Limbach-Oberfrohna: Keine Kritik an Nazis

Schon seit Jahren terrorisieren Neonazis in der sächsischen Kleinstadt Limbach-Oberfrohna Andersdenkende: Von Einschüchterung und Nötigung über Sachbeschädigung und Brandstiftung bis hin zur Körperverletzung ist alles dabei. Schuld daran sind für die Funktionsträger der Stadt aber offenbar vor allem die Opfer selbst und natürlich die bösen Medien.

Von Andrej Reisin

Es gibt Themen, bei denen man nach einiger Zeit nur noch den Kopf schütteln kann. Nazi-Terror im sächsischen Limbach-Oberfrohna ist und bleibt dafür offensichtlich ein Paradebeispiel. Seit Jahren schon terrorisieren Neonazis in der Kleinstadt Andersdenkende. Allein die überregional bekanntgewordenen Vorfälle wirken mittlerweile wie eine exemplarische Sammlung typischer rechtsradikaler Straftaten: Von Einschüchterung und Nötigung über Sachbeschädigung und Brandstiftung bis hin zur Körperverletzung ist alles dabei.

Besonders beeindruckend im negativen Sinne ist, wie führende Bürger und Behörden der Stadt diese Straftaten immer wieder kleinreden, verniedlichen und verharmlosen. Kürzlich zeigte das MDR-Magazin „Exakt“ einen Beitrag über einen Schüler, der von zwei Schulen in Limbach-Oberfrohna weggemobbt wurde, weil er als „Linker“ bekannt war – was in der örtlichen Dominanz rechter Jugendkultur bedeutet, dass er es wagte, T-Shirts gegen Rechtsextremismus zu tragen. Mit anderen Worten: Wer offen gegen Nazis ist, hat ein Problem. Nun sollte man meinen, dass ein demokratischer Rechtsstaat in Kooperation mit einer halbwegs intakten Zivilgesellschaft in der Lage sein müsste, die Täter zu bestrafen und die Opfer zu schützen.

Aber in Limbach-Oberfrohna gehen die Uhren leider anders: Der Schüler wird immer wieder angegriffen und verletzt, schließlich kommt es sogar zu einer Morddrohung. Obwohl der Täter sogar verurteilt wird, ist das Opfer am Ende so verängstigt, dass es sich nicht mehr an seine Schule zurücktraut und wegen der erlittenen Gewalt psychologisch betreut werden muss. Seine Mutter bekommt zu hören, ihr Sohn solle „seine Meinung nicht äußern“ und „neutrale Kleidung tragen“, um die rechten Schläger nicht durch eine offen zur Schau getragene Anti-Nazi-Haltung zu provozieren. So sieht sie aus, die verkehrte Welt in der Kreisstadt, wie in dem MDR-Beitrag auch Dr. Harald Lamprecht von der sächsischen Landeskirche feststellt: „Es ist doch eine völlige Umkehrung von Täter und Opfer. Das liegt doch auf derselben Ebene, als wenn man einer vergewaltigten Frau sagt, sie habe doch eine Mitschuld, weil sie einen kurzen Rock getragen habe.“

Das eigentliche Problem: Die Medien!

Alterntativer Jugendclub in Limbach-Oberfrohna, der bei einem Anschlag zerstört wurde (Quelle: Indymedia)
Alles nur übertriebene Berichterstattung? Ein nach einem Brandanschlag zerstörter Jugendclub in Limbach-Oberfrohna (Foto: Indymedia)

Wer jetzt denkt, schlimmer geht nimmer, hat die Rechnung allerdings ohne das spezielle Wir-Gefühl in Limbach-Oberfrohna gemacht: Denn nach dem MDR-Bericht über einen Schüler, den zwei Schulen und eine Kreisstadt offenbar nicht vor Nazi-Terror schützen können (weswegen er jetzt in einer anderen Stadt zur Schule gehen muss), beschweren sich nun die Schulen. Aber keineswegs über die Nazis – sondern über die Berichterstattung. Sie kritisieren eine angeblich „verknappte Darstellung“ und „Übertreibung“ in offenen Briefen, die unter anderem im Amtsblatt der Stadt (!) veröffentlicht wurden. Man lamentiert wortreich: „Nie hätten wir es für möglich gehalten, dass wir, praktisch im Handstreich […] zu einer vermeintlichen Brutstätte des politischen Extremismus und der Nichtbeachtung von Persönlichkeitsrechten mutieren.“ Die Probleme des Schülers seien „vielschichtig“ gewesen, Hilfe habe er zum Teil „abgelehnt“ und überhaupt: „Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel gemacht, um unsere Schüler politisch aufzuklären. Es gab eine Projektwoche gegen Rechtsextremismus, Mitarbeiter des jüdischen Museums Berlin waren in der Schule zu Gast und haben Workshops mit den Schülern veranstaltet, eine Exkursion nach Buchenwald, ein Gespräch mit einem Zeitzeugen aus Auschwitz. Wir hatten eine Gastschülerin aus Mexiko ein halbes Jahr an unserer Schule, die sich bei uns sehr wohl gefühlt hat.“, so eine der Schulleiterinnen.

