Friedrichs Kies und Papas Galao

Der Streit zwischen „Latte-Macchiato-Müttern“ und dem Rest der Großstadt-Bohème eskaliert erneut: TAZ-Autorin Anja Maier bezeichnete gestern pauschal alle Mütter im Prenzlauer Berg als „Rinder“ – auch wenn sie ihre Worte einer Kaffeehausbesitzerin in den Mund legte.  Daraufhin hagelte es innerhalb weniger Stunden mehr als 300 Kommentare von Leserinnen und Lesern. Die Fronten standen sich dabei derartig unversöhnlich gegenüber, dass man „zum Misanthrop werden könnte“ – wie ein Beobachter bemerkte. Die Publikative mischt sich daher mit einer etwas differenzierteren Betrachtung ein: Wie fühlt man sich als kritisch denkender Mensch in seiner Vaterrolle nach siebenmonatiger Elternzeit in Hamburg (wo man bekanntlich Galao statt Macchiato trinkt)?

Von Georg Felix Harsch

Straßenszene
Diese scheinbar friedliche Szene täuscht: In Wirklichkeit tobt hier ein Krieg zwischen Eltern und anderen Menschen. (Foto: Genial23; CC BY-NC-ND)

Was habe ich über die Fernseh-Witzeerzähler und Großmagazinjournalisten gespottet, die Bücher oder große Artikelserien über ihre zwei Monate Elternzeit geschrieben haben. Für die sind ein paar Wochen Vollzeit-Reproduktionsarbeit eine
sensationelle Abenteuersituation à la Heliskiing oder Canyon Rafting und damit eine Chance, mit einem richtig abgefahrenen Thema profitabel auf sich aufmerksam zu machen. Und jetzt schreibe ich selbst über die letzten sieben Monate, in denen ich meine Tochter betreut und vom staatlichen Elterngeld gelebt habe.

Abgefahren im Sinne von minoritär ist es aber in der Tat, als Vater über längere Zeit die Betreuung des eigenen Babys zu übernehmen. Laut den vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen für 2009 nehmen 23 Prozent aller Väter das Elterngeld in Anspruch, davon jedoch wiederum nur 25 Prozent für länger als die beiden sogenannten „Vätermonate“. Das kann einem unvernünftig erscheinen, da Männer wegen ihres allgemein durchschnittlich höheren Verdienstes auch rund 30 Prozent mehr Elterngeld erhalten als Frauen. Möchte man also während des ersten Jahres seines Babys möglichst viel Geld vom Staat bekommen, dann sollte auch das Elternteil mit dem höheren Elterngeldanspruch zu Hause bleiben. Aber mehr ist eben relativ. Nur wenn man wie ich als freier Übersetzer in einem traditionellen Frauenmetier, also einem unterdurchschnittlich honorierten Beruf arbeitet, fällt es auch leichter, auf Erwerbsarbeit und 35 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zu verzichten.

Anarchopunk auf Elterngeld

Grundsätzlich fußte die Entscheidung, die Betreuung meiner Tochter zur Hälfte zu übernehmen, weniger auf diesen ökonomischen Überlegungen als auf einer Vorstellung von gleichberechtigter Partnerschaft und meinem Interesse am eigenen Kind. Doch das Elterngeld-Programm, das ja nicht zuletzt zum Ziel hat, Leute mit Universitätsabschluss zum Kinderkriegen zu animieren, passt zum zwangsflexibilisierten, medienproletarischen Existenzmodell unserer Kleinfamilie wie Babyarsch auf Windel. Dass nach der Umstellung vom Erziehungsgeld auf Elterngeld die untersten Einkommensgruppen, Hartz-IV-Empfänger und Alleinerziehende schlechter dran sind als vorher, als sie wenigstens noch einkommensunabhängig geringe Pauschalsätze erhielten, darf nicht ungesagt bleiben, schmälert aber mein Interesse an den regelmäßig und pünktlich eintrudelnden Zahlungen keineswegs.

