Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

Nur selten war vor, während und nach einer Fußballübertragung so viel von Fans – guten und bösen, echten und falschen – die Rede wie am Dienstagabend im ZDF zum Pokalspiel von Borussia Dortmund gegen Dynamo Dresden. Jeder Spieler, Trainer und Funktionär, der interviewt wurde, musste auch zu den „unerfreulichen Begleitumständen“ Auskunft geben, musste erklären, ob er sich – im Fall der Dresdner – nicht schäme oder – als Dortmunder – überhaupt verstehen könne, was hier passiert.

Von Nicole Selmer

Passiert ist, soweit sich das jetzt sagen lässt, durchaus einiges: Vor dem Spiel kam es offenbar zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Dynamo-Fans nach deren vereinbarten Marsch zum Stadion. Während des Spiels wurde Pyrotechnik im Dresdner Block gezündet, es gab Böller,  Bengalos wurden Richtung Spielfeld oder in die unteren Ränge geworfen. Fans, Randale und Gewalt – darüber wollte das ZDF berichten, es war die Story des Abends. Wie Moderator Michael Steinbrecher sagte: „Wir wollen weder verharmlosen noch dramatisieren, sondern Fakten sprechen lassen.“

Der Gewährsmann des ZDF war der mehrfach interviewte Dortmunder Polizeidirektor. Das ist okay, die Sicht der Polizei auf Vorfälle jedoch nur eine von mehreren. Agenturmeldungen über Ausschreitungen beim Fußball, die lediglich aus dem Polizeibericht abgeschrieben sind, haben sich schon häufiger als in etwa so objektiv erwiesen wie Zitate aus einem Fanforum zu denselben Vorfällen. Es waren also nicht die Fakten, die das ZDF hier sprechen ließ, sondern eben ein Polizeidirektor.

Null Differenz

Dass das Thema „Fans“ – sonst bei Fußballübertragungen oft nur lustiges Gimmick – überhaupt so viel Raum einnahm, hatte einen aktuellen Grund: Am selben Tag war der Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Polizeieinsätze (ZIS) präsentiert worden, über den sowohl in der heute-Sendung als auch im heute-Journal berichtet wurde. Zu diesem Bericht lassen sich, ganz ohne das Problem der Gewalt im Fußball zu verharmlosen, interessante Details erwähnen: Zum Beispiel die Tatsachen, dass zu den 846 verletzten Personen auch diejenigen gehören, die bei Polizeieinsätzen verletzt werden. Am vergangenen Sonntag in Hannover waren das 36.

Aber zurück zu Dortmund gegen Dresden: Was die Berichterstattung des ZDF an diesem Abend wirklich unangenehm und unprofessionell gemacht hat, war die moralische Empörung, die sich durch sämtliche Statements zog. Der Kommentator des Spiels, Wolf-Dieter Poschmann, machte deutlich, dass der Einsatz von Pyrotechnik in jedem Fall („Da kann man sagen, was man will.“) unsinnig und gefährlich ist. Eine kleine Ohrfeige für den Kollegen Oliver Schmidt, der beim letzten Länderspiel der DFB-Auswahl der Männer noch angemerkt hatte, er persönlich habe nichts gegen Pyro, solange man es nur vernünftig entsorgen würde. Das ist eine Sichtweise, die man nicht teilen muss, aber sie hat den unbestreitbaren Vorteil, differenziert zu sein. Auch BVB-Trainer Jürgen Klopp wollte ein wenig differenzieren. Er sagte nach dem Spiel, dass er gegen Bengalos („wenn das so ein bisschen hell wird“) eigentlich nichts hätte, aber Böller und Werfen der Bengalos aufs Spielfeld ginge nun mal gar nicht und wäre sehr gefährlich. Auch zu viel Differenz offensichtlich, aus seiner Äußerung wurde in der Nachberichterstattung ein Plädoyer für „emotionale Stimmung im Stadion“. Null Toleranz für Pyro also.

Dabei wäre eine kritische journalistische Betrachtung der Vorfälle im Dresdner Block auch ebenso gut mit einer differenzierten Sichtweise möglich, wenn man einfach ein wenig Kontext und Hintergrund einbezieht. Der massive Einsatz von Pyrotechnik bei diesem und den anderen Pokalspielen und auch aktuell in der Liga beispielsweise muss im Zusammenhang mit den abgebrochenen Gesprächen zwischen den Fußballverbänden und der vereinsübergreifenden Kampagne „Pyrotechnik legalisieren. Emotionen respektieren“ verstanden werden. Die aktuelle „Pyro-Offensive“ ist daher nicht einfach blindes Wüten einiger verrückter Chaoten und „sogenannter Fans“, sondern sie ist ein strategisch eingesetztes Mittel, um den Preis für Verbände und Vereine in die Höhe zu treiben. Die Verwendung von Böllern und das Werfen auf Spielfeld und Ränge ist dabei etwas, was die Kampagne nach eigenen Aussagen  selbst verhindern möchte. Daran haben die Dresdner Ultras – kein unbedeutender Teil der Initiative – sich definitiv nicht gehalten und damit die eigenen Ziele demontiert. Aber auch das wäre vermutlich der Information und Differenzierung zu viel gewesen.

