Kamerad Gutmensch

Prominente Konservative schwören öffentlich ab und preisen vermeintlich linke Idee. Die Krise konservativen Denkens führt aber nicht zu einem Umdenken, sondern zu einer Suche nach einer Ersatzheimat für die eigenen antiliberalen Vorstellungen.

Von Andreas Strippel

Gutmensch schlechthin: Ned Flanders
Gutmensch schlechthin: Ned Flanders

„Adieu Kameraden, ich bin jetzt Gutmensch“, mit diesen markigen Worten verkündete Lorenz Jäger in der FAZ seinen Abschied als Konservativer vom Dienst. Er mag nicht mehr. Aber was mag er eigentlich nicht mehr? Kurz gesagt ist ihm der Konservatismus nicht mehr sexy genug, ist ihm zu unbestimmt, zu wichiwaschi. Jäger ist auf der Suche nach der Rückgewinnung von Autorität – staatlicher und moralischer. Und er ist nicht allein. Es ist gerade zu in Mode gekommen, dass Konservative Zweifel anmelden, ob sie wirklich die Sieger der Geschichte sind.

Das historische Bündnis von Konservatismus und neoliberaler Vorstellung, wie sie mit Margarte Thatcher und Ronald Reagan ihren Anfang nahm, hat den Konservativen zugesetzt, die letze Krise führte zu massiven Verunsicherungen und vor allem hat sie eines bewirkt. Der Konservatismus hat sein lange Jahre gepflegtes Selbstverständnis, die Wirklichkeit abzubilden, zu der sich alle anderen irgendwie ideologisch verhalten, eingebüßt. Konservatismus ist nur noch eine wenig greifbare Marke im politischen Geschäft, die mühsam um Deutungshoheit ringt.

Jäger speziell beruft sich auf Edmund Burke, den Ahnherren Antiliberalen Denkens, und bastelt sich dann eine Welt, in der der Konservatismus so etwas wie der Garant für Moralität, Staatlichkeit und Demokratie sei. Das Problem ist nur: Das ist historischer Unsinn. Gerade der Deutsche Konservatismus war ein zuverlässiger Bündnispartner von Militär und Großindustrie und bis 1945 ein ausgesprochener Feind jeglicher Demokratie. Nach 1945 begann eine Phase der Neuorientierung, Demokratie und Massengesellschaft wurden als Tatsachen akzeptiert und der junge Franz Josef Strauß verkündete, konservativ sei, an der Spitze des Fortschritts zu stehen. Frei nach dem Motto, was wir nicht verhindern können, wollen wir kontrollieren.

Meinung muss nicht revidiert werden

Der neue ex-Konservative muss derweil gar nicht seine Meinung revidieren, sondern nur eine neues Lager suchen. Er will weiterhin für starken Staat und gegen Kriminelle sein. Und wenn der Kriminelle ein Ausländer ist, will er auch gegen kriminelle Ausländer sein, denn seinen Realitätsanspruch lässt er sich nicht kaputt machen, schon gar nicht von rassistischen Diskursen. Distinktionsgewinn, das zählt – und weil die Rassisten für den gehoben Konservativen irgendwelche glatzköpfigen Jungmänner sind, weiß er sich dem gegenüber erhaben. Damit hat er nix zu tun. Und damit der Laden erhalten bleibt, darf‘s heut zutage auch ein bisschen Ökologie (findet ja auch der Papst gut) und ein Hauch von Sozialpolitik sein.

Wenn Schirrmacher von den richtigen Ideen der Linken träumt, dann meint er die Helmut Schmidt SPD, weiter nach Links geht seine Vorstellung nicht, wenn Jäger von der Natur träumt, die es zu erhalten gilt, dann macht er sich mit jenen Grüne gemein, die gern mit der Lebensschützerfraktion der Union sprechen und die die Schöpfung bewahren wollen. Wenn aus diesen Kreisen gegen die Islamkritiker gewettert wird, dann nicht wegen des immer offeneren Rassismus, sondern weil Religion öffentlich zum Gespött gemacht wird. Das Ganze ist auch eine Reaktion auf die intellektuelle Selbstentleibung des Konservatismus, der letztlich nur nachholt, was auf der Linken seit Ende der 1980er Jahre im Gange ist. Und hier muss man Verständnis habe, denn wer will schon mit Jan Fleischhauer, dessen intellektuelle Leistung darin besteht, alles was er gut findet zu Konservativ-Gedanken zu erklären und alles was er für schlecht befindet für Links, in einem Atemzug genannt zu werden.

Lesetipp: “Keine Politik mehr rechts von Lenin”? Konservate in der Krise

Die konservativen Renegaten begehen am Ende des Tages aber Selbstbetrug, wenn sie dem Konservatismus abschwören, dessen Krise sie selbst sind. Jäger und Schirrmacher – und wer sich da noch so einreihen wird – wollen die Krise nutzen, um ihren Konservatismus unter einem neuen Label zurück zu holen. Sie wollen Gutmenschen und Linke sein, weil sie in dem, was sie darunter verstehen, den Hort des neuen Konservatismus sehen. Die Frage ist, ob das alternative und neuwilheminische Stadtbürgertum, das Rot-Grün wählt und seinen Antirassismus dadurch verwirklicht sieht, das es die Schwarzarbeit der polnischen Putzfrau gut bezahlt, mit den alten Konservativen spielen möchte.

Siehe auch: Rohe Bürgerlichkeit und Klassenkampf von oben,  Menschenfeindliche Einstellungen: Die Mitte am Rand?, Integrationsdebatte: Simplifizieren, polarisieren, ausgrenzen, Integrationsdebatte: Wann habt Ihr fertig?,  Rechte Revolte: Mehr Gott, mehr Staat, mehr Vaterland, Konservatismus – ein ideologischer Phantomschmerz, Auf dem Selbstfindungstrip, Die Union und der rechte Rand

4 thoughts on “Kamerad Gutmensch

  1. roland reagan ist richtig gut – bitte nicht verbessern!

    anregende these, vielen dank für den artikel.

    .~.

  2. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, im Leben geht es schließlich und endlich, immer und überall nur ums Geld und natürlich auch um Macht. Punkt!

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