Kurzer Prozess in Bremen: Proteste gegen zu mildes Hooligan-Urteil

Der Überfall auf eine Feier von antirassistischen Bremer Ultras in den Räumen des Fanprojekts sorgte vor mehr als vier Jahren für große Empörung und führte zu Veränderungen in der Werder-Fanszene. Es dauerte lange, bis der Prozess gegen die Angeklagten aus der Neonaziszene eröffnet wurde; umso schneller war er dann jedoch wieder vorbei.

Von Nicole Selmer

Schon am zweiten Tag endete vor dem Bremer Amtsgericht der Prozess gegen die sieben Angeklagten mit Geldstrafen zwischen 300 und 700 Euro. Auf diesen Vorschlag des Gerichts waren Verteidigung und Staatsanwaltschaft eingegangen. Das Urteil und der Verlauf des ersten Verhandlungstages sorgten für heftige Kritik, auch weil die politische Dimension des Überfalls für das Gericht keine Rolle gespielt hatte.

Die Vorgeschichte

Der Prozess befasst sich mit einem Vorfall, der die Fanszene des Vereins entscheidend geprägt hat: Vor mehr als vier Jahren, am 20. Januar 2007, wurde eine Jubiläumsfeier der Ultragruppe „Racaille Verte“ überfallen. Der Vorfall ereignete sich im Stadion, in den Räumen des Bremer Fanprojekts, das sozialpädagogische Arbeit mit jungen Fußballfans leistet. Die Täter, die von den jungen Ultras teilweise erkannt wurden, stammten aus dem Umfeld der Hooligan-Gruppen „Standarte Bremen“ und „Nordsturm Brema“, die für ihre Verstrickungen in die rechte Szene bekannt sind. Mehrere Gäste der Feier erlitten leichte Verletzungen, zwei Fans mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Deutlich war bereits im Januar 2007: Die Tat hatte einen politischen Hintergrund, es ging um die Einschüchterung einer noch jungen Fangruppierung, die sich klar gegen Rassismus und Diskriminierung positionierte. Die von den rechtsextrem Gruppen provozierte „Machtprobe“ um die politische Vorherrschaft in der Bremer Fanszene und die daraus folgenden öffentlichen und internen Diskussionen entwickelten sich jedoch zugunsten der jungen, antirassistisch engagierten Ultras.

„Nach dem Überfall hat es bei vielen Fans ein Umdenken gegeben“, sagt rückblickend Thomas Hafke vom Fanprojekt Bremen. „‘Das sind auch Werder-Fans, ist doch egal, wie die politisch drauf sind, solange es im stillen Kämmerlein bleibt‘. Der Überfall auf den Ostkurvensaal war aber eben keine Privatsache mehr.“ Heute arbeitet in Bremen eine breite Antidiskriminierungskampagne mit Beteiligung des Dachverbands der Fanklubs, des Fanprojekts und vor allem auch der Ultragruppen zusammen. Die Arbeitsgruppe „Werder-Fans gegen Diskriminierung“ erhielt im Herbst 2008 für ihren Einsatz den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes. Auch der Verein verstärkte sein Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Fans und Verein unterstützen zudem die Neuauflage der Ausstellung „Tatort Stadion 2“, die im April 2010 in Bremen Premiere feierte.

Prozesseröffnung und ein schneller Deal

Die juristische Bearbeitung des Vorfalls stand jedoch noch aus. Der Prozess gegen sieben Angeklagte wurde erst nach mehr als vier Jahren vor dem Amtsgericht Bremen – nicht wie ursprünglich geplant vor dem Landgericht – eröffnet. Als Grund für die lange Ermittlungsdauer wurde die Verzögerung der Aussagen von Zeuginnen und Zeugen genannt. Unsinn, wie die Ultras von Racaille Verte und das Fanprojekt Bremen in einer Erklärung feststellen – die Aussagen hätten der Staatsanwaltschaft nach etwa drei Monaten vorgelegen.

Das Weserstadion in Bremen, Spielstätte des SV Werder Bremen, von Südwesten her gesehen. (Foto: Daniel FR)
Das Weserstadion in Bremen, Spielstätte des SV Werder Bremen, von Südwesten her gesehen. (Foto: Daniel FR)

Es sind jedoch vor allem der erwartete Ausgang des Prozesses und seine Begleiterscheinungen, die Fans und Fanprojekt in Bremen große Sorgen machen. Zum Auftakt am Donnerstag schlug das Amtsgericht – auch wegen der Länge der Ermittlungen – die Beendigung des Verfahrens gegen die Angeklagten gegen Bußgeld und ein Geständnis vor. Ein Angebot, dem die Angeklagten nur noch zustimmen mussten und das ihnen sogar einen Eintrag ins Führungszeugnis erspart. Auch die Staatsanwaltschaft war einverstanden, und Nebenkläger gab es in diesem Prozess nicht.