Nach zehn Jahren Berufstätigkeit, in denen ich nie sicher wusste, wie viel Geld ich in den nächsten Monaten verdienen würde und wann (oder ob) meine Honorare überwiesen werden, ist das Haushalten mit monatlich bezahlten Elterngeldbezügen trotz des Einkommensverlustes auch einfacher geworden. Darüber hinaus hat mich das Leben vom Elterngeld auch wieder an etwas erinnert, das ich als jugendlicher Anarchopunk schon einmal sehr genau wusste, über die ganze Arbeiterei aber fast wieder vergessen hatte: Lohnarbeit ist ein gesellschaftlicher Zwang, den man aus Gründen des ökonomischen Überlebens erträgt, und eben kein notwendiger Weg zu realer Individuierung.

Die Neoliberalisierung des Arbeitsmarkts

Gefragt, warum sie keine oder nur wenig Elternzeit nehmen, argumentieren andere Väter meiner Erfahrung nach fast ausschließlich mit beruflichen und ökonomischen Sachzwängen, die anscheinend so bei den dazugehörigen Müttern nicht existieren. Diese Begründungen werden regelmäßig verteidigend oder bedauernd vorgebracht, so als würden diese Männer tatsächlich nichts lieber tun, als mindestens ein halbes Jahr ihre Kinder zu betreuen. Nur leider, leider geht das auf keinen Fall, weil sie in ihren Betrieben so wichtige Schlüsselfunktionen einnehmen, dass dort alles zusammenbrechen würde, wenn sie nicht da wären.



Bei allem Glauben an einen realen gesellschaftlichen Fortschritt in der Geschlechterhierarchie drängt sich mir dann immer der Verdacht auf, dass es sich hier auch um einen Selbstversicherungsstrategie handelt, die man im Englischen als „whistling in the dark“ bezeichnet und die in diesem Fall mit der Neoliberalisierung des Arbeitsmarkts zu tun hat. Die ständige Betonung der eigenen Unabkömmlichkeit kompensiert dabei die reale Unsicherheit der Beschäftigungsverhältnisse. In diesem Denkmodell ist man also kein gut qualifizierter und trotzdem proletarisierter Beschäftigter mehr, sondern trägt entscheidend zum Produktionsprozess bei. Man könnte sich sogar vorstellen, dass womöglich in einem weniger prekären Arbeitsmarkt, wie es ihn in der BRD in den 70er- und 80er-Jahren gab, mehr Väter bereit gewesen wären, länger Elterngeld in Anspruch zu nehmen.

Spaß beim Vollzeit-Reproduktionsjob

Aber wie fühlt sich Vollzeit-Reproduktionsarbeit in diesem minoritären Setting denn an? Nun ja, sie macht in meinem Fall vor allem zwei Dinge, die Erwerbsarbeit nicht verlässlich macht, nämlich Spaß und gesund. Den ganzen Tag mit einem Menschen zu verbringen, den man furchtbar gern hat und der seine Umwelt spielerisch und nach dem Lustprinzip erkundet, ist ohne Frage erfüllender, als den ganzen Tag lang die Texte anderer Leute von einer Sprache in die andere zu pfriemeln. Auch Erfolgserlebnisse hält die Aufgabe zuhauf bereit. Nach Jahren, in denen ich mich schon gut organisiert fühlte, wenn ich beim Verlassen der Wohnung an Geld, Schlüssel und Mobiltelefon gedacht hatte, trage ich nun jedes Mal eine vollständig gepackte Tagestasche mit ungefähr 47 essentiellen Babypflegeartikeln, Reiswaffeln und Spielzeugen bei mir.

In den ersten, weniger bewegungsintensiven Monaten ist es mir außerdem regelmäßig gelungen, die vom Büro zurückkehrende Freundin nicht nur mit einem schon fast eingeschlafenen, zufriedenen Baby, sondern auch mit einem Stapel gefalteter Wäscheund einem warmen Essen in der geputzten Küche zu empfangen. Dergleichen Herkulestage gab es dann mit zunehmender Mobilität der Tochter immer weniger, da die Unfallprävention zunehmend Priorität über die Haushaltsarbeiten bekam. Dafür gab mir das andauernde Aufstehen, Hinsetzen und Hinterherrennen im Lauf der Monate tatsächlich meine Figur von vor zehn Jahren zurück: Neun Kilo in vier Monaten, das hatte ich vorher noch nie geschafft. Meine neue Attraktivität wird auch durch gelegentliche Augenringe nach schwierigen Nächten und die absolut unvermeidlichen Bananen- und Karottenbreiflecken an den Schulterpartien von Hemd und Jackett keineswegs geschmälert. Im Gegenteil, diese kleinen Makel fügen ihr noch etwas Verlebtes und Schmutziges hinzu.

