn schon bald tobte in Russland der Bürgerkrieg, die Ukraine war einer der Hauptschauplätze – auch von Pogromen. Im Friedensvertrag von 1920 wurde die Ukraine eine Republik des Sowjetstaates, einige westliche Teile, Wolhynien und Ostgalizien, fielen an Polen – und die Bukowina und Bessarabien wurden Rumänien angegliedert.

Bis tief in die 30er Jahre trieben Teile der geschlagenen national-ukrainischen Armee Petljuras ihr Unwesen und organisierten sich in paramilitärischen nationalistischen Gruppen, von denen vor allem die berüchtigte ORGANISAZIJA UKRAINSKICH NAZIONALISTIW auf die jüngere Generation der nationalen Ukrainern einen großen Einfluss übte.

Nach der schrittweisen Annexion der Ukraine durch die Sowjetunion kam es durch Stalins Politik zu unzähligen „Säuberungen“, denen Tausende Juden zum Opfer fielen. Für einen großen Teil der Ukrainer war der deutsche Überfall auf die Sowjetunion eine „Befreiung“. Viele bewarben sich zum Hilfsdienst bei verschiedenen Einheiten der Wehrmacht, Polizei und SS. Der Rest ist bekannt – der Name Demjanjuk möge genügen.

Nur soviel zur Kontinuität: 2004 organisierte der heutige Präsident Viktor Janukowitsch Skinheads zur Einschüchterung seiner politischen Gegner. Lässt sich also in Polen und der Ukraine im kommenden Jahr ein Fest des Sports feiern? Die Offiziellen betonen das stets und überall. Der Fan, der ja das Gesicht des Fußballs ist, soll in dieser Angelegenheit das letzte Wort haben. Hier die Worte eines Dynamo- Kiew-Fans in der ZDF-Sendung „Frontal21“ vom 30. August: „Die Fußball-EM ist ein Schlag gegen die Fankultur. Es kommen zu viele Fremde. „Die Neger sollen mal lieber in Afrika bleiben.” Ein Anführer der radikalen Fans von Schachtjor Donzek ergänzt, nur slawische Brüder sowie Fans orthodoxen Glaubens seien willkommen.

Ich jedenfalls bleibe lieber zu Hause. Und fände es schön, wenn Europas Fußballdachverband, die UEFA es auch bliebe. Keine EM in der Ukraine!

Siehe auch: Zwei Jahre vor der EM: Gewaltorgie gegen linke Fußballfans


12 thoughts on “Keine EM in der Ukraine!

  1. Ich verstehe nicht, was dieser pseudo-schlaue Artikel bewirken will.
    Der Autor versucht mit aller Macht den geringen Prozentsatz „Ausländerfeindlicher“ hochzupushen und mutmaßt ohne Ende.
    Natürlich gibt es Ausländerhass. Solange es nicht die Mehrheit der Bevölkerung ist, wie damals in Hitler-Deutschland, ist es dich nicht erwähnenswerter als in jedem anderen Land. In welchem Land gbit es bitte keine Ausländerfeindlichkeit. Schaut euch Italien an. Der Hass vieler Italiener gegenüber Rumänen ist alltäglich. Aber ich sage nocheinmal : WO GIBTS DAS NICHT??? Antipathie und aktive gewalttätige Handlungen sollte man auch unterscheiden. Da Deutschland ja immer so auf Demokratie pocht, sollten sie sich nicht wundern wenn auch Nazis diese Meinungsfreiheit nutzen.
    Das einzige Land, welches sich jemals gewagt hat die kranken Antipathien zu verwirklichen und ganze Völker begann auszulöschen ist Deutschland gewesen.
    Desweiteren finde ich es sehr eigenartig, dass Antisemitismus immer eine Sonderstellung genießt. Alsob Hass gegen Russen, Deutsche, Spanier.. etc. weniger schlimm wäre, als Hass gegen Juden.
    Ich persönlich verabscheue jede Art von Völkerhass oder Hass gegenüber bestimmten Gruppen. Gegenüber Nazis jedoch kriege auch ich Hass!!
    Was ich sagen möchte ist, dass keiner mit dem Finger auf den anderen Zeigen brauch- das wird nämlich vom Westen am liebsten gegenüber Osteuropa getan.

  2. @pupsik
    Deine Relativierung der Verhältnisse in Polen und der Ukraine basiert anscheinend auf Unkenntnis.Ich würde mal empfehlen diesen Bericht zu lesen
    http://www.farenet.org/resources/Hateful_monitoring_report.pdf
    Von einem geringen Prozentsatz zu sprechen ist nicht nachvollziehbar.
    Wenn du schon mit Italien vergleichen willst dann bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wir sprechen hier von rassistischen, homophoben und antisemitischen Vorkommen in Stadien.
    Das gibt es leider in Italien, Deutschland und vielen Ländern. Aber im Vergleich zu den Zuschauerzahlen ist die Anzahl der Faschisten in Polen und der Ukraine alarmierend hoch.
    Außerdem finde ich es sehr gefährlich von dir die deutsche Geschichte als Basis zu verwenden um die aktuellen Verhältnisse in Polen zu relativieren.

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