„Das Fanprojekt konnte aus juristischen Gründen nicht als Nebenkläger auftreten“, sagt Thomas Hafke vom Fanprojekt. „und die Fans hatten schlicht Angst, als Einzelpersonen noch angreifbarer zu werden.“ Die jungen Fans dazu zu bewegen, als Zeugen auszusagen, war für viele schon eine große Hürde. Nicht zuletzt aus Angst vor weiteren Angriffen.
Die dürften durch das selbstbewusste und siegessichere Auftreten der Angeklagten und ihrer Unterstützer im Gerichtssaal nicht zerstreut worden sein. „Es waren etwa 20 Neonazis anwesend, ein Teil davon sogar vermummt“, berichtet Thomas Hafke, der den Prozess beobachtet hat. „Ich durfte keinen Fotoapparat mit hineinbringen, bin aber selbst von ihnen mit dem Handy fotografiert worden. Auf meine Beschwerde hat der Gerichtsdiener nicht reagiert, einer der Anwälte hat mich dann beschuldigt, Öl ins Feuer zu gießen. Also eine komplette Verdrehung der Tatsachen.“

Neben Hafke berichteten auch andere Beobachter, dass anwesende Unterstützer der Angeklagten im Gerichtsgebäude ungestört Prozessbesucher und Presse fotografieren konnten, auch gegen deren Willen. Auch die Ultras von Racaille Verte wurden von ihrerseits vermummten Hooligans gefilmt, ohne dass Polizei oder Gerichtsordner einschritten.

Politische Dimension wurde ignoriert

Die Ängste der Zeugen und Opfer scheint das Gericht ebenso wenig ernst genommen zu haben wie die politische Dimension. Am ersten Prozesstag erklärte der Richter, es habe sich bei dem Überfall offenbar schlicht um eine „fantypische“ Schlägerei zwischen zwei rivalisierenden Gruppen gehandelt. Belege für die politische Motivation der Tat und die Einschüchterung der Zeugen/Opfer wurden nicht zur Kenntnis genommen, keine Stellungnahmen etwa des Fanprojekts oder anderer Organisationen eingeholt, die die Verquickung von Fanszene und rechtsextremer Gruppen in Bremen beurteile könnten. Ein gänzlich falsches Signal, wie auch der Kommentar der taz feststellt: „Es geht nicht um eine Testosteron-gesteuerte Fan-Hauerei, sondern um den Überfall neonazistischer Hooligans auf ein antirassistisches Fanprojekt. Dem nicht mit aller Entschiedenheit Einhalt zu gebieten, ist gesellschaftlich fatal.“

Auch für Thomas Hafke vom Fanprojekt Bremen ist diese Argumentation eine unglaubliche Fehleinschätzung: „Das sind teilweise führende Neonazis, die hier vor Gericht standen. Es ist ein Hohn, da von einer ‚szenetypischen Auseinandersetzung‘ zu sprechen.“ Die betroffenen Fans, die ihre Aussagen teilweise nur widerstrebend gemacht haben, sehen sich, so Hafke, nun in ihren Befürchtungen bestätigt. Ihr Vertrauen in die verantwortlichen Behörden ist gründlich erschüttert. „Was soll ich denen beim nächstes Mal sagen, wenn diese Sache hier so aus ausgeht?“

Demonstration gegen rechts

Dass es unter Umständen ein nächstes Mal geben könnte, ist eine Befürchtung, die in Bremen viele umtreibt. Um dem entgegenzutreten, fand sich ein breites Bündnis zusammen, um am 28. September, dem Tag vor dem erwarteten Prozessende unter dem Motto „Gegen rechte Gewalt und gegen rechtes Gedankengut“  zu demonstrieren. Rund 1.000 Menschen kamen dabei nach Angaben der Veranstalter zusammen.

Proteste der Werder-Ultras gegen Neonazis (Foto: Racaille Verte)
Proteste der Werder-Ultras gegen Neonazis (Foto: Racaille Verte)

Auch Werder Bremen unterstützte die Demonstration und äußerte sich enttäuscht über den Ausgang des Prozesses. Man wolle sich nun bemühen, bereits angekündigte Stadionverbote gegen die Angeklagten umzusetzen. Auch das Bündnis „Rechte Gewalt stoppen“ veröffentlichte zum Prozessende eine abschließende Pressemitteilung. Erneute gewalttätige Übergriffe seien nicht auszuschließen, heißt es darin: „Das Bündnis ‚Rechte Gewalt stoppen‘ wird zukünftige Vorfälle aufgreifen und dokumentieren. Dabei hoffen wir darauf, dass Sie dazu bereit sind, uns bei der Verbreitung und Skandalisierung eventueller Racheakte durch ihre Berichterstattung zu unterstützen.“

Dieser Beitrag ist die überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Textes, der auf www.kos-fanprojekte.de erschienen ist.