Gute Dortmunder, böse Dresdner

Einfacher ist es da immer noch, die Geschichte von den guten und den bösen Fans zu erzählen. Die Guten, das waren an diesem Abend die Dortmunder, die wunderbare Stimmung der voll besetzten Südtribüne mit den besten Fans der Welt. Dass genau diese Fans bei anderen (Auswärts-)spielen selbst auch gerne Pyro einsetzen und damit in der Logik des ZDF in jedem Fall eine Gefahr für die Sicherheit sind – geschenkt. Die Bösen waren die Dresdner oder eben zumindest einige „Unbelehrbare“ und „Chaoten“. In der 79. Minute wurde das Spiel wegen Knallkörperwürfen und weil offenbar einige Dresdner versuchten, aus dem Gästeblock zu gelangen, unterbrochen. Ein weiterer Anlass für moralische Entrüstung des Kommentators; kein Versuch, vielleicht auch zu verstehen und zu erklären, was gerade passierte.

Dafür hätte ein Blick auf die Tribünen oder einfach auf die gesendeten Bilder gereicht: Viele der Dresdner Gäste trugen eigens produzierte T-Shirts mit der Aufschrift „Europa, wir kommen“ – das kann man in der 2. Runde des DFB-Pokals etwas größenwahnsinnig finden, es zeigt aber auch, wie wichtig die Partie den Anhängern war. Die Dortmunder Fans kannten diese T-Shirts offensichtlich schon, denn sie präsentierten beim gefühlt sicheren Stand von 2:0 in Minute 77 etwa eine kleine Botschaft für die Gäste: Ein Transparent mit der Aufschrift „Europa, wir kommen. Ausreiseantrag abgelehnt“ und einem mit „Abgelehnt“ abgestempelten Dynamo-Wappen. Das ist keine Entschuldigung dafür, mit gefährlichen Gegenständen zu werfen oder Menschen zu bedrohen, aber es ist eine Erklärung, und zwar eine, die leicht zu beschaffen gewesen wäre. Zur journalistischen Berichterstattung – und die Berichterstattung über das Thema Fans hatte sich das ZDF auf seine Fahnen geschrieben – gehört es, solche Kontexte einzubeziehen, den Zuschauern Hintergrunde zu erklären, ihnen Wissen über Zusammenhänge zu vermitteln. Gut möglich übrigens, dass genau diese Dortmunder Transparente an einem anderen Abend vom moralischen Bannstrahl getroffen worden und etwa als geschmacklose Entgleisung, als Beleidigung aller Bürger der ehemaligen DDR gebrandmarkt worden wären. Aber am Dienstagabend waren die Dortmunder eben die Guten.

Männlichkeit, Ehre und Gewalt

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, gewalttätige Ausschreitungen kleinzureden oder zu entschuldigen, sondern darum, dass es Teil der journalistischen Arbeit sein sollte, sie einzuordnen und differenziert zu betrachten, statt sie mit moralischer Empörung und Ignoranz zusammengerührt zu präsentieren. Dazu gehört auch, sie im Kontext von Fankultur und den dazugehörigen Vorstellungen von Männlichkeit, Ehre und Gewalt zu sehen. In genau diesem Kontext nämlich funktionieren Provokationen und Beleidigungen wie das Transparenz der Dortmunder. Als Reaktion darauf wurden im Dresdner Block Dortmunder Schals verbrannt, die zuvor vermutlich – darüber berichten mehrere Stimmen im BVB-Fanforen – Dortmundern unter Androhung von Schlägen abgenommen wurden. Dieses „Abziehen“ – das Strafrecht nennt es schlicht „Raub“ – ist ein beliebter Sport der (jugendlichen) Fankultur und fügt sich bestens ein in die Ideen von Revier- und Ehrverteidigung, in denen die Männlichkeitskultur des Fußballs funktioniert.

