Vorwärts und vergessen

Als Dynamo Dresden am 26. September sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt mit 1:4 verlor, war der sportliche Ausgang der Partie im Grunde bereits zur Nebensache geworden. Stattdessen rückt wieder einmal das Geschehen auf den Rängen in den Mittelpunkt. Die Gästefans aus Frankfurt, deren harter Kern sich mit leicht ironischem Unterton, der den meisten Medien leider verborgen blieb, im Sommer selbst zum „Randalemeister 2011“ ernannt hatte, entrollten während des Spiels ein Transparent mit der Aufschrift „Bomben auf Dynamo“.

Von Andrej Reisin

Dazu sollte man zweierlei wissen: Erstens war das gezeigte Motiv zeichnerisch dem Motiv der neuen Dresdener Blockfahne nachempfunden, die am selben Abend mit viel Tamtam erstmals präsentiert wurde, wie man u.a. hier sehen kann. Die Frankfurter Ultras (so man davon ausgehen darf, dass das Plakat aus ihrem Umfeld kam) hatten also bereits im Vorfeld auf die Dresdener Choreographie mit einem Gegenentwurf reagiert. Da erstere bereits vor dem Spiel im Internet zu sehen war, stellte dies auch keine besondere Schwierigkeit dar.

Dynamo-Fanblock im Dresdener Rudolf-Harbig-Stadion
Ein Ort des Geschehens: Dynamo-Fanblock im Dresdener Rudolf-Harbig-Stadion (Foto: Swat-DD, CC-BY-ND)

Zweitens hat diese Art der choreographischen  Herausforderung des Gegners eine lange Tradition in der Ultra-Kultur: In italienischen Derbies galt es lange Zeit als das höchste der Fangefühle, wenn es mithilfe von Bestechung, Spionage oder zuweilen auch roher Gewalt gelungen war, die Choreographie des Gegners im Vorfeld in Erfahrung zu bringen. Anschließend demütigte man den Erzfeind dann auf zweierlei Art: erstens durch eine möglichst niederträchtige Schmähung, zweitens durch die Bloßstellung des Gegenübers, dessen wochenlang mühevoll erstellte und getarnte Bildershow man mit einer eigenen Karikatur derselben quasi doppelt verhöhnte.

Nur in diesem Kontext einer spezifischen Ultra-Kultur lässt sich das Frankfurter „Bomben auf Dynamo“-Plakat also überhaupt verstehen oder einordnen. Dies nützt den Eintracht-Ultras indes wenig, denn längst ist eine weitere Empörungswelle über sie und ihre vermeintliches „Hetzplakat“ hereingebrochen: Um sich nicht am ohnehin notorischen Hang des Boulevards zur Übertreibung abzuarbeiten, sei hier stellvertretend die „Frankfurter Rundschau (FR)“ zitiert:

„Mit einer kaum zu überbietenden Geschmacklosigkeit haben Ultras des Fußball-Zweitligisten Eintracht Frankfurt erneut für Aufsehen gesorgt“, liest man dort. „Die Fangruppe entrollte am Montagabend ein 20 Meter langes Plakat mit Jagdbombern über der Dresdner Silhouette und dem Schriftzug „Bomben auf Dynamo“. Im weiteren Verlauf ist die Rede von einer „unfassbaren Anspielung auf die Zerstörung der Stadt“ und von einer „Verunglimpfung all derer, die die Wirren des Krieges erlebt haben“, so zumindest Dresdens Sportbürgermeister Winfried Lehmann, der laut „FR“ „insbesondere vielen älteren Dresdnern, die während der schlimmen Bombennächte um ihr Leben gefürchtet hatten, aus dem Herzen“ spricht.

