Forderung nach Todesstrafe nützt den Opfern nicht

Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist offenbar zurückgegangen. Dies ist zumindest das Ergebnis einer Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Der Leiter des KFN, Christian Pfeiffer, erklärte laut Medienberichten, der Missbrauch mit Körperkontakt vor dem 16. Lebensjahr gehe zurück. Er führte dies auch darauf zurück, dass die Opfer mehr öffentliche Beachtung finden und sich eher trauen, Täter anzuzeigen. Auch die NPD äußert sich oft gerne zum Thema Kindesmissbrauch – und fordert die „Todesstrafe für Kinderschänder!“ Dies zeige, dass die Neonazis von dem Thema keine Ahnung haben, wie die Leiterin der Beratungsstellte „Zartbitter“, Ursula Enders, betont.

Von Patrick Gensing

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NPD-Propaganda für die Todesstrafe von "Kinderschändern"

Wer das Wort „Kinderschänder“ benutze, disqualifiziere sich fachlich, so Enders im Gespräch. Denn dies bedeute, die Opfer lebten fortan in Schande – damit verletze man die Opfer. Aber auch der Begriff Pädophilie sei in Fachkreisen verpönt, sagt Enders. Denn wenn jemand beispielsweise frankophil sei, bedeute dies nicht, er missbrauche Franzosen.

Durch die Forderung nach drakonischen Sprachen werde es den Opfern erschwert, über das erlebte Leid zu sprechen, sagt Enders. Zurzeit wird oft gefordert, es müsse bei einem Verdachtsfall sofort Strafanzeigen geben. „Wenn wir in Fällen von sexuellen Missbrauch sofort Anzeige erstatten müssen, werden sich viele Opfer uns nicht mehr anvertrauen, weil sie Angst haben, selbst angezeigt zu werden.“ Denn beispielsweise in der Odenwaldschule haben Täter mehrere Kinder in sexuellen Missbrauch verstrickt, daher fürchteten Kinder, sie würden auch bestraft. „Die Täter sagen dann, du hast es ja auch getan“, betont Enders diese besondere Täterstrategie, die zumeist auch erst später aufgedeckt wird – so auch im Fall der Odenwaldschule.

Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Nahbereich

Zudem sind drakonische Strafen kontraproduktiv, da Opfer diese nicht verantworten wollen. Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Nahbereich der Kinder – also Freunde der Familie, Verwandte, Mitarbeiter von Institutionen. Wenn diesen Personen die Todesstrafe drohe, würden viele Opfer schweigen, so Enders weiter. Der Anteil des sexuellen Missbrauchs in der Familie mache bei Mädchen etwa 30 Prozent aus. Bei Jungen sei der Anteil deutlich niedriger. Mädchen würden zu etwa 60 Prozent im sozialen Umfeld missbraucht: Nachbarn, Freunde der Familie oder Verwandte, Mitarbeiter aus Institutionen. Bei Jungen liege der Anteil der Fremdtäter etwas höher – etwas über zehn Prozent.

Enders betont, in Gesprächen mit Opfern äußern Kinder oft die Vorstellung, die Täter säßen bei Brot und Wasser im Gefängnis. Dies empfänden die Opfer aber nicht als erstrebenswert. Daher frage Enders, ob das Opfer möchte, dass der Täter im Gefängnis Kurse besuchen, damit er solche Taten nicht wieder begehe. Dies befürworten die Opfer zumeist.

Für Opfer sei es auch belastend, wenn die Angehörigen nach dem Bekanntwerden eines Missbrauchs mit Mord an dem Täter drohen. „Dann ist mein Vater im Gefängnis, das möchte ich nicht“, so eine typische Reaktion der Kinder. Daher sollten sich Angehörige mit solchen Rachegelüsten zum Wohl des Kindes zurückhalten.

Enders berät seit Jahrzehnten Opfer, die sexuell missbraucht wurden. Sie hat mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht und hat 1987 die Beratungsstellte Zartbitter mitgegründet. Der Verein beschäftigt sich mit dem Thema Missbrauch in Institutionen, berät Missbrauchsopfer und Einrichtungen, die von Missbrauch betroffen sind.

