Heiopei der Woche: Roland Tichy

Haifisch-Absturz
Heiopei - der publizistische Wochenabsturz (Foto: Dave Morris / Daveybot, CC BY-NC-SA 2.0).

Mit dem Titel „Heiopei der Woche“ zeichnet die Publikative den größten intellektuellen Absturz aus, den wir in den jeweils vergangenen sieben Tagen zur Kenntnis nehmen mussten. Heutiger Preisträger ist Roland Tichy, seines Zeichens Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“ (WiWo). Er hat ein drängendes Problem entdeckt und zur Chefsache gemacht: die Ausgrenzung von Männern (sic!) in deutschen Unternehmen.

Als Chefredakteur des führenden Wirtschaftsmagzins hat Tichy derzeit einiges um die Ohren, könnte man meinen – Euro-Krise, Bankenkrise, Wirtschaftskrise – aber nein: In seinem unfassbar originell betitelten Blog „Chefsache“ widmet er sich stattdessen der Piraten-Partei, seiner Meinung nach „die Grünen in Besser“. Und das geht so:

„Die Piraten […] repräsentieren den Lebensstil der Generation Internet, sie sind die Jünger von Steve Jobs. Das Netz ist ja nicht ein Spielzeug, mit dem man E-Mails verschicken und Pornovideos gucken kann; es ist eine soziale Revolution.“

Merke: Mit dem Netz kann Mann also nicht nur Pornos gucken, wie der brunftige WiWo-Leser (männlich) bisher dachte – nein, weit gefehlt: Es ist an und für sich eine „soziale Revolution“ – Urheberrecht hin, Staatstrojaner her. Und warum? Weil:

„Die Piratenpartei ist von Männern dominiert. Weniger als zehn Prozent des Nachwuchses in IT-Berufen sind Frauen – aber bei Jobs an der Uni werden sie auf 50 Prozent hochgequotet und bald auch in der Industrie. Wenn die Piraten „Geschlechtsungleichheit“ ablehnen, wehren sie sich gegen die Frauenförderpolitik, die für die heute unter 40-jährigen Männer bedeutet, dass ihre Karrieren von Quotenfrauen blockiert werden. Ist es ein Wunder, dass sich Ausgegrenzte eigene Parteien schaffen? Politik entwickelt sich dialektisch, wusste schon Karl Marx.“

Die „Revolution“ ist folglich vor allem deshalb „sozial“, weil früher alles besser war: Da wurde nämlich noch jeder dahergetaperte Gimpel mit einem Posten versorgt, wenn er denn im Stehen Pipi machen konnte. Und auch der letzte VWL-Student konnte durch seine Männerseilschaften noch weit nach oben gespült und – nur als Beispiel – Chefredakteur mehrerer Wirtschaftsmagazine werden. Selbst wenn die ersten beiden Titel eingestellt wurden und sich die Mitarbeiter neue Jobs suchen mussten – es ging immer munter weiter flott zum dritten Flagschiff, wo man als Kapitän weiter „Chefsachen“ machen konnte – ohne lästige Quotenfrauen auf der Brücke – quod erat demonstrandum.

Wir fangen jetzt erst gar nicht damit an, aufzuzählen, wie viele DAX-Unternehmen Frauen an der Spitze (oder wenigstens im Vorstand oder Aufsichtsrat) haben – oder wie hoch die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen ist – oder warum das Netz keine Revolution und Karl Marx nicht Karl May … nein, das ersparen wir Ihnen. Dank der Piratenpartei ist jetzt jedenfalls endlich Schluss mit der Männerausgrenzung, die soziale Revolution in vollem Gange und Karl Marx sagt Ja zu Porno-Netz und Kapital.

Tichys Verdienst bleibt es, durch seine Lobeshymne die Anschlussfähigkeit von Teilen der Piraten-Ideologie an vollkommen verquere, aber ebenso vollkommen reaktionäre Gedankengänge offengelegt zu haben. Ob wir in diesem Jahr noch größeren Unsinn lesen müssen, bleibt dagegen abzuwarten. Einstweilen machen wir einen Haken an alle Vorurteile über das Niveau des deutschen Chef-Journalismus und harren all der lustigen Piraten-Sympathisanten, die da noch kommen werden. Vielleicht äußert sich demnächst ja Dieter Bohlen? Das verspräche zumindest einen gewissen Unterhaltungswert. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

4 thoughts on “Heiopei der Woche: Roland Tichy

  1. Der besagte Artikel in der ‚WiWo‘ liest` sich so, wie sich eine „Erklärmaus“ für „geistig Arme“ anhört. `Schon lustig, und dieses ‚lustig‘ braucht` nicht einmal in Anführungszeichen gesetzt zu werden. – Sehr erfrischend. :)

    p.s. der Hai is` geil und assoziiert in mir eine steckengebliebene V2 in britischen Vorstadtdächern. *g*

  2. Hehe, schwieriges Thema.

    Aber mit dieser Aufmerksamkeit hat Tichy sein Ziel wohl erreicht…

    Ich sag’s mal so – ich kann Tichys Kritik nachvollziehen, denn es ist tatsächlich ein Problem, dass die Männer meine Generation nun für die Fehler der Männer vergangener Generationen leiden müssen – denn natürlich führt die Bevorzugung von Frauen zu einer Benachteiligung der Männer.

    Auf der anderen Seite war dieser Schritt schon lange überfällig – daher bin ich auf für Quoten in einem gesunden Rahmen. Einfach weil man irgendwann beginnen muss, die Fehler der Vergangenheit zu beheben. Aber dieser Prozess darf nicht nur auf den Schultern einer Generation ausgelagert werden – es sollte ein langfristiger Prozess mit langsam aber beständig wachsenen Quoten sein…

    Wie gesagt, ich kann die Kritik Tichys nachvollziehen – als ich mich nach dem Studium bewerben musste stand in 2 von 3 Stellenanzeigen dieser tolle Satz „bei gleicher Qualifikation werden weibliche Bewerber bevorzugt“. Dass das „bei gleicher Qualifikation“ seeeehr weit ausgelegt wird (denn wirklich gleiche Qualifikationen gibt es kaum…) ist da leider kein Geheimnis… da fühlt man sich als Mann schon verarscht.

    Wie gesagt, es ist nötig, aber irgendwie fällt es schwer, diese Notwendigkeit zu akzeptieren, wenn man selbst der dadurch Benachteiligte ist…

    Anders gesagt:
    Wer sich heute als Mann mit 25-30 auf eine Führungsstelle bewirbt sollte nicht deshalb benachteiligt werden, weil in den Führungsstellen so viele Männer der letzten Generation sitzen… Unrecht und Unrecht ergibt nicht Recht – auch hier nicht. Altes Unrecht gegenüber den alten Frauen mit neuem Unrecht gegenüber den neuen Männern beheben zu wollen ist schlicht der falsche Ansatz…

    Ob man für diese Meinung einen Negativpreis verdient hat… naja…

  3. „Karl Marx nicht Karl May … nein, das ersparen wir Ihnen.“ Haha! Danke…

    Ja, das ist schon wirklich eine Revolution: Die „contentgenerierenden“ Gewerbe haben mehr Arbeit(durch mehr Publikationskanäle die bedient werden wollen) und weniger Geld. Der User muß sich die schleichende Rasterfahndung gefallen lassen.

    …aber Hauptsache sozial. Wie sozial eiegentlich!? Im Sinne von sozialistisch!? …sozialdemokratisch!? Klingt aber gut… find ich ja auch… 😉

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