„Wie Manna vom Himmel“

Viktor Klemperer indes gehörte in jenen finsteren Nächten am Ende des 12-jährigen Alptraums der Menschheit, der ein 1000-jähriger Traum der selbst ernannten Herrenrasse hätte werden sollen, nicht dazu: Dem jüdischen Dresdener Literaturprofessor, dessen Tagebücher heute zu den wichtigsten Quellen über den Alltag in Nazi-Deutschland zählen, rettete die Bombardierung das Leben. Auch Olga Horak, die sich im Januar 1945 auf einem „Todesmarsch“ in das KZ Bergen-Belsen befand, hat eine andere Erinnerung an die Bombardierung: „Und da war plötzlich ein Luftangriff, und wir waren so schrecklich schwach. Wir konnten nicht weglaufen, da wir immer die SS-Posten und die Wachtposten um uns hatten. So waren wir richtige Häftlinge aus einem KZ. Wir konnten uns nirgendwo verstecken, es hätte uns ja auch niemand versteckt oder geholfen. Aber die Wachposten sind weggelaufen, in Schutzkeller, und die Bomben sind heruntergekommen, ich hab’ immer gesagt, wie Manna vom Himmel.“

Empörte Opfer allerorten

In der Dresdener Erinnerung kommen derartige Stimmen dagegen bis heute nur am Rande vor. Stattdessen konzentriert man sich seit Jahrzehnten auf die eigene Opferrolle, zumeist unter geflissentlicher Ausblendung der eigenen Täterrolle. Die „älteren Dresdener“, die Sportbürgermeister Lehmann und die „FR“ im Kopf haben, sind jedenfalls nicht Viktor Klemperer oder Olga Horak – heute ebenso wenig wie damals. Wie viele Dresdener Wohnungen, die im Januar 1945 ausgebombt wurden, mit „arisierten“ Möbeln von jüdischen Nachbarn ausgestattet waren, die man zuvor entrechtet, vertrieben und ermordet hatte, weiß allein der Engel der Geschichte – in Dresden wie andernorts schweigen die älteren Mitbürger zu solchen Fragen in der Regel lieber.

Es ist daher keineswegs ein Zufall, wenn alle Jahre wieder ein Nazi-Mob im Gedenken an die „Opfer des Bombenholocaust“ durch Dresden marschieren möchte. Die selbstvergessene und selbstgerechte Inszenierung der offiziellen Dresdener Erinnerung an die Ereignisse ebnet dafür leider den Weg – wie auch die mehr als unrühmliche Reaktion von Stadt und Polizei auf die Proteste gegen den Nazi-Aufmarsch in diesem Jahr erneut auf traurige Art belegen.

Bomben, Juden und Dönerverkäufer

Womit wir wieder bei den Frankfurter Ultras wären: Deren geschichtspolitische Auseinandersetzung mit ihrem Transparent mag Lichtjahre von der soeben dargestellten entfernt sein – dennoch trafen sie mit ihrem Banner die andere Seite eben nicht zufällig am wundesten Punkt. Die Reaktionen waren jedenfalls so entlarvend, wie es gerade eben ging: Hitlergrüße und Slogans wie „Dönerverkäufer“ und „Eintracht Frankfurt – Jude, Jude, Jude!“ skandierten laut hörbar Teile des K-Blocks von Dynamo, angetrieben von mindestens einem Vorsänger – wie man hier noch einmal sehen und hören kann.

Die Frankfurter ihrerseits kommentierten das Geschehen mit „Nazischweine“ – was man ihnen angesichts von „Jude, Jude, Jude!“-Rufen ungeachtet jeder Plakatmotiv-Debatte beim besten Willen nicht verdenken kann. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle: „Geschmacklos“, „unfassbar“ und „verunglimpfend“ ist in Deutschland 2011 ein Plakat, dass eine in der Tat fragwürdige Anspielung auf den Bombenkrieg zum Motiv in einer choreographischen Auseinandersetzung macht. Dass einem Fanblock als Reaktion darauf nichts Besseres als das Grölen rassistischer und antisemitischer Parolen einfällt, darf dagegen als normal gelten – zumindest ist eine ähnlich starke Empörung der „Frankfurter Rundschau“, des Dresdener „Sportbürgermeisters“ oder des DFB nicht überliefert.

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