Siehe auch: Die Rechte und der Missbrauchsskandal, Nazis den Wind aus den Segeln nehmen – Informationsbroschüre zum Thema sexueller Missbrauch, “Chemische Kastration einführen” – NPD-Antrag abgelehnt, Neonazis fordern “höchste Strafe für Kinderschänder”

19 thoughts on “Forderung nach Todesstrafe nützt den Opfern nicht

  1. ich bin auch für die todesstrafe ,ich bin aber nicht in der npd oder anderes!
    ich bin nur der meinung das es zu viele wiederholungstäter gibt uns da es die sicherheitsverwahrung so nicht mehr gibt….sind unsere kinder „ich selber vater einer 3 jahre alten prinzessin“ nicht sicher ,noch weniger als vorher!diskutirt doch nicht ob die npd drin hängt oder nicht ….es geht hier um die opfer!!!!!! was kann man machen oder ist es richtig etc.
    klar möchte man sich nicht mit der npd die gleiche meinung teilen.Die deutschen werden immer mehr weicheier.alle denken das gleiche im kleinen kreis sagen alles das gleiche aber alle haben angst es laut zu sagen weil sie dann als „NPD“ anhänger beschimpft werden..mensch sagt was ihr denkt …..

  2. Wer für Todesstrafe ist, ist für Henker.
    Lachem, wie wärs denn, wenn Deine kleine Prinzessin später mal den Berufswunsch Vollstreckerin äußerst? Große Freude für den stolzen Papa?
    Übrigens – einfach mal die Kriminalstatistiken der Länder mit Todesstrafe angucken und mit denen der Länder ohne Todesstrafe vergleichen.

  3. Danke für diesen unaufgeregten Beitrag!

    Natürlich ist Kindesmissbrauch eine Straftat und ein Ärgernis, das nicht nur die körperliche Unversehrtheit betrifft, sondern es leider häufig auch schafft, bleibende psychische Schäden zu hinterlassen!

    Was soll aber diese Auge-um-Auge-Mentalität? Welche zusätzliche Qual bringt die Todesstrafe den Opfern, die damit indirekt zu Tätern werden würden – vielleicht am „lieben“ Onkel, vielleicht am Nachbarn? Von der grundsätzlichen Frage bei der Todesstrafe, dass ein vollstrecktes Fehlurteil nicht rückgängig zu machen ist, mal ganz abgesehen!

    In Bezug auf die Pädophilie muss – bevor der Missbrauch stattgefunden hat! – mehr getan werden, Projekte wie die der Charité in Berlin (http://www.kein-taeter-werden.de/) müssen ausgebaut und gefördert werden und natürlich muss auch die Frage der Sicherungsverwahrung diskutiert werden!

  4. @lachem

    Weißt` du: das ist gar nicht so einfach, mit deinem: „…mensch, sagt was ihr denkt.“ – Stelle dir doch blos einmal vor, man würde seinem puren Gedanken in der Öffentlichkeit SO Ausdruck verleihen können, wie es der VS, Polizei und Justiz der NPD hinsichtlich ihrer Kampagne und deren blutrünstigen Klientel unter http://www.facebook.com/KeineGnadeFuerKinderschaender überläßt. – Ich möchte nicht das „Gejaule“ hören, sofern Jemand daher kommen und postulieren würde, dass die gezielte Tötung von deutschen Neonazis „das Problem“ des Neonazismus in Deutschland eindämmen könnte, so, wie es wohl die apostrophierte Selbstjustiz der NPD mit „dem Problem“ der … öhm … „Kinderschänderei“ könne. Die deutsche Justiz reagiert schon sehr erstaunlich diesbezüglich, aber sie spricht` ja nun leider immer noch Recht „… im Namen des Volkes“ – und nicht im „Namen des Gesetzes“. – So kommt` es eben, dass man „das Volk“ zum Lynchen aufrufen läßt, ganz in der Tradition des Schickelgruber und seiner NSDAP, wobei heutzutage die NPD den Part der NSDAP „spielen“ darf. – Was selbstverständlich die deutsche Politik zutiefst geschlossen ablehnt. 😉

  5. Es heißt ja immer wieder so schön, dass es um die Opfer geht (bestes Beispiel lachem) oder darum zukünftige Straftaten zu verhindern, wenn man von der Todesstrafe für Kinderschänder spricht. Aber ist das auch wahr?

