Rettungsschirm für Tulpenhändler

Die Immobilienblase in den USA oder der Dotcom-Hype waren nicht die ersten Ereignisse dieser Art. Bereits im 17. Jahrhundert gab es in den Niederlanden eine Tulpen-Blase. Auf dem Höhepunkt wechselten keine echten Tulpenzwiebeln mehr den Besitzer, sondern Wertpapiere, die einen Anspruch auf Lieferung im Frühjahr verbrieften, Tulpenfutures sozusagen. Deren Zahl übertraf rasch die Menge der realen Ware. Die Blase platzte, der Markt brach zusammen. Nach der heutigen Logik hätten die Tulpenhändler auf einen Rettungsschirm hoffen können.

Von Stefan Frank*

Das 17. Jahrhundert war in den Niederlanden das Jahrhundert, welches man das »Goldene Zeitalter« nannte. 1602 wurde die Ostindienkompanie gegründet, die erste Aktiengesellschaft der Neuzeit. Aus einer Reihe von politischen und ökonomischen Gründen floss viel Kapital in das Land, Handel und Textilgewerbe florierten. Mit steigendem Wohlstand wurden die im 16. Jahrhundert erstmals aus der Türkei importierten Tulpen unter den Reichen immer beliebter. Einige seltene Sorten erreichten beträchtliche Preise. Eine Zwiebel der (mittlerweile ausgestorbenen) Sorte Semper Augustus etwa erzielte 1624 einen Preis von 1200 Gulden, genug, um in Amsterdam ein kleines Haus zu kaufen. Man war überzeugt, dass die Tulpenpreise nur steigen könnten, schließlich war die Nachfrage aus ganz Europa größer als das Angebot.

Broschüre von der Tulpenmanie in den Niederlanden, gedruckt 1637
Broschüre von der Tulpenmanie in den Niederlanden, gedruckt 1637

Als um 1634 auch ausländisches Kapital den Markt entdeckte, haussierte dieser noch stärker. Da nicht genügend Geld vorhanden war, um den Tulpenboom zu finanzieren, wurde der Kredit drastisch ausgeweitet, was wiederum die Tulpenpreise in die Höhe trieb. Auf dem Höhepunkt der Tulpenkonjunktur wechselten gar keine echten Tulpenzwiebeln mehr den Besitzer, sondern Wertpapiere, die einen Anspruch auf Lieferung im Frühjahr verbrieften, Tulpenfutures sozusagen. Deren Zahl übertraf rasch die Menge der realen Ware.

Ansprüche auf nicht vorhandene Tulpen wurden also gekauft mit kurzlaufenden Wechseln, die nicht durch echtes Geld gedeckt waren. Laut dem Zeugnis von Gaergoedt, einem professionellen Tulpenbroker, konnte eine Semper Augustus (die Google unter den Tulpen) auf dem Gipfel der Euphorie für über 6000 Gulden verkauft werden – das Zwanzigfache des durchschnittlichen Jahresgehalts eines Handwerkers. Am 3. Februar 1637 endete der Boom in einem Crash, von dem sich der Markt nicht mehr erholte. Das führte dazu, dass sich am Liefertermin im Frühjahr viele Käufer weigerten, den vorher vereinbarten Preis zu bezahlen. Die Wechsel waren nicht mehr einlösbar und unverkäufl ich – das, was wir heute toxic assets nennen.

Es folgte eine lange Debatte, wie die Schulden beglichen werden könnten. Im Mai 1638 erließ die Regierung ein Dekret, wonach alle Kontrakte aufzulösen seien und der Käufer 3,5 Prozent der vereinbarten Summe zu zahlen hatte.

Wie würden heutige Regierungen handeln? Sie würden die niedrigen Tulpenpreise für den Kern des Problems halten. Um den Markt »anzukurbeln«, würden sie Bürgschaften für alle Tulpenhändler abgeben, sie unter einen »Rettungsschirm« nehmen. Für den Kauf von Tulpen würden günstige Kredite zur Verfügung gestellt. Eine »Bad Bank« würde eingerichtet, um die von den Tulpenhändlern angesammelten Schuldscheine in Staatsanleihen umzutauschen. An den größten Tulpenhandelskonzernen würde sich der Staat direkt beteiligen, die Zentralbank würde außerdem zu Stützungskäufen ermächtigt, um die Tulpenpreise wieder in die Nähe der Höchststände zu hieven und so »Vertrauen« zu schaffen.

So in etwa sehen heute die Ideen vieler Experten zur Rettung der Weltwirtschaft aus. Kaum jemand kommt auf den Gedanken, dass der jahrelange Boom das eigentliche Problem war. Damals versäumte man, ihn einzudämmen, heute lässt sich die Krise mit staatlichen Maßnahmen nur verlängern, nicht aber verkürzen.

*Der Politikwissenschaftler und Publizist Stefan Frank analysiert regelmäßig die Entwicklungen an den Finanzmärkten für Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für die linke Monatszeitschrift “konkret”. Dennoch wird er für seine Publikationen auch von konservativer Seite gelobt. Die FAZ schrieb, Frank sei “einer der klügsten Mitarbeiter” der Zeitschrift. Sein Buch “Die Weltvernichtungsmaschine”, aus dem dieser Text stammt, lese sich wie die Artikelserie aus einer ordoliberalen Wirtschaftszeitung. Mit seinen Positionen eckt Frank vor allem bei Keynes-Anhängern an. Hier ein Interview mit Frank bei tagesschau.de: “Keiner wollte die Warnungen hören!”

Stefan Frank im Gespräch mit der Publikativen über die Wirtschaftskonzepte der NPD.

2 thoughts on “Rettungsschirm für Tulpenhändler

  1. „Die Tulpenzwiebelnspekulationen sind in einer Art Fieber zustande gekommen, also im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit. Bei Spielsucht ist aber nicht der Staat zuständig, sondern der Arzt.“

    Eine, von Georg Schramm zitierte, Regierungserklärung zur „Tulpenzwiebel-Spekulationsblase“ aus dem Jahre 1637

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