Vor einigen Wochen ist es in Zürich zum ersten Spiellabbruch der Schweizer Ligageschichte gekommen, mit vielen anschließenden Debatten und Rufen nach härteren Sanktionen. Eine kluge Stimme im Schweizer Journalismus gehört Pascal Claude. Er schrieb in der Wochenzeitung einen Satz, den man auch der deutschen Diskussion um Gewalt und Fußball ins Redaktionsbuch notieren möchte: „Vielversprechender wäre es womöglich, die Gunst der Stunde zu nutzen und statt über Fussfesseln und Eingreiftruppen über Männlichkeit und Macht in Subkulturen zu debattieren.“

Weitere Fotos der Ultras Dynamo.

Siehe auch: Etwas Besseres als diesen Journalismus, „Bomben auf Dynamo“: Vorwärts und vergessen

70 thoughts on “Sogenannter Journalismus: Wie erzähle ich Fußballrandale?

  1. …sehr guter Artikel der leider noch nicht weit genug geht!
    Ich lese ständig hier vermutlich, bekannterweise, wie gehöhrt…und noch weiter solche Variablen die kein Grund und Basis haben!
    Der Sturm auf die Kassenhäuschen (waren ja sowieso geschlossen)naja ich kenne kein Bild oder Video davon, trotz Masse an TV Anstalten und Handyvideos…?
    Kennt Ihr welche…und auch Auseinandersetzeungen zwischen der Polizei und den sogenannten Hooligans…sorry Fussballfans…hier wird auch von vielen Kommentatoren plakativ kommentiert das sich die Balken biegen!

    Selbst im Stammtisch von Sport1 wurde so ein Unfug erzählt…da wurde selbst vor Aussagen, über die bösen Dresdner, nicht zurückgeschreckt wie“die schossen sogar mit Schreckschußpistolen auf die Polizisten“
    Wie weit soll denn der Pranger noch laufen???Das ist unsportlich, indiskutabel und hetzerei!
    Es gab Rangeleien und Auseinander zwischen der Polizei und den Dresdnern…aber schwere Randale oder Ausschreitungen???
    Mir sind auch da keine TV Bilder bekannt…bin gerne bereit mir welche anzusehen…wenns welche gibt 😉
    Ein Beispiel…es gibt ein Viedeo was immer gezeigt wird im fernsehen wie Dynamos auf dem Weg zum Stadion sind…jaaaaaaa natürlich sind da einige die den Stinkefinger zeigen…doppelt…grrrr janz Gefährlich…aber das dieses Viedeo geschnitten ist 🙂 ja denn nach 30 sek, was man nicht sieht, kommt ein Dynamofan vorbei, trinkt seine Bierflascha aus und geht schnurgerade an einem Polizisten vorbei und schmeißt die Flasche in den Papierkorb :-O
    GUT in diesem Moment wäre ich gerne Polizist gewesen und hätte den wegen Dummheit verhaftet…oder der ist ein reicher Ossi 🙂
    Egal…so können Bilder verzerren…vielleicht hat er zu normal ausgesehen…lockige, schwarze Haare…mit Brille und ein Lächeln auf dem Mund 🙂

    …und wieso wurden beide Fangruppen kurz vor dem Stadion vermischt…sehr unprofessionell oder Kalkül…egal kann jeder sich seine Sicht Basteln wie man will…

    Ich versteh vollends das sich Leute beschweren das sie Angst haben im Stadion oder drumm herumm wenn Böller und Feuer eingesetzt wird.Absolut!
    Ich bin der Erste der solche Leute verurteilt und auch lebenslanges Stadionverbot erteilen würde…ganz Deutschland!
    Aber Herrschaften…jeder Verein hat so seine Probleme aber eben Auswärts!
    WARUM konnten soviele benghalische in Stadion kommen???
    WARUM?Weil Ihr so tolle Sicherheitleute habt…oder braucht Ihr genausoviel Nachhilfe wie jeder anderer Club in Deutschland…wie man sein Sicherheitkonzept überdenkt!

    Aber ich versteh die Leute nicht, die schreiben, sowas gabs hier noch nie und sonst ist alles schick in Dordmund…hört doch auf Leute…Ihr lügt euch doch so sehr in die Taschen…von wegen Ihr kennt die Grenzen…lächerlich sich so eine Stufe über alle Fans zu stellen und auch noch zu sagen“wir sind die besten Fans der Welt“…tztz über Euch lacht nicht nur die Sonne sondern ganz Europa 🙂 Arroganz pur!
    Qualität ist nicht Quantität, hat man ja gehöhrt am Dienstag 🙂
    Jedes Land in Europa und in der Welt haben sehr gute Fans und sind auf Ihre Weise einzigartig…Bsp: schon mal Derby miterlebt zwischen Sparta und Bohemians Prag oder mal in Brasilien beim Spiel gewesen…?
    Also etwas mehr Demut vor anderen Fans!
    …achja England, Spanien, Portugal, Serbien ect.