    Was bringt es einem Missbrauchsopfer, wenn sein Peiniger hingerichtet wird? Glaubt wirklich jemand daran, dass das Kind dann jubelnd und freudestrahlend auch noch den Knopf drückt? Ein Kind das Missbraucht wird und vielleicht noch nicht einmal versteht was mit ihm passiert, wird plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es für den Tod eines Menschen verantwortlich ist. Wie in dem Text schon beschrieben wurde, käme dann zur Scham wohl noch der Gedanke an die eigene Schuld zum Tragen. Ich bezweifle, dass dies dem Wohl des Kindes dient.

    Und kann die Todesstrafe zukünftige Missbrauchsfälle verhindern? Ok der überführte Täter kann nichts mehr anstellen. Aber werden aus manchen Opfern später nicht auch Täter? Bis heute weiß man doch noch relativ wenig darüber, was einen Menschen dazu antreibt ein Kind zu missbrauchen. Man richtet Menschen auch seit Jahrhunderten wegen Mordes hin, und dennoch sterben täglich Menschen durch die Hand anderer.

    Der Ruf nach der Todesstrafe soll eher den Unbeteiligten dienen, indem sie selbst Rache nehmen und ihrer eigenen Wut Ausdruck verleihen wollen.

  6. Anstatt die Selbstzweifel der Opfer zu unterstützen könnte man sich mal Gedanken darüber machen wie man Kindern am besten vermittelt dass jedes Handeln VORHERSEHBARE Konsequenzen nach sich zieht.

  7. Man kann davon ausgehen dass jeder Straftäter weiß was ihn erwartet wenn er einen Menschen verletzt. Das ist Gerechtigkeit. Und bittee…Auge um Auge Mentalität…kann denn jetzt jeder machen was er will? Dem Kind wird dadurch natürlich nicht geholfen, aber ist es nicht beruhigend zu wissen, dass solche Bestien harte Strafen dafür erwartet? Pacifismus und Toleranz kann auch übertrieben werden. In so einer verweichlichten Gesellschaft möchte ich nun wirklich nihct leben. Ganz unabhängig von meiner Meinung über die NPD(denn die ist negativ).

  8. Mit einem kleinen Vorurteil sollte erst einmal aufgeräumt werden:

    Natürlich gibt es noch die Sicherungsverwahrung von xtrem gefährlichen Tätern!
    Lediglich die NACHTRÄGLICHE Anordnung der Sicherungsverwahrung ist vom EuGH gekippt worden. Das Bedeutet, dass die Sicherungsverwahrung vom Gericht immer bei der Urteilsverkündung verhängt werden muss und nicht nachher.

    Es gibt nicht wirklich viele Täter, die in der Sicherungsverwahrung sitzen. Unser Staat kann sich das locker leisten! In der BRD gibt es keinen vernünftigen Grund, einen Menschen hinzurichten. Die Strafe, nämlich lebenslang eingesperrt zu sein, ohne Aussicht auf Entlassung, ist hart genug.

    Im übrigen wäre es eh verfassungswidrig, da eine Einführung der Todesstrafe den Wesensgehalt des Art. 2 II GG (Recht auf Leben) ändern würde, was nach der Ewigkeitsklausel Art. 79 GG verboten ist. Sie würde Eingriffe in das Recht auf Leben nach Art. 2 II GG auch zur Repression und nicht nur wie bisher zur Prävention erlauben.

