Wohin treibt die „Junge Freiheit“ ohne konservatives Dickschiff?

Die Reihen lichten sich: In der FAZ erklärte zuletzt ein echtes Dickschiff des deutschen Konservatismus seinen Abschied: Lorenz Jäger. Ihm sei das rechte Fahrwasser zu seicht geworden. Besonders für die „Junge Freiheit“ ein Schlag. Denn wenn Konservative wie Jäger den Konservatismus mit konservativen Argumenten verlassen können, stellt sich die Frage, wo auf der politischen Landkarte die Restbestände der Rechten zu verorten sind.

Von Volker Weiß*

Titelblatt der "Junge Freiheit" im November 2010

Die einst stolzen Reihen des Konservatismus lichten sich. Erst kürzlich nahm Frank Schirrmacher in der „FAZ“ einen Impuls aus Großbritannien auf. Dort hatte der langjährige Thatcher-Getreue Charles Moore angesichts der Finanzkrise überlegt, ob die linken Vorbehalte gegen die Entfesselung des Marktes nicht einen wahren Kern bergen. Mit Lorenz Jäger hat nun ein wahres Dickschiff des deutschen Konservatismus signalisiert, dass ihm die Fahrwasser der Rechten zunehmend zu seicht werden. Die Entfremdung von seiner politischen Heimat formulierte Jäger, der jahrelang den Kurs konservativen Denkens prägte, Anfang des Monats in einem bemerkenswerten Essay „Adieu Kameraden“ aus, ebenfalls in der „FAZ“. Darin beklagt er, dass sich der Konservatismus auf eine „Ideologie der Großindustrie“ und „Kriegsverkäufern“ amerikanischer Prägung reduziert habe. Die einst ehrenwerte Gedankenwelt der Gegenaufklärung sei von einer fatalen Strömung als Geisel genommen worden, die von einer deutschen Tea-Party träume. Somit fungierten ihre Anhänger nur noch als „eingeborene Hilfstruppen, Askaris, Fremdenlegionäre“ transatlantischer Außenpolitik. Auch die ewige Abrechnung mit der political correctness, einstmals sein täglich’ Brot, ist ihm auf die Dauer schal geworden.

Das Bemerkenswerte an dem Zwischenruf ist, dass Jäger seinem Lager mit dem urkonservativen Argumenten der politischen Souveränität, der gesellschaftlichen Balance und des Bewahrens der Schöpfung von der Fahne geht: „Ich verstehe nicht, warum der Konservative den menschengemachten Klimawandel für Panikmache von Gutmenschen und die Umweltauflagen gegenüber der Industrie für eine sozialistische Erfindung halten muss. Warum das Bekenntnis zu Atomkraftwerken den Rechten ausmachen soll. Ich verstehe auch nicht, was an Barack Obamas Reform der Krankenversicherung so übel sein soll, wenn man den wirklich problematischen Punkt der staatlichen Abtreibungsfinanzierung einmal ausnimmt.“ Vor allem aber zeigt sich der konservative Zug Jägers in seiner Klage über die geistigen Untiefen sogenannter Islamkritik. Sie sei „fast zum einzigen Prunk- und Ehrenzeichen konservativer Politik geworden“, bis hin „zur offenen Demagogie“. Unmissverständlich drückt er seine Verachtung aus: „am unteren Ende des Niveaus stehen die Blogger von Politically Incorrect“ (PI). Tatsächlich hat hierzulande die Rechte in ihrer Gegnerschaft (wie auch die Linke in ihrer meist reflexhaften Verteidigung) den tief konservativen Kern des politischen Islam nicht begriffen. Jetzt, da sich das Rechtsblatt „Junge Freiheit“ im Verbund mit der Anti-Islam-Partei Die Freiheit auf die Religion der Einwanderer eingeschossen hat und eine Melange aus Konservativer Revolution und Rechtspopulismus bildet, zieht Jäger einen klaren Schlussstrich: „count me out“.

Mit dieser Linie, kommentiert Jäger, mache die deutsche Rechte sich eine proamerikanische und proisraelische Strategien zu eigen, „an deren Formulierung sie keinen Anteil haben.“ Das lässt Jägers Vorwürfe allerdings in einem anderen Licht erscheinen: Es geht ihm weniger um „Industrie- und Kriegspolitik“, diesbezüglich wurde sein konservatives Ideal ohnehin schon zu wilhelminischen Zeiten von der Praxis konservativer Politik widerlegt. Es geht ihm um das Eintreten deutscher Rechter für angeblich fremde Interessen.