Offenbar muss man also schon froh sein, wenn Schülerinnen aus Mexiko an der örtlichen Pestalozzi-Schule nicht beleidigt, bedroht oder geschlagen werden. Das, was der absolute demokratische Minimalkonsens sein sollte, nämlich dass niemand „wegen seiner Heimat und Herkunft“ benachteiligt werden darf, wie es im Artikel 3 des Grundgesetzes heißt, wird von Schulleiterin Ramona Sonntag somit zur besonderen Leistung erklärt. Mit anderen Worten darf man also froh sein, dass das Grundgesetz auch an der Pestalozzi-Schule gilt und ansonsten soll man den Schulfrieden bitte nicht weiter stören, schon gar nicht durch „politisierende“ Berichterstattung, womit wohl gemeint ist, in Wirklichkeit habe das Verhalten der Täter gar nichts damit zu tun, dass sie zufällig Nazis sind und ihr Opfer zufällig T-Shirts gegen Rechtsextremismus trägt. Dabei handelt es sich nämlich offenbar um eine mediale Erfindung im „Handstreich“.

„Keine Empathie mit dem Opfer“

Die rechtsradikalen Gewalttäter an Frau Sonntags Schule hingegen vertraten ihre Auffassung von Meinungsfreiheit im Internet von Anfang an mit den Worten: “Die Zecke wird nicht lange auf die Schule gehen.“ – ein Motto, das sie dann offenbar auch durchsetzen konnten. Der „Exakt“-Redakteur Christian Werner sagte der Chemnitzer „Freien Presse“, er sei von der Reaktion der Schulen überrascht: „In beiden Briefen fehlt jede Empathie mit dem betroffenen Schüler sowie eine entsprechende Empörung über das offensichtlich rechtsextreme Gedankengut einiger Schüler.“

Was ein Grund dafür sein könnte, dass die Nazis in und außerhalb der Schulen weiterhin bandenmäßig andere Menschen terrorisieren, während sich Stadt und Schulleitung in wohlfeiler Medienkritik üben. Die Botschaft ist klar: Das Problem sind offenbar nicht die Nazis, sondern „linke“ Schüler und die bösen Medien – in Limbach-Oberfrohna nichts Neues.

Siehe auch: Sachsen: Der ganz normale WahnsinnAnschlag auf Jugendclub: Wann brennt dein Haus?Ignorant gegen Rechts: Zum Beispiel Limbach-Oberfrohna,

8 thoughts on “Limbach-Oberfrohna: Keine Kritik an Nazis

  1. Ja, da zeigt sich hier mal wieder auf zutiefst widerliche, fürchterliche und menschenverachtende Weise, wie in einer sächsischen Kleinstadt die entscheidenden Stellen und das „allgemeine Bürgertum nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt haben!!! Es ist einfach zum Kotzen, dass diejenigen, die für eine freie, unabhängige, tolerante sowie antifaschistische und antinazistische Haltung eintreten, die doch meines Erachtens überall selbstverstänlich sein sollte(!!!!), gemobbt, bedroht, diffamiert, gar tätlich angegriffen werden!!! Aber die braune Scheiße wird immer deutlicher und ungenierter zutage treten, umso mehr „offizielle Personen und Stellen“ einfach wegschauen!!!! Ich kann nur wünschen, auch wenn es sehr schwerfällt, dass die eher linken, alternativen sowie antifaschistischen Jugendgruppen und ihre Eltern standhaft bleiben und sich von den brainen Idioten nicht einschüchtern lassen, auch wenn sich das für mich aus weiter Ferne leicht sagen lässt!!! Ich kann dem betroffenen Schüler nur von ganzem Herzen wünschen, dass er an der neuen Schule sich wohlfühlen wird, und dort viele linke, alternative Gleichgesinnte finden wird, und den schlimmen Schmerz und das Leiden, das ihm die braunen Pisser bereitet haben, irgendwie „verarbeiten“ kann, was sehr viel Kraft und Stärke sowie wohl auch Zeit benötigt!!!

    Solidarische antifaschistische Grüße

    Daniel

  2. Man könnte meinen, hier sei noch altes DDR-Denken vorhanden: „Nazis? Hamma nich!“

    Und das nur 20 km von meiner Heimatstadt entfernt. Pfui sage ich da nur.

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