    Also ich will das nicht verharmlosen was beim Pokal passiert ist aber ich bitte inständig darum auch mal nachzudenken wieso alles sehr Einseitig gesendet wurde…
    Gewaltbereite Fans gehören in den Steinbruch und nicht auf die Tribüne!!!
    …ein Fan seit 35 Jahren …Forza SGD

  2. Vielen Dank für den Versuch der Differenzierung der Ereignisse. Ich war als Tageszeitungsredakteur selbst im Block der Dresdner (auch nahe bei den Geschehnissen des versuchten Übergriffs auf einen (!) Dortmunder Fan) und bin schier entsetzt über die auf niedrigestem Boulevardniveau stattfindende Berichterstattung. Das gilt besonders für die überregionale Presse, aber auch regionale Tageszeitungen.

    Allerdings stimme ich nicht mit dem an Pascal Claude orientierten Fazit überein: Aus meiner Sicht wäre es dringend an der Zeit, über den auf Platitüden und 1:0-Berichterstattung verkommenen Sportjournalismus zu diskutieren, der sich inzwischen fast ausnahmslos Meilenweit von der Fankultur entfernt hat und lieber Schnittchen im VIP-Raum ist. (Mit vollem Mund lässt es sich immer schlecht recherchieren…)

    Ich hoffe, sowohl die Text- als auch die Bildberichterstattung mit den dazugehörigen Bildunterschriften werden mal Thema einer Masterarbeit oder wenigstens unserer Fachblätter.

  3. Also Vorweg ich bin Ossi und das Plakat der Dortmunder Fans war für mich Lustig und ein super Konter auf die T-Shirts, aber keine Beleidigung oder sowas. Solche Sachen braucht doch der Fußball und die Fan-Lager, im Endeffekt Sticheleien aber halt auch nicht beleidigend.

    So, Thema Pyrotechnik. Ich bin da auch der Meinung das Pyros super Stimmung erzeugen und erlaubt werden sollten, ABER es muss halt kontrolliert passieren die Entsorgung muss gewährleistet und organisiert werden und blindes wegschmeissen geht halt garnicht.

    Thema Böller, sollten für mich weiterhin verboten bleiben, da durch den Knall allein schon kein kontrolliertes „abfeuern“ machbar ist.

    Zur Berichterstattung: Mir ist der Satz von dem Moderator Michael Steinbrecher „Wir wollen weder verharmlosen noch dramatisieren, sondern Fakten sprechen lassen.“ auch aufgefallen, da er in seinem weiteren Gelaber nur im Konjunktiv sprach und gleich vorweg schickte das nichts genaueres zu den Vorfällen, geradde die Vorfälle vor dem Spiel, bekannt ist.
    Das die Medien nicht wissen das die Gespräche zwischen Fan-Gruppierungen und DFB/DFL abgebrochen wurden, war schon vor einiger Zeit klar als die Rostocker Fans den Anfang mit der „Pyro-Offensive“ gemacht haben was glaube ich eine Woche nach dem Abbruch der Gespräche war. Da wurden die Fans noch als dumm dargestellt, weil es ja besagte Gespräche gibt, wie gesagt Diese waren schon abgebrochen.

    Fazit: Bei dem Thema wird es nie eine zufriedenstellende Berichterstattung geben da diese auch nicht, von Medien und DFB/DFL, gewünscht wird.
    Die Dresdner haben natürlich übertrieben reagiert, Pyro hätte ich verstanden die Böller waren zuviel und wenn die wirklich geklaut haben ist dieses auch nicht tollerierbar, aber ok normal werden die ja von der Polizei begleitet und wenn die dann noch Dortmundern die Schals klauen können wäre das wohl eher eine Sache die man zumindest zum Teil der Polizei mit ankreiden muss.

  4. Das scheint mir bei weitem der beste Artikel zur Thematik zu sein.

    Ich weiß nicht, was Wolf-Dieter Poschmann als Fußball-Kommentator beim ZDF verloren hat. Nichts wahrscheinlich. Er war Leichtathlet und war meines Wissens dort ein guter Kommentator bei WM oder EM. Weiterhin verstehe ich Freddie Röckenhaus in der SZ nicht, wenn er stereotypisierend von ‚Horden von 100-Kilo-Hünen spricht‘.

    http://www.sueddeutsche.de/sport/randale-von-dynamo-fans-in-dortmund-ausschliessen-auf-unbestimmte-zeit-1.1174148?commentCount=45&commentspage=2#kommentare

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