    P.S.: Die Täter, egal welcher straftat, kennen die Strafen! Sie handeln trotzdem. In den USA, wo es viel längere Freiheitsentziehungen gibt, ist die Kriminalitätsrate höher als in der BRD. Härtere Strafen alleine nutzen demzufolge exakt nichts.

  9. @11 (lachem):

    ein satz in ihrem beitrag scheint ihnen besonders wichtig gewesen zu sein. im gegensatz zu den acht anderen sie haben ihn mit sechs ausrufezeichen versehen.

    im ersten satz sprechen sie von sich und ihrer meinung zur strafe. im zweiten mutmaßen sie über die zahl der wiederholungstäter und ein mittlerweile angeblich fehlendes instrument, ihren taten zu begegnen.

    diese these bekräftigen sie im dritten satz mit einer interessanten konstruktion: wenn ihre these stimmte, ergebe sich für mögliche opfer eine schlimme konsequenz („noch weniger als vorher“).

    im vierten satz fordern sie, in diesem zusammenhang nicht über die npd zu diskutieren.

    hier kommt nun der fünfte satz, der ihnen so wichtig ist: es geht hier um die opfer!!!!!!

    im sechsten satz skizzieren sie eine diskussionsstrategie, die sie für besser halten.

    im siebten, achten und neunten satz grenzen sie sich von der npd ab, und das geht bei ihnen so: wie npd denken ist ungewünscht, deutsche sind verweichlicht und eigentlich denkt jeder wie npd, traut sich aber nicht, als wie-npd-denker ausgegrenzt zu werden. das problem sei also die öffentliche beurteilung der gedanken, nicht die gedanken selbst.

    fällt ihnen auf, wie paradox ihre schlussfolgerungen sind? wenn wirklich alle wie die npd denken, wo sind denn dann diejenigen, die dagegen argumentieren? ihre vorstellung von vollständigkeit erscheint mir unangebracht. wenn alle die npd toll finden, dann ist sie hoch populär und kann gar nicht opfer von ausgrenzung sein. ihr gegner wäre nur imaginiert.

    sie beschließen ihren kommentar mit der aufforderung, die diskussion ehrlich fortzusetzen.

    ich finde schade, dass sie ihren eigenen ideen für diese diskussion selber gar nicht folgen. sie schreiben emphatisch, dass es um die kinder ginge. in ihrem beitrag kommen diese nur in der forderung und in ihrem bekräftigungsversuch ihrer unbelegten these vor.

    wenn es wirklich um die kinder geht, dann habe ich hier ein kleines gedankenexperiment für sie:

    wenn sie kriminologen fragen, werden die ihnen erzählen, dass die meisten fälle von sexuellem kindesmissbrauch im familien- und bekanntenkreis passieren. fragen sie mal einen kriminalbeamten jeglichen geschlechts danach, wie schwierig es ist, mögliche opfer sexuellen kindesmissbrauchs effektiv und strafprozessual sicher zu befragen. diese sind immer auch in einem familiensystem gefangen, dass ihre einschüchterung betreibt und ihnen viele gründe gibt, den missbrauch weiterhin zu verschweigen und die täter zu schützen, die nicht selten wichtige bezugspersonen der opfer im familiensystem darstellen.

    meinen sie nicht, dass die vorstellung „der papa wird dann umgebracht“ eine erfolgreiche vernehmung dramatisch erschwert? sind sie bereit, für wenige täter auf dem scheiterhaufen mit unzähligen fällen zu bezahlen, die ungesühnt ins dunkelfeld verschwinden?

    dass es ihnen um die kinder geht, nehme ich ihnen nicht ab. der npd geht es sicherlich um die aufregung, die das thema mit sich bringt, und darum, in hitziger debatte möglichst extreme standpunkte zu vertreten, die die hitze der diskussion aufgreifen.

    was sie mit ihrem widersprüchlichen appell bezwecken, weiß ich nicht. die lebenswelt missbrauchter kinder spielt dabei offensichtlich keine rolle.

    da helfen auch keine sechs ausrufezeichen.

    .~.

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