Allerdings unterschlägt Jäger, wie weit die „Junge Freiheit“ vor allem in kultur- und geschichtspolitischen Fragen tatsächlich von einem proamerikanischem Kurs entfernt ist. Titel wie Norman Finkelsteins ”Holocaust-Industrie“ wurden als „befreiend“ (8/01) gelobt, der Begriff des „Schuldkultes“ gehört zum Standardrepertoire des Blattes und seiner Leser. Martin Hohmann gilt der JF nicht nur als Held des aufrechten Ganges, sondern gibt in der JF auch den Experten zum Thema Antisemitismus. Selbst dem Verschwörungstheoretiker und Antizionisten Thomas Immanuel Steinberg bescheinigte man erst kürzlich, er fördere mit seinem „Enthüllungs“-Blog „so manche Perle ans Tageslicht“ (JF 34/11).

Auch geostrategisch vertritt die JF mit ihren großdeutschen Phantasien eine andere Linie. Angesichts der historischen Umbrüche in Nordafrika titelte sie zunächst mit einem panischen „Sie kommen“, schließlich fürchtet sie mögliche Flüchtlinge aus Nordafrika wie weiland ihre Ahnen die Russen vor Berlin. Die Berichterstattung des Blatts über die Gründung eines Palästinenserstaates im Nahen Ost war durchaus wohlwollend. Zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan an der Seite der USA findet sich dagegen kaum ein gutes Wort. JF-Chef Dieter Stein schrieb dazu: „Rückzug und Aufgabe ist im Fall des Afghanistan-Einsatzes keine Schande. Es ist das Gebot politischer und militärischer Vernunft.“ (JF 15/10) Sogar PI nennt den „arabischen Frühling“ eine „Farce“, fürchtet vor allem Flüchtlinge und fühlt sich angesichts der Nato-Bombardements in Libyen unangenehm an den alliierten Luftkrieg gegen Deutschland erinnert. In der Finanzkrise fährt die JF einen klaren unilateralen Kurs und sieht sich als Stimme der Euro-Gegner. Wenn all das die amerikanische und israelische Politik repräsentieren soll, muss man sich um die Welt noch mehr Sorgen machen als ohnehin schon.

*Der Hamburger Historiker und Publizist Volker Weiß hat mit dem Buch “Deutschlands Neue Rechte – Angriff der Eliten – Von Spengler bis Sarrazin” einen äußerst lesenswerten und erhellenden Beitrag zu der sogenannten Sarrazin-Debatte veröffentlicht. Weiß untersucht die deutsche Untergangsliteratur seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und fördert aufschlussreiche Details ans Tageslicht.

 Angriff der Eliten: Von Spengler bis Sarrazin

Jägers Abschied vom Konservatismus ist keiner, das zeigen seine Argumente. Tatsächlich hat sich die Rechte von der konservativen Tradition fortbewegt und ein wesentlich weniger zivilisiertes Lager gebildet. Dies hätte Jäger aber wesentlich früher aufgehen müssen. Immerhin war er 2004 Referent auf der 4. Winterakademie des Instituts für Staatspolitik. Dennoch, für die „Junge Freiheit“ ist sein Text ein harter Schlag. Ihr dienten die Sympathien etablierter Autoren wie Jäger stets als Belege der eigenen Seriosität. Am Ende bleibt nun die Frage: Wenn Jäger den Konservatismus mit konservativen Argumenten verlassen kann, wo auf der politischen Landkarte sind dann die Restbestände der Rechten um „Junge Freiheit“ und PI zu finden? Konservativ sind sie jedenfalls nicht, das ist Lorenz Jäger jetzt alleine.

Siehe auch: Kamerad Gutmensch, “Keine Politik mehr rechts von Lenin”? Konservate in der KriseRohe Bürgerlichkeit und Klassenkampf von oben,  Menschenfeindliche Einstellungen: Die Mitte am Rand?, Integrationsdebatte: Simplifizieren, polarisieren, ausgrenzen, Integrationsdebatte: Wann habt Ihr fertig?,  Rechte Revolte: Mehr Gott, mehr Staat, mehr Vaterland, Konservatismus – ein ideologischer Phantomschmerz, Auf dem Selbstfindungstrip, Die Union und der rechte Rand

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