Auf dem Spielplatz ohne „Frau Mama“

Spielplatz
Spielplatz statt Büro: Für die meisten Väter nicht die erste Wahl (Foto: cklingler; CC BY-NC-SA)

Derart ichgestärkt gehe ich dann mit Kind und Wagen entspannt und fröhlich nach draußen, auf den Spielplatz, wo ich andere sympathische Eltern treffe, die gleichberechtigte, polymorphe Familienpraxen pflegen und immer wieder kurz mal eine rauchen. Vorausgesetzt, ich bleibe im bohemistischen Innenstadtviertel. Verlasse ich es, laufe ich oft geradewegs gegen die Betonwand traditioneller Rollenmodelle. An der Sandkiste in der Besserverdienergegend fragt mich eine beperlohrringte Mittdreißigerin mit hochgeklapptem Polokragen, wo denn „die Frau Mama“ sei. Und anstatt ihr zu sagen, dass ich die nicht kenne, oder ihr wenigstens zu erklären, dass wir nicht mehr im Kaiserreich leben, sage ich wahrheitsgemäß, dass sie arbeiten geht, während ich mich um die Tochter kümmere. Darauf schmilzt das freundliche Lächeln, und mit unverhohlener Verachtung in der Stimme sagt sie: „Na, wenn man sich’s leisten kann.“ Kurz darauf erklärt eine andere Mutter ihrem elfmonatigen Sohn, dass er kein Recht hätte, zu weinen: „Friedrich, wer Kies isst, darf sich über Bauchweh nicht beklagen.“ Das ist natürlich kein Umfeld für mein Kind, und wir packen schnell unsere Sandelsachen zusammen. In diesen Situationen mache ich mir dann Sorgen um einen größeren Erfolg des Elterngelds. Wenn die Rechnung der CDU aufgeht und das Programm tatsächlich dazu führt, dass diese neuwilhelminische Großstadtbourgeoisie mehr Kinder bekommt, kann das für die Kinder selbst und alle anderen anstrengend werden.

Als Vollzeitvater bin ich der Mehrheitsgesellschaft und ihren Werturteilen natürlich ganz anders ausgesetzt als in den Jahren, in denen ich allein am Schreibtisch mit Texten gerungen habe. Aber mein Baby schützt mich gleichzeitig hervorragend vor Ressentiments und ungefragt vorgebrachten unangenehmen Meinungen. Von der hanseatisch-reservierten Oma von gegenüber bis zum Bushido-Klon mit den Frakturbuchstaben auf dem Hals, der im Cabrio vorbeifährt, reagieren nämlich die allermeisten Menschen instinktiv positiv auf Babys. Sie lächeln, grüßen freundlich und initiieren angenehme Kleinstgespräche. Dieses fröhliche soziale Eintauchen in Straße und Viertel sorgt in Kombination mit der notwendigen Regression, die Babybetreuung eben mit sich bringt, wenn man minutenlang Furzgeräusche macht oder sich anderweitig vorsprachlich bestens unterhält, für einen dauernden Vorrat an guter Laune. Und die kompensiert hervorragend die Übermüdung und Überforderung, die die Aufgabe natürlich auch regelmäßig mit sich bringt.

3 thoughts on “Friedrichs Kies und Papas Galao

  1. Wenn das Elternteil mit dem höheren Einkommen Elternzeit nimmt und Elterngeld vom Staat kriegt, dann ist aber mit der höheren Differenz zum Normallohn auch der Verlust größer. Es ist also besser, die weniger verdienende Mama bleibt daheim bei Kind und Kegel.

    Aber was hat das mit dem lächerlichen Streit um Rinder (damit sind _nicht_ pauschal alle Mütter gemeint) und den hinter allen Emanzipationserfolgen zurückgefallenen Latte-Müttern im Prenzlberg zu tun?

