Junge Freiheit: Konfuse Bilanz der Sarrazin-Debatte

Vor einem Jahr befand sich die Debatte um Thilo Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab“ auf ihrem Höhepunkt. Besonders angetan von Sarrazins Thesen war die rechte Zeitung “Junge Freiheit“ (JF). Das Blatt hoffte darauf, dass die Debatte der politischen Rechten einen deutlichen Machtzuwachs bescheren würde. Doch insbesondere die Ergebnisse der diesjährigen Landtagswahlen deuten darauf hin, dass es bislang nicht zu einem solchen Machtzuwachs gekommen ist. Nun hat die JF eine Art Jahresbilanz der Sarrazin-Debatte gezogen, die vor allem durch absurde Vergleiche und trotzige Rechthabereien auffällt.

Von Stefan Kubon für NPD-BLOG.INFO

Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)
Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009 (own Work by Nina)

Am 26. August äußert sich Thorsten Hinz im Leitartikel “Der deutsche Weckruf“ zur Wirkung des Buchs des ehemaligen Bundesbankers. Bei seiner Bilanz bemüht sich Hinz darum, den enttäuschten Anhängern Sarrazins eine optimistische Sichtweise auf die Sachlage zu vermitteln. So verkündet er, dass es jetzt notwendig sei, auf die langfristige Wirkung des Buchs zu hoffen. Um diese Hoffnung zu nähren, bedient sich Hinz absurder historischer Vergleiche, die in ihrer Großspurigkeit kaum zu überbieten sind. Zunächst bezieht sich der Autor auf die französische Aufklärung des 18. Jahrhunderts, dann kommt er auf das 19. Jahrhundert und die Befreiung der Sklaven in der USA zu sprechen: “Die französischen Aufklärer haben entgegen allen Legenden keineswegs die Revolution von 1789 ausgelöst, und der Roman ‘Onkel Toms Hütte‘ der braven Harriet Beecher Stowe hat nicht die Abschaffung der Sklaverei in Amerika bewirkt. Dafür waren noch ganz andere Anschübe, Energien und Eruptionen nötig. Die Schriften nahmen aber dem königlichen Absolutismus seinen göttlichen Nimbus und der Sklaverei den letzten Anschein moralischer Legitimation. Sie unterminierten einen öffentlichen Konsens und machten Alternativen denkbar. Das tut nach wie vor auch Sarrazins Buch!“

Auch im weiteren Verlauf des Textes gewinnt man den Eindruck, dass es Hinz ein ganz besonderes Anliegen sein muss, mit absurden historischen Vergleichen zu überraschen. Denn er schreckt auch nicht davor zurück, einen Zusammenhang zwischen dem Buch Sarrazins und der Menschenrechtsbewegung des ehemaligen Ostblocks zu konstruieren. Für die Erfolgsgeschichte dieser Bewegung war bekanntlich auch die Verabschiedung der Schlussakte von Helsinki im Jahr 1975 von Bedeutung. Die Beschlüsse von Helsinki schufen durch ihre Berücksichtigung menschlicher Grundrechte eine verbesserte Argumentationsgrundlage für die osteuropäischen Menschenrechtsgruppen. Tatsächlich konnte sich von nun an die Kritik an den Diktaturen Osteuropas wirkungsvoller entfalten.

Sarrazins Buch als vermeintlich emanzipatorische Schrift

Im Detail gestaltet Hinz seine verwegene Verknüpfung dieser historischen Begebenheiten mit Sarrazins Buch wie folgt: “Das Sarrazin-Buch hat in der Bundesrepublik eine vergleichbare Wirkung wie die Veröffentlichung der Schlußakte von Helsinki 1975 in der DDR. Die SED hatte damals Artikeln zustimmen müssen, die wenigstens in vager Form die Rechte des einzelnen gegenüber dem Staat betonten. Die Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte, die in der realsozialistischen Ideologie und Praxis nicht vorgesehen waren – Reise-, Informations-, Meinungs- und Redefreiheit – und die vom Staat auf Einflüsterungen des Klassenfeindes oder auf reaktionäres Bewußtsein zurückgeführt wurden, waren damit erstmals in einem offiziellen Dokument anerkannt. Unmittelbar änderte das nichts an den Machtverhältnissen, aber es stärkte das dissidente Selbstbewußtsein und bot eine Grundlage, auf der man – mit der gebotenen Vorsicht natürlich – argumentieren und Forderungen stellen konnte.“

Dass Hinz immer wieder versucht, Sarrazins Buch ein emanzipatorisches Potential anzudichten, zeugt zweifellos von einer gewissen Beharrlichkeit des Autors. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum er ausgerechnet wichtige historische Etappensiege des weltweiten Kampfes für die Menschenrechte mit Sarrazins rechter Schrift in Verbindung bringen muss. Vielleicht ahnt ja sogar Hinz, dass die zum Teil rechtsextremen Ideen Sarrazins unter einem gewissen Imageproblem leiden. Und womöglich spekuliert er darauf, dass sich Sarrazins rechtes Weltbild besser verkaufen lässt, wenn es mit erfolgreichen menschenrechtlichen Bewegungen verknüpft wird.

Zweifelhafte Werbetricks zur Imageverbesserung Sarrazins

Wie dem auch sei: Man muss kaum befürchten, dass diese Umdeutungsversuche zu dem gewünschten Machtzuwachs der politischen Rechten beitragen werden. Denn die Suggestion, dass das Buch Sarrazins geistige Substanzen zur Stärkung der Idee der Menschenrechte beinhaltet, dürfte auf viele (potentielle) Fans des ehemaligen Bundesbankers eher abschreckend wirken. Angesichts der Werbetricks des Ideenverkäufers Hinz bietet es sich an, wieder einmal daran zu erinnern, was Sarrazins Buch aus menschenrechtlicher Perspektive vor allem ist: Eine reaktionäre Kampfschrift, durch die ein chauvinistischer Wohlstandsbürger zu verstehen gibt, dass er nur gewissen Personen die Menschenrechte zur Gänze zugestehen möchte. Und bekanntlich sind das Personen, die aus seiner Sicht besonders leistungsstark sind.

Beim Blick auf den Leitartikel fällt noch auf, dass sich der Autor auch relativ schlichter Methoden bedient, damit bei seiner Leserschaft gute Laune aufkommt. So verbreitet Hinz den Mythos von der angeblichen Unwiderlegbarkeit der Thesen Sarrazins, indem er Folgendes behauptet: “Außer unvermeidlichen Detailfehlern ließen sich dem Autor keine grundsätzlichen Irrtümer oder Kurzschlüsse nachweisen.“

Mythos der Unwiderlegbarkeit von Sarrazins Thesen

In der betreffenden JF-Ausgabe findet man auch noch auf der Seite sieben einen umfangreichen Text zur Sarrazin-Debatte. Im Beitrag mit dem Titel “Eins nach Thilo“ zeichnet Erik Lehnert den Verlauf der Debatte nach. In gewisser Weise tritt Lehnert in die Fußstapfen von Hinz. Denn auch Lehnert verkündet, dass es bislang niemandem gelungen sei, die Thesen Sarrazins zu widerlegen: “Bis heute sind seine Thesen, trotz vollmundiger Ankündigungen seiner Gegner, nicht widerlegt worden.“

Offensichtlich sind Hinz und Lehnert nicht daran interessiert, ihre Leser über die wirkliche Sachlage zu informieren. Tatsächlich ist bereits unzählige Male die mangelnde Plausibilität der Thesen Sarrazins nachgewiesen worden. Dies kann selbst Hinz und Lehnert nicht gänzlich verborgen geblieben sein. Inzwischen sind sogar einige relativ umfangreiche Arbeiten entstanden, die die Thesen Sarrazins als Trugbilder enttarnen. Beispielsweise sei auf das Buch “Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Eliten – Von Spengler bis Sarrazin“ von Volker Weiß hingewiesen, das in diesem Blog bereits rezensiert wurde (das Buch bei Amazon bestellen). Im Übrigen hat ein Team von Wissenschaftlern der Berliner Humboldt-Universität die Thesen Sarrazins unter die Lupe genommen und in vielerlei Hinsicht deren niedrige Validität verdeutlicht. Die Ergebnisse des Forschungsteams sind unter dem Titel “Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand – Ein empirischer Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen zu Muslimen in Deutschland“ veröffentlicht worden. Der Text steht als Gratis-Download zur Verfügung.