    1. Zu ersterem: Genau das besagt der Artikel ja auch: Mit dem Elterngeld in dieser Form wird die bestehende Rollenverteilung eher bestärkt als verändert – was ja unter Umständen trotz aller schönen Gegenreden auch die Absicht der Koalition gewesen sein könnte, die somit ihre konservative Klientel gewissermaßen durch die Hintertür bedienen kann. Das heißt, man unterstützt das eigentlich favorisierte konservative Familienbild (Mama kümmert sich um die Kids), versteckt dies aber gleichzeitig hinter einer als total „modern“ verkauften Maßnahme. Und trotzdem sorgt man unter Umständen sogar noch für ein wohliges Gefühl bei der avisierten Klientel (Großstadt-Akademiker). Warum? Weil, wenn beide ungefähr dasselbe verdienen (wie in unserem Beispiel), dann bleibt Papa tatsächlich auch mal länger daheim. Und wenn nicht, dann wenigstens die zwei Monate, die es braucht , um sich als „neuer Mann“ zu fühlen und darüber zu berichten. Gleichzeitig ist am unteren Ende der Einkommensskala aber durch die Reform real massiv gekürzt worden. Ein Schelm, wer da die bevölkerungspolitischen Maxime „Die Falschen haben in Deutschland zu viele Kinder“ als Hintergrund des Elterngeldes vermutet.

      Zum zweiten: Es hieß „pauschal alle Mütter im Prenzlauer Berg“ – und nach wie vor finden wir, dass man den TAZ-Artikel durchaus so lesen kann, schließlich wird dort nicht ein einziges Mal eine nicht abwertende Bezeichnung für *dortigen* Mütter gefunden – noch nicht einmal der Begriff Mutter taucht außerhalb der Überschrift auf. Den Zusammenhang sehen wir darin, dass im TAZ-Artikel auf der symbolischen Ebene (Kaffehausbesitzerin vs. „Rinder“) Frauen gegeneinander ausgespielt werden, aber in keiner Weise thematisiert wird, warum ständig die Mütter allein in den Cafés hocken und wo eigentlich die Männer sind? Wir sehen da insgesamt eher einen Klassenkonflikt, den man in Deutschland ja leider meistens nicht mehr so bezeichnen will, wohinter er sich dann umso besser verstecken lässt: Die Mütter und Kinder des Bürgertums, wie großstädtisch, prekär und cool auch immer, in Gegenüberstellung zu Frauen, die eben einfach arbeiten müssen, so wie die Caféhausbesitzerin. Darum ging es unter anderem in unserem Beitrag.

  2. Die Idee der Elterngeldreform war ja auch: mehr Kinder von Akademikerinnen. Was anderes stand doch da nie drauf. Funktioniert hats aber leider nicht. Die kriegen nach wie vor keine Kinder, sondern kümmern sich um ihre heutzutage endlich mögliche Karriere. Logische Folge der Emanzipation, kann ich nix gegen sagen.

    Und ja: wo sind die Väter? Ich habe bei meinem ersten Kind fünf Monate Elternzeit genommen, und in dieser Zeit war ich nicht Kaffee trinken, weil das Kind da schon größer war und nicht mehr den ganzen Tag im Kinderwagen schlief. Zudem mag ich das rudelmäßige Rumsitzen hinter Kinderwagenburgen ohnehin nicht. Weil ich Mann bin? Irgendsoeine sexistische Theorie bahnt sich da in meinem Hinterkopf an.

    Und es gibt im Prenzlberg eben wirklich genau diese Sorte Mütter, die Frau Maier da beschreiben lässt: rücksichtslose Muttertiere ohne andere Interessen als ihre eigenen Kinder, von denen sie sich auf der Nase herumtanzen lassen und von allen anderen dasselbe erwarten.

    Aber es ist ein Auszug aus dem Buch, und ich lese ihre Kolumnen in der Taz regelmäßig und bin daher sicher, dass in anderen Kapiteln auch andere Standpunkte zur Sprache kommen. Und der Witz an der Rede der Cafébesitzerin ist doch, dass sie sich in bolleberliner Ton über die spießigen, rückschrittlichen, provinziellen Mütter aufregt und früher wäre alles besser gewesen usw., und dabei gar nicht merkt, dass sie sich dadurch selber zur ekelhaften Spießerin erster Güte degradiert.

    Und eben genau den Zickenkrieg anfängt, der seine Ursachen u.a. im Klassenkonflikt (?) hat.

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