Schon eine Woche später, am 2. September, scheint die Rückschau auf die Sarrazin-Debatte im Wesentlichen beendet zu sein. Doch zumindest lässt es sich Michael Paulwitz in seinem Leitartikel nicht nehmen, noch einmal am Rande auf die letztjährige Debatte Bezug zu nehmen. In seinem Beitrag mit dem Titel “Das Euro-Kartell“ kritisiert Paulwitz vor allem die angebliche Meinungskonformität der im Bundestag vertretenen Parteien. Schließlich schlägt er einen Bogen zu Sarrazins Buch: “Gegen die Risiken und Nebenwirkungen der multikulturellen Gesellschaft haben die Deutschen erst letzten Herbst durch 1,3millionenfaches Kaufen des Sarrazin-Buches und unzählige hitzige Internet- und Leserbriefkommentare aufbegehrt. Unmittelbare politische Wirkung ist daraus nicht entstanden.“

Warum kaufen Menschen Bücher?

Bemerkenswert an dem Zitat ist vor allem eines: Paulwitz begreift die gesamten Buchverkäufe als Zeichen eines Protestes gegen die multikulturelle Gesellschaft. Offensichtlich kann (oder will) sich Paulwitz nicht vorstellen, dass sich jemand aus Gründen, die nichts mit der betreffenden Protesthaltung zu tun haben, das Buch Sarrazins gekauft haben könnte. Allerdings soll es tatsächlich Menschen geben, die Bücher schlichtweg aus Interesse an einem Thema kaufen. Und womöglich gibt es sogar Zeitgenossen, die nach der Lektüre eines Buches zu dem Schluss kommen, dass ihnen die Thesen des gekauften Buchs keineswegs zusagen. Wie auch immer: Angesichts der eindimensionalen Denkweise von Paulwitz wird es zumindest etwas verständlicher, warum sich die JF bis zum heutigen Tag nicht wirklich erklären kann, weshalb die enormen Verkaufszahlen des Sarrazin-Buchs bislang noch nicht zu einem spürbaren Machtzuwachs der politischen Rechten geführt haben.

Auf der fünften Seite findet man noch die Ergebnisse der Rubrik “Umfrage-der-Woche“. Das Thema der Umfrage lautete dieses Mal passenderweise “Sarrazin-Debatte: Ein Jahr danach: Hat die Sarrazin-Debatte Deutschland verändert?“ Vier Antworten standen zur Auswahl. Die Ergebnisse im Einzelnen: 76 Prozent wählten die Antwort “Nein, es gab lediglich eine öffentliche Scheindebatte. Die Politik ignoriert die von Sarrazin angesprochen (sic!) Probleme weiter“. 12,2 Prozent meinten “Ja, das Buch hat die Meinungsfreiheit in Deutschland gestärkt. Über die gescheiterte Integrationspolitik kann nun offen diskutiert werden“. 11,3 Prozent waren der Ansicht “Nein, da Sarrazin sich weigert, seine Thesen politisch umzusetzen, wird sich auch künftig nichts ändern“. 0,5 Prozent antworteten “Ja, die Sarrazin-Debatte hat zu konkreten politischen Ergebnissen geführt“.

An dieser nicht repräsentativen Umfrage haben 3971 Besucher des Internetauftritts der JF teilgenommen. Auf alle Fälle spiegeln die Ergebnisse wider, dass das Milieu des Blatts massiv von den bisherigen Ergebnissen der Sarrazin-Debatte enttäuscht ist. Allein der Mythos, die Debatte habe der Meinungsfreiheit gedient, scheint noch etwas Trost zu spenden.

Siehe auch: 25 Jahre Junge Freiheit: Gefangen im Trauma des Zweiten Weltkriegs, Angriff der Eliten: Von Spengler bis Sarrazin, NPD in NRW: Zwischen “AN-Spastis” und “Onkel-Thilo”, Junge Freiheit: Prekäre Partystimmung, Integrationsdebatte: Simplifizieren, polarisieren, ausgrenzen, Integrationsdebatte: Wann habt